> Gedichte und Zitate für alle: J.W.v.Goethe: Die natürliche Tochter : 4 Akt 1 Szene

2019-08-17

J.W.v.Goethe: Die natürliche Tochter : 4 Akt 1 Szene


Vierter Aufzug 

(Platz am Hafen. Zur einen Seite ein Palast, auf der 
andern eine Kirche, im Grund eine Reihe Bäume, 
durch die man nach dem Hafen hinabsieht.) 

Erster Auftritt 

(Eugenie, in einen Schleier gehüllt, auf einer Bank 
im Grunde, mit dem Gesicht nach der See. 
Hofmeisterin, Gerichtsrat im Vordergrunde.) 

HOFMEISTERIN. 

Drängt unausweichlich ein betrübt Geschäft 
Mich aus dem Mittelpunkt des Reiches, mich 
Aus dem Bezirk der Hauptstadt an die Grenze 
Des festen Lands, zu diesem Hafenplatz, 
So folgt mir streng die Sorge, Schritt vor Schritt, 
Und deutet mir bedenklich in die Weite. 
Wie müssen Rat und Anteil eines Manns, 
Der allen edel, zuverlässig gilt, 
Mir als ein Leitstern wonniglich erscheinen! 
Verzeih daher, wenn ich mit diesem Blatt, 
Das mich zu solcher schweren Tat berechtigt, 
Zu dir mich wendend komme, den so lange 
Man im Gericht, wo viel Gerechte wirken, 
Erst pries als Beistand, nun als Richter preist. 

GERICHTSRAT (der indessen das Blatt 
nachdenkend angesehen.) 

Nicht mein Verdienst, nur mein Bemühen war 
Vielleicht zu preisen. Sonderbar jedoch 
Will es mich dünken, daß du eben diesen, 
Den du gerecht und edel nennen willst, 
In solcher Sache fragen, ihm getrost 
Solch ein Papier vors Auge bringen magst, 
Worauf er nur mit Schauder blicken kann. 
Nicht ist von Recht, noch von Gericht die Rede: 
Hier ist Gewalt! entsetzliche Gewalt, 
Selbst wenn sie klug, selbst wenn sie weise handelt. 
Anheimgegeben ward ein edles Kind, 
Auf Tod und Leben - sag' ich wohl zu viel? -, 
Anheimgegeben deiner Willkür. Jeder, 
Sei er Beamter, Kriegsmann, Bürger, alle 
Sind angewiesen, dich zu schützen, sie 
Nach deines Worts Gesetzen zu behandeln. 

(Er gibt das Blatt zurück.) 

HOFMEISTERIN. 

Auch hier beweise dich gerecht und laß 
Nicht dies Papier allein als Kläger sprechen, 
Auch mich, die hart Verklagte, höre nun 
Und meinen offnen Vortrag günstig an. 
Aus edlem Blut entsproß die Treffliche; 
Von jeder Gabe, jeder Tugend schenkt' 
Ihr die Natur den allerschönsten Teil, 
Wenn das Gesetz ihr andre Rechte weigert. 
Und nun verbannt! Ich sollte sie dem Kreise 
Der Ihrigen entführen, sie hierher, 
Hinüber nach den Inseln sie geleiten. 

GERICHTSRAT. 

Gewissem Tod entgegen, der im Qualm 
Erhitzter Dünste schleichend überfällt. 
Dort soll verwelken diese Himmelsblume, 
Die Farbe dieser Wange dort verbleichen! 
Verschwinden die Gestalt, die sich das Auge 
Mit Sehnsucht immer zu erhalten wünscht. 

HOFMEISTERIN. 

Bevor du richtest, höre weiter an! 
Unschuldig ist - bedarf es wohl Beteurung? -, 
Doch vieler Übel Ursach dieses Kind. 
Sie, als des Haders Apfel, warf ein Gott 
Erzürnt ins Mittel zwischen zwei Parteien, 
Die sich, auf ewig nun getrennt, bekämpfen. 
Sie will der eine Teil zum höchsten Glück 
Berechtigt wissen, wenn der andre sie 
Hinabzudrängen strebt. Entschieden beide. - 
Und so umschlang ein heimlich Labyrinth 
Verschmitzten Wirkens doppelt ihr Geschick, 
So schwankte List um List im Gleichgewicht, 
Bis ungeduld'ge Leidenschaft zuletzt 
Den Augenblick entschiedenen Gewinns 
Beschleunigte. Da brach von beiden Seiten 
Die Schranke der Verstellung, drang Gewalt, 
Dem Staate selbst gefährlich drohend, los, 
Und nun, sogleich der Schuld'gen Schuld zu hemmen, 
Zu tilgen, trifft ein hoher Götterspruch 
Des Kampfs unschuld'gen Anlaß, meinen Zögling, 
Und reißt, verbannend, mich mit ihm dahin. 

GERICHTSRAT. 

