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2019-08-28

J.W.von Goethe: Fragmente-Maskenumzug Bei allerhöchster Anwesenheit........ (3)



Maskenumzug 
Bei allerhöchster Anwesenheit
Ihro Majestät der Kaiserin-Mutter
Maria Feodorowna in Weimar
den 18.12.1818

Als Ihro Kaiserliche Hoheit die Frau Erbgroßherzogin von Sachsen- Weimar-Eisenach hiernächst beschriebenen Festzug gnädigst anordneten, befahlen Höchstdieselben: daß dabei einheimische Erzeugnisse der Einbildungskraft und des Nachdenkens vorgeführt und auf die vieljährig und mannigfaltig gelungenen Arbeiten beispielweise hingedeutet werden solle. Hiernach wäre denn der Inhalt des nunmehr summarisch verzeichneten Charakter-Zuges aufzunehmen und zu beurteilen.

PROLOG.

Genius in Pilgertracht eröffnet den Zug, Weg' und Stege zu segnen. Zwei Knaben mit Reisetafeln (Itinerarien), die bisher vollbrachte Reise symbolisch anzudeuten und sich derselben zu freuen. Drei Monate treten auf. Oktober, des Allerhöchsten Geburtsfestes sich rühmend, in Gestalt eines wein- und fruchtbekränzten Genius. November in Jägergestalt; fröhlicher Geleitsmann des bisherigen Zuges durch so manche Länder, Zeuge erfreulichster Namensfeier. Dezember, hausmütterlich herantretend, mit Kindern, die an den Weihnachtsgeschenken, noch mehr aber an Allerhöchster Gegenwart und Gunst sich ergetzen und ein herannahendes, der Welt segenreiches Geburtsfest ankündigen.

Die Nacht, ihrer Herrschaft über die ganze gegenwärtige Jahreszeit sowie über die Feststunden sich anmaßend, führt den Schlaf herein, von Träumen umgeben, deren Auslegung sie versucht. Alle deuten auf die höchsten Glückseligkeiten der Erde, welche den meisten Menschen nur als Wunsch und Traum erscheinen, Begünstigten aber als Wirklichkeit verliehen sind.

Drei Verschwisterte treten auf. Epos, die Heldendichtung, sonst nur Unheil unter den Großen besingend, erfreut sich glückbringender Einigkeit der höchsten Herrscher. Tragödie, gleichsam wie aus einem Traume erwacht, wird gewahr, daß das Ungeheure auch einmal heilbringend sei. Komödie fühlt sich heiter in den übrigen, geht, sich mit der Menge zu verbinden und des Tages zu genießen. Jene beiden andern aber, ohne ihren Charakter abzulegen, erbieten sich, dem heutigen Feste zu dienen und, was allenfalls einer Aufklärung bedürfte, nachzuweisen.

Festzug

Die Urne tritt auf, in der Überzeugung, daß sie das Rätselhafte dieser Gestaltenreihe am besten zu deuten wisse. Wielands Charakter, dessen Denk- und Dichtweise wird von ihr umrissen, das glückliche Verhältnis zu seiner Fürstin berührt, des Tiefurter Aufenthaltes mit Anmut gedacht.

Musarion tritt auf, begleitet von Phanias und zwei philosophischen Gegnern. Die Lehre von Mäßigung, Genügsamkeit, heiterm Genuß und stiller Duldung wird, nach des Dichters eigenster Weise, kürzlich ausgelegt. Oberon und Titania, mit Feen und Elfen erscheinend, gestehen, wie sie ihre Wiedervereinigung diesem schönen Tage verdanken, und bekennen sich als Lehnsleute der
Allerhöchsten Gäste.

Hüon und Amanda, durch der kleinen Geister Versöhnung auch mit ihrem Schicksal ausgesöhnt, bezeigen sich dankbar für die segenreiche Wirksamkeit. Scherasmin und Fatime stimmen ein.

Der Übergang zu Herders Leistungen führt uns auf dessen schöne Eigenschaft: die Stimmen aller Völker zu vernehmen und aus ihren heimischen Tönen auf die Eigenheiten ihrer Neigungen, Tugenden und Fehler zu schließen. Deshalb sind Legende und Barde vorgeführt. Terpsichore, noch gewöhnt an patriotische Klagen, aber begleitet, ermuntert, im höheren Sinne hergestellt durch Adrastea, die Allrichtende und Ausgleichende.

Nun aber treten auf Aon und Aonis. Er, als alter Griesgram, keineswegs erbaut von so viel Neuerungen des Tages; sie aber, lebendig heiter, jung, der jungen Gegenwart gemäß, versteht ihn zu beschwichtigen, wozu das herzerhebende Fest ihr die besten Beweggründe darreicht.
Erinnernd an die herrlichste Epoche spanischer Rittertage, zeugend vom Übergewicht christlicher Heldenkraft über mahometanischen Hochsinn, erscheinen Cid, Ximene, Uraka. Was sie andeuten, bringt jene den Deutschen so tüchtig als erfreulich überlieferte Romanzenreihe wieder zur Gegenwart.

Zu den Bemühungen eines lebenden Dichters folgt hierauf der Übergang. Die Ilme tritt abermals hervor, und indem sie ihm die Beständigkeit seiner Neigung zu ihr zum Verdienst macht, rechtfertigt sie die ihrige. Ein Überblick theatralischer Behandlung wichtiger Weltbegebenheiten wird gefordert, da alle folgenden Glieder des Zuges dramatische Werke sind.

Mahomet erscheint mit Palmyren und Seiden. Als Musterbild dramatischer Beschränkung in Ansehung der Handlung, der Zeit und des Ortes, wie solche früher die Alten, späterhin besonders die Franzosen beliebt, kann diese Darstellung wohl gelten.

Die Aussicht auf eine freiere Dichtart wird gegeben. Götz von Berlichingen tritt auf, von den Seinigen begleitet, mit Gegnern ausgesöhnt. Wir sehen Gattin, Sohn und Schwester, voran den treuen Georg. Weislingen, Adelheid und Franz dürfen nicht fehlen. Landvolk zeigt sich, den einfachen Lebensgenuß zur verworrensten Zeit, Zigeuner dagegen, den gesetzlichen Zustand aufgelöst anzudeuten. Doch wagt eine jüngere, durch sinnvolle Sprüche die harten Vorwürfe von
sich und den Ihrigen abzulehnen und auch sich und ihre Sippschaft höchster Gunst würdig darzustellen.

Das Personal von Faust gibt Anlaß zu einem umgekehrten Menächmenspiel. Hier sind nicht zwei, die man für einen halten muß, sondern ein Mann, der im zweiten nicht wieder zu erkennen ist. Faust als Doktor, begleitet von Wagner; Faust als Ritter, Gretchen geleitend. Die Zauberin, die das Wunder geleistet, mit glühendem Becher, tritt zwischen beiden Paaren auf. Mephistopheles verläßt Marthen, um seine Gesellschaft selbst zu exponieren. Er deutet auf eine zweite Erscheinung. Zum Zeugnis, daß dies alles in heiterer gewohnter Welt vorgehe, ist noch frische Jugend damaliger Zeiten vorgeführt.

Die Tragödie meldet sich nun, als an ihrer eigensten Stelle, da sie Musterbilder von Schillers Werken vorzuführen hat. Braut von Messina tritt auf: Mutter und Tochter, das verwaiste Paar, von Aurora eingeführt. Der Charakter dieser Schicksalstragödie wird vorgetragen, derselben Wert und Würde hervorgehoben. Indem aber das Bild einer solchen mit furchtbarer Konsequenz und doch zwecklos handelnden Macht, von entschiedener Meisterhand, sich uns grauenvoll entgegenstellt, sind wir zum düstersten Punkt des Ganzen gelangt, nur aus höheren Regionen zu erhellen.

Wilhelm Tell, begleitet von allen Gestalten, die ihm durch Legende und Dichtung vorlängst zugegeben worden. Uns freut vor allem sein glücklich erworbenes Kind. Walter Fürst, Werner Stauffacher, Arnold Melchtal, ewig bund- und eidgenossene Namen! Auch die tüchtigen und gutgesinnten Hausfrauen zieren die Gesellschaft; so wie die bisher abgesonderten Geschlechter, Rudenz und Bruneck, sich gerne fügen. Mehrere Landsleute werden willkommen geheißen.
Ja sogar die Gestalt Geßlers wagt es, versöhnt unter seinen Widersachern aufzutreten.

Aber indem der Zug ernst und mutig herantritt, findet er sich fast überrascht, einen freieren Boden zu betreten als den, woher sie gekommen. Sie preisen die Gegend glücklich, wo der Fürst sich mit den Seinigen verbündet, damit das anerkannte Gesetz auch sogleich zur entschiedenen Ausführung gelange, und Recht gegen Recht sich nicht bloß durch Hinderungen dartue.

Von dieser sich untereinander bestärkenden Gesellschaft werden wir zur Betrachtung eines einzelnen Mannes geführt der die Kräfte vieler Tausende in sich vereinigt fühlte. Wallenstein tritt auf in seiner Kraft, die zarte nachgiebige Gattin an seiner Seite. Dämonisch begleitet ihn Gräfin Terzky an der anderen. Max, Thekla und ihre vertraute Neubrunn ahnen die bevorstehenden Schicksale nicht. Höchste Selbständigkeit, gewaltige Einwirkung auf andere, ruhig durchgeführte Plane bezeichnen den außerordentlichen Mann. Aber ach! zu große Selbstsucht, wankende Treue vergiften sein hohes Gemüt. Zweifel am Gegenwärtigen, Furcht vor dem Zukünftigen beunruhigen, verwirren ihn sogar. Der Sterndeuter will belehren, will töricht auf die Richtung hinweisen, die der Mann seinem eignen Charakter verdanken sollte. Wallensteins Lager verleiht uns eine Musterkarte des seltsame Heeres, welches der anziehende Name des weit berühmten Helden zusammengerufen. Eingeführt werden sie auf ihre eigene Weise, und wir treffen hier auf den heitersten Punkt unserer Darstellungen.

Tieferes Nachdenken erregt die folgende Abteilung, wo, nach einem vielversprechenden Fragmente Schillers, der Wendepunkt russischer Geschichte angedeutet werden sollte. Wir sehen dieses hohe würdige Reich in beklagenswerter Verwirrung unter einem tüchtigen und untüchtigen Usurpator: Boris und Demetrius. Schwer ist solch ein Zustand zu schildern, der den Geist des Beobachters niederdrückt; herzerhebend hingegen die Aussicht auf das Glück, das nachher aus einer reinen ununterbrochenen Erbfolge entspringt. Marina, Axinia, Odowalsky zieren die Gruppe.

Möge, nach so viel Ernst, ein leichtsinniges Märchen zum Schlusse gefallen. Altoum, fabelhafter Kaiser von China, Turandot, seine rätselliebende Tochter, stellen sich vor. Kalaf, ein kühner Bewerber, Adelma, eine leidenschaftliche Nebenbuhlerin, Zelima und ein wunderliches Maskengefolge erbittensich, wie dem Ganzen, Geneigtheit und Nachsicht. Die Ilme kann sich nicht versagen, noch einmal zu erscheinen und ihren höchsten Stolz auf den heutigen Tag zu bekennen. Auf ihrer Spur tritt festlich froh, jedoch über das lange Verweilen der Nacht, über zudringliche Darstellung allzuvieler poetischer Erzeugnisse gleichsam ungeduldig, herein der Tag, begleitet von Pallas Athene, welche den Bund mit ihrer so lange begünstigten getreuen Stadt feierlichst erneuert, und von Klio, die sich verpflichtet deren Ruhm aufs neue, gegenwärtiges Fest verkündend, in aller Welt auszubreiten. Vorgeführt werden sodann Künste und Wissenschaften. Alle, bisher von dem höchsten Hause für mannigfaltige Dienste gepflegt und gewartet, widmen und empfehlen sich einer frohen glücklichen Nachkommenschaft.


FESTZUG

dichterische Landeserzeugnisse, darauf aber Künste und Wissenschaften vorführend

PROLOG

Genıus als Pilgrim. Zwei Knaben mit Reisetafeln

Eure Pfade zu bereiten
Schreit ich allen andern vor,
Treuer Genius der Zeiten,
Leicht gehüllt in Pilgerflor.
Auf den Zwillingstafelflächen
Seht ihr manchen heitern Raum,
Grünend, blühend wie von Bächen
Aufgeregten Frühlingstraum.
Flüsse blinken, Städte prunken,
Wie das Licht den Äther schwellt,
Kreis’ auf Kreise, Funk’ aus Funken,
Und die Welrtist erst die Welt.

Sehen wir am Himmelsbogen
Bilder glänzend ausgesät,
Räumehast Du nun durchzogen
Wo Du Tochterglück erhöht.
Sehn wir Enkel Dich umschweben,
Reichlich, wie Granate glüht,
Segnen wir das Blütenleben:
Denn Dubist es, die erblüht.

Nacht  allein, tritt auf

So tret ich vor mit nie gefühlter Wonne,
Mein düstrer Schleier hebt sich vom Gesicht.
Die Majestät ist milder als die Sonne,
Denn ihre Gegenwart vertreibt mich nicht.
Doch wenn ich denke, daß ich alles fülle,
Daß nur in mir die hellste Sonne strahlt,
Auf dunklem Grunde blinkend, lieblich, stille
Sich Stern an Stern in ewgen Bildern malt:
Dann möcht ich viel verkünden, viel erzählen,
Jedoch mein Mund,der unberedte, schweigt.
Wo ist ein Gold zu Fassung der Juwelen?
Wo ist ein Schmuck, der diesem sich vergleicht?

Drei Monate treten auf
Nacht fährt fort

Drei Monden sind es, die mir Gunst erweisen,
Stets länger, breiter dehnt mein Reich sich aus;
Ich kann sie diesmal hoch und herrlich preisen:
Denn sie verherrlichen das höchste Haus.

Oktober als Weingott

Wenn dieser sich mit Kranz auf Kranz bekränzt,
So wird man ihm den Stolz vergeben;
Wenn Übermut von Stirn und Auge glänzt,
Er deutet hin aufs reichbegabte Leben.
Wie er sich auch mit Rankenfreudig ziert,
Wie honigsüß die Kelter fließen mag,
Das ist es nicht: denn ihm allein gebührt
Des Festes Fest, ein auserwählter Tag;
Ein Tag, so hehr im Zeitenkreis gestellet,
Der fünfundzwanzigste bleibt seine Zahl,
Der Sie dem Licht, ein neues Licht, gesellet,
Sich wiederhol er überzähligmal.

November als Schütze

Dieser, der nach Jägerweise
Wälder, Berg und Tal durchstreift,
Tritt herbei zu Deinem Preise,
Da er nicht im Weiten schweift,
Nein! das schöne Glück ergreift,
Zu begleiten Deine Reise.

Hinter Ceres Flügelwagen
Wies ich still die Furche schließt,
Und nach mildvergangnen Tagen
Sich das Erntefest ergießt:
Wird er so auf grünen Höhen,
Auf der goldnen Saaten Flur
Immerfort gesegnet sehen
Deines Zuges reiche Spur.

Dezember als Mutter, mit zwei Kindern
Der Weihnachtsbaum war mütterlich geschmückt,
Die Kinder harrten mit Verlangen,
Und das Ersehnte wird herangerückt,
Das holde Fest wird glanzvoll früh begangen.
Was Kinder fühlen, wissen wir nicht leicht! —

Zum Kinde

Magst du, mein Schatz! dich unterwinden
Und, wie es dir im stillen Herzen deucht,
Mit lauter Stimme selbst verkünden?

Weihnachtskind

Der Winter ist den Kindern hold,
Die jüngsten sinds gewohnt.
Ein Engel kommt, die Flüglein Gold,
Der guten Kindern lohnt.
Sie sind geschickt, sie sind bereit
Zu mancher Jahre Lauf;
Nun sind wir fromm auf Lebenszeit,
Der Himmel tat sich auf.
Sie kommen, bringen, groß wie mild,
Ein einzig Weihnachtsfest!
Auf Erden bleibet ihr sein Bild,
Auch uns im Herzenfest.

Ich weiß, wir dürfen Dir uns nahn,
Uns gönnst Du jede Zeit;
Wieselig ist es, zu empfahn,
Und Dank ist Seligkeit.
Bedürfnis macht die Kinder gleich,
Sie blickt und hilft geschwind.
Denn hoch und niedrig, arm und reich,
Das alles ist ihr Kind.

Schlaf und Nacht
Letzte spricht

Er schwankt heran, er kann mich nicht entbehren,
Der holde Knabe! Sanft auf mich gelehnt,
Steht er geblendet! —

Zum Schlafe Kann dir nicht gewähren,
Wonach du dich schon stundenlang gesehnt:
Hier ist nicht Ruh, hier sind nicht weiche Pfühle;
Jedoch, wie sonst, vertraue mir.
Ich schirme dich im glänzenden Gewühle,
Was andre sehn, im Traume zeig ichs dir.
Sie fährt fort, die Träume auszulegen.

Vier Träume, menschliche Wünsche
und Glückseligkeiten vorstellend

Erhaben stehn auf höchster Stelle,
Die Welt regieren, ihr zum Heil,
Am Steuer herrschend über Sturm und Welle,
Sei wenigen, den Würdigsten zuteil.

Doch pflichtgemäß, befehlgemäß zu handeln,
Befördern das gemeine Glück,
Im lichten Abglanz ehrenvoll zu wandeln,
Sei mehrerer, sei des Verdiensts Geschick.

Wem der Besitz von Geld und Gut gelungen,
Erhalte, was ihm angehört.
Das haben viele sich errungen;
Genießen sie es ungestört.

Doch wieder jung in seinen Kindern werden,
Auf ewige Tage sich zu freun,
Das ist das höchste Glück auf Erden
Und ist der ganzen Welt gemein.

Mich zieht es weg, ich darf nicht länger säumen
Und sage mit Besonnenheit:
Das alles kann ein jeder träumen,
Euch ganz allein ists Wirklichkeit.

Er träume fort und schaue geistgen Blicks,
Was euch die Götter Günstges zubereiten.
Wir, wachend glücklich, Zeugen eures Glücks
Und hochgetrost für ewige Zeiten.

Drei Dichtarten
Epos,Tragödie, Komödie

Eros Mit Zuversicht darf ich mich hier erheben,
Dem Allergrößten war ich stets vertraut.
Wenn andre staunen, wenn verwirrt sie beben,
Da fühl ich mich von Grund aus auferbaut.
Adchillen hegt ich, hegt Ulyssen kräftig,
Im Tiefsten froh, an heitrer Lebensbrust,
Und alles andre, was umher geschäftig
Im Heldenleben rang zu Schmerz und Lust;
So zuversichtlich trat ich hier herein,
Nun schein ich mir nur mein Gespenst zu sein.

Sonst wiederholt ich, wie die Herrn der Scharen,
Achill und Agamemnon, sich entzweit;
Den Jammer um Patroklos, Hektors Bahren
Erhielt ich laut durch alle Folgezeit;
Mitteilt ich tausend, abertausend Jahren
Der Griechen, der Trojaner Herzeleid.
Das will nun alles abgetan erscheinen,
Die Großen sehn sich, einen sich, vereinen.

Tragödie

 Das Ungeheure war mir anempfohlen,
Und ich behandelt es im höchsten Sinn;
Wohin ich trat, erglühten mir die Sohlen
Von Leidenschaften, gräßlicher Gewinn!
Heut aber muß ich eigens mich erholen,
Indem ich Zeit und Ort entfremdet bin.
Das Ungeheure ward nun! — Doch zum besten
Verklärte sichs, verklärte sichs zu Festen.

Komödie

Ich aber, Schwestern, kann mich nicht verleugnen,
Mit frohem Sinneblick ich alles an.
Hier kannsich nichts als Freudiges ereignen;
Ich brauche nichts zu tun, es ist getan.
So will ich mich in dieses Band verweben,
Und wasmir ähnelt, führ ich froh heran.
Hier seh und fühl ich ein erregtes Leben,
Ich teile, was ich sonst gegeben. Entfernt sich.

Eros 

Die Wirkung dieses Festes fühl ich gleich;
Ein neuer Sinn muß uns vereinen.
Den Rücken kehr ich meinem Schlachtenreich,
Und du, enthalte dich von Klag und Weinen.
Wir sind verändert! — Stolzes Tatgepränge
Zu keinem Ziel und Zweck ist uns ein Schaum;
Verwirrtes Wogen unverständger Menge,
Von allen Träumen ists der schwerste Traum.
Notwendigkeit und Schicksal! herbe Strenge! —
Hervor, o Schwester, frei im freisten Raum!
Nicht störrisch darf sich Leidenschaft erkühnen;
Die schönste Leidenschaft ist, hier zu dienen.

Tragödie

Den preise selig, der erfährt,
Was Millionen sich erflehen!
Was jedes Kind, was jeder Greis begehrt:
Von eurem Blick ermuntert hier zu stehen;
Dies hohe Glück ist uns gewährt.
Wie Geist und Liebe diesen Saal durchwehen,
Dem Fühlenden Gefühl begegnet,
Wie jeder sich im Ganzen segnet,
Gelinge lieblich zu enthüllen
Uns, eurem Dienst entzündeten Sibyllen!

Eros 

Den Jubel hör ich schon des muntern Zuges,
Wie froh beschleunigt jeder seinen Gang:
Denn was ihm heut gewährt ist, raschen Fluges,
Bleibt würdiger Schatz das ganze Leben lang.
Nur augenblicks an dieser Stelle halten,
Von euch bemerkt, euch nah zu stehn,
Ist höchste Gunst, die sämtliche Gestalten
Durch meinen Mund vorläufig anerflehn.
Damit jedoch in solchem Lustgetümmel
Der Sinn erscheine, der verschleiert liegt,
Gestaltenreich, ein überdrängt Gewimmel
Dem innern Sinn sowie dem äußern gnügt:
So melden wir, daß alles, was vorhanden,
Durch Musengunst den Unsrigen entstanden.

Tragödie

„Man hält mit jedem Stoffe sich geschmückt,
Wenn er ein Landserzeugnis! — Mag der beste
Dem Ausland bleiben! — Eigner Fleiß beglückt
Und eignet sich dem Anschaun höchster Gäste.“
So sagte jene, die uns angeregt,
Selbsttätig weiß uns alle zu beseelen;
Geschieht nunmehr, was sie uns auferlegt,
So können wir in keinem Sinne fehlen.

Was von Erzeugnissen dem Dichtergeist
Im stillen Tal der Ilme längst gelungen,
Ist mehrenteils, was dieser Zug beweist.
Er kommt, Gestalt Gestalten aufgedrungen.

Und wenn die Guten — sag ichs nur gerührt —
Die uns der Welt Bedeutnisse gegeben,
Vorüber sind, so sei zu Lust und Leben,
Was sie vermocht, vor diesen Tag geführt.

Eros

„Wenn vor deines Kaisers Throne
Oder vor der Vielgeliebten
Je dein Name wird gesprochen
Sei es dir zum höchsten Lohne.
Solchen Augenblick verehre,
Wenn das Glück dir solchen gönnte!“

Tragödie

Also klingt vom Oriente
Herdes Dichters weise Lehre.

Glücklich preisen wir die Guten,
Die wir jetzt zu nennen wagen,
Die, in kurzvergangnen Tagen,
Weggeführt des Lebens Fluten.

Die Ilme tritt auf

Wenn die Ilme, still im Tale,
Manchen goldnen Traum gegängelt,
So erlaubt, daß hoch im Saale
Sie den Feierzug durchschlängelt.

Denn ich muß am besten wissen,
Wie das Rätsel sich entsiegelt;
Die sich solcher Kunst beflissen,
Haben sich in mir bespiegelt.

Droben hoch an meiner Quelle
Ist so manches Lied entstanden,
Das ich mit bedächtger Schnelle
Hingeflößt nach allen Landen.

Lebensweisheit, in den Schranken
Der uns angewiesnen Sphäre,
War des Mannes heitre Lehre,
Dem wir manches Bild verdanken.

Wieland hieß er! Selbst durchdrungen
Von dem Wort, das er gegeben,
War sein wohlgeführtes Leben
Still, ein Kreis von Mäßigungen.

Geistreich schaut’ er und beweglich
Immerfort aufs reine Ziel,
Und bei ihm vernahm man täglich:
Nicht zu wenig, nicht zu viel.

Stets erwägend, gern entschuldgend,
Oft getadelt, nie gehaßt;
Ihr mit Lieb und Treue huldgend,
Seiner Fürstin werter Gast.

Musarion

Phanias spricht

Ein junger Mann von schönen Gaben,
Von edlem Sinn und rascher Lebenslust,
Um Anteil an der Welt zu haben,
Eröffnet ihr die hoffnungsvolle Brust.
Gesellen, Freunde, weibliche Gestalten
Von großer Schönheit kreisen um den Tag.
Bei Fest und Sang, wo Freud und Liebe walten,
Gewährt das Glück, was es im Glanz vermag.
Doch solch ein Rausch reich überdrängter Stunden
Er dauert nicht. — Und alles ist verschwunden.

Er steht allein! Jetzt soll Philosophie,
Bald ernst, bald schwärmerisch, ihn heilen;
Die eine fordert streng, die andre würdigt nie,
Am Boden tätig zu verweilen,
Den sie bebauen sollte. Zweifelhaft
Wird nun der Sinn, gelähmt ist jede Kraft,
Verdüstert Haupt, erfrostet alle Glieder:
So wirft er sich am Scheidewege nieder.

Ein Mädchen kommt, die er geliebt,
Aus falschem Argwohn sie verlassen.
Sie ists, die ihm die besten Lehren gibt:
„Warum das Leben, das Lebendge hassen?
Beschaue nur in mildem Licht
Das Menschenwesen, wiege zwischen Kälte
Und Überspannung dich im Gleichgewicht;
Und wo der Dünkel hart ein Urteil fällte,
So laß ihn fühlen, was ihm selbst gebricht;
Du, selbst kein Engel, wohnst nicht unter Engeln,
Nachsicht erwirbt sich Nachsicht, liebt geliebt.
Die Menschen sind trotz allen ihren Mängeln
Das Liebenswürdigste, was es gibt.
Fürwahr, es wechselt Pein und Lust;
Genieße, wenn du kannst, und leide, wenn du mußt,
Vergiß den Schmerz, erfrische das Vergnügen.
Zu einer Freundin, einem Freund gelenkt,
Mitteilend lerne, wie der andre denkt.
Gelingt es dir, den Starrsinn zu besiegen,
Das Gute wird im ganzen überwiegen.“

Wer von dem höchsten Fest nach Hause kehrt
Und findet, was Musarion gelehrt:
Genügsamkeit und tägliches Behagen
Und guten Mut, das Übel zu verjagen,
Mit einem Freund, an einer Liebsten froh —
Der Größt und Kleinste wünscht es immer so.
Gesteht, es war kein eitles Prangen,
Mit diesem Bild den Schauzug anzufangen.

Erste Elfe

 Das kleine Volk, das hier vereint
In luftigem Gewand erscheint,
Sind Geister voller Sinn und Kraft;
Doch wie der Mensch voll Leidenschaft.

Der König und die Königin,
Titania, Oberon genannt,
Entzweiten sich aus Eigensinn
Und wirkten, schadenfroh entbrannt.
An heut jedoch im höchsten Flor
Und Glanze treten sie hervor.
Längst an Verdruß und Zorn gewöhnt,
Sie haben heute sich versöhnt,
Wohl wissend, wie vor eurem Blick
Mißwollen bebt und Haß zurück.

Denn daß die Wesen sich entzwein,
Das möchte ganz natürlich sein;
Jedoch Natur, beherrscht von euch,
Gern unterwirft sich eurem Reich,
Und jedes Gute, das ihr tut,
Kommt vielen andern auch zugut.

Zweite Elfe

So ist es! Dieser junge Held,
Gar wohl gepaart vor euch gestellt,
Der Hüon heißt, Amandasie,
Litt große Not und herbe Müh,
Weil Zwist in dieser Geister Schar
Auch Zwist in seinem Schicksal war.

Das alles habt ihr abgestellt,
Den Himmel diesem Kreis erhellt.
Und Hüon hats verdient! Die schwerste Tat
Ward ihm geboten; diese schafften Rat.

Mehr darf ich mich zu sagen nicht erkühnen.
Doch es beweist sich, daß es Wahrheit sei:
Gott, seinem Kaiser, Einem Liebchen treu,
Dem müssen alle Geister dienen.

Die Ilme

Ein edler Mann, begierig, zu ergründen,
Wie überall des Menschen Sinn ersprießt,
Horcht in die Welt, so Ton als Wort zu finden,
Das tausendquellig durch die Länder fließt.
Die ältesten, die neusten Regionen
Durchwandelt er und lauscht in allen Zonen.

Und so von Volk zu Volke hört er singen,
Was jeden in der Mutterluft gerührt,
Er hört erzählen, was von guten Dingen
Urvaters Wort dem Vater zugeführt.
Das alles war Ergötzlichkeit und Lehre,
Gefühl und Tat, als wenn es Eines wäre.

Was Leiden bringen mag und was Genüge,
Behend verwirrt und ungehofft vereint,
Das haben tausend Sprach- und Redezüge,
Vom Paradies bis heute, gleich gemeint.
So singt der Barde, spricht Legend und Sage,
Wir fühlen mit, als wärens unsre Tage.

Wenn schwarz der Fels, umhangen Atmosphäre
Zu Traumgebilden düstrer Klage zwingt,
Dort heiterm Sonnenglanz im offnen Meere
Das hohe Lied entzückter Seele klingt —
Sie meinens gut und fromm im Grund, sie wollten
Nur Menschliches, was alle wollen sollten.

Wos ichs versteckte, wußt ers aufzufinden,
Ernsthaft verhüllt, verkleidet leicht als Spiel;
Im höchsten Sinn der Zukunft zu begründen:
Humanität sei unser ewig Ziel.
O, warum schaut er nicht, in diesen Tagen,
Durch Menschlichkeit geheilt die schwersten Plagen!

Terpsichore. Adrastea

Terpsichore 

Denn ach, bisher das goldne Saitenspiel
Terpsichores ertönte nur zu Klagen,
Ein Lied erklang aus schmerzlich tiefer Brust:
Die Welt umher, sie lag zerrissen,
Entflohn die allgemeine Lust!
Das Leben selbst, man konnt es missen.
Doch Adrastea zeigte sich,
Des Glückes Ara war gegeben,
Vergangenheit und Zukunft freuten sich,
Das Gegenwärtge ward zum Leben.

Aon unD Äonis 

Letzte spricht

Das Gegenwärtge kommt in doppelter Gestalt,
Ihr seht es jung, ihr seht es alt;
Zusammen gehen sie noch eine kleine Strecke,
Ungleicher Schritt befördert nie,
Die Zeit verschiebt nicht nur die Zwecke,
Auch andre Mittel fordert sie.
So weise, klug er auch gehandelt,
Ein halb Jahrhundert aufgeklärt,
Auf einmal anders wird gewandelt,
Und andre Weisheit wird gelehrt.
Was galt, es soll nicht weiter gelten,
Nichts mehr von allem ist erprobt,
Das, was er schalt, darf er nicht schelten,
Nicht loben, was er sonst gelobt;
Sogar in seinen eignen Hallen
Verkündet man ihm fremde Pflicht,
Man sucht nicht mehr, ihm zu gefallen,
Wo er befiehlt, gehorcht man nicht.

Er würde sich das Leben selbst verkürzen,
Verzweifelnd sich zum Orkus stürzen;
Doch seine Tochter hält ihn fest,
Versteht, ihn lieblich zu erfreuen,
Beweist mit tausend Schmeicheleien,
Daß er sich selbst weit hübscher hinterläßt.
Was ihm entging, sie hats gewonnen,
Und ihr Gefolg ist ohne Zahl;
Was ihn verließ, es kam ihr nachgeronnen,
Was ihm nicht mehr gelingt, gelingt ihr tausendmal.
Zum Glücke laßt ihr uns herein:
Denn solch ein Fest konnt er sich nicht erwarten;
Er sieht: es blüht ein neuer Garten,
Der blüht für mich; was mein ist, bleibt auch sein.
Er fühlt sich besser als in besten Zeiten,
Ist neubelebt und wird mich froh begleiten.

Cid

Eros

Wer ist hier so jung an Jahren,
Weltgeschicht und Dichtung fremde,
Der verehrend nicht erkennte
Solcher Namen Hochgewicht?

Hier ist Cid und hier Ximene,
Muster jedes Heldenpaares,
Donna Uraka, die Infantin,
Zarter Liebe Musterbild.

Wie der Jüngling, fast ein Knabe,
Ehre seines Hauses rettet;
Aber sie den Vatermörder
Auf den Tod verfolgend liebt.

Wie er Könige der Heiden
Überwindet zu Vasallen;
Seinem Könige getreuster,
Bald erhoben, bald verbannt.

Und Ximene, Hauses Mutter,
Rein beschränkt auf ihre Töchter,
Wenn Urakastill im Herzen
Hegt ein frühgeliebtes Bild.

Wer ist hier so jung an Jahren,
Weltgeschicht und Dichtung fremde,
Der verehrend nicht gedächte
Solcher Namen Hochgewicht?

Aber ach! die Jahre weichen,
Und es weicht auch das Gedächtnis;
Kaum von allerhöchsten Taten
Schwebt ein Schattenbild uns vor.

Und so eile nun ein jeder,
Wie ihm freie Zeit geworden,
Frisch das Heldenlied zu hören,
Wie es unser Herder gab,

Den wir nur mit Eile nennen,
Den Verleiher vieles Guten,
Daß nicht tiefgefühlte Trauer
Diesen Tag verdüstere.

Die Ilme

Da bin ich wieder, lasse mir nicht nehmen,
Den anzukündgen, der nun folgen soll.
Er muß sich jetzt zur Einsamkeit bequemen;
Doch ist sein Herz euch treu und liebevoll.
Er dankt mir viel, ich weiß, daß er nicht wanket,
Ich will ihm wohl, weil er mirs treu verdanket.

Die Bäume sämtlich, die mich hoch umschatten,
Die Felsen, rauh und seltsam angegraut,
Der Hügel Grün, das Grünere der Matten,
Sie haben ihm ein Paradies gebaut;
Doch heute ließ er gern den Kreis der Erden,
Nur um das Glück, vor euch genannt zu werden.

Doch seid ihm gnädig, wohlgestimmt erduldet,
Wenn Seltsames vielleicht vor euch erscheint.
Als Dichter hat er manches zwar verschuldet,
Im höhern Sinne war es gut gemeint.
Ich sehe mich allein, die andern fehlen,
Da nehm ich mir ein Herz und wills erzählen.

Weltverwirrung zu betrachten,
Herzensirrung zu beachten,
Dazu war der Freund berufen,
Schaute von den vielen Stufen
Unsres Pyramidenlebens
Viel umher und nichts vergebens:
Denn von außen und von innen
Ist gar manches zu gewinnen.

Daß nun dies auch deutsche Leute
Bei Gelegenheit erfreute,
Ließ er auf der Bühne schauen
Heldenmänner, Heldenfrauen,
Wenige zuerst, dann viele
Kamen zum belebten Spiele,
Immer nach verschiednen Formen,
Strengen und befreiten Normen;
Da denn unter diesem Haufen
Allerlei mag unterlaufen,
Womit ich mich nicht befasse,
Sondern bittend euch verlasse:
Daß ihrs freundlich mögt beschauen,
Hohe Herrn und hohe Frauen.

Mahomet

Tragödie

Der Weltgeschichte wichtiges Ereignis:
Erst Nationen angeregt,
Dann unterjocht und mit Prophetenzeugnis
Ein neu Gesetz den Völkern auferlegt;
Die größten Taten, die geschehen,
Wo Leidenschaft und Klugheit streitend wirkt,
Im kleinsten Raume dargestellt zu sehen:
In diesem Sinn ist solch ein Bild bezirkt. —

Das einzig macht die Kunst unsterblich
Und bleibt der Bühne Glanz und Ruhm,
Daß sie, was groß und würdig, was verderblich,
Von je betrachtet als ihr Eigentum.
Doch mußte sie bei Füll und Reichtum denken,
Sich Zeit und Ort und Handlung zu beschränken.

