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2019-08-31

J.W.von Goethe: Fragmente-Epilog zu Schillers Glocke (4)



Epilog zu Schillers Glocke

Erste Fassung

Schillers Lied von der Gloeke ward zu dessen Andenken, in Lauchstädt am 10. August 1805 dramatisch aufgeführt, mit einem Epilog von Goethe. Die sämtlichen Weimarischen Hofschauspieler
nahmen teil an der Feier. Der Schauplatzwar des Gießers Werkstätte. Schlußchor: vivos voco,fulgura frango, mortuos plango.

Concordia soll ihr Name sein!
Freude dieser Stadt bedeute,
Friede sei ihr erst Geläute!

Und so geschahs! Dem friedenreichen Klange
Bewegt' sich neu das Land, und segenbar
Ein frisches Glück erschien: im Hochgesange
Begrüßten wir das junge Fürstenpaar;
Im Vollgewühl, im lebensregen Drange
Vermischte sich die tätge Völkerschar,
Und festlich ward an die geschmückten Stufen
Die Huldigung der Künste vorgerufen.

Da hör ich schreckhaft mitternächtges Läuten,
Das dumpf und schwer die Trauertöne schwellt.
Ists möglich? soll es unsern Freund bedeuten?
An dem sich jeder Wunsch geklammert hält.
Den Lebenswürdgen soll der Tod erbeuten:
Ach! wie verwirrt solch ein Verlust die Welt!
Ach! was zerstört ein solcher Riß den Seinen!
Nun weint die Welt, und sollten wir nicht weinen?

Denn er war unser. Wie bequem gesellig
Den hohen Mann der gute Tag gezeigt,
Wie bald sein Ernst, anschließend, wohlgefällig,
Zur Wechselrede heiter sich geneigt:
Bald raschgewandt, geistreich und sicherstellig
Der Lebensplane tiefen Sinn erzeugt,
Und fruchtbar sich in Rat und Tat ergossen,
Das haben wir erfahren und genossen.

Denn er war unser: mag das stolze Wort
Den lauten Schmerz gewaltig übertönen.
Er mochte sich bei uns, im sichern Port,
Nach wildem Sturm zum Daurenden gewöhnen.
Indessen schritt sein Geist gewaltig fort
Ins Ewige des Wahren, Guten, Schönen.
Und hinter ihm, in wesenlosem Scheine,
Lag, was uns alle bändigt, das Gemeine.

Da schmückt' er sich die schöne Gartenzinne,
Von wannen er der Sterne Wort vernahm,
Das dem gleich ewgen, gleich lebendgen Sinne
Geheimnisvoll und klar entgegenkam.
Dort, sich und uns zu köstlichem Gewinne,
Verwechselt' er die Zeiten wundersam.
Nun sank der Mond, und zu erneuter Wonne
Vom klaren Berg herüber schien die Sonne.

Nun glühte seine Wange rot und röter
Von jener Jugend, die uns nie verfliegt,
Von jenem Mut, der, früher oder später,
Den Widerstand der stumpfen Welt besiegt,
Von jenem Glauben, der sich, stets erhöhter,
Bald kühn hervordrängt, bald geduldig schmiegt,
Damit das Gute wirke, wachse, fromme,
Damit der Tag dem Edlen endlich komme.

Doch hat er, so geübt, so vollgehaltig,
Dies bretterne Gerüste nicht verschmäht;
Hier schildert er das Schicksal, das gewaltig
Von Tag zu Nacht die Erdenachse dreht,
Und manches tiefe Werk hat, reichgestaltig,
Den Wert der Kunst, des Künstlers Wert erhöht.
Er wendete die Blüte höchsten Strebens,
Das Leben selbst an dieses Bild des Lebens.

So kennt ihr ihn, wie er mit Riesenschritte
Den Kreis des Wollens, des Vollbringens maß,
Durch Zeit und Land, der Völker Sinn und Sitte,
Das dunkle Buch mit heitrem Blicke las.
Doch wie er atemlos in unsrer Mitte
Im Leiden bangte, kümmerlich genas,
Das haben wir in traurig schönen Jahren,
Denn er war unser, leidend miterfahren.

Ihn, wenn er vom zerrüttenden Gewühle
Des bittern Schmerzens wieder aufgeblickt,
Ihn haben wir dem lästigen Gefühle
Der Gegenwart, der stockenden, entrückt,
Mit guter Kunst und ausgesuchtem Spiele
Den neubelebten edlen Sinn erquickt.
Und noch am Abend vor den letzten Sonnen
Ein holdes Lächlen glücklich abgewonnen.

Er hatte früh das strenge Wort gelesen,
Dem Leiden war er, war dem Tod vertraut.
So schied er nun, wie er so oft genesen;
Nun schreckt uns das, wofür uns längst gegraut.
Doch jetzt empfindet sein verklärtes Wesen
Nur Einen Wunsch, wenn es herniederschaut.
O! möge doch den heilgen, letzten Willen
Das Vaterland vernehmen und erfüllen.



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