> Gedichte und Zitate für alle: J.W.v.Goethe: Clavigo 1.Akt

2019-08-12

J.W.v.Goethe: Clavigo 1.Akt

Der Schriftsteller José Clavijo y Fajardo




Erster Akt 

Clavigos Wohnung.  

Clavigo. Carlos. 


CLAVIGO vom Schreibtisch aufstehend. Das Blatt wird eine gute Wirkung tun, es muß alle 
Weiber bezaubern. Sag mir, Carlos, glaubst du nicht, daß meine Wochenschrift jetzt eine 
der ersten in Europa ist?  

CARLOS. Wir Spanier wenigstens haben keinen neueren Autor, der so viel Stärke des 
Gedankens, so viel blühende Einbildungskraft mit einem so glänzenden und leichten Stil 
verbände.  

CLAVIGO. Laß mich! Ich muß unter dem Volke noch der Schöpfer des guten Geschmacks 
werden. Die Menschen sind willig, allerlei Eindrücke anzunehmen; ich habe einen Ruhm, 
ein Zutrauen unter meinen Mitbürgern; und, unter uns gesagt, meine Kenntnisse breiten 
sich täglich aus, meine Empfindungen erweitern sich, und mein Stil bildet sich immer 
wahrer und stärker.  

CARLOS. Gut, Clavigo! Doch wenn du mir's nicht übelnehmen willst, so gefiel mir damals 
deine Schrift weit besser, als du sie noch zu Mariens Füßen schriebst, als noch das 
liebliche, muntere Geschöpf auf dich Einfluß hatte. Ich weiß nicht, das Ganze hatte ein 
jugendlicheres, blühenderes Ansehen.  

CLAVIGO. Es waren gute Zeiten, Carlos, die nun vorbei sind. Ich gestehe dir gern, ich 
schrieb damals mit offnerem Herzen, und wahr ist's, sie hatte viel Anteil an dem Beifall, 
den das Publikum mir gleich anfangs gewährte. Aber in der Länge, Carlos, man wird der 
Weiber gar bald satt; und warst du nicht der erste, meinem Entschluß Beifall zu geben, als 
ich mir vornahm, sie zu verlassen! 

CARLOS. Du wärst versauert. Sie sind gar zu einförmig. Nur, dünkt mich, wär's wieder 
Zeit, daß du dich nach einem neuen Plan umsähest, es ist doch auch nichts, wenn man so 
ganz auf'm Sand ist.  

CLAVIGO. Mein Plan ist der Hof, und da gilt kein Feiern. Hab ich's für einen Fremden, 
der ohne Stand, ohne Namen, ohne Vermögen hieher kam, nicht weit genug gebracht? Hier 
an einem Hofe! unter dem Gedräng von Menschen, wo es so schwer hält, sich bemerken zu 
machen? Mir ist's so wohl, wenn ich den Weg ansehe, den ich zurückgelegt habe. Geliebt 
von den Ersten des Königreichs! geehrt durch meine Wissenschaften, meinen Rang! 
Archivarius des Königs! Carlos, das spornt mich alles; ich wäre nichts, wenn ich bliebe, 
was ich bin! Hinauf! Hinauf! Und da kostet's Mühe und List! Man braucht seinen ganzen 
Kopf; und die Weiber, die Weiber! Man vertändelt gar zu viel Zeit mit ihnen. 

CARLOS. Narre, das ist deine Schuld. Ich kann nie ohne Weiber leben, und mich hindern 
sie an gar nichts. Auch sag ich ihnen nicht so viel schöne Sachen, röste mich nicht 
monatelang an Sentiments und dergleichen; wie ich denn mit honetten Mädchen am 
ungernsten zu tun habe. Ausgeredt hat man bald mit ihnen; hernach schleppt man sich eine 
Zeitlang herum, und kaum sind sie ein bißchen warm bei einem, hat sie der Teufel gleich 
mit Heiratsgedanken und Heiratsvorschlägen, die ich fürchte wie die Pest. Du bist 
nachdenkend, Clavigo?  

CLAVIGO. Ich kann die Erinnerung nicht loswerden, daß ich Marien verlassen 
hintergangen habe, nenn's, wie du willst.  

CARLOS. Wunderlich! Mich dünkt doch, man lebt nur Einmal in der Welt, hat nur Einmal 
diese Kräfte, diese Aussichten, und wer sie nicht zum besten braucht, wer sich nicht so weit 
treibt als möglich, ist ein Tor. Und heiraten! heiraten just zur Zeit, da das Leben erst recht 
in Schwung kommen soll! sich häuslich niederlassen, sich einschränken, da man noch die 
Hälfte seiner Wanderung nicht zurückgelegt, die Hälfte seiner Eroberungen noch nicht 
gemacht hat! Daß du sie liebtest, das war natürlich, daß du ihr die Ehe versprachst, war eine 
Narrheit, und wenn du Wort gehalten hättest, wär's gar Raserei gewesen.  

CLAVIGO. Sieh, ich begreife den Menschen nicht. Ich liebte sie wahrlich, sie zog mich an, 
sie hielt mich, und wie ich zu ihren Füßen saß, schwur ich ihr, schwur ich mir, daß es ewig 
so sein sollte, daß ich der Ihrige sein wollte, sobald ich ein Amt hätte, einen Stand Und 
nun, Carlos! 

CARLOS. Es wird noch Zeit genug sein, wenn du ein gemachter Mann bist, wenn du das 
erwünschte Ziel erreicht hast, daß du alsdann, um all dein Glück zu krönen und zu 
befestigen, dich mit einem angesehenen und reichen Hause durch eine kluge Heirat zu 
verbinden suchst.  

CLAVIGO. Sie ist verschwunden! glatt aus meinem Herzen verschwunden, und wenn mir 
ihr Unglück nicht manchmal durch den Kopf führe Daß man so veränderlich ist!  

CARLOS. Wenn man beständig wäre, wollt ich mich verwundern. Sieh doch, verändert 
sich nicht alles in der Welt? warum sollten unsere Leidenschaften bleiben? Sei du ruhig, sie 
ist nicht das erste verlaßne Mädchen, und nicht das erste, das sich getröstet hat. Wenn ich 
dir raten soll, da ist die junge Witwe gegenüber  

CLAVIGO. Du weißt, ich halte nicht viel auf solche Vorschläge. Ein Roman, der nicht 
ganz von selbst kommt, ist nicht imstande, mich einzunehmen.  

CARLOS. Über die delikaten Leute!  

CLAVIGO. Laß das gut sein, und vergiß nicht, daß unser Hauptwerk gegenwärtig sein 
muß, uns dem neuen Minister notwendig zu machen. Daß Whal das Gouvernement von 
Indien niederlegt, ist immer beschwerlich für uns. Zwar ist mir's weiter nicht bange; sein 
Einfluß bleibt Grimaldi und er sind Freunde, und wir können schwatzen und uns bücken 

CARLOS. Und denken und tun, was wir wollen.  

CLAVIGO. Das ist die Hauptsache in der Welt. Schellt dem Bedienten. Tragt das Blatt in 
die Druckerei!  

CARLOS. Sieht man Euch den Abend?  

CLAVIGO. Nicht wohl. Nachfragen könnt Ihr ja. 

CARLOS. Ich möchte heut abend gar zu gern was unternehmen, das mir das Herz erfreute; 
ich muß diesen ganzen Nachmittag wieder schreiben. Das endigt nicht.  

CLAVIGO. Laß es gut sein! Wenn wir nicht für so viele Leute arbeiteten, wären wir so viel 
Leuten nicht über den Kopf gewachsen. Ab

Guilberts Wohnung. 


Sophie Guilbert. Marie Beaumarchais. Don Buenco.


BUENCO. Sie haben eine üble Nacht gehabt?  

SOPHIE. Ich sagt's ihr gestern abend. Sie war so ausgelassen lustig und hat geschwatzt bis 
eilfe, da war sie erhitzt, konnte nicht schlafen, und nun hat sie wieder keinen Atem und 
weint den ganzen Morgen.  

MARIE. Daß unser Bruder nicht kommt! Es sind zwei Tage über die Zeit.  

SOPHIE. Nur Geduld, er bleibt nicht aus.  

MARIE aufstehend. Wie begierig bin ich, diesen Bruder zu sehen; meinen Richter und 
meinen Retter. Ich erinnere mich seiner kaum.  

SOPHIE. O ja, ich kann mir ihn noch wohl vorstellen; er war ein feuriger, offner, braver 
Knabe von dreizehn Jahren, als uns unser Vater hierher schickte.  

MARIE. Eine edle, große Seele Sie haben den Brief gelesen, so den er schrieb, als er mein 
Unglück erfuhr. Jeder Buchstabe davon steht in meinem Herzen. »Wenn du schuldig bist«, 
schreibt er, »so erwarte keine Vergebung; über dein Elend soll noch die Verachtung eines 
Bruders auf dir schwer werden, und der Fluch eines Vaters. Bist du unschuldig o dann alle 
Rache, alle, alle glühende Rache auf den Verräter!« Ich zittere! Er wird kommen. Ich 
zittere, nicht für mich, ich stehe vor Gott in meiner Unschuld. Ihr müßt, meine Freunde 
Ich weiß nicht, was ich will! O Clavigo! 

SOPHIE. Du hörst nicht! Du wirst dich umbringen.  

MARIE. Ich will stille sein! Ja ich will nicht weinen. Mich dünkt auch, ich hätte keine 
Tränen mehr! Und warum Tränen? Es ist mir nur leid, daß ich euch das Leben sauer mache. 
Denn im Grunde, worüber beklag' ich mich? Ich habe viel Freude gehabt, solang unser alter 
Freund noch lebte. Clavigos Liebe hat mir viel Freude gemacht, vielleicht mehr als ihm die 
meinige. Und nun was ist's nun weiter? Was ist an mir gelegen? an einem Mädchen 
gelegen, ob ihm das Herz bricht? ob es sich verzehrt und sein armes junges Leben ausquält? 

 BUENCO. Um Gottes willen, Mademoiselle! 

MARIE. Ob's ihm wohl einerlei ist daß er mich nicht mehr liebt? Ach! warum bin ich nicht 
mehr liebenswürdig? Aber bedauern, bedauern sollt er mich! daß die Arme, der er sich so 
notwendig gemacht hatte, nun ohne ihn ihr Leben hinschleichen, hinjammern soll. 
Bedauern! Ich mag nicht von dem Menschen bedauert sein. 

SOPHIE. Wenn ich dich ihn könnte verachten lehren, den Nichtswürdigen! den 
Hassenswürdigen!  

MARIE. Nein, Schwester, ein Nichtswürdiger ist er nicht; und muß ich denn den verachten, 
den ich hasse? Hassen! Ja, manchmal kann ich ihn hassen, manchmal, wenn der spanische 
Geist über mich kommt. Neulich, o neulich, als wir ihm begegneten, sein Anblick wirkte 
volle warme Liebe auf mich! und wie ich wieder nach Hause kam, und mir sein Betragen 
auffiel, und der ruhige, kalte Blick, den er so über mich herwarf an der Seite der 
glänzenden Donna da ward ich Spanierin in meinem Herzen, und griff nach meinem 
Dolch, und nahm Gift zu mir, und verkleidete mich. Ihr erstaunt, Buenco? Alles in 
Gedanken, versteht sich. 

SOPHIE. Närrisches Mädchen!  

MARIE. Meine Einbildungskraft führte mich ihm nach, ich sah ihn, wie er zu den Füßen 
seiner neuen Geliebten alle die Freundlichkeit, alle die Demut verschwendete, mit der er 
mich vergiftet hat ich zielte nach dem Herzen des Verräters! Ach, Buenco! Auf einmal 
war das gutherzige französische Mädchen wieder da, das keine Liebestränke kennt und 
keine Dolche zur Rache. Wir sind übel dran! Vaudevilles, unsere Liebhaber zu unterhalten, 
Fächer, sie zu strafen, und wenn sie untreu sind? Sag, Schwester, wie machen sie's in 
Frankreich, wenn die Liebhaber untreu sind?  

SOPHIE. Man verwünscht sie.  

MARIE. Und?  

SOPHIE. Und läßt sie laufen.  

MARIE. Laufen! Nun, und warum soll ich Clavigo nicht laufen lassen? Wenn das in 
Frankreich Mode ist, warum soll's nicht in Spanien sein? Warum soll eine Französin in 
Spanien nicht Französin sein? Wir wollen ihn laufen lassen und uns einen andern nehmen; 
mich dünkt, sie machen's bei uns auch so.  

BUENCO. Er hat eine feierliche Zusage gebrochen, und keinen leichtsinnigen Roman, kein 
gesellschaftliches Attachement. Mademoiselle, Sie sind bis ins innerste Herz beleidigt, 
gekränkt. O, mir ist mein Stand, daß ich ein unbedeutender ruhiger Bürger von Madrid bin, 
nie so beschwerlich, nie so ängstlich gewesen als jetzt, da ich mich so schwach, so 
unvermögend fühle, Ihnen gegen den falschen Höfling Gerechtigkeit zu schaffen! 

MARIE. Wie er noch Clavigo war, noch nicht Archivarius des Königs, wie er der 
Fremdling, der Ankömmling, der Neueingeführte in unserm Hause war, wie liebenswürdig 
war er, wie gut! Wie schien all sein Ehrgeiz, all sein Aufstreben ein Kind seiner Liebe zu 
sein! Für mich rang er nach Namen, Stand, Gütern: er hat's, und ich! 



Guilbert kommt.


GUILBERT heimlich zu seiner Frau. Der Bruder kommt.  

MARIE. Der Bruder! Sie zittert, man führt sie in einen Sessel. Wo? wo? Bringt mir ihn! 
Bringt mich hin!  
Beaumarchais kommt. 

BEAUMARCHAIS. Meine Schwester! Von der ältesten weg, nach der jüngsten 
zustürzend. Meine Schwester! Meine Freunde! O meine Schwester!  

MARIE. Bist du da? Gott sei Dank, du bist da!  

BEAUMARCHAIS. Laß mich zu mir selbst kommen!  

MARIE. Mein Herz, mein armes Herz!  

SOPHIE. Beruhigt euch! Lieber Bruder, ich hoffte, dich gelassener zu sehn. 

BEAUMARCHAIS. Gelassener! Seid ihr denn gelassen? Seh ich nicht an der zerstörten 
Gestalt dieser Lieben, an deinen verweinten Augen, deiner Blässe des Kummers, an dem 
toten Stillschweigen eurer Freunde, daß ihr so elend seid, wie ich mir euch den ganzen 
langen Weg vorgestellt habe? Und elender denn ich seh euch, ich hab euch in meinen 
Armen, die Gegenwart verdoppelt meine Gefühle, o meine Schwester! 

SOPHIE. Und unser Vater? 

BEAUMARCHAIS. Er segnet euch und mich, wenn ich euch rette.  

BUENCO. Mein Herr, erlauben Sie einem Unbekannten, der den edlen braven Mann in 
Ihnen beim ersten Anblick erkennt, seinen innigsten Anteil an Tag zu legen, den er bei 
dieser ganzen Sache empfindet. Mein Herr! Sie machen diese ungeheure Reise, Ihre 
Schwester zu retten, zu rächen. Willkommen! sein Sie willkommen wie ein Engel, ob Sie 
uns alle gleich beschämen!  

BEAUMARCHAIS. Ich hoffte, mein Herr, in Spanien solche Herzen zu finden, wie das 
Ihre ist; das hat mich angespornt den Schritt zu tun. Nirgend, nirgend in der Welt mangelt 
es an teilnehmenden, beistimmenden Seelen; wenn nur einer auftritt, dessen Umstände ihm 
völlig Freiheit lassen, all seiner Entschlossenheit zu folgen. Und o, meine Freunde ich habe 
das hoffnungsvolle Gefühl: überall gibt's treffliche Menschen unter den Mächtigen und 
Großen, und das Ohr der Majestät ist selten taub; nur ist unsere Stimme meist zu schwach, 
bis dahinauf zu reichen.  

SOPHIE. Kommt, Schwester! Kommt! Legt Euch einen Augenblick nieder! Sie ist ganz 
außer sich. Sie führen sie weg.  

MARIE. Mein Bruder!  

BEAUMARCHAIS. Will's Gott, du bist unschuldig, und dann alle, alle Rache über den 
Verräter! Marie, Sophie ab. Mein Bruder! Meine Freunde! ich seh's an euren Blicken, daß 
ihr's seid. Laßt mich zu mir selbst kommen! Und dann! Eine reine, unparteiische Erzählung 
der ganzen Geschichte. Die soll meine Handlungen bestimmen. Das Gefühl einer guten 
Sache soll meinen Entschluß befestigen; und glaubt mir, wenn wir recht haben, werden wir 
Gerechtigkeit finden. 

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