Ich schelte nicht das Werkzeug, rechte kaum 
Mit jenen Mächten, die sich solche Handlung 
Erlauben können. Leider sind auch sie 
Gebunden und gedrängt. Sie wirken selten 
Aus freier Überzeugung. Sorge, Furcht 
Vor größerm Übel nötiget Regenten 
Die nützlich ungerechten Taten ab. 
Vollbringe, was du mußt, entferne dich 
Aus meiner Enge reingezognem Kreis. 

HOFMEISTERIN. 

Den eben such' ich auf! da dring' ich hin! 
Dort hoff' ich Heil! du wirst mich nicht verstoßen. 
Den werten Zögling wünscht' ich lange schon 
Vom Glück zu überzeugen, das im Kreise 
Des Bürgerstandes hold genügsam weilt. 
Entsagte sie der nicht gegönnten Höhe, 
Ergäbe sich des biedern Gatten Schutz 
Und wendete von jenen Regionen, 
Wo sie Gefahr, Verbannung, Tod umlauern, 
Ins Häusliche den liebevollen Blick: 
Gelöst wär' alles, meiner strengen Pflicht 
Wär' ich entledigt, könnt' im Vaterland 
Vertrauter Stunden mich verweilend freuen. 

GERICHTSRAT. 

Ein sonderbar Verhältnis zeigst du mir! 

HOFMEISTERIN. 

Dem klug entschloßnen Manne zeig' ich's an. 

GERICHTSRAT. 

Du gibst sie frei, wenn sich ein Gatte findet? 

HOFMEISTERIN. 

Und reichlich ausgestattet geb ich sie. 

GERICHTSRAT. 

So übereilt, wer dürfte sich entschließen? 

HOFMEISTERIN. 

Nur übereilt bestimmt die Neigung sich. 

GERICHTSRAT. 

Die Unbekannte wählen wäre Frevel. 

HOFMEISTERIN. 

Dem ersten Blick ist sie gekannt und wert. 

GERICHTSRAT. 

Der Gattin Feinde drohen auch dem Gatten. 

HOFMEISTERIN. 

Versöhnt ist alles, wenn sie Gattin heißt. 

GERICHTSRAT. 

Und ihr Geheimnis, wird man's ihm entdecken? 

HOFMEISTERIN. 

Vertrauen wird man dem Vertrauenden. 

GERICHTSRAT. 

Und wird sie frei solch einen Bund erwählen? 

HOFMEISTERIN. 

Ein großes Übel dränget sie zur Wahl. 

GERICHTSRAT. 

In solchem Fall zu werben, ist es redlich? 

HOFMEISTERIN. 

Der Rettende faßt an und klügelt nicht. 

GERICHTSRAT. 

Was forderst du vor allen andern Dingen? 

HOFMEISTERIN. 

Entschließen soll sie sich im Augenblick. 

GERICHTSRAT. 

Ist euer Schicksal ängstlich so gesteigert? 

HOFMEISTERIN. 

Im Hafen regt sich emsig schon die Fahrt. 

GERICHTSRAT. 

Hast du ihr früher solchen Bund geraten? 

HOFMEISTERIN.

Im allgemeinen deutet ich dahin. 

GERICHTSRAT. 

Entfernte sie unwillig den Gedanken? 

HOFMEISTERIN. 

Noch war das alte Glück ihr allzu nah. 

GERICHTSRAT. 

Die schönen Bilder, werden sie entweichen?: 

HOFMEISTERIN. 

Das hohe Meer hat sie hinweggeschreckt. 

GERICHTSRAT. 

Sie fürchtet, sich vom Vaterland zu trennen? 

HOFMEISTERIN. 

Sie fürchtet's, und ich fürcht' es wie den Tod. 
O laß uns, Edler, glücklich Aufgefundner, 
Vergebne Worte nicht bedenklich wechseln! 
Noch lebt in dir, dem Jüngling, jede Tugend, 
Die mächt'gen Glaubens, unbedingter Liebe 
Zu nie genug geschätzter Tat bedarf. 
Gewiß umgibt ein schöner Kreis dich auch 
Von Ähnlichen - von Gleichen sag' ich nicht! 
O sieh dich um in deinem eignen Herzen, 
In deiner Freunde Herzen sieh umher, 
Und findest du ein überfließend Maß 
Von Liebe, von Ergebung, Kraft und Mut, 
So werde dem Verdientesten dies Kleinod 
Mit stillem Segen heimlich übergeben! 

GERICHTSRAT. 

Ich weiß, ich fühle deinen Zustand, kann 
Und mag nicht mit mir selbst bedächtig erst, 
Wie Klugheit forderte, zu Rate gehn! 
Ich will sie sprechen. 

HOFMEISTERIN (tritt zurück gegen Eugenien.) 

GERICHTSRAT. 

Was geschehen soll, 
Es wird geschehn! In ganz gemeinen Dingen 
Hängt viel von Wahl und Wollen ab; das Höchste, 
Was uns begegnet, kommt wer weiß woher. 



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