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2019-08-19

Johann Wolfgang von Goethe: Torquato Tasso - 3. Akt 4. Szene



                    
                       
Vierter Auftritt
                       
Leonore. Antonio.

LEONORE. 
   Du bringst uns Krieg statt Frieden; scheint es doch,
   Du kommst aus einem Lager, einer Schlacht,
   Wo die Gewalt regiert, die Faust entscheidet,
   Und nicht von Rom, wo feierliche Klugheit
   Die Hände segnend hebt, und eine Welt
   Zu ihren Füßen sieht, die gern gehorcht.

ANTONIO. 
   Ich muß den Tadel, schöne Freundin, dulden,
   Doch die Entschuldgung liegt nicht weit davon.
   Es ist gefährlich, wenn man allzu lang
   Sich klug und mäßig zeigen muß. Es lauert
   Der böse Genius dir an der Seite
   Und will gewaltsam auch von Zeit zu Zeit
   Ein Opfer haben. Leider hab ich's diesmal
   Auf meiner Freunde Kosten ihm gebracht.

LEONORE. 
   Du hast um fremde Menschen dich so lang
   Bemüht und dich nach ihrem Sinn gerichtet:
   Nun, da du deine Freunde wieder siehst,
   Verkennst du sie und rechtest wie mit Fremden.

ANTONIO. 
   Da liegt, geliebte Freundin, die Gefahr!
   Mit fremden Menschen nimmt man sich zusammen,
   Da merkt man auf, da sucht man seinen Zweck
   In ihrer Gunst, damit sie nutzen sollen.
   Allein bei Freunden läßt man frei sich gehn,
   Man ruht in ihrer Liebe, man erlaubt
   Sich eine Laune, ungezähmter wirkt
   Die Leidenschaft, und so verletzen wir
   Am ersten die, die wir am zartsten lieben.

LEONORE. 
   In dieser ruhigen Betrachtung find ich dich
   Schon ganz, mein teurer Freund, mit Freuden wieder.

ANTONIO. 
   Ja, mich verdrießt und ich bekenn es gern
   Daß ich mich heut so ohne Maß verlor.
   Allein gestehe, wenn ein wackrer Mann
   Mit heißer Stirn von saurer Arbeit kommt
   Und spät am Abend in ersehntem Schatten
   Zu neuer Mühe auszuruhen denkt,
   Und findet dann von einem Müßiggänger
   Den Schatten breit besessen, soll er nicht
   Auch etwas Menschlichs in dem Busen fühlen?

LEONORE. 
   Wenn er recht menschlich ist, so wird er auch
   Den Schatten gern mit einem Manne teilen,
   Der ihm die Ruhe süß, die Arbeit leicht
   Durch ein Gespräch, durch holde Töne macht.
   Der Baum ist breit, mein Freund, der Schatten gibt,
   Und keiner braucht den andern zu verdrängen.

ANTONIO.
   Wir wollen uns, Eleonore, nicht
   Mit einem Gleichnis hin und wider spielen.
   Gar viele Dinge sind in dieser Welt,
   Die man dem andern gönnt und gerne teilt;
   Jedoch es ist ein Schatz, den man allein
   Dem Hochverdienten gerne gönnen mag,
   Ein andrer, den man mit dem Höchstverdienten
   Mit gutem Willen niemals teilen wird
   Und fragst du mich nach diesen beiden Schätzen;
   Der Lorbeer ist es und die Gunst der Frauen.

LEONORE. 
   Hat jener Kranz um unsers Jünglings Haupt
   Den ernsten Mann beleidigt? Hättest du
   Für seine Mühe, seine schöne Dichtung
   Bescheidnern Lohn doch selbst nicht finden können.
   Denn ein Verdienst, das außerirdisch ist,
   Das in den Lüften schwebt, in Tönen nur,
   In leichten Bildern unsern Geist umgaukelt,
   Es wird denn auch mit einem schönen Bilde,
   Mit einem holden Zeichen nur belohnt;
   Und wenn er selbst die Erde kaum berührt,
   Berührt der höchste Lohn ihm kaum das Haupt.
   Ein unfruchtbarer Zweig ist das Geschenk,
   Das der Verehrer unfruchtbare Neigung
   Ihm gerne bringt, damit sie einer Schuld
   Aufs leichtste sich entlade. Du mißgönnst
   Dem Bild des Märtyrers den goldnen Schein
   Ums kahle Haupt wohl schwerlich; und gewiß,
   Der Lorbeerkranz ist, wo er dir erscheint,
   Ein Zeichen mehr des Leidens als des Glücks.

ANTONIO. 
   Will etwa mich dein liebenswürdger Mund
   Die Eitelkeit der Welt verachten lehren?

LEONORE.
   Ein jedes Gut nach seinem Wert zu schätzen
   Brauch ich dich nicht zu lehren. Aber doch,
   Es scheint, von Zeit zu Zeit bedarf der Weise,
   So sehr wie andre, daß man ihm die Güter,
   Die er besitzt, im rechten Lichte zeige.
   Du, edler Mann, du wirst an ein Phantom
   Von Gunst und Ehre keinen Anspruch machen.
   Der Dienst, mit dem du deinem Fürsten dich,
   Mit dem du deine Freunde dir verbindest,
   Ist wirkend, ist lebendig, und so muß
   Der Lohn auch wirklich und lebendig sein.
   Dein Lorbeer ist das fürstliche Vertraun,
   Das auf den Schultern dir, als liebe Last
   Gehäuft und leicht getragen ruht; es ist
   Dein Ruhm das allgemeine Zutraun.

ANTONIO. 
   Und von der Gunst der Frauen sagst du nichts,
   Die willst du mir doch nicht entbehrlich schildern?

LEONORE. 
   Wie man es nimmt. Denn du entbehrst sie nicht
   Und leichter wäre sie dir zu entbehren,
   Als sie es jenem guten Mann nicht ist.
   Denn sag, geläng es einer Frau, wenn sie
   Nach ihrer Art für dich zu sorgen dächte,
   Mit dir sich zu beschäftgen unternähme?
   Bei dir ist alles Ordnung, Sicherheit;
   Du sorgst für dich, wie du für andre sorgst,
   Du hast was man dir geben möchte. Jener
   Beschäftigt uns in unserm eignen Fache.
   Ihm fehlt's an tausend Kleinigkeiten, die
   Zu schaffen eine Frau sich gern bemüht.
   Das schönste Leinenzeug, ein seiden Kleid
   Mit etwas Stickerei, das trägt er gern.
   Er sieht sich gern geputzt, vielmehr, er kann
   Unedlen Stoff, der nur den Knecht bezeichnet,
   An seinem Leib nicht dulden, alles soll
   Ihm fein und gut und schön und edel stehn.
   Und dennoch hat er kein Geschick, das alles
   Sich anzuschaffen, wenn er es besitzt,
   Sich zu erhalten; immer fehlt es ihm
   An Geld, an Sorgsamkeit, bald läßt er da
   Ein Stück, bald eines dort. Er kehret nie
   Von einer Reise wieder, daß ihm nicht
   Ein Dritteil seiner Sachen fehle. Bald
   Bestiehlt ihn der Bediente. So, Antonio,
   Hat man für ihn das ganze Jahr zu sorgen.

ANTONIO. 
   Und diese Sorge macht ihn lieb und lieber.
   Glückselger Jüngling, dem man seine Mängel
   Zur Tugend rechnet, dem so schön vergönnt ist,
   Den Knaben noch als Mann zu spielen, der
   Sich seiner holden Schwäche rühmen darf!
   Du müßtest mir verzeihen, schöne Freundin,
   Wenn ich auch hier ein wenig bitter würde.
   Du sagst nicht alles, sagst nicht was er wagt,
   Und daß er klüger ist, als wie man denkt.
   Er rühmt sich zweier Flammen! knüpft und löst
   Die Knoten hin und wider, und gewinnt
   Mit s o l c h e n  Künsten s o l c h e  Herzen! Ist's
   Zu glauben? 

LEONORE. 
   Gut! Selbst das beweist ja schon,
   Daß es nur Freundschaft ist, was uns belebt.
   Und wenn wir denn auch Lieb um Liebe tauschten,
   Belohnten wir das schöne Herz nicht billig,
   Das ganz sich selbst vergißt und hingegeben
   Im holden Traum für seine Freunde lebt?

ANTONIO. 
   Verwöhnt ihn nur und immer mehr und mehr,
   Laßt seine Selbstigkeit für Liebe gelten,
   Beleidigt alle Freunde, die sich euch
   Mit treuer Seele widmen! Gebt dem Stolzen
   Freiwilligen Tribut, zerstöret ganz
   Den schönen Kreis geselligen Vertrauns!

LEONORE. 
   Wir sind nicht so parteiisch wie du glaubst,
   Ermahnen unsern Freund in manchen Fällen;
   Wir wünschen ihn zu bilden, daß er mehr
   Sich selbst genieße, mehr sich zu genießen
   Den andern geben könne. Was an ihm
   Zu tadeln ist, das bleibt uns nicht verborgen.

ANTONIO. 
   Doch lobt ihr vieles was zu tadeln wäre.
   Ich kenn ihn lang, er ist so leicht zu kennen,
   Und ist zu stolz sich zu verbergen. Bald
   Versinkt er in sich selbst, als wäre ganz
   Die Welt in seinem Busen, er sich ganz
   In seiner Welt genug, und alles rings
   Umher verschwindet ihm. Er läßt es gehn,
   Läßt's fallen, stößt's hinweg und ruht in sich
   Auf einmal, wie ein unbemerkter Funke
   Die Mine zündet, sei es Freude, Leid,
   Zorn oder Grille, heftig bricht er aus:
   Dann will er a l l e s  fassen, a l l e s  halten,
   Dann soll geschehn was er sich denken mag;
   In einem Augenblicke soll entstehn,
   Was Jahre lang bereitet werden sollte,
   In einem Augenblick gehoben sein,
   Was Mühe kaum in Jahren lösen könnte.
   Er fordert das Unmögliche von sich,
   Damit er es von andern fordern dürfe,
   Die letzten Enden aller Dinge will
   Sein Geist zusammen fassen; das gelingt
   Kaum e i n e m  unter Millionen Menschen,
   Und er ist nicht der Mann: er fällt zuletzt,
   Um nichts gebessert, in sich selbst zurück.

LEONORE. 
   Er schadet andern nicht, er schadet sich.

ANTONIO. 
   Und doch verletzt er andre nur zu sehr.
   Kannst du es leugnen, daß im Augenblick
   Der Leidenschaft, die ihn behend ergreift,
   Er auf den Fürsten, auf die Fürstin selbst,
   Auf wen es sei, zu schmähn, zu lästern wagt?
   Zwar augenblicklich nur, allein genug,
   Der Augenblick kommt wieder: er beherrscht
   So wenig seinen Mund als seine Brust.

LEONORE. 
   Ich sollte denken, wenn er sich von hier
   Auf eine kurze Zeit entfernte, sollt
   Es wohl für ihn und andre nützlich sein.

ANTONIO. 
   Vielleicht, vielleicht auch nicht. Doch eben jetzt
   Ist nicht daran zu denken. Denn ich will
   Den Fehler nicht auf meine Schultern laden,
   Es könnte scheinen, daß ich ihn vertreibe,
   Und ich vertreib ihn nicht. Um meinetwillen
   Kann er an unserm Hofe ruhig bleiben;
   Und wenn er sich mit mir versöhnen will,
   Und wenn er meinen Rat befolgen kann,
   So werden wir ganz leidlich leben können.

LEONORE. 
   Nun hoffst du selbst auf ein Gemüt zu wirken,
   Das dir vor kurzem noch verloren schien.

ANTONIO. 
   Wir hoffen immer, und in allen Dingen
   Ist besser hoffen als verzweifeln. Denn
   Wer kann das Mögliche berechnen? Er
   Ist unserm Fürsten wert. Er muß uns bleiben.
   Und bilden wir dann auch umsonst an ihm,
   So ist er nicht der einzge den wir dulden.

LEONORE. 
   So ohne Leidenschaft, so unparteiisch
   Glaubt ich dich nicht. Du hast dich schnell bekehrt.

ANTONIO. 
   Das Alter muß doch e i n e n  Vorzug haben,
   Daß wenn es auch dem Irrtum nicht entgeht,
   Es doch sich auf der Stelle fassen kann.
   Du warst, mich deinem Freunde zu versöhnen,
   Zuerst bemüht. Nun bitt ich es von dir.
   Tu was du kannst, daß dieser Mann sich finde,
   Und alles wieder bald im gleichen sei.
   Ich gehe selbst zu ihm, sobald ich nur
   Von dir erfahre, daß er ruhig ist,
   Sobald du glaubst, daß meine Gegenwart
   Das Übel nicht vermehrt. Doch was du tust,
   Das tu in dieser Stunde; denn es geht
   Alfons heut abend noch zurück, und ich
   Werd ihn begleiten. Leb indessen wohl.
                                                               



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