> Gedichte und Zitate für alle: J.W.v.Goethe: Die natürliche Tochter : 4 Akt 2 Szene

2019-08-17

J.W.v.Goethe: Die natürliche Tochter : 4 Akt 2 Szene




Zweiter Auftritt

(Eugenie. Gerichtsrat.)

GERICHTSRAT.

Indem du mir, verehrte Schöne, nahst,
So zweifl' ich fast, ob man mich treu berichtet.
Du bist unglücklich, sagt man; doch du bringst,
Wohin du wandelst, Glück und Heil heran.

EUGENIE.

Find' ich den Ersten, dem aus tiefer Not
Ich Blick und Wort entgegenwenden darf,
So mild und edel, als du mir erscheinst:
Dies Angstgefühl, ich hoffe, wird sich lösen.

GERICHTSRAT.

Ein Vielerfahrner wäre zu bedauern,
Wär' ihm das Los gefallen, das dich trifft;
Wie ruft nicht erst bedrängter Jugend Kummer
Die Mitgefühle hilfsbedürftig an!

EUGENIE.

So hob ich mich vor kurzem aus der Nach
Des Todes an des Tages Licht herauf:
Ich wußte nicht, wie mir geschehn! wie hart
Ein jäher Sturz mich lähmend hingestreckt.
Da rafft' ich mich empor, erkannte wieder
Die schöne Welt, ich sah den Arzt bemüht,
Die Flamme wieder anzufachen, fand
In meines Vaters liebevollem Blick,
An seinem Ton mein Leben wieder. Nun
Zum zweitenmal, von einem jähern Sturz.
Erwach' ich! Fremd und schattengleich erscheint
Mir die Umgebung, mir der Menschen Wandeln,
Und deine Milde selbst ein Traumgebild.

GERICHTSRAT.

Wenn Fremde sich in unsre Lage fühlen,
Sind sie wohl näher als die Nächsten, die
Oft unsern Gram als wohlbekanntes Übel
Mit lässiger Gewohnheit übersehn.
Dein Zustand ist gefährlich; ob er gar
Unheilbar sei, wer wagt es zu entscheiden!
EUGENIE. Ich habe nichts zu sagen. Unbekannt
Sind mir die Mächte, die mein Elend schufen.
Du hast das Weib gesprochen, jene weiß;
Ich dulde nur dem Wahnsinn mich entgegen.

GERICHTSRAT.

Was auch der Obermacht gewalt'gen Schloß
Auf dich herabgerufen, leichte Schuld,
Ein Irrtum, den der Zufall schädlich leitet -
Die Achtung bleibt, die Neigung spricht für dich.

EUGENIE.

Des reinen Herzens traulich mir bewußt,
Sinn' ich der Wirkung kleiner Fehler nach.

GERICHTSRAT.

Auf ebnem Boden straucheln, ist ein Scherz,
Ein Fehltritt stürzt vom Gipfel dich herab.

EUGENIE.

Auf jenen Gipfeln schwebt' ich voll Entzücken,
Der Freuden Übermaß verwirrte mich.
Das nahe Glück berührt' ich schon im Geist,
Ein köstlich Pfand lag schon in meinen Händen.
Nur wenig Ruhe! wenige Geduld!
Und alles war, so darf ich glauben, mein.
Doch übereilt' ich's, überließ mich rasch
Zudringlicher Versuchung. - War es das? -
Ich sah, ich sprach, was mir zu sehn, zu sprechen
Verboten war. Wird ein so leicht Vergehn
So hart bestraft? Ein läßlich scheinendes,
Scherzhafter Probe gleichendes Verbot,
Verdammt's den Übertreter ohne Schonung?
O, so ist's wahr, was uns der Völker Sagen
Unglaublichs überliefern! Jenes Apfels
Leichtsinnig augenblicklicher Genuß
Hat aller Welt unendlich Weh verschuldet.
So ward auch mir ein Schlüssel anvertraut:
Verbotne Schätze wagt' ich aufzuschließen,
Und aufgeschlossen hab' ich mir das Grab.

GERICHTSRAT.

Des Übels Quelle findest du nicht aus,
Und aufgefunden fließt sie ewig fort.

EUGENIE.

