> Gedichte und Zitate für alle: Johann Wolfgang von Goethe: W. den 22. Januar 1831 Ergänzung des Testaments vom 6. Januar 1831. (4)

2019-08-13

Johann Wolfgang von Goethe: W. den 22. Januar 1831 Ergänzung des Testaments vom 6. Januar 1831. (4)




Nachstehend habe ich nun die in meinem Testament mir vorbehaltene Aufklärung und nähere Bestimmung verschiedener Punkte, nicht weniger eine genauere Anordnung wegen künftigen
Benehmens in verschiedenen Angelegenheiten hiermit verfassen und kodizillarisch jener Willensmeinung hinzufügen wollen, damit bei so komplizierten Zuständen künftighin
sachgemäß verfahren werden möge.

I
Die Sedezausgabe meiner Werke in vierzig Bänden ist vollendet und revidiert zu Benutzung bei der Oktavausgabe, welche sich gleichfalls ihrer Vollendung nähert. Das stipulierte Honorar ist bezahlt und die Angelegenheit von dieser Seite abgetan.

Aber hier ist noch ein zweites zu erwähnen: durch eine spätere Verabredung wurde dem Verfasser, sobald zwanzigtausend Exemplare abgesetzt wären, an den darüber abzusetzenden von jedem Exemplar ein bedeutendes Benefiz zugestanden.

Die Erfahrung hat jedoch gelehrt, daß man sich viel zu große Hoffnung von dem Absatz dieser Ausgabe gemacht und die Anzahl jener Exemplare als wirklich abgesetzt wohl niemals erreicht werden dürfte. Die J. G. Cottasche Buchhandlung sendet von Messe zu Messe die Berechnung, und hat ein künftiger Geschäftsführer auf eine Fortsetzung dieses Einsendens acht zu haben, und wenn es auch nur der Notiz wegen wäre.

II
Die meiste Aufmerksamkeit verdienen die aus Manuskripten, gesammelten Druckschriften bestehenden zehn bis zwölf Bände, welche in Gefolg der vierzig herausgegeben werden
könnten. Sie bestehen:
1. Götz von Berlichingen*, erstes Manuskript.
2. Derselbe für das Theater bearbeitet.
3. Faust Zweiter Teil; der zweite und dritte Akt vollendet, so daß nun mehr Helena als Heroine im dritten Akt auftritt.
4. Schweizerreise vom Jahre 1797
5. Kunst und Altertum, sowohl das Gedruckte als neue Dinge enthaltend.
6. Neuste kleine Gedichte.
7. Allgemeine Naturlehre.
8. Entwurf einer Farbenlehre (wenn man auch den historisdien und polemischen Teil weglassen wollte.)
9. Morphologie, daher Metamorphose und was sich auf Organisation bezieht. Abgedrucktes, Neuhinzukommendes, kritische Betrachtungen über das Ganze und einzelne.

Vorerst ist noch nicht abzusehen, in wieviel Bände dieser Vorrat abzuteilen sei; genug, er liegt zum größten Teil zum Abdruck parat und bedürfte nur weniger Revision und Nachhülfe. Sollte mir diese selbst zu vollenden nicht gelingen, so erklärt sich Herr Dr. Eckermann hiezu bereit, welcher
schon bisher bei Redaktion, Revision und Anordnung gedachter Bände eine vielfache Bemühung unternommen; deshalb ihm denn bei wirklicher Ausgabe derselben ein billiges Honorar zuzugestehen wäre. Übrigens müßte man beim Kontrahieren mit dem Verleger über diese nachfolgenden Sendungen, welches als ein völlig neues Geschäft anzusehen ist, jene No. I erwähnte getäuschte Hoffnung zur Sprache bringen, auch dadurch den Vorteil zu erlangen suchen, für diese späteren Sendungen ein höheres Honorar zu erreichen. Auch wäre Teilnahme des Herrn Professor Riemer hieran zu besprechen und zu bestimmen.

III
Was seit mehreren Jahren von meiner Korrespondenz, sowohl an eingegangenen als abgesendeten Briefen, vorhanden ist, befindet sich in der Verwahrung des Bibliotheksekretär Kräuter; wegen Benutzung dieser Papiere sowie der Tagebücher und andrer biographischen Hülfsmittel ist mit Dr. Eckermann Abrede genommen worden, und man hat alsobald zum Versuch den Anfang mit dem Jahre 1807 gemacht..

Hiernach würde denn eine mit Dr. Eckermann zu pflegende Übereinkunft in einem genauen kontraktmäßigen Aufsatz niedergelegt und darnach sowohl gegenwärtig als künftig
verfahren, zugleich dem Redakteur bei künftiger Herausgabe ein billiges Honorar zuzugestehen sein.

IV
Meine mit Schillern geführte Korrespondenz ist abgedruckt in dem Cottaschen Verlag herausgegeben. Alle wechselseitigen Obliegenheiten sind erfüllt und hier nur zu bemerken:
daß das Verlagsrecht von Herausgabe des letzten Teils an auf zwölf Jahre bestimmt ist. Alles was sonst etwa dieses Verhältnis Betreffende zu wissen könnte gewünscht werden, davon
geben die Akten hinreichende Nachricht.

V
Korrespondenz mit Schiller anno 1850 herauszugeben.
Alle Aufmerksamkeit verdient das Kästchen, welches bei Großherzoglicher Regierung niedergestellt ist; es enthält die Originalbriefe meiner Korrespondenz mit Schiller, welche erst im Jahr 1850 herausgegeben werden sollen, wovon die Akten das Weitere nachweisen.

Wie sich auch die weltlichen Sachen bilden, so werden diese Papiere von großem Werte sein:

a) wenn man bedenkt, daß die deutsche Literatur sich bis dahin noch viel weiter über den Erdboden ausbreiten wird;

b) daß darin nahe bis fünfhundert Briefe von Schillers eigner Hand befindlich; daß ferner

c) die Anekdotenjagd so viele Namen, Ereignisse, Meinungen und Aufklärungen finden wird, die, wie wir in jeder Literatur sehen, von älteren Zeiten her immer mehr geschätzt werden; so wird man begreifen, was ein kluger Unternehmer aus diesen Dingen werde für Vorteil ziehen können. Deshalb das Ausbieten dieses Schatzes nicht privatim, sondern durch die Zeitungen und zwar auch durch die ausländischen zu besorgen und den Nachkommen die Früchte väterlicher Verlassenschaft zu steigern sein werden. Meine Enkel sind alsdann längst mündig und mögen nach dieser Anweisung ihre eigenen Vorteile wahren. Die Hälfte des Erlöses kommt den Schillerischen Erben zu, weshalb denn in diesem Geschäft die nötige Vorsicht zu brauchen ist.

VI
Von großer Bedeutung ist gleichfalls die Zelterische Korrespondenz, welche nunmehr schon seit dreißig Jahren ununterbrochen fortgesetzt wird. Sie ist nach dem Datum geordnet, rein geschrieben, besteht aus [Lücke] numerierten Briefen, geheftet in fünf Foliobände, vom Jahre 1799 bis 1829 inklusive. Der sechste Band, die Briefe von 1830 enthaltend, wird nächstens dazukommen. Den eigentlichen Bestand des Manuskriptes bezeichnen wir detaillierter auf folgende Weise:

Von Goethe-Zelterische Korrespondenz, Manuskript
Erster Band enthält .170 Bogen
Zweiter Band „ 176 Bogen
Dritter Band „138 Bogen
Vierter Band „100 Bogen
Fünfter Band „115 Bogen
Zusammen in fünf Bänden 699 Bogen

Da nun vier Bogen Manuskript einen gedruckten Bogen, wie die von Goethe-Schillerische Korrespondenz, betragen, so würden diese fünf Bände Manuskript einhundertvierundsiebzigdreiviertel Bogen gedruckt geben. Diese würden, zu vierundzwanzig gedruckten Bogen den Band gerechnet, sieben Bände und sechs Bogen geben. Hiezu käme nun noch das Jahr 1830.

Durch ein gerichtlich ausgestelltes Dokument hat Herr Professor Zelter die Anordnung über die nach unserm beiderseitigen Ableben zu besorgende Ausgabe mir völlig überlassen, jedoch unter der Bedingung, daß, wie die eine Hälfte der zu erlösenden Summe meinen Enkeln zufiele, die andere beiden zur Zeit unverheirateten Töchtern meines Freundes, Doris und Rosamunde Zelter oder respektive ihren Erben ausgezahlt werden solle.

Die Revision obgedachter Bände hat Herr Professor Riemer schon längst begonnen; nunmehr aber ist diese bisher unterbrochene Arbeit wieder aufzunehmen und mit gedachtem Herrn Professor Riemer darüber zu kontrahieren, daß er die begonnene Revision nunmehr fortsetze und das Manuskript völlig rein zur Ausgabe herstellen möge, wofür ihm ein billiges Honorar, welches ihm von dem Erlös dieses Werkes künftig auszuzahlen wäre, bestimmt und zugesichert würde. Eine solche Übereinkunft wäre ausführlich in Schriften zu verfassen, dergestalt daß sie auch in der Folge gültig bliebe.

Soviel für diesmal! Vorbehältlich fernerer Aufklärung und Anordnung.

Weimar, den 22. Januar 1831

JWvGoethe

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