> Gedichte und Zitate für alle: J.W.v.Goethe: Die natürliche Tochter : 3 Akt 4 Szene

2019-08-17

J.W.v.Goethe: Die natürliche Tochter : 3 Akt 4 Szene




Vierter Auftritt


(Herzog. Weltgeistlicher.)

WELTGEISTLICHER.

Den Wunsch, vor deinem Antlitz zu erscheinen,
Erhabner Fürst, wie lebhaft hegt' ich ihn!
Nun wird er mir gewährt im Augenblick,
Der dich und mich in tiefen Jammer senkt.

HERZOG.

Auch so willkommen, unwillkommner Bote!
Du hast sie noch gesehn, den letzten Blick,
Den sehnsuchtsvollen, dir ins Herz gefaßt,
Das letzte Wort bedächtig aufgenommen,
Dem letzten Seufzer Mitgefühl erwidert.
O sage: Sprach sie noch? Was sprach sie aus?
Gedachte sie des Vaters? Bringst du mir
Von ihrem Mund ein herzlich Lebewohl?

WELTGEISTLICHER.

Willkommen scheint ein unwillkommner Bote,
Solang' er schweigt und noch der Hoffnung Raum,
Der Täuschung Raum in unserm Herzen gibt.
Der ausgesprochne Jammer ist verhaßt.

HERZOG.

Was zauderst du? Was kann ich mehr erfahren?
Sie ist dahin! Und diesen Augenblick
Ist über ihrem Sarge Ruh und Stille.
Was sie auch litt, es ist für sie vorbei,
Für mich beginnt es; aber rede nur!

WELTGEISTLICHER.

Ein allgemeines Übel ist der Tod.
So denke dir das Schicksal deiner Toten,
Und finster wie des Grabes Nacht verstumme
Der Übergang, der sie hinabgeführt.
Nicht jeden leitet ein gelinder Gang
Unmerklich in das stille Reich der Schatten.
Gewaltsam schmerzlich reißt Zerstörung oft
Durch Höllenqualen in die Ruhe hin.

HERZOG.

So hat sie viel gelitten?

WELTGEISTLICHER.

Viel, nicht lange.

HERZOG.

Es war ein Augenblick, in dem sie litt,
Ein Augenblick, wo sie um Hilfe rief.
Und ich? Wo war ich da? Welch ein Geschäft,
Welch ein Vergnügen hatte mich gefesselt?
Verkündigte mir nichts das Schreckliche,
Das mir das Leben voneinander riß?
Ich hörte nicht den Schrei, ich fühlte nicht
Den Unfall, der mich ohne Rettung traf.
Der Ahnung heil'ges, fernes Mitgefühl
Ist nur ein Märchen. Sinnlich und verstockt,
Ins Gegenwärtige verschlossen, fühlt
Der Mensch das nächste Wohl, das nächste Weh,
Und Liebe selbst ist in der Ferne taub.

WELTGEISTLICHER.

So viel auch Worte gelten, fühl' ich doch,
Wie wenig sie zum Troste wirken können.

HERZOG.

Das Wort verwundet leichter, als es heilt.
Und ewig wiederholend strebt vergebens
Verlornes Glück der Kummer herzustellen.
So war denn keine Hilfe, keine Kunst
Vermögend, sie ins Leben aufzurufen?
Was hast du, sage mir, begonnen? was
Zu ihrem Heil versucht? Du hast gewiß
Nichts unbedacht gelassen.

WELTGEISTLICHER.

Leider war
Nichts zu bedenken mehr, als ich sie fand.

HERZOG.

Und soll ich ihres Lebens holde Kraft
Auf ewig missen! Laß mich meinen Schmerz
Durch meinen Schmerz betrügen, diese Reste
Verewigen. O komm, wo liegen sie?

WELTGEISTLICHER.

In würdiger Kapelle steht ihr Sarg
Allein verwahrt. Ich sehe vom Altar
Durchs Gitter jedesmal die Stätte, will
Für sie, solang' ich lebe, betend flehen.

HERZOG.

O komm und führe mich dahin! Begleiten
Soll uns der Ärzte vielerfahrenster.
Laß uns den schönen Körper der Verwesung
Entreißen, laß mit edlen Spezereien
Das unschätzbare Bild zusammenhalten!
Ja! die Atomen alle, die sich einst
Zur köstlichen Gestalt versammelten,
Sie sollen nicht ins Element zurück.

WELTGEISTLICHER.

Was darf ich sagen? Muß ich dir bekennen!
Du kannst nicht hin! Ach! das zerstörte Bild!
Kein Fremder säh' es ohne Jammer an!
Und vor die Augen eines Vaters - Nein,
Verhüt' es Gott! du darfst sie nicht erblicken.

HERZOG.

Welch neuer Qualenkrampf bedrohet mich!

WELTGEISTLICHER.

O! laß mich schweigen, daß nicht meine Worte
Auch die Erinnrung der Verlornen schänden!
Laß mich verhehlen, wie sie, durchs Gebüsch,
Durch Felsen hergeschleift, entstellt und blutig,
Zerrissen und zerschmettert und zerbrochen,
Unkenntlich, mir im Arm zur Erde hing.
Da segnet' ich, von Tränen überfließend,
Der Stunde Heil, in der ich feierlich
Dem holden Vaternamen einst entsagt.

HERZOG.

Du bist nicht Vater! bist der selbstischen
Verstockten, der Verkehrten einer, die
Ihr abgeschloßnes Wesen unfruchtbar
Verzweifeln läßt. Entferne dich! Verhaßt
Erscheinet mir dein Anblick.

WELTGEISTLICHER.

Fühlt ich's doch!
Wer kann dem Boten solcher Not verzeihn?

(Will sich entfernen.)

HERZOG.

Vergib und bleib. Ein schön entworfnes Bild,
Das wunderbar dich selbst zum zweitenmal
Vor deinen Augen zu erschaffen strebt,
Hast du entzückt es jemals angestaunt?
O hättest du's! du hättest diese Form,
Die sich zu meinem Glück, zur Lust der Welt
In tausendfält'gen Zügen auferbaut,
Mir grausam nicht verstümmelt, mir die Wonne
Der traurigen Erinnrung nicht verkümmert!

WELTGEISTLICHER.

Was sollt' ich tun? dich zu dem Sarge führen,
Den tausend fremde Tränen schon benetzt,
Als ich das morsche, schlotternde Gebein
Zu ruhiger Verwesung eingeweiht?

HERZOG.

Schweig, Unempfindlicher! du mehrest nur
Den herben Schmerz, den du zu lindern denkst.
O! Wehe! daß die Elemente nun,
Von keinem Geist der Ordnung mehr beherrscht,
Im leisen Kampf das Götterbild zerstören.
Wenn über werdend Wachsendem vorher
Der Vatersinn mit Wonne brütend schwebte,
So stockt, so kehrt in Moder nach und nach
Vor der Verzweiflung Blick die Lust des Lebens.

WELTGEISTLICHER.

Was Luft und Licht Zerstörliches erbaut,
Bewahret lange das verschloßne Grab.

HERZOG.

O weiser Brauch der Alten, das Vollkommne,
Das ernst und langsam die Natur geknüpft,
Des Menschenbilds erhabne Würde, gleich
Wenn sich der Geist, der wirkende, getrennt,
Durch reiner Flammen Tätigkeit zu lösen!
Und wenn die Glut mit tausend Gipfeln sich
Zum Himmel hob und zwischen Dampf und Wolken,
Des Adlers Fittich deutend, sich bewegte,
Da trocknete die Träne, freier Blick
Der Hinterlaßnen stieg dem neuen Gott
In des Olymps verklärte Räume nach.
O sammle mir in köstliches Gefäß
Der Asche, der Gebeine trüben Rest,
Daß die vergebens ausgestreckten Arme
Nur etwas fassen, daß ich dieser Brust,
Die sehnsuchtsvoll sich in das Leere drängt,
Den schmerzlichsten Besitz entgegendrücke.

WELTGEISTLICHER.

Die Trauer wird durch Trauren immer herber.

HERZOG.

Durch Trauren wird die Trauer zum Genuß.
O daß ich doch geschwundner Asche Rest,
Im kleinen Hause, wandernd, immer weiter,
Bis zu dem Ort, wo ich zuletzt sie sah,
Als Büßender mit kurzen Schritten trüge!
Dort lag sie tot in meinen Armen, dort
Sah ich, getäuscht, sie in das Leben kehren.
Ich glaubte, sie zu fassen, sie zu halten,
Und nun ist sie auf ewig mir entrückt dort,
In meines Traums Entzückungen, gelobt-
Schon führet klug des Gartenmeisters Hand
Durch Busch und Fels bescheidne Wege her,
Schon wird der Platz gerundet, wo mein König
Als Oheim sie an seine Brust geschlossen,
Und Ebenmaß und Ordnung will den Raum
Verherrlichen, der mich so hoch beglückt.
Doch jede Hand soll feiern! Halb vollbracht
Soll dieser Plan, wie mein Geschick, erstarren!
Das Denkmal nur, ein Denkmal will ich stiften,
Von rauhen Steinen ordnungslos getürmt,
Dorthin zu wallen, stille zu verweilen,
Bis ich vom Leben endlich selbst genese.
O laßt mich dort, versteint, am Steine ruhn,
Bis aller Sorgfalt lichtgezogne Spur
Aus dieser Wüste Trauersitz verschwindet!
Mag sich umher der freie Platz berasen,
Mag sich der Zweig dem Zweige wild verflechten,
Der Birke hangend Haar den Boden schlagen,
Der junge Busch zum Baume sich erheben,
Mit Moos der glatte Stamm sich überziehn:
Ich fühle keine Zeit; denn sie ist hin,
An deren Wachstum ich die Jahre maß.

WELTGEISTLICHER.

Den vielbewegten Reiz der Welt zu meiden,
Das Einerlei der Einsamkeit zu wählen,
Wird sich's der Mann erlauben, der sich oft
Wohltätiger Zerstreuung übergab,
Wenn Unerträgliches, mit Felsenlast
Herbei sich wälzend, ihn bedrohend, schlich?
Hinaus! mit Flügelschnelle durch das Land,
Durch fremde Reiche, daß vor deinem Sinn
Der Erde Bilder heilend sich bewegen.
HERZOG. Was hab' ich in der Welt zu suchen, wenn
Ich sie nicht wiederfinde, die allein
Ein Gegenstand für meine Blicke war?.
Soll Fluß und Hügel, Tal und Wald und Fels
Vorüber meinen Augen gehn und nur
Mir das Bedürfnis wecken, jenes Bild,
Das einzige, geliebte, zu erhaschen?
Vom hohen Berg hinab, ins weite Meer,
Was soll für mich ein Reichtum der Natur,
Der an Verlust und Armut mich erinnert!

WELTGEISTLICHER.

Und neue Güter eignest du dir an!

HERZOG.

Nur durch der Jugend frisches
Auge mag Das längst Bekannte neubelebt uns rühren,
Wenn das Erstaunen, das wir längst verschmäht,
Von Kindes Munde hold uns widerklingt.
So hofft' ich, ihr des Reichs bebaute Flächen,
Der Wälder Tiefen, der Gewässer Flut
Bis an das offne Meer zu zeigen, dort
Mich ihres trunknen Blicks ins Unbegrenzte
Mit unbegrenzter Liebe zu erfreun.

WELTGEISTLICHER.

Wenn du, erhabner Fürst, des großen Lebens
Beglückte Tage der Beschauung nicht
Zu widmen trachtetest, wenn Tätigkeit
Fürs Wohl Unzähliger am Throne dir
Zum Vorzug der Geburt den herrlichern
Des allgemeinen, edlen Wirkens gab,
So ruf' ich dich, im Namen aller, auf:
Ermanne dich! und laß die trüben Stunden,
Die deinen Horizont umziehn, für andre,
Durch Trost und Rat und Hilfe, laß für dich
Auch diese Stunden so zum Feste werden.

HERZOG.

Wie schal und abgeschmackt ist solch ein Leben,
Wenn alles Regen, alles Treiben stets ,
Zu neuem Regen, neuem Treiben führt
Und kein geliebter Zweck euch endlich lohnt.
Den sah ich nur in ihr, und so besaß
Und so erwarb ich mit Vergnügen, ihr
Ein kleines Reich anmut'gen Glücks zu schaffen.
So war ich heiter, aller Menschen Freund,
Behilflich, wach, zu Rat und Tat bequem.
Den Vater lieben sie! so sagt' ich mir,
Dem Vater danken sie's und werden auch
Die Tochter einst als werte Freundin grüßen.

WELTGEISTLICHER.

Zu süßen Sorgen bleibt nun keine Zeit!
Ganz andre fordern dich, erhabner Mann!
Darf ich's erwähnen? Ich, der unterste
Von deinen Dienern? Jeder ernste Blick
In diesen trüben Tagen ist auf dich,
Auf deinen Wert, auf deine Kraft gerichtet.

HERZOG.

Der Glückliche nur fühlt sich Wert und Kraft.

WELTGEISTLICHER.

So tiefer Schmerzen heiße Qual verbürgt
Dem Augenblick unendlichen Gehalt,
Mir aber auch Verzeihung, wenn sich kühn ,
Vertraulichkeit von meinen Lippen wagt:
Wie heftig wilde Gärung unten kocht,
Wie Schwäche kaum sich oben schwankend hält;
Nicht jedem wird es klar, dir aber ist's
Mehr als der Menge, der ich angehöre.
O zaudre nicht, im nahen Sturmgewitter
Das falsch gelenkte Steuer zu ergreifen!
Zum Wohle deines Vaterlands verbanne
Den eignen Schmerz; sonst werden tausend Väter,
Wie du, um ihre Kinder weinen, tausend
Und aber tausend Kinder ihre Väter
Vermissen, Angstgeschrei der Mütter gräßlich
An hohler Kerkerwand verklingend hallen.
O bringe deinen Jammer, deinen Kummer
Auf dem Altar des allgemeinen Wohls
Zum Opfer dar, und alle, die du rettest,
Gewinnst du dir als Kinder zum Ersatz.

HERZOG.

Aus grauenvollen Winkeln führe nicht
Mir der Gespenster dichte Schar heran,
Die meiner Tochter liebliche Gewalt
Mir zaubrisch oft und leicht hinweggebannt.
Sie ist dahin, die schmeichlerische Kraft,
Die meinen Geist in holde Träume sang.
Nun drängt das Wirkliche mit dichten Massen
An mich heran und droht, mich zu erdrücken.
Hinaus, hinaus! Von dieser Welt hinweg!
Und lügt mir nicht das Kleid, in dem du wandelst,
So führe mich zur Wohnung der Geduld,
Ins Kloster führe mich und laß mich dort,
Im allgemeinen Schweigen, stumm, gebeugt,
Ein müdes Leben in die Grube senken.

WELTGEISTLICHER.

Mir ziemt es kaum, dich an die Welt zu weisen;
Doch andre Worte sprech' ich kühner aus.
Nicht in das Grab, nicht übers Grab verschwendet
Ein edler Mann der Sehnsucht hohen Wert.
Er kehrt in sich zurück und findet staunend
In seinem Busen das Verlorne wieder.

HERZOG.

Daß ein Besitz so fest sich hier erhält,
Wenn das Verlorne fern und ferner flieht,
Das ist die Qual, die das geschiedene,
Für ewig losgerißne Glied aufs neue
Dem schmerzergriffnen Körper fügen will.
Getrenntes Leben, wer vereinigt's wieder?
Vernichtetes, wer stellt es her?

WELTGEISTLICHER.

Der Geist!
Des Menschen Geist, dem nichts verlorengeht,
Was er von Wert mit Sicherheit besessen.
So lebt Eugenie vor dir, sie lebt
In deinem Sinne, den sie sonst erhub,
Dem sie das Anschaun herrlicher Natur
Lebendig aufgeregt; so wirkt sie noch
Als hohes Vorbild, schützte vor Gemeinem,
Vor Schlechtem dich, wie's jede Stunde bringt,
Und ihrer Würde wahrer Glanz verscheuchet
Den eitlen Schein, der dich bestechen will.
So fühle dich durch ihre Kraft beseelt!
Und gib ihr so ein unzerstörlich Leben,
Das keine Macht entreißen kann, zurück.

HERZOG.

Laß eines dumpfen, dunkeln Traumgeflechtes
Verworrne Todesnetze mich zerreißen!
Und bleibe mir, du vielgeliebtes Bild,
Vollkommen, ewig jung und ewig gleich!
Laß deiner klaren Augen reines Licht
Mich immerfort umglänzen! Schwebe vor,
Wohin ich wandle, zeige mir den Weg
Durch dieser Erde Dornenlabyrinth!.
Du bist kein Traumbild, wie ich dich erblicke;
Du warst, du bist. Die Gottheit hatte dich
Vollendet einst gedacht und dargestellt.
So bist du teilhaft des Unendlichen,
Des Ewigen, und bist auf ewig mein..
                                                                     



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