> Gedichte und Zitate für alle: J.W.v.Goethe: Die natürliche Tochter : 2 Akt 1 Szene

2019-08-16

J.W.v.Goethe: Die natürliche Tochter : 2 Akt 1 Szene




Zweiter Aufzug

(Zimmer Eugeniens, im gotischen Stil.)

Erster Auftritt

(Hofmeisterin. Sekretär.)

SEKRETÄR.

Verdien' ich, daß du mich, im Augenblick,
Da ich erwünschte Nachricht bringe, fliehst?
Vernimm nur erst, was ich zu sagen habe!

HOFMEISTERIN.

Wohin es deutet, fühl ich nur zu sehr.
O laß mein Auge vom bekannten Blick,
Mein Ohr sich von bekannter Stimme wenden.
Entfliehen laß mich der Gewalt, die, sonst
Durch Lieb' und Freundschaft wirksam,
fürchterlich
Wie ein Gespenst mir nun zur Seite steht.

SEKRETÄR.

Wenn ich des Glückes Füllhorn dir auf einmal,
Nach langem Hoffen, vor die Füße schütte,
Wenn sich die Morgenröte jenes Tags,
Der unsern Bund auf ewig gründen soll,
Am Horizonte feierlich erhebt,
So scheinst du nun verlegen, widerwillig
Den Antrag eines Bräutigams zu fliehn.

HOFMEISTERIN.

Du zeigst mir nur die eine Seite dar:
Sie glänzt und leuchtet, wie im Sonnenschein
Die Welt erfreulich daliegt; aber hinten
Droht schwarzer Nächte Graus, ich Ahn ihn schon.

SEKRETÄR.

So laß uns erst die schöne Seite sehn!
Verlangst du Wohnung, mitten in der Stadt,
Geräumig, heiter, trefflich ausgestattet,
Wie man's für sich so wie für Gäste wünscht:
Sie ist bereit, der nächste Winter findet
Uns festlich dort umgeben, wenn du willst.
Sehnst du im Frühling dich aufs Land: auch dort
Ist uns ein Haus, ein Garten uns bestimmt,
Ein reiches Feld. Und was Erfreuliches
An Waldung, Busch, an Wiesen, Bach und Seen
Sich Phantasie zusammendrängen mag,
Genießen wir, zum Teil als unser eignes,
Zum Teil als allgemeines Gut. Wobei
Noch manche Rente gar bequem vergönnt,
Durch Sparsamkeit ein sichres Glück zu steigern.

HOFMEISTERIN.

In trübe Wolken hüllt sich jenes Bild,
So heiter du es malst, vor meinen Augen.
Nicht wünschenswert, abscheulich naht sich mir
Der Gott der Welt im Überfluß heran.
Was für ein Opfer fordert er? Das Glück
Des holden Zöglings müßt' ich morden helfen!
Und was ein solch Verbrechen mir erwarb,
Ich sollt' es je mit freier Brust genießen?
Eugenie! du, deren holdes Wesen
In meiner Nähe sich von Jugend auf
Aus reicher Fülle rein entwickeln sollte,
Kann ich noch unterscheiden, was an dir
Dein eigen ist, und was du mir verdankst?
Dich, die ich als mein selbstgebildet Werk
Im Herzen trage, sollt' ich nun zerstören?
Von welchem Stoffe seid ihr denn geformt,
Ihr Grausamen, daß eine solche Tat
Ihr fordern dürft und zu belohnen glaubt?

SEKRETÄR.

Gar manchen Schatz bewahrt von Jugend auf
Ein edles, gutes Herz und bildet ihn
Nur immer schöner, liebenswürd'ger aus
Zur holden Gottheit des geheimen Tempels;
Doch wenn das Mächtige, das uns regiert,
Ein großes Opfer heischt, wir bringen's doch,
Mit blutendem Gefühl, der Not zuletzt.
Zwei Welten sind es, meine Liebe, die,
Gewaltsam sich bekämpfend, uns bedrängen.

HOFMEISTERIN.

In völlig fremder Welt für mein Gefühl
Scheinst du zu wandeln, da du deinem Herrn,
Dem edlen Herzog, solche Jammertage
Verräterisch bereitest, zur Partei
Des Sohns dich fügst. Wenn das Waltende
Verbrechen zu begünstigen scheinen mag,
So nennen wir es Zufall; doch der Mensch,
Der ganz besonnen solche Tat erwählt,
Er ist ein Rätsel. Doch - und bin ich nicht
Mir auch ein Rätsel, daß ich noch an dir
Mit solcher Neigung hänge, da du mich
Zum jähen Abgrund hinzureißen strebst?
Warum, o! schuf dich die Natur von außen
Gefällig, liebenswert, unwiderstehlich,
Wenn sie ein kaltes Herz in deinen Busen,
Ein glückzerstörendes, zu pflanzen dachte?

SEKRETÄR.

An meiner Neigung Wärme zweifelst du?

HOFMEISTERIN.

Ich würde mich vernichten, wenn ich's könnte.
Doch ach! warum, und mit verhaßtem Plan,
Aufs neue mich bestürmen? Schwurst du nicht,
In ew'ge Nacht das Schrecknis zu begraben?

SEKRETÄR.

Ach, leider drängt sich's mächtiger hervor.
Den jungen Fürsten zwingt man zum Entschluß.
Erst blieb Eugenie so manches Jahr
Ein unbedeutend unbekanntes Kind.
Du hast sie selbst von ihren ersten Tagen
In diesen alten Sälen auferzogen,
Von wenigen besucht und heimlich nur.
Doch wie verheimlichte sich Vaterliebe!
Der Herzog, stolz auf seiner Tochter Wert,
Läßt nach und nach sie öffentlich erscheinen;
Sie zeigt sich reitend, fahrend. Jeder fragt
Und jeder weiß zuletzt, woher sie sei.
Nun ist die Mutter tot. Der stolzen Frau
War dieses Kind ein Greuel, das ihr nur
Der Neigung Schwäche vorzuwerfen schien.
Nie hat sie's anerkannt und kaum gesehn.
Durch ihren Tod fühlt sich der Herzog frei,
Entwirft geheime Plane, nähert sich
Dem Hofe wieder und entsagt zuletzt
Dem alten Groll, versöhnt sich mit dem König
Und macht sich's zur Bedingung: dieses Kind
Als Fürstin seines Stamms erklärt zu sehn.

HOFMEISTERIN.

Und gönnt ihr dieser köstlichen Natur
Vom Fürstenblute nicht das Glück des Rechts?

SEKRETÄR.

Geliebte, Teure! Sprichst du doch so leicht,
Durch diese Mauern von der Welt geschieden,
In klösterlichem Sinne von dem Wert
Der Erdengüter. Blicke nur hinaus;
Dort wägt man besser solchen edlen Schatz.
Der Vater neidet ihn dem Sohn, der Sohn
Berechnet seines Vaters Jahre, Brüder
Entzweit ein ungewisses Recht auf Tod
Und Leben. Selbst der Geistliche vergißt,
Wohin er streben soll, und strebt nach Gold.
Verdächte man's dem Prinzen, der sich stets
Als einz'gen Sohn gefühlt, wenn er sich nun
Die Schwester nicht gefallen lassen will,
Die, eingedrungen, ihm das Erbteil schmälert?
Man stelle sich an seinen Platz und richte.

HOFMEISTERIN.

Und ist er nicht schon jetzt ein reicher Fürst?
Und wird er's nicht durch seines Vaters Tod
Zum Übermaß? Wie wär' ein Teil der Güter
So köstlich angelegt, wenn er dafür
Die holde Schwester zu gewinnen wüßte!

SEKRETÄR.

Willkürlich handeln ist des Reichen Glück!
Er widerspricht der Fordrung der Natur,
Der Stimme des Gesetzes, der Vernunft,
Und spendet an den Zufall seine Gaben.
Genug besitzen hieße darben. Alles
Bedürfte man! Unendlicher Verschwendung
Sind ungemeßne Güter wünschenswert.
Hier denke nicht zu raten, nicht zu mildern;
Kannst du mit uns nicht wirken, gib uns auf.

HOFMEISTERIN.

Und was denn wirken? Lange droht ihr schon
Von fern dem Glück des liebenswürd'gen Kindes.
Was habt ihr denn in eurem furchtbarn Rat
Beschlossen über sie? Verlangt ihr etwa,
Daß ich mich blind zu eurer Tat geselle?

SEKRETÄR.

Mit nichten! Hören kannst und sollst du gleich,
Was zu beginnen, was von dir zu fordern
Wir selbst genötigt sind. Eugenien
Sollst du entführen! Sie muß dergestalt
Auf einmal aus der Welt verschwinden, daß
Wir sie getrost als tot beweinen können.
Verborgen muß ihr künftiges Geschick,
Wie das Geschick der Toten, ewig bleiben.

HOFMEISTERIN.

Lebendig weiht ihr sie dem Grabe, mich
Bestimmt ihr tückisch zur Begleiterin.
Mich stoßt ihr mit hinab. Ich soll mit ihr,
Mit der Verratnen die Verräterin,
Der Toten Schicksal vor dem Tode teilen.

SEKRETÄR.

Du führst sie hin und kehrest gleich zurück.

HOFMEISTERIN.

Soll sie im Kloster ihre Tage schließen?

SEKRETÄR.

Im Kloster nicht; wir mögen solch ein Pfand
Der Geistlichkeit nicht anvertrauen, die
Es leicht als Werkzeug gegen uns gebrauchte.