In kleinen Fehlern such' ich's, gebe mir
Aus eitlem Wahn die Schuld so großer Leiden.
Nur höher, höher wende den Verdacht!
Die beiden, denen ich mein ganzes Glück
Zu danken hoffte, die erhabnen Männer,
Zum Scheine reichten sie sich Hand um Hand.
Der innre Zwist unsicherer Parteien,
Der nur in düstern Höhlen sich geneckt,
Er bricht vielleicht ins Freie bald hervor!
Und was mich erst als Furcht und Sorg' umgeben,
Entscheidet sich, indem es mich vernichtet,
Und droht Vernichtung aller Welt umher.

GERICHTSRAT.

Du jammerst mich! das Schicksal einer Welt
Verkündest du nach deinem Schmerzgefühl.
Und schien dir nicht die Erde froh und glücklich,
Als du, ein heitres Kind, auf Blumen schrittest?
EUGENIE. Wer hat es reizender als ich gesehn,
Der Erde Glück mit allen seinen Blüten!
Ach, alles um mich her, es war so reich,
So voll und rein, und was der Mensch bedarf,
Es schien zur Lust, zum Überfluß gegeben.
Und wem verdankt' ich solch ein Paradies?
Der Vaterliebe dankt' ich's, die, besorgt
Ums Kleinste wie ums Größte, mich verschwendrisch
Mit Prachtgenüssen zu erdrücken schien
Und meinen Körper, meinen Geist zugleich,
Ein solches Wohl zu tragen, bildete.
Wenn alles weichlich Eitle mich umgab,
Ein wonniges Behagen mir zu schmeicheln,
So rief mich ritterlicher Trieb hinaus,
Zu Roß und Wagen, mit Gefahr zu kämpfen.
Oft sehnt' ich mich in ferne Weiten hin,
Nach fremder Lande seltsam neuen Kreisen.
Dorthin versprach der edle Vater mich,
Ans Meer versprach er mich zu führen, hoffte
Sich meines ersten Blicks ins Unbegrenzte
Mit liebevollem Anteil zu erfreun -
Da steh' ich nun und schaue weit hinaus,
Und enger scheint mich's, enger zu umschließen.
O Gott, wie schränkt sich Welt und Himmel ein,
Wenn unser Herz in seinen Schranken banget!

GERICHTSRAT.

Unselige! die mir aus deinen Höhen,
Ein Meteor, verderblich niederstreifst
Und meiner Bahn Gesetz berührend störst!
Auf ewig hast du mir den heitern Blick
Ins volle Meer getrübt. Wenn Phöbus nun
Ein feuerwallend Lager sich bereitet,
Und jedes Auge von Entzücken tränt,
Da werd' ich weg mich wenden, werde dich
Und dein Geschick beweinen. Fern am Rande
Des nachtumgebnen Ozeans erblick' ich
Mit Not und Jammer deinen Pfad umstrickt!
Entbehrung alles nötig lang' Gewohnten,
Bedrängnis neuer Übel, ohne Flucht.
Der Sonne glühendes Geschoß durchdringt
Ein feuchtes, kaum der Flut entrißnes Land.
Um Niederungen schwebet, gift'gen Brodens,
Blaudunst'ger Streifen angeschwollne Pest.
Im Vortod seh' ich, matt und hingebleicht,
Von Tag zu Tag ein Kummerleben schwanken.
O die so blühend, heiter vor mir steht,
Sie soll so früh, langsamen Tods, verschwinden!

EUGENIE.

Entsetzen rufst du mir hervor! Dorthin?
Dorthin verstößt man mich! In jenes Land,
Als Höllenwinkel mir, von Kindheit auf,
In grauenvollen Zügen dargestellt.
Dorthin, wo sich in Sümpfen Schlang' und Tiger
Durch Rohr und Dorngeflechte tückisch drängen,
Wo, peinlich quälend, als belebte Wolken
Um Wandrer sich Insektenscharen ziehn,
Wo jeder Hauch des Windes, unbequem
Und schädlich, Stunden raubt und Leben kürzt.
Zu bitten dacht' ich; flehend siehst du nun
Die Dringende. Du kannst, du wirst mich retten.

GERICHTSRAT.

