> Gedichte und Zitate für alle: Johann Wolfgang von Goethe: Torquato Tasso - 5. Akt 5. Szene

2019-08-20

Johann Wolfgang von Goethe: Torquato Tasso - 5. Akt 5. Szene



                    

                     
Fünfter Auftritt
                       
Tasso. Antonio.

ANTONIO. 
   O stünde jetzt, so wie du immer glaubst
   Daß du von Feinden rings umgeben bist,
   Ein Feind bei dir, wie würd er triumphieren?
   Unglücklicher, noch kaum erhol ich mich!
   Wenn ganz was Unerwartetes begegnet,
   Wenn unser Blick was Ungeheures sieht,
   Steht unser Geist auf eine Weile still,
   Wir haben nichts womit wir das vergleichen.

TASSO nach einer langen Pause. 
   Vollende nur dein Amt, ich seh du bist's!
   Ja du verdienst das fürstliche Vertraun,
   Vollende nur dein Amt, und martre mich,
   Da mir der Stab gebrochen ist, noch langsam
   Zu Tode! Ziehe! Zieh am Pfeile nur,
   Daß ich den Widerhaken grimmig fühle
   Der mich zerfleischt!
   Du bist ein teures Werkzeug des Tyrannen,
   Sei Kerkermeister, sei der Marterknecht,
   Wie wohl! wie eigen steht dir beides an!
                       
Gegen die Szene.

   Ja, gehe nur Tyrann! Du konntest dich
   Nicht bis zuletzt verstellen, triumphiere!
   Du hast den Sklaven wohl gekettet, hast
   Ihn wohl gespart zu ausgedachten Qualen:
   Geh nur, ich hasse dich, ich fühle ganz
   Den Abscheu, den die Übermacht erregt,
   Die frevelhaft und ungerecht ergreift.
                   
Nach einer Pause.

   So seh ich mich am Ende denn verbannt,
   Verstoßen und verbannt als Bettler hier?
   So hat man mich bekränzt, um mich geschmückt
   Als Opfertier vor den Altar zu führen.
   So lockte man mir noch am letzten Tage
   Mein einzig Eigentum, mir mein Gedicht
   Mit glatten Worten ab und hielt es fest!
   Mein einzig Gut ist nun in euren Händen,
   Das mich an jedem Ort empfohlen hätte,
   Das mir noch blieb vom Hunger mich zu retten!
   Jetzt seh ich wohl warum ich feiern soll.
   Es ist Verschwörung, und du bist das Haupt.
   Damit mein Lied nur nicht vollkommner werde,
   Daß nur mein Name sich nicht mehr verbreite,
   Daß meine Neider tausend Schwächen finden,
   Daß man am Ende meiner gar vergesse;
   Drum soll ich mich zum Müßiggang gewöhnen,
   Drum soll ich mich und meine Sinne schonen.
   O werte Freundschaft, teure Sorglichkeit!
   Abscheulich dacht ich die Verschwörung mir,
   Die unsichtbar und rastlos mich umspann,
   Allein abscheulicher ist es geworden.
   Und du, Sirene! die du mich so zart,
   So himmlisch angelockt, ich sehe nun
   Dich auf einmal! O Gott warum so spät!
   Allein wir selbst betrügen uns so gern,
   Und ehren die Verworfnen die uns ehren.
   Die Menschen kennen sich einander nicht;
   Nur die Galeerensklaven kennen sich,
   Die eng an e i n e  Bank geschmiedet keuchen;
   Wo keiner was zu fordern hat und keiner
   Was zu verlieren hat, die kennen sich!
   Wo jeder sich für einen Schelmen gibt,
   Und seinesgleichen auch für Schelmen nimmt.
   Doch wir verkennen nur die andern höflich,
   Damit sie wieder uns verkennen sollen.
   Wie lang verdeckte mir dein heilig Bild
   Die Buhlerin, die kleine Künste treibt.
   Die Maske fällt, Armiden seh ich nun
   Entblößt von allen Reizen ja, du bist's!
   Von d i r  hat ahndungsvoll mein Lied gesungen!
   Und die verschmitzte kleine Mittlerin!
   Wie tief erniedrigt seh ich sie vor mir!
   Ich höre nun die leisen Tritte rauschen,
   Ich kenne nun den Kreis um den sie schlich.
   Euch alle kenn ich! Sei mir das genug!
   Und wenn das Elend alles mir geraubt,
   So preis ich's doch, die Wahrheit lehrt es mich.

ANTONIO. 
   Ich höre, Tasso, dich mit Staunen an,
   So sehr ich weiß wie leicht dein rascher Geist
   Von einer Grenze zu der andern schwankt.
   Besinne dich! Gebiete dieser Wut!
   Du lästerst, du erlaubst dir Wort auf Wort,
   Das deinen Schmerzen zu verzeihen ist,
   Doch das du selbst dir nie verzeihen kannst.

TASSO. 
   O sprich mir nicht mit sanfter Lippe zu,
   Laß mich kein kluges Wort von dir vernehmen!
   Laß mir das dumpfe Glück, damit ich nicht
   Mich erst besinne, dann von Sinnen komme.
   Ich fühle mir das innerste Gebein
   Zerschmettert, und ich leb um es zu fühlen.
   Verzweiflung faßt mit aller Wut mich an,
   Und in der Höllenqual die mich vernichtet
   Wird Lästrung nur ein leiser Schmerzenslaut.
   Ich will hinweg! Und wenn du redlich bist,
   So zeig es mir, und laß mich gleich von hinnen.

ANTONIO. 
   Ich werde dich in dieser Not nicht lassen;
   Und wenn es dir an Fassung ganz gebricht,
   So soll mir's an Geduld gewiß nicht fehlen.

TASSO. 
   So muß ich mich dir denn gefangen geben?
   Ich gebe mich und so ist es getan;
   Ich widerstehe nicht, so ist mir wohl
   Und laß es dann mich schmerzlich wiederholen,
   Wie schön es war was ich mir selbst verscherzte.
   Sie gehn hinweg O Gott! dort seh ich schon
   Den Staub der von den Wagen sich erhebt
   Die Reuter sind voraus dort fahren sie,
   Dort gehn sie hin! Kam ich nicht auch daher?
   Sie sind hinweg, sie sind erzürnt auf mich.
   O küßt ich nur noch einmal seine Hand!
   O daß ich nur noch Abschied nehmen könnte!
   Nur einmal noch zu sagen: o verzeiht!
   Nur noch zu hören: Geh, dir ist verziehn!
   Allein ich hör es nicht, ich hör es nie
   Ich will ja gehn! Laßt mich nur Abschied nehmen,
   Nur Abschied nehmen! Gebt, o gebt mir nur
   Auf einen Augenblick die Gegenwart
   Zurück! Vielleicht genes ich wieder. Nein,
   Ich bin verstoßen, bin verbannt, ich habe
   Mich selbst verbannt, ich werde diese Stimme
   Nicht mehr vernehmen, diesem Blicke nicht,
   Nicht mehr begegnen

ANTONIO. 
   Laß eines Mannes Stimme dich erinnern,
   Der neben dir nicht ohne Rührung steht!
   Du bist so elend nicht als wie du glaubst.
   Ermanne dich! Du gibst zu viel dir nach.

TASSO. 
   Und bin ich denn so elend wie ich scheine?
   Bin ich so schwach wie ich vor dir mich zeige?
   Ist alles denn verloren? Hat der Schmerz,
   Als schütterte der Boden, das Gebäude
   In einen grausen Haufen Schutt verwandelt?
   Ist kein Talent mehr übrig, tausendfältig
   Mich zu zerstreun, zu unterstützen?
   Ist alle Kraft verloschen, die sich sonst
   In meinem Busen regte? bin ich n i c h t s ,
   Ganz n i c h t s  geworden?
   Nein, es ist alles da und ich bin nichts;
   Ich bin mir selbst entwandt, sie ist es mir!

ANTONIO. 
   Und wenn du ganz dich zu verlieren scheinst,
   Vergleiche dich! Erkenne was du bist!

TASSO. 
   Ja, du erinnerst mich zur rechten Zeit!
   Hilft denn kein Beispiel der Geschichte mehr?
   Stellt sich kein edler Mann mir vor die Augen,
   Der mehr gelitten als ich jemals litt,
   Damit ich mich mit ihm vergleichend fasse?
   Nein, a l l e s  ist dahin! Nur e i n e s  bleibt:
   Die Träne hat uns die Natur verliehen,
   Den Schrei des Schmerzens, wenn der Mann zuletzt
   Es nicht mehr trägt Und mir noch über alles
   Sie ließ im Schmerz mir Melodie und Rede,
   Die tiefste Fülle meiner Not zu klagen:
   Und wenn der Mensch in seiner Qual verstummt,
   Gab mir ein Gott zu sagen, wie ich leide.
       
Antonio tritt zu ihm und nimmt ihn bei der Hand.

TASSO. 
   O edler Mann! Du stehest fest und still,
   Ich scheine nur die sturmbewegte Welle.
   Allein bedenk, und überhebe nicht
   Dich deiner Kraft! Die mächtige Natur,
   Die diesen Felsen gründete, hat auch
   Der Welle die Beweglichkeit gegeben.
   Sie sendet ihren Sturm, die Welle flieht
   Und schwankt und schwillt und beugt sich schäumend über
   In dieser Woge spiegelte so schön
   Die Sonne sich, es ruhten die Gestirne
   An dieser Brust, die zärtlich sich bewegte.
   Verschwunden ist der Glanz, entflohn die Ruhe.
    Ich kenne mich in der Gefahr nicht mehr,
   Und schäme mich nicht mehr es zu bekennen.
   Zerbrochen ist das Steuer und es kracht
   Das Schiff an allen Seiten. Berstend reißt
   Der Boden unter meinen Füßen auf!
   Ich fasse dich mit beiden Armen an!
   So klammert sich der Schiffer endlich noch
   Am Felsen fest, an dem er scheitern sollte.
                                                               


 Ende

Inhalt und Personen

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