HOFMEISTERIN.

So soll sie nach den Inseln? Sprich es aus.

SEKRETÄR.

Du wirst's vernehmen! Jetzt beruh'ge dich.

HOFMEISTERIN.

Wie kann ich ruhen bei Gefahr und Not,
Die meinen Liebling, die mich selbst bedräut?

SEKRETÄR.

Dein Liebling kann auch drüben glücklich sein,
Und dich erwarten hier Genuß und Wonne.

HOFMEISTERIN.

O schmeichelt euch mit solcher Hoffnung nicht.
Was hilft's, in mich zu stürmen? zum Verbrechen
Mich anzulocken, mich zu drängen? Sie,
Das hohe Kind, wird euren Plan vereiteln.
Gedenkt nur nicht, sie als geduld'ges Opfer
Gefahrlos wegzuschleppen. Dieser Geist,
Der mutvoll sie beseelt, ererbte Kraft
Begleiten sie, wohin sie geht, zerreißen
Das falsche Netz, womit ihr sie umgabt.
SEKRETÄR. Sie festzuhalten, das gelinge dir!
Willst du mich überreden, daß ein Kind,
Bisher im sanften Arm des Glücks gewiegt,
Im unverhofften Fall Besonnenheit
Und Kraft, Geschick und Klugheit zeigen werde?
Gebildet ist ihr Geist, doch nicht zur Tat,
Und wenn sie richtig fühlt und weise spricht,
So fehlt noch viel, daß sie gemessen handle.
Des Unerfahrnen hoher, freier Mut
Verliert sich leicht in Feigheit und Verzweiflung,
Wenn sich die Not ihm gegenüberstellt.
Was wir gesonnen, führe du es aus:
Klein wird das Übel werden, groß das Glück.

HOFMEISTERIN.

So gebt mir Zeit, zu prüfen und zu wählen!

SEKRETÄR.

Der Augenblick des Handelns drängt uns schon.
Der Herzog scheint gewiß, daß ihm der König
Am nächsten Fest die hohe Gunst gewähren
Und seine Tochter anerkennen wolle;
Denn Kleider und Juwelen stehn bereit,
Im prächt'gen Kasten sämtlich eingeschlossen,
Wozu er selbst die Schlüssel wohl verwahrt
Und ein Geheimnis zu verwahren glaubt;
Wir aber wissen's wohl und sind gerüstet.
Geschehen muß nun schnell das Überlegte.
Heut' abend hörst du mehr. Nun lebe wohl!

HOFMEISTERIN.

Auf düstern Wegen wirkt ihr tückisch fort
Und wähnet, euren Vorteil klar zu sehen.
Habt ihr denn jeder Ahnung euch verschlossen,
Daß über Schuld und Unschuld, lichtverbreitend,
Ein rettend, rächend Wesen göttlich schwebt?

SEKRETÄR.

Wer wagt, ein Herrschendes zu leugnen, das
Sich vorbehält, den Ausgang unsrer Taten
Nach seinem einz'gen Willen zu bestimmen?
Doch wer hat sich zu seinem hohen Rat
Gesellen dürfen? Wer Gesetz und Regel,
Wonach es ordnend spricht, erkennen mögen?
Verstand empfingen wir, uns mündig selbst
Im ird'schen Element zurechtzufinden,
Und was uns nützt, ist unser höchstes Recht.

HOFMEISTERIN.

Und so verleugnet ihr das Göttlichste,
Wenn euch des Herzens Winke nichts bedeuten.
Mich ruft es auf, die schreckliche Gefahr
Vom holden Zögling kräftig abzuwenden,
Mich gegen dich und gegen Macht und List
Beherzt zu waffnen. Kein Versprechen soll,
Kein Drohn mich von der Stelle drängen. Hier,
Zu ihrem Heil gewidmet, steh' ich fest.

SEKRETÄR.

O meine Gute! dies ihr Heil vermagst
Du ganz allein zu schaffen, die Gefahr
Von ihr zu wenden, magst du ganz allein,
Und zwar, indem du uns gehorchst. Ergreife
Sie schnell, die holde Tochter, führe sie,
So weit du kannst, hinweg, verbirg sie fern
Von aller Menschen Anblick, denn - Du schauderst,
Du fühlst, was ich zu sagen habe. Sei's,
Weil du mich drängest, endlich auch gesagt:
Sie zu entfernen, ist das Mildeste.
Willst du zu diesem Plan nicht tätig wirken,
Denkst du, dich ihm geheim zu widersetzen,
Und wagtest du, was ich dir anvertraut,
Aus guter Absicht irgend zu verraten,
So liegt sie tot in deinen Armen!
Was Ich selbst beweinen werde, muß geschehn.
                                                            



Inhalt und Personen

Keine Kommentare: