> Gedichte und Zitate für alle: J.W.von Goethe: Fragmente-Epilog Gesprochen von Demoiselle Neumann, (2)

2019-08-31

J.W.von Goethe: Fragmente-Epilog Gesprochen von Demoiselle Neumann, (2)



Epilog

Gesprochen von Demoiselle Neumann,

in der Mitte von vielen Kindern, den letzten Dezember 1791

Sie haben uns herausgeschickt, die Jüngsten,
Zum neuen Jahr ein freundlich Wort
An euch zu bringen. Kinder, sagen sie,
Gefallen immer, rühren immer; geht,
Gefallt und rührt! Das möchten denn die Alten,
Die nun dahinten stehen, auch so gern
Und wollen hören, ob es uns gelingt.

Wir haben euch bisher von Zeit zu Zeit
Gefallen, und ihr habt es uns gezeigt;
Das hat uns sehr gefreut und aufgemuntert.
Doch haben leider wir von Zeit zu Zeit
Euch auch mißfallen; das hat uns betrübt
Und angefeuert. Denn man strebet fast
Viel stärker, zu gefallen, wenn man einmal
Mißfallen hat, als wenn man stets gefällt
Und endlich denkt, man müsse nur gefallen.
Drum bitten wir vor allen andern Dingen,
Was ihr bisher so gütig uns gegönnt:
Aufmerksamkeit; dann euren Beifall öfter,
Als wir ihn eben ganz verdienen mögen;
Denn wenn ihr schweigt, das ist das Allerschlimmste,
Was uns begegnen kann.

Und weil denn endlich hier nur von Vergnügen
Die Rede wäre, wünschen wir euch allen
Zu Hause jedes Glück, das unser Herz
Aus seinen Banden löst und es eröffnet:

Die schöne Freude, die uns Häuslichkeit
Und Liebe, Freundschaft und Vertraulichkeit
Gewähren mögen, hab uns auch das Glück
Hoch oder tief gestellt, viel oder wenig
Begünstigt; denn die allerhöchste Freude
Gewähren jene Güter, die uns allen
Gemein sind, die wir nicht veräußern, nicht
Vertauschen können, die uns niemand raubt,
An die uns eine gütige Natur
Ein gleiches Recht gegeben und dies Recht
Mit stiller Macht und Allgewalt bewahrt.

So seid denn alle zu Hause glücklich!
Väter, Mütter, Töchter, Söhne, Freunde,
Verwandte, Gäste, Diener! Liebt euch,
Vertragt euch! Einer sorge für den andern!
Dies schöne Glück, es raubt es kein Tyrann;
Der beste Fürst vermag es nicht zu geben.

Und so gesinnt, besuchet dieses Haus
Und sehet, wie vom Ufer, manchem Sturm
Der Welt und wilder Leidenschaften zu.
Genießt das Gute, was wir geben können,
Und bringet Mut und Heiterkeit mit euch;
Und richtet dann mit freiem reinen Blick
Uns und die Dichter. Bessert sie und uns!
auf die Kinder deutend
Und wir erinnern uns in späten Jahren
Mit Dank und Freude dieser schönen Zeit.



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