 Ein mächtig ungeheurer Talisman
Liegt in den Händen deiner Führerin.
EUGENIE. Was ist Gesetz und Ordnung? Können sie
Der Unschuld Kindertage nicht beschützen?
Wer seid denn ihr, die ihr mit leerem Stolz
Durchs Recht Gewalt zu bänd'gen euch berühmt?
GERICHTSRAT.
In abgeschloßnen Kreisen lenken wir,
Gesetzlich streng, das in der Mittelhöhe
Des Lebens wiederkehrend Schwebende.
Was droben sich in ungemeßnen Räumen
Gewaltig seltsam hin und her bewegt,
Belebt und tötet ohne Rat und Urteil,
Das wird nach anderm Maß, nach andrer Zahl
Vielleicht berechnet, bleibt uns rätselhaft.
EUGENIE. Und ist das alles? Hast du weiter nichts
Zu sagen, zu verkünden?
GERICHTSRAT. Nichts.
EUGENIE. Ich glaub' es nicht!
Ich darf's nicht glauben.
GERICHTSRAT. Laß, o laß mich fort!
Soll ich als feig, als unentschlossen gelten? -
Bedauern, jammern? Soll nicht irgendhin
Mit kühner Hand auf deine Rettung deuten?
Doch läge nicht in dieser Kühnheit selbst
Für mich die gräßlichste Gefahr, von dir
Verkannt zu werden? mit verfehltem Zweck -
Als frevelhaft unwürdig zu erscheinen?

EUGENIE.

Ich lasse dich nicht los, den mir das Glück,
Mein altes Glück, vertraulich zugesendet.
Mich hat's von Jugend auf gehegt, gepflegt,
Und nun im rauhen Sturme sendet mir's -
Den edlen Stellvertreter seiner Neigung.
Sollt' ich nicht sehen, fühlen, daß du teil
An mir und meinem Schicksal nimmst? Ich stehe
Nicht ohne Wirkung hier: du sinnst! du denkst! -
Im weiten Kreise rechtlicher Erfahrung
Schaust du zu meinen Gunsten um dich her.
Noch bin ich nicht verloren! Ja, du suchst
Ein Mittel, mich zu retten, hast es wohl
Schon ausgefunden! Mir bekennt's dein Blick,
Dein tiefer, ernster, freundlich trüber Blick.
O kehre dich nicht weg! O! sprich es aus,
Ein hohes Wort, das mich zu heilen töne.

GERICHTSRAT.

So wendet voll Vertraun zum Arzte sich
Der tief Erkrankte, fleht um Linderung,
Fleht um Erhaltung schwer bedrohter Tage.
Als Gott erscheint ihm der erfahrne Mann.
Doch ach! ein bitter, unerträglich Mittel
Wird nun geboten. Ach! soll ihm vielleicht
Der edlen Glieder grausame Verstümmlung,
Verlust statt Heilung angekündigt werden?
Gerettet willst du sein! Zu retten bist du,
Nicht herzustellen. Was du warst, ist hin,
Und was du sein kannst, magst du's übernehmen?

EUGENIE.

Um Rettung aus des Todes Nachtgewalt,
Um dieses Lichts erquickenden Genuß,
Um Sicherheit des Daseins ruft zuerst,
Aus tiefer Not, ein halb Verlorner noch.
Was dann zu heilen sei, was zu erstatten,
Was zu vermissen, lehre Tag um Tag.

GERICHTSRAT.

Und nächst dem Leben, was erflehst du dir?

EUGENIE.

 Des Vaterlandes vielgeliebten Boden!

GERICHTSRAT.

Du forderst viel im einz'gen, großen Wort!

EUGENIE.

Ein einzig Wort enthält mein ganzes Glück.

GERICHTSRAT.

Den Zauberbann, wer wagt's, ihn aufzulösen?
EUGENIE. Der Tugend Gegenzauber siegt gewiß!

GERICHTSRAT.

Der obern Macht ist schwer zu widerstehen.
EUGENIE. Allmächtig ist sie nicht, die obre Macht.
Gewiß! dir gibt die Kenntnis jener Formen,
Für Hohe wie für Niedre gleich verbindlich,
Ein Mittel an. Du lächelst. Ist es möglich!
Das Mittel ist gefunden! Sprich es aus!

GERICHTSRAT.

Was hülf' es, meine Beste, wenn ich dir
Von Möglichkeiten spräche! Möglich scheint
Fast alles unsern Wünschen; unsrer Tat
Setzt sich von innen wie von außen viel,
Was sie durchaus unmöglich macht, entgegen.
Ich kann, ich darf nicht reden, laß mich los!

EUGENIE.

Und wenn du täuschen solltest! - Wäre nur
Für Augenblicke meiner Phantasie
Ein zweifelhafter, leichter Flug vergönnt!
Ein Übel um das andre biete mir!
Ich bin gerettet, wenn ich wählen kann.

GERICHTSRAT.

Ein Mittel gibt es, dich im Vaterland
Zurückzuhalten. Friedlich ist's, und manchem
Erschien' es auch erfreulich. Große Gunst
Hat es vor Gott und Menschen. Heil'ge Kräfte
Erheben's über alle Willkür. Jedem,
Der's anerkennt sich's anzueignen weiß
Verschafft es Glück und Ruhe. Vollbestand
Erwünschter Lebensgüter sind wir ihm,
Sowie der Zukunft höchste Bilder schuldig.
Als allgemeines Menschengut verordnet's
Der Himmel selbst und ließ dem Glück, derKühnheit
Und stiller Neigung Raum, sich's zu erwerben.

EUGENIE.

Welch Paradies in Rätseln stellst du dar?

GERICHTSRAT.

Der eignen Schöpfung himmlisch Erdenglück.

EUGENIE.

Was hilft mein Sinnen! ich verwirr mich!

GERICHTSRAT.

Errätst du's nicht, so liegt es fern von dir.

EUGENIE.

Das zeige sich, sobald du ausgesprochen.

GERICHTSRAT.

Ich wage viel! Der Ehstand ist es!

EUGENIE.

Wie?

GERICHTSRAT.

Gesprochen ist's. Nun überlege du.

EUGENIE.

Mich überrascht, mich ängstet solch ein Wort.

GERICHTSRAT.

Ins Auge fasse, was dich überrascht.

EUGENIE.

Mir lag es fern in meiner frohen Zeit,
Nun kann ich seine Nähe nicht ertragen;
Die Sorge, die Beklemmung mehrt sich nur.
Von meines Vaters, meines Königs Hand
Mußt' ich dereinst den Bräutigam erwarten.
Voreilig schwärmte nicht mein Blick umher,
Und keine Neigung wuchs in meiner Brust.
Nun soll ich denken, was ich nie gedacht,
Und fühlen, was ich sittsam weggewiesen;
Soll mir den Gatten wünschen, eh' ein Mann
Sich liebenswert und meiner wert gezeigt,
Und jenes Glück, das Hymen uns verspricht,
Zum Rettungsmittel meiner Not entweihen.

GERICHTSRAT.

Dem wackern Mann vertraut ein Weib getrost,
Und wär' er fremd, ein zweifelhaft Geschick.
Der ist nicht fremd, wer teilzunehmen weiß,
Und schnell verbindet ein Bedrängter sich
Mit seinem Retter. Was im Lebensgange
Dem Gatten seine Gattin fesselnd eignet,
Ein Sicherheitsgefühl, ihr werd' es nie
An Rat und Trost, an Schutz und Hilfe fehlen,
Das flößt im Augenblick ein kühner Mann
Dem Busen des gefahrumgebnen Weibes
Durch Wagetat auf ew'ge Zeiten ein.

EUGENIE.

Und mir, wo zeigte sich ein solcher Held?

GERICHTSRAT.

Der Männer Schar ist groß in dieser Stadt.

EUGENIE.

Doch allen bin und bleib' ich unbekannt.

GERICHTSRAT.

Nicht lange bleibt ein solcher Blick verborgen!

EUGENIE;.

O täusche nicht ein leicht betrognes Hoffen!
Wo fände sich ein Gleicher, seine Hand
Mir, der Erniedrigten, zu reichen? Dürft' ich
Dem Gleichen selbst ein solches Glück verdanken?

GERICHTSRAT.

Ungleich erscheint im Leben viel, doch bald
Und unerwartet ist es ausgeglichen.
In ew'gem Wechsel wiegt ein Wohl das Weh
Und schnelle Leiden unsre Freuden auf.
Nichts ist beständig! Manches Mißverhältnis
Löst unbemerkt, indem die Tage rollen,
Durch Stufenschritte sich in Harmonie.
Und ach! den größten Abstand weiß die Liebe,
Die Erde mit dem Himmel, auszugleichen.

EUGENIE.

In leere Träume denkst du mich zu wiegen.

GERICHTSRAT.

Du bist gerettet, wenn du glauben kannst.

EUGENIE.

So zeige mir des Retters treues Bild.

GERICHTSRAT.

Ich zeig' ihn dir, er bietet seine Hand!

EUGENIE.

Du! welch ein Leichtsinn überraschte dich?

GERICHTSRAT.

Entschieden bleibt auf ewig mein Gefühl.

EUGENIE.

Der Augenblick, vermag er solche Wunder?

GERICHTSRAT.

Das Wunder ist des Augenblicks Geschöpf.

EUGENIE.

Und Irrtum auch der Übereilung Sohn.

GERICHTSRAT.

Ein Mann, der dich gesehen, irrt nicht mehr.

EUGENIE.

Erfahrung bleibt des Lebens Meisterin.

GERICHTSRAT.

O laß dir sagen: Wie, vor wenig Stunden
Ich mit mir selbst zu Rate ging und mich
So einsam fühlte, meine ganze Lage,
Verwirren kann sie, doch das Herz entscheidet.
Vermögen, Stand, Geschäft ins Auge faßte
Und um mich her nach einer Gattin sann,
Da regte Phantasie mir manches Bild,
Die Schätze der Erinnerung sichtend, auf,
Und wohlgefällig schwebten sie vorüber.
Zu keiner Wahl bewegte sich mein Herz.
Doch du erscheinest: ich empfinde nun,
Was ich bedurfte. Dies ist mein Geschick.

EUGENIE.

Die Fremde, schlecht Umgebne, Mißempfohlne,
Sie könnte frohen, stolzen Trost empfinden,
Sich so geschätzt, sich so geliebt zu sehn,
Bedächte sie nicht auch des Freundes Glück,
Des edlen Manns, der unter allen Menschen
Vielleicht zuletzt ihr Hilfe bieten mag.
Betrügst du dich nicht selbst? und wagst du, dich
Mit jener Macht, die mich bedroht, zu messen?

GERICHTSRAT.

Mit jener nicht allein! - Dem Ungestüm
Des rohen Drangs der Menge zu entgehn,
Hat uns ein Gott den schönsten Port bezeichnet.
Im Hause, wo der Gatte sicher waltet,
Da wohnt allein der Friede, den vergebens
Im Weiten du, da draußen, suchen magst.
Unruh'ge Mißgunst, grimmige Verleumdung
Verhallendes, parteiisches Bestreben,
Nicht wirken sie auf diesen heil'gen Kreis!
Vernunft und Liebe hegen jedes Glück,
Und jeden Unfall mildert ihre Hand.
Komm! rette dich zu mir! Ich kenne mich!
Und weiß, was ich versprechen darf und kann.

EUGENIE.

Bist du in deinem Hause Fürst?

GERICHTSRAT.

Ich bin's!
Und jeder ist's, der Gute wie der Böse.
Reicht eine Macht denn wohl in jenes Haus,
Wo der Tyrann die holde Gattin kränkt,
Wenn er nach eignem Sinn verworren handelt,
Durch Launen, Worte, Taten jede Lust
Mit Schadenfreude sinnreich untergräbt?
Wer trocknet ihre Tränen? Welch Gesetz,
Welch Tribunal erreicht den Schuldigen?
Er triumphiert, und schweigende Geduld
Senkt nach und nach, verzweifelnd, sie ins Grab.
Notwendigkeit, Gesetz, Gewohnheit gaben
Dem Mann so große Rechte; sie vertrauten
Auf seine Kraft, auf seinen Biedersinn. -
Nicht Heldenfaust, nicht Heldenstamm, geliebte,
Verehrte Fremde, weiß ich dir zu bieten;
Allein des Bürgers hohen Sicherstand.
Und bist du mein, was kann dich mehr berühren?
Auf ewig bist du mein, versorgt, beschützt.
Der König fordre dich von mir zurück
Als Gatte kann ich mit dem König rechten.

EUGENIE.

Vergib! Mir schwebt noch allzu lebhaft vor,
Was ich verscherzte! Du, Großmütiger,
Bedenkest nur, was mir noch übrigblieb.
Wie wenig ist es! Dieses wenige
Lehrst du mich schätzen, gibst mein eignes Wesen
Durch dein Gefühl belebend mir zurück.
Verehrung zoll' ich dir. Wie soll ich's nennen?
Dankbare, schwesterlich entzückte Neigung!
Ich fühle mich als dein Geschöpf und kann
Dir leider, wie du wünschest, nicht gehören.

GERICHTSRAT.

So schnell versagst du dir und mir die Hoffnung?

EUGENIE.

Das Hoffnungslose kündet schnell sich an!
                                                               



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