> Gedichte und Zitate für alle: J.W.v.Goethe: Die natürliche Tochter : 3 Akt 1 Szene

2019-08-17

J.W.v.Goethe: Die natürliche Tochter : 3 Akt 1 Szene






(Vorzimmer des Herzogs, prächtig, modern)

Erster Auftritt

(Sekretär. Weltgeistlicher.)

SEKRETÄR.

Tritt still herein in diese Totenstille!
Wie ausgestorben findest du das Haus,
Der Herzog schläft, und alle Diener stehen,
Von seinem Schmerz durchdrungen, stumm gebeugt.
Er schläft! Ich segnet' ihn, als ich ihn sah
Bewußtlos auf dem Pfühle ruhig atmen.
Das Übermaß der Schmerzen löste sich
In der Natur balsam'scher Wohltat auf.
Den Augenblick befürcht' ich, der ihn weckt:
Euch wird ein jammervoller Mann erscheinen

WELTGEISTLICHER.

Darauf bin ich bereitet, zweifelt nicht.

SEKRETÄR.

Vor wenig Stunden kam die Nachricht an,
Eugenie sei tot! vom Pferd gestürzt!
An eurem Orte sei sie beigesetzt,
Als an dem nächsten Platz, wohin man sie
Aus jenem Felsendickicht bringen können,
Wo sie verwegen sich den Tod erstürmt.

WELTGEISTLICHER.

Und sie indessen ist schon weit entfernt?

SEKRETÄR.

Mit rascher Eile wird sie weggeführt.

WELTGEISTLICHER.

Und wem vertraut ihr solch ein schwer Geschäft?
SEKRETÄR.
Dem klugen Weibe, das uns angehört.

WELTGEISTLICHER.

In welche Gegend habt ihr sie geschickt?

SEKRETÄR.

Zu dieses Reiches letztem Hafenplatz.

WELTGEISTLICHER.

Von dorten soll sie in das fernste Land?

SEKRETÄR.

Sie führt ein günst'ger Wind sogleich davon.

WELTGEISTLICHER.

Und hier auf ewig gelte sie für tot!

SEKRETÄR.

Auf deiner Fabel Vortrag kommt es an.

WELTGEISTLICHER.
Der Irrtum soll im ersten Augenblick,
Auf alle künft'ge Zeit, gewaltig wirken.
An ihrer Gruft, an ihrer Leiche soll
Die Phantasie erstarren. Tausendfach
Zerreiß' ich das geliebte Bild und grabe:.
Dem Sinne des entsetzten Hörenden
Mit Feuerzügen dieses Unglück ein
Sie ist dahin für alle, sie verschwindet
Ins Nichts der Asche. Jeder kehret schnell
Den Blick zum Leben und vergißt, im Taumel
Der treibenden Begierden, daß auch sie
Im Reihen der Lebendigen geschwebt.

SEKRETÄR.

Du trittst mit vieler Kühnheit ans Geschäft;
Besorgst du keine Reue hintennach?

WELTGEISTLICHER.

Welch eine Frage tust du? Wir sind fest!

SEKRETÄR.

Ein innres Unbehagen fügt sich oft,
Auch wider unsern Willen, an die Tat.

WELTGEISTLICHER.

Was hör' ich? du bedenklich? oder willst
Du mich nur prüfen, ob es euch gelang,
Mich, euern Schüler, völlig auszubilden?

SEKRETÄR.

 Das Wichtige bedenkt man nie genug.

WELTGEISTLICHER.

Bedenke man, eh noch die Tat beginnt.

SEKRETÄR.

Auch in der Tat ist Raum für Überlegung.

WELTGEISTLICHER.

Für mich ist nichts zu überlegen mehr!
Da wär' es Zeit gewesen, als ich noch
Im Paradies beschränkter Freuden weilte,
Als, von des Gartens engem Hag umschlossen,
Ich selbstgesäte Bäume selber pfropfte,
Aus wenig Beeten meinen Tisch versorgte,
Als noch Zufriedenheit im kleinen Hause
Gefühl des Reichtums über alles goß,
Und ich, nach meiner Einsicht, zur Gemeinde
Als Freund, als Vater aus dem Herzen sprach,
Dem Guten fördernd meine Hände reichte,
Dem Bösen wie dem Übel widerstritt.
O hätte damals ein wohltät'ger Geist
Vor meiner Türe dich vorbeigewiesen,
An der du müde, durstig von der Jagd
Zu klopfen kamst, mit schmeichlerischem Wesen,
Mit süßem Wort mich zu bezaubern wußtest.
Der Gastfreundschaft geweihter, schöner Tag,
Er war der letzte reingenoßnen Friedens.

SEKRETÄR.

Wir brachten dir so manche Freude zu.

WELTGEISTLICHER.

Und dranget mir so manch Bedürfnis auf.
Nun war ich arm, als ich die Reichen kannte;.
Nun war ich sorgenvoll, denn mir gebrach's;
Nun hatt' ich Not, ich brauchte fremde Hilfe.
Ihr wart mir hilfreich, teuer büß' ich das.
Ihr nahmt mich zum Genossen eures Glücks,
Mich zum Gesellen eurer Taten auf.
Zum Sklaven, sollt' ich sagen, dingtet ihr
Den sonst so freien, jetzt bedrängten Mann.
Ihr lohnt ihm zwar, doch immer noch versagt
Ihr ihm den Lohn, den er verlangen darf.

SEKRETÄR.

Vertraue, daß wir dich in kurzer Zeit
Mit Gütern, Ehren, Pfründen überhäufen.

WELTGEISTLICHER.

Das ist es nicht, was ich erwarten muß.

SEKRETÄR.

Und welche neue Fordrung bildest du ?

WELTGEISTLICHER.

Als ein gefühllos Werkzeug braucht ihr mich
Auch diesmal wieder. Dieses holde Kind
Verstoßt ihr aus dem Kreise der Lebend'gen;
Ich soll die Tat beschönen, sie bedecken,
Und ihr beschließt, begeht sie ohne mich.
Von nun an fordr' ich, mit im Rat zu sitzen
Wo Schreckliches beschlossen wird, wo jeder,
Auf seinen Sinn, auf seine Kräfte stolz,
Zum unvermeidlich Ungeheuren stimmt.

SEKRETÄR.

Daß du auch diesmal dich mit uns verbunden,
Erwirbt aufs neue dir ein großes Recht.
Gar manch Geheimnis wirst du bald vernehmen -
Dahin gedulde dich und sei gefaßt.

WELTGEISTLICHER.

Ich bin's und bin noch weiter, als ihr denkt;
In eure Plane schaut' ich längst hinein.
Der nur verdient geheimnisvolle Weihe,
Der ihr durch Ahnung vorzugreifen weiß.

SEKRETÄR.

Was ahnest du? was weißt du?

WELTGEISTLICHER.

Laß uns das
Auf ein Gespräch der Mitternacht versparen.
O dieses Mädchens trauriges Geschick
Verschwindet, wie ein Bach im Ozean,
Wenn ich bedenke, wie, verborgen, ihr
Zu mächtiger Parteigewalt euch hebt
Und an die Stelle der Gebietenden
Mit frecher List euch einzudrängen hofft.
Nicht ihr allein; denn andre streben auch,
Euch widerstrebend, nach demselben Zweck.
So untergrabt ihr Vaterland und Thron;
Wer soll sich retten, wenn das Ganze stürzt?

SEKRETÄR.

Ich höre kommen! Tritt hier an die Seite!
Ich führe dich zu rechter Zeit herein.
           



Inhalt und Personen

Keine Kommentare: