> Gedichte und Zitate für alle: J.W.v.Goethe. Der Bürgergeneral Vierzehnter Auftritt

2019-08-15

J.W.v.Goethe. Der Bürgergeneral Vierzehnter Auftritt




Vierzehnter Auftritt

Die Vorigen. Görge. Der Richter. Schnaps, von den Bauern geführt, in der Uniform, mit
Säbel und Schnurrbart.

EDELMANN. Hervor, Herr General!

RICHTER. Hier ist der Rädelsführer! Sehen Sie ihn nur an. Alles, wie die Zeitungen
schreiben. Uniform! Säbel! Er setzt ihm Mütze und Hut auf. Mütze! Hut! So soll er am
Pranger stehen! Geschwind zum Gerichtshalter! Verhört! In Ketten und Banden nach der
Residenz geschleppt!

EDELMANN. Sachte! sachte!

RICHTER. Boten fort! Der Kerl ist nicht allein! Man muß ihn torquieren! Man muß die
Mitverschwornen entdecken! Man muß Regimenter marschieren lassen! Man muß
Haussuchung tun!

EDELMANN. Nur gemach! Schnaps, was sind das für Possen?

SCHNAPS. Jawohl, eitel Possen!

EDELMANN. Wo sind die Kleider her? Geschwind! Ich weiß schon.

SCHNAPS. Sie können unmöglich wissen, gnädiger Herr, daß ich diese Kleider mit dem
ganzen militärischen Apparat von einem armen Teufel geerbt habe.

EDELMANN. Geerbt? Er pflegt sonst zu stehlen.

SCHNAPS. Hören Sie mich an.

MÄRTEN. Was wird er sagen?

SCHNAPS. Als der letzte Transport französischer Kriegsgefangenen durch die Stadt
gebracht wurde

EDELMANN. Nun?

SCHNAPS. Schlich ich aus Neugierde hinein.

EDELMANN. Weiter!

SCHNAPS. Da blieb im Wirtshause in der Vorstadt ein armer Teufel liegen, der sehr krank
war.

RICHTER. Das ist gewiß nicht wahr.

SCHNAPS. Ich nahm mich seiner an, und er verschied.

EDELMANN. Das ist sehr wahrscheinlich.

SCHNAPS. Er vermachte mir seine Sachen, für die Mühe, die ich mir genommen

EDELMANN. Ihn umzubringen.

SCHNAPS. Bestehend aus diesem Rocke und Säbel.

EDELMANN. Und die Mütze? Die Kokarde?

SCHNAPS. Fand ich in seinem Mantelsack unter alten Lumpen.

EDELMANN. Da fand Er sein Generalspatent.

SCHNAPS. Ich kam hierher und fand den einfältigen Märten.

MÄRTEN. Den einfältigen Märten? Der Unverschämte!

SCHNAPS. Leider gelang es mir nur zur Hälfte; ich konnte die schöne Milch nicht
ausessen, die ich eingebrockt hatte. Ich kriegte darüber eine kleine Differenz mit Görgen

EDELMANN. Ohne Umstände! Ist alles die reine Wahrheit, was Er sagt?

SCHNAPS. Erkundigen Sie sich in der Stadt. Ich will angeben, wo ich den Mantelsack
verkauft habe. Diese Garderobe trug ich im Barbierbeutel herüber.

EDELMANN. Es wird sich alles finden.

RICHTER. Glauben Sie ihm nicht!

EDELMANN. Ich weiß, was ich zu tun habe. Findet sich alles wahr, so muß eine solche
Kleinigkeit nicht gerügt werden; sie erregt nur Schrecken und Mißtrauen in einem ruhigen
Lande. Wir haben nichts zu befürchten. Kinder, liebt euch, bestellt euren Acker wohl und
haltet gut Haus.

RÖSE. Das ist unsre Sache.

GÖRGE. Dabei bleibt's.

EDELMANN. Und Euch, Alter, soll es zum Lobe gereichen, wenn Ihr Euch auf die hiesige
Landsart und auf die Witterung versteht und Euer Säen und Ernten darnach einrichtet.
Fremde Länder laßt für sich sorgen, und den politischen Himmel betrachtet allenfalls
einmal Sonn- und Festtags.

MÄRTEN. Es wird wohl das beste sein.

EDELMANN. Bei sich fange jeder an, und er wird viel zu tun finden. Er benutze die
friedliche Zeit, die uns gegönnt ist; er schaffe sich und den Seinigen einen rechtmäßigen
Vorteil: so wird er dem Ganzen Vorteil bringen.

RICHTER der indessen seine Ungeduld gezeigt hat, gleichsam einfallend. Aber dabei
kann's doch unmöglich bleiben! Bedenken Sie die Folgen! Ginge so was ungestraft hin

EDELMANN. Nur gelassen! Unzeitige Gebote, unzeitige Strafen bringen erst das Übel
hervor. In einem Lande, wo der Fürst sich vor niemand verschließt; wo alle Stände billig
gegeneinander denken; wo niemand gehindert ist, in seiner Art tätig zu sein; wo nützliche
Einsichten und Kenntnisse allgemein verbreitet sind: da werden keine Parteien entstehen.
Was in der Welt geschieht, wird Aufmerksamkeit erregen; aber aufrührische Gesinnungen
ganzer Nationen werden keinen Einfluß haben. Wir werden in der Stille dankbar sein, daß
wir einen heitern Himmel über uns sehen, indes unglückliche Gewitter unermeßliche Fluren
verhageln.

RÖSE. Es hört sich Ihnen so gut zu!

GÖRGE. Wahrhaftig, Röse! Reden Sie weiter, gnädiger Herr.

EDELMANN. Ich habe schon alles gesagt. Er zieht Schnapsen hervor. Und wieviel will
das schon heißen, daß wir über diese Kokarde, diese Mütze, diesen Rock, die so viel Übel
in der Welt gestiftet haben, einen Augenblick lachen konnten!

RÖSE. Ja, recht lächerlich sieht Er aus, Herr Schnaps.

GÖRGE. Ja, recht albern!

SCHNAPS. Das muß ich mir wohl gefallen lassen. Nach der Milch schielend. Wenn ich
nur vor meinem Abzug die andere Hälfte der patriotischen Kontribution zu mir nehmen
dürfte!

RÖSE. So gut soll's Ihm nicht werden!


Ende

Kanzler von Müller: Unterhaltungen mit Goethe

Personen und Inhalt

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