> Gedichte und Zitate für alle: J.W.v.Goethe: Die natürliche Tochter : 5 Akt 2 Szene

2019-08-17

J.W.v.Goethe: Die natürliche Tochter : 5 Akt 2 Szene




Zweiter Auftritt

(Die Vorigen. Der Gouverneur. Adjutanten.)

EUGENIE.

Dir in den Weg zu treten, darf ich's wagen?
Wirst du der kühnen Fremden auch verzeihn?

GOUVERNEUR (nachdem er sie aufmerksam betrachtet.)

Wer sich, wie du, dem ersten Blick empfiehlt,
Der ist gewiß des freundlichsten Empfangs.

EUGENIE.

Nicht froh und freundlich ist es, was ich bringe,
Entgegen treibt mich dir die höchste Not.

GOUVERNEUR.

Ist, sie zu heben, möglich, sei mir's Pflicht;
Ist sie auch nur zu lindern, soll's geschehn.
EUGENIE. Von hohem Haus entsproß die Bittende;
Doch leider ohne Namen tritt sie auf.

GOUVERNEUR.

Ein Name wird vergessen; dem Gedächtnis
Schreibt solch ein Bild sich unauslöschlich ein.

EUGENIE.

Gewalt und List entreißen, führen, drängen
Mich von des Vaters Brust ans wilde Meer.

GOUVERNEUR.

Wer durfte sich an diesem Friedensbild
Mit ungeweihter Feindeshand vergreifen?
EUGENIE. Ich selbst vermute nur! Mich überrascht
Aus meinem eignen Hause dieser Schlag.
Von Eigennutz und bösem Rat geleitet,
Sann mir ein Bruder dies Verderben aus,
Und diese hier, die mich erzogen, steht,
Mir unbegreiflich, meinen Feinden bei.

HOFMEISTERIN.

Ihr steh' ich bei und mildre großes Übel,
Das ich zu heilen, leider, nicht vermag.
EUGENIE. Ich soll zu Schiffe steigen, fordert sie!
Nach jenen Ufern führt sie mich hinüber!

HOFMEISTERIN.

Geb' ich auf solchem Weg ihr das Geleit,
So zeigt es Liebe, Muttersorgfalt an.

GOUVERNEUR.

Verzeiht, geschätzte Frauen, wenn ein Mann,
Der, jung an Jahren, manches in der Welt
Gesehn und überlegt, im Augenblick,
Da er euch sieht und hört, bedenklich stutzt.
Vertrauen scheint ihr beide zu verdienen,
Und ihr mißtraut einander beide selbst,
So scheint es wenigstens. Wie soll ich nun
Des wunderbaren Knotens Rätselschlinge,
Die euch umstrickt, zu lösen übernehmen?

EUGENIE.

Wenn du mich hören willst, vertrau' ich mehr.

HOFMEISTERIN.

Auch ich vermöchte manches zu erklären.

GOUVERNEUR.

Daß uns mit Fabeln oft ein Fremder täuscht,
Muß auch der Wahrheit schaden, wenn wir sie
In abenteuerlicher Hülle sehn.

EUGENIE.

Mißtraust du mir, so bin ich ohne Hilfe.

GOUVERNEUR.

Und traut' ich auch, ist doch zu helfen schwer.

EUGENIE.

Nur zu den Meinen sende mich zurück.

GOUVERNEUR.

Verlorne Kinder aufzunehmen, gar
Entwendete, verstoßne zu beschützen,
Bringt wenig Dank dem wohlgesinnten Mann.
Um Gut und Erbe wird sogleich ein Streit,
Um die Person, ob sie die rechte sei,
Gehässig aufgeregt, und wenn Verwandte
Ums Mein und Dein gefühllos hadern, trifft
Den Fremden, der sich eingemischt, der Haß
Von beiden Teilen, und nicht selten gar,
Weil ihm der strengere Beweis nicht glückt,
Steht er zuletzt auch vor Gericht beschämt.
Verzeih mir also, wenn ich nicht sogleich
Mit Hoffnung dein Gesuch erwidern kann.

EUGENIE.

Ziemt eine solche Furcht dem edlen Mann,
Wohin soll sich ein Unterdrückter wenden?

GOUVERNEUR.

Doch wenigstens entschuldigst du gewiß
Im Augenblick, wo ein Geschäft mich ruft,
Wenn ich auf morgen frühe dich hinein
In meine Wohnung lade, dort genauer
Das Schicksal zu erfahren, das dich drängt.

EUGENIE.

Mit Freuden werd' ich kommen. Nimm vorau
Den lauten Dank für meine Rettung an!

HOFMEISTERIN (die ihm ein Papier überreicht.)

Wenn wir auf deine Ladung nicht erscheinen,
So ist dies Blatt Entschuldigung genug.

GOUVERNEUR (der es aufmerksam eine Weile
angesehn, es zurückgebend.)

So kann ich freilich nur beglückte Fahrt,
Ergebung ins Geschick und Hoffnung wünschen.
                                                                  



Inhalt und Personen

Keine Kommentare: