> Gedichte und Zitate für alle: J.W.v.Goethe: Die natürliche Tochter : 1 Akt 4 Szene

2019-08-16

J.W.v.Goethe: Die natürliche Tochter : 1 Akt 4 Szene




Vierter Auftritt


(Die Vorigen. Eugenie, auf zusammengeflochtenen
Ästen für tot hereingetragen. Herzog. Wundarzt.
Gefolge.)

HERZOG (zum Wundarzt.)

Wenn deine Kunst nur irgend was vermag,
Erfahrner Mann, dem unsers Königs Leben,
Das unschätzbare Gut, vertraut ist, laß
Ihr helles Auge sich noch einmal öffnen,
Daß Hoffnung mir in diesem Blick erscheine!
Daß aus der Tiefe meines Jammers ich
Nur Augenblicke noch gerettet werde!
Vermagst du dann nichts weiter, kannst du sie
Nur wenige Minuten mir erhalten:
So laßt mich eilen, vor ihr hinzusterben,
Daß ich im Augenblick des Todes noch
Getröstet rufe: Meine Tochter lebt!

KÖNIG.

Entferne dich, mein Oheim! daß ich hier
Die Vaterpflichten treulich übernehme.
Nichts unversucht läßt dieser wackre Mann.
Gewissenhaft, als läg' ich selber hier,
Wird er um deine Tochter sich bemühen.

HERZOG.

Sie regt sich!

KÖNIG.

Ist es wahr?

GRAF.

Sie regt sich!

HERZOG. Starr 

Blickt sie zum Himmel, blickt verirrt umher.
Sie lebt! sie lebt!

KÖNIG (ein wenig zurücktretend.)

Verdoppelt eure Sorge!

HERZOG.

Sie lebt! sie lebt! Sie hat dem Tage wieder
Ihr Aug' eröffnet. Ja! sie wird nun bald
Auch ihren Vater, ihre Freunde kennen.
Nicht so umher, mein liebes Kind, verschwende
Die Blicke staunend, ungewiß; auf mich,
Auf deinen Vater wende sie zuerst.
Erkenne mich, laß meine Stimme dir
Zuerst das Ohr berühren, da du uns
Aus jener stummen Nacht zurückekehrst.

EUGENIE (die indes nach und nach zu sich
gekommen ist und sich aufgerichtet hat.)

Was ist aus uns geworden?

HERZOG.

Kenne mich
Nur erst! - Erkennst du mich?

EUGENIE.

Mein Vater!

HERZOG.

Ja!
Dein Vater, den mit diesen holden Tönen
Du aus den Armen der Verzweiflung rettest.

EUGENIE.


Wer bracht' uns unter diese Bäume?
HERZOG (dem der Wundarzt ein weißes Tuch gegeben.)

Bleib
Gelassen, meine Tochter! Diese Stärkung,
Nimm sie mit Ruhe, mit Vertrauen an!

EUGENIE. (Sie nimmt dem Vater das Tuch ab,
das er ihr vorgehalten und verbirgt ihr Gesicht
Darin. Dann steht sie schnell auf, indem sie das
Tuch
Vom Gesicht nimmt.)

Da bin ich wieder! - Ja, nun weiß ich alles.
Dort oben hielt ich, dort vermaß ich mich
Herab zu reiten, grad herab. Verzeih!
Nicht wahr, ich bin gestürzt? Vergibst du mir's?
Für tot hob man mich auf? Mein guter Vater!
Und wirst du die Verwegne lieben können,
Die solche bittre Schmerzen dir gebracht?

HERZOG.

Zu wissen glaubt' ich, welch ein edler Schatz
In dir, o Tochter, mir beschieden ist;
Nun steigert mir gefürchteter Verlust
Des Glücks Empfindung ins Unendliche.

KÖNIG (der sich bisher im Grunde mit dem Wundarzt
und dem Grafen unterhalten, zu dem letzten.)

Entferne jedermann! ich will sie sprechen.
                                                           



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