Der Gallier tat es, wies der Grieche tat;
Der Brite doch, mit wenigem Bemühen
Gewohnt, die Segel aufzuziehen,
Erfand sich einen andern Rat:
Einbildungskraft verlangt er, die so gerne
Geschäftig schwärmt, den Tag im Tag vergißt,
Von nächster Nähe bis zur weitsten Ferne
Die schnellsten Wege hin und wider mißt,
Der es beliebt, zu immer regem Leben
Mit Handlungen die Handlung zu durchweben.

Dort wird Verstand gefordert, um zu richten,
Ob alles wohl und weislich sei gestellt,
Hier fordert man euch auf zu eignem Dichten,
Von euch verlangt man eine Welt zur Welt,
Wo Dichter, Spieler, Schauer sich verbinden,
Sich wechselseits erwärmen und entzünden.

Götz von Berlichingen

Eros

So auch der Deutsche gern. Auf diesem Pfade
Nahrfrei entwickelt sich ein reich Gebild.
Auch dieses bittet: schenkt ihm Gunst und Gnade!
Die bunten Züge mustert freundlich mild,
Alsdann vernehmt, ganz zur gerechten Stunde,
Was es verbirgt im tiefsten Hintergrunde.

Die Schreckenstage, die ein Reich erfährt,
Wo jeglicher befiehlt und keiner hört,
Wo das Gesetz verstummt, der Fürst entflieht,
Und niemand Rat und niemand Rettung sieht,
Die schildr ich nicht: denn ewig ungepaart
Bleibt solchem Fest Erinnrung solcher Art.

Doch dieses Bild führt uns heran die Zeit,
Wo Deutschland, in und mit sich selbst entzweit,
Verworren wogte, Zepter, Krummstab, Schwert
Feindselig eins dem andern zugekehrt;
Der Bürgerstill sich hinter Mauern hielt,
Des Landmanns Kräfte kriegrisch aufgewühlt;
Wo auf der schönen Erde nur Gewalt,
Verschmitzte Habsucht, kühne Wagnis galt.

Ein deutsches Ritterherz empfand mit Pein
In diesem Wust den Trieb, gerecht zu sein.
Bei manchen Zügen, die er unternahm,
Er half und schadete, so wie es kam,
Bald gab er selbst, bald brach er das Geleit,
Tat recht und unrecht in Verworrenheit,
So daß zuletzt die Woge, die ihn trug,
Auf seinem Haupt verschlingend überschlug;
Er, würdig-kräftger Mann, als Macht gering,
Im Zeitensturm unwillig unterging.

Ihm steht entgegen, selbstgewiß, in Pracht,
Des Pfaffenhofes listgesinnte Macht,
Gewandter Männer weltlicher Gewinn
Und leidenschaftlich wirkend Frauensinn.
Das wankt und wogt, ein streitend Gleichgewicht,
Die Ränke siegen, die Gewalt zerbricht.
Zur Seite seht des Landmanns Heiterkeit,
Der jeden Tag des Leidlichen sich freut.
Und fernerhin Zigeuner zeigen an,
Es sei um Ordnung in dem Reich getan.
Denn wie die Schwalbe Sommer deutend schwebt,
So melden sie, daß man im Düstern lebt,
Sind räuberisch, entführen oft zum Scherz,
Wahrsagerinnen, Menschen Geist und Herz.

Zigeunertochter tritt vor

Schwestern, wir wollen es nicht ertragen,
Wir wollen auch ein Wörtchen sagen.
Zur Gesellschaft
Eure Gnade sei uns zugekehrt!
Ihr verdammt uns nicht ungehört.

Werde wahr zusagen wissen,
Nicht weil wir die Zukunft kennen:
Aber unsre Augen brennen
Lichterloh in Finsternissen
Und erhellen uns die Nächte.

So kann unserem Geschlechte
Nur das Höchste heilig deuchten,
Gold und Perlen und Juwelen
Können solcher edlen Seelen
Himmelsglanz nicht überleuchten:
Der allein ists, der uns blendet.

Aber wenn wir abgewendet
Stehn betroffen, lockt uns wieder
Mutterlieb so süß vom Throne
Zu der Tochter, zu dem Sohne;
Doch sie steigt vom Throne nieder
Und beseligt niedre Hütte;

Kennet Wunsch, Bedürfnis, Bitte,
Längst bevor sie ausgesprochen,
Allem, allem tut sie Gnüge.
Dafür leuchtet aus der Wiege
Ihr ein Knösplein aufgebrochen,
Eine Gegengabe Gottes!

Faust

Mephistoles tritt vor

Wie wag ichs nur bei solcher Fackeln Schimmer!
Man sagt mir nach, ich sei ein böser Geist,
Doch glaubt es nicht! Fürwahr ich bin nicht schlimmer
Als mancher, der sich hoch-fürtrefflich preist.
Verstellung, sagt man, sei ein großes Laster,
Doch von Verstellung leben wir;
Drum bin ich hier, ich hoffe, nicht verhaßter
Als andre jene, vor und hinter mir.

Der kommt mit langem, der mit kurzem Barte,
Und drunterliegt ein glattes Kinn,
Ein Sultan und ein Bauer gleich von Arte.
Verstellen sich zu herrlichstem Gewinn,

Euch zu gefallen. So, den Kreis zu füllen,
Komm ich als böser Geist mit bestem Willen.
Denn böser Wille, Widerspenstigkeit, Verwirrung
Der besten Sache fährdet nicht die Welt,
Wenn scharfes Aug des Herrschers die Verirrung
Stets unter sich, in kräftger Leitung hält;
Und wir besonders können sicher hausen,
Wir spüren nichts, denn alles ist da draußen.

Nun hab ich mancherlei zu sagen,
Es klingt beinah wie ein Gedicht;
Beteur ichs auch, am Ende glaubt ihrs nicht —
So muß ichs denn wie vieles andre wagen.

Hier steht ein Mann, ihr sehts ihm an,
In Wissenschaften hat er gnug getan,
Wie dieses Vieleck, das er trägt,
Beweist, er habe sich auf vielerlei gelegt.
Doch da er Kenntnis gnug erworben,
Ist er der Welt fast abgestorben.
Auch ist, um resolut zu handeln,
Mit heiterm Angesicht zu wandeln,
Sein Außres nicht von rechter Art,
Zu lang der Rock, zu kraus der Bart;
Und sein Geselle wohlbedächtig
Steckt in den Büchern übernächtig.
Das hat der gute Mann gefühlt
Und sich in die Magie gewühlt.
Mit Zirkeln und Fünfwinkelzeichen
Wollt er Unendliches erreichen,
Er quälte sich in Kreis und Ring,
Da fühlt’ er, daß es auch nicht ging.

Gequält wär er sein lebelang;
Da fand er mich auf seinem Gang.
Ich macht ihm deutlich, daß das Leben
Zum Leben eigentlich gegeben,
Nicht sollt in Grillen, Phantasien
Und Spintisiererei entfliehen.
Solang man lebt, sei man lebendig!
Das fand mein Doktor ganz verständig,
Ließ alsobald sich wohlgefallen,
Mit mir den neuen Weg zu wallen.
Der führt’ uns nun zu andern Künsten:
Die gute Dame war zu Diensten;
An einem Becher Feuerglut
Tat er sich eilig was zugut.
In einem Wink, eh mans versah,
Stand er nun freilich anders da;
Vom alten Herrn ist keine Spur,
Das ist derselbe, glaubt es nur.

Und wenn euch dies ein Wunder deucht,
Das übrige ward alles leicht.
Ihr seht den Ritter, den Baron
Mit einem schönen Kinde schon.
Und so gefällt es meinem Sinn,
Der Zauberin und der Nachbarin.
Ich hoffe selbst auf eure Gunst!
Im Alter Jugendkraft entzünden,
Das schönste Kind dem treusten Freund verbinden,
Das ist gewiß nicht schwarze Kunst.

Braut von Messina

Aurora spricht

Bedrängtes Herz! umstürmt von Hindernissen,
Wo käme Rat und Hilfe mir heran!
Gedankenlos, im Innersten zerrissen,
Von allen Seiten greift die Welt mich an.
Nur augenblicks möcht ich den Jammer dämpfen,
Der stechend schwer mir auf dem Busen liegt.
Ich soll mit mir, ich soll mit andern kämpfen;
Besieg ich diesen Feind, der andre siegt.

So aus der Tiefe dieser Schlucht der Peinen
Blick ich hinauf zum schmalen Himmelsklar!
Schon wird es besser! ach, ich durfte weinen,
Ein Sonnenabglanz heilt und hebt mich gar.
Und schon begegn ich reiner Friedenstaube,
Die holde Zweige der Entsühnung bringt.
Ich irre noch, allein der Flug gelingt.
Ich sehe nicht, wohin, ich hoff und glaube.

Doch wenn von dort, woher wir Heil erflehen,
Ein Blitz, ein Donnerschlag erschreckt,
Sich Fels und Wald und Umblick von den Höhen
Mit schwergesenkter Nebelschichte deckt,
Uns Nacht am Tag umgibt, der Himmel flammet,
Seltsam geregelt, Strahl am Strahle strahlt,
In Schreckenszügen Feuerworte malt:
Das Schicksal seis, das ohne Schuld verdammet!

So sprech ichs aus im Namen dieser beiden;
Sie schauen starr, sie finden sich verwaist,
Von unverhofften, unverdienten Leiden
Wie scheues Wild vom Jägergarn umkreist.
Vergebens willst du dirs vernünftig deuten;
Was soll man sagen, wo es bitter heißt:
Ganz gleich ergehts dem Guten wie dem Bösen!
Ein schwierig Rätsel, rätselhaft zu lösen.

Uns zum Erstaunen wollte Schiller drängen,
Der Sinnende, der alles durchgeprobt.
Gleich unsern Geist gebietets anzustrengen,
Das Werk, das herrlich seinen Meister lobt. —
Wenn Felsenriffe Bahn und Fahrt verengen,
Um den Geängsteten die Welle tobt,
Alsdann vernimmt ein so bedrängtes Flehen
Religion allein von ewgen Höhen.

Tell

Eros

Wie herrlich rasch tritt dieser Zug hervor!
Sie bringen von Elysiums Gestaden
Das Nachgefühl erhabner Taten,
Es lebt in ewgem Jugendflor.
Doch immer ernst! — Was sie gewonnen,
Im Dunkeln war es ausgesonnen,
Mit Grausamkeit ward es getan.
Verwirrung folgt! An innern Kämpfen
Hat stille Weisheit jahrelang zu dämpfen,
Stets mühevoll ist ihre Bahn.

Nun kommen sie zu heitern Stunden:
Am Schluß der Zeiten wird gefunden
Der Freiheit aufgeklärter Blick.
Was sie entrissen, wird gegeben,
Und jeder wirkt im freien Leben
Zu seinem und der andern Glück.

Die mit dem Fürsten sich beraten,
Sie fühlen sich zu großen Taten,
Zu jedem Opfer sich bereit.
Je einiger sie sich verbündet,
Je sichrer ist das Glück gegründet
Für jetzt und alle Folgezeit.

Tragödie

Ein Mann tritt vor, im Glanz der höchsten Taten,
Auf ihn gerichtet jeder Blick,
Dem Schwieriges, Unmögliches geraten,
Er dankt sich selbst das eigene Geschick.
Gewaltge Kraft, die Menschen aufzurufen,
Sie zu befeuern kühnster Tat,
Im Plane sicher, mit sich selbst zu Rat,
Des Kaisers Günstling, nächst an Thron und Stufen.
Die zarte Gattin gern an seiner Seite,
Der Terzky Hochsinn, Theklas Jugendlicht,
Max treugesinnt, so wie er tut und spricht:
Welch ehrenvoll, welch liebevoll Geleite!
Doch wir empfinden heimlich Angst und Grauen,
Solch äußres Glück im hellsten Licht zu schauen.

Woher denn aber dieses innre Zagen,
Das ahndungsvoll in enger Brust erbebt?
Wir wittern Wankelmut und Mißbehagen
Des Manns, der hoch und immer höher strebt.
Und was kann gräßlicher dem Edeln heißen
Als ein Entschluß, der Pflicht sich zu entreißen!

Das soll nun Stern zum Sterne deutend winken,
Ob dieses oder jenes wohlgetan;
Dem Irrtum leuchten zur verworrnen Bahn
Gestirne falsch, die noch so herrlich blinken.
Der Zug bewegt sich, schwebt vorbei.
Es war ein Bild. Das Herz ist wieder frei

Mephistoles spricht

Gefährlich ists, mit Geistern sich gesellen!
Und wenn man sie nicht stracks vertreibt,
Sie ziehen fort, ein und der andre bleibt
In irgendeinem Winkel hängen,
Und hat er noch so still getan,
Er kommt hervor in wunderlichen Fällen —
Mich zieht die Kameradschaft an,
In Reih und Glied mit ihnen mich zu stellen.

Ich kenn euch wohl, ihr seid die Wallensteiner,
Ein löblich Volk, so brav wie unsereiner.
Ihr kennt auch mich, wir sprechen frei;
Mit einem Wort, daß ich das Lob vollende:
Da, wo nichts ist, da habt ihr reine Hände.
Doch das war damals, und ich war dabei.
Seid ihr beisammen? Ja! Wachtmeister?

Hier!
Die Kürassiere?
Hier!
Die Holkschen Jäger?
Hier!
Kroaten?
Hier!
Ulanen?
Hier!
Die Marketenderinnen? —
Ich sehe sie und spare meine Frage,
Die fehlen nicht am Sonn- und Werkeltage.
Wo viel verloren wird, ist manches zu gewinnen.

Ein Kind springt hervor

Ich bin ein Marketenderkind,
Und zwar von guten Sitten,
Darum, wo hübsche Leute sind,
Beständig wohlgelitten.

Soldaten lieb ich, das ist wahr!
Wers ollte sie nicht lieben,
Da sie in jeglicher Gefahr
Sich immertreu geblieben?

Ich ziehe wieder mit ins Feld:
Kein Weg im Feld ist bitter.
Es lebe Sankt Georg der Held,
Die Helden,seine Ritter!

Mephistoles zu den Soldaten

Und ihr, verlauft euch nur nicht weit,
Und merkt es wohl, es ist nun andre Zeit.
Die Herrscher wissen, was sie wollen;
Und ist ein großer Zweck erreicht,
So sollt ihr nicht von Land zu Lande tollen.
Parole bleibt: Subordination!
Und Feldgeschrei ist: Mannszucht! Nun davon!

Demetrius

Tragödie spricht

Verstummst du, Schwester, trittst zurück verlegen,
Als wärst du hier ein fremder Neulingsgast?
Eros Gar vieles hat mir heut schon obgelegen,
Dem mannigfaltgen Wort erlieg ich fast.
Nun kommt mir noch ein Schwierigstes entgegen.
Wie fass ich an, wie heb ich diese Last?
Wer gäbe mir in dieser Zeiten Meere
Zu schwimmen Kraft! O, wenns der Anfang wäre!

Ich seh ein Reich vor meinem Blick gebreitet,
An Flüssen rasch, an grünen Ebnen klar,
Das immerfort sich vor den Augen weitet,
Zum grenzenlosen Raum verliert sichs gar.
In Städten, auf dem Lande wie bereitet
Ihr eigen Glück die wohlgenährte Schar!
Das Feld ergrünt, der Handel wogt lebendig,
Sobald ein Herrscher mächtig und verständig.

Doch ach! das Reich bis zu dem Fuß der Thronen
Von eignem, bald von fremdem Blute rot:
Denn wilde Horden, kluge Nationen,
Heran sich drängend, führen Qual und Not;
Tartaren, Türken, Polen ohne Schonen,
Auch Dänen, Schweden bringen, suchen Tod.
So macht der Herrschaft, so des Raubs Gelüste
Den Mittelpunkt des Reichs zu Graus und Wüste.

Da greift denn jeder, der sich tüchtig nähme,
Nach Schwert und Zepter, wer den Feind vertreibt,
Wer gräßlich straft, daß Unwill sich bequeme,
Und dann zuletzt von allen übrig bleibt!
Der Leichtsinn auch erringt sich Diademe,
Bis aufgebracht ein Gegner ihn entleibt.
So Boris, so Demetrius, Marina,
In wildem Wust bald Rex und bald Regina.

So weder Liebe, Zutraun, noch Gewissen
Einheimischen und Fremden in der Brust,
Bis nun erscheint, was alle längst vermissen:
Ein Heldensproß, dem Land zu Glück und Lust.
Er wird sich ins Geschick zu fügen wissen,
Es fügt sich ihm, daß alle, sich bewußt
Des eignen Heils, dem Herrscherwort sich fügen,
Sich bildend adeln, zu der Welt Vergnügen.

Nunklärt sichs auf, er kehrt in seine Schranken,
Der Völker Schwall im ungemeßnen Land;
Nun wirken große, größere Gedanken,
Erweitert Grenze, tätig innrer Stand;
Für Wissenschaft und Kunst und Handwerk danken
Die Völker, sonst von allem abgewandt;
Wetteifernd überträgt Bezirk Bezirken
Kraft, Stärke, Reichtum, Schönheit, edles Wirken.

Turandot

Altoum spricht

Vom fernen Osten, ja vom fernsten her
Zeigt sich Altoum, ein Monarch der Bühne;
Die Fabel hat ihn auf den Thron gesetzt,
Mit manchem Prunk und Herrlichkeit begabt;
Doch herrlicher als Kron und Zepter glänzt
An seiner Seite Tochter Turandot.
Zwar sagt man von der Jungfraun schönem Chor,
Die Herzen sämtlich seien rätselhaft;
Doch dieser hat ein höchst subtiler Geist
So viele Rätsel in den Kopf gesetzt,
Daß mancher Freier scheiternd unterging.

Auch hat sie mich, das will ich gern gestehen,
Zur langen Reise eigentlich genötigt;
Und weil ich ihr doch nichts versagen kann,
So führ ich sie in ihrem Stolz herein.
Manch Rätsel hatte sie sich ausgedacht,
Den Geist zu prüfen dieses großen Hofs;
Doch sie verstummt und raunt mir nur ins Ohr:
Am Ende sei sie ihrer ganzen Kunst.
Denn wie ihr schon die Träume wahr gemacht,
So löstet ihr auch jedes Rätsel auf.

Und welches Wort sie immer sucht und wählt,
In Redeknotenlistig zu verstricken:
Zum Beispiel Majestät und häuslich Wohl,
Thron und Verdienst und rein verbreitet Glück,
Das alles findet sie vor Augen klar.
Sie gibt sich überwunden. Freundlich reicht
Sie dem Bewerber Kalaf Herz und Hand,
Befreundet mit Adelma, mir gehorsam.
Und so ist auch mein letzter Wunsch erfüllt,
Wie tausend Wünsche heut befriedigt wogen;
Wir ziehen gern, wenn auch besiegt, hinweg.

Da ich denn aber, wie ich eben sehe,
Der letzte bin, laßt für die Vorderleute
Ein freundlich Wort mich sprechen! Wenn ich nämlich
Dies kleine Volk als Masken präsentiere,
So spricht sichs aus: das war ein Maskenzug.
Doch wie den Kleinen unter Larvenmummung
Ein kindlich Herz der lieben Mutter schlägt,
So danken alle wir dem Tag des Glücks,
Der uns vergönnte, dies Gefühl zuteilen.
Die Tochter mahnt mich, nicht zu viel zu reden,
Und sie hat recht! Das Alter hört sich gern,
Und wenn es auch nicht viel zu sagen hat.
Wie soll ich hier als nur gezwungen schweigen,
Wo grenzenloser Stoff die Rede nährt!
Wo — Nun ich gehe ja! — Sie mag es büßen,
Wenn ich weit eher, als ich wollte, schwieg.

Die Ilme

Wenn der Ilme Bach bescheiden,
Schlängelnd, still im Tale fließt,
Überdeckt von Zweig und Weiden,
Halbversteckt sich weit ergießt,
Hört er öftermal die Flöte
Seiner Dichter treu und gut,
Wenn der Glanz der Morgenröte
Auf der sanften Woge ruht.

Vieles ist an mir entsprungen,
Manches ward euch dargebracht,
Und so ist es mir gelungen,
Daß man mich zum Flusse macht.
Will ein Reisender mich sehen,
Wie die Donau, wie den Rhein,
Ich versteck mich, laß ihn gehen,
Denn ich bin doch gar zu klein.

Heute doch von tausend Flammen
Glänzt die Fläche bis zum Grund,
Heute nehm ich mich zusammen,
Öffne den verschämten Mund,
Sonne mich im Jubelsaale,
Spiegle Bilder Blick für Blick,
Und als Fluß zum ersten Male
Geb ich mich dem. Tal zurück.

Der Tag, in Begleitung von Pallas und Klio,
führt Wissenschaften und Künste vor.
Aurora, Epos und Tragödie empfangen sie.

TAG Heil, o Schwestern, dem Bemühen,
Wie ihr eure Pflicht getan!
Was die Dichtkunst euch verliehen,
Führte ihr mit Lust heran.

Nun mag sich Kunst und Wissenschaft erholen,
Darstellen, wie sie sich zum Bild entwarf.
Die Dichtkunst habt ihr wohl empfohlen,
Die es doch weniger bedarf.
Denn sie bricht, gleich einer Quelle,
Felsen durch, wos ihr gefällt,
Und versendet ihre Welle
Berg hinab in alle Welt.

Doch diese hier, kein wandelbar Ereignis,
Der Pflege wollen sie empfohlen sein;
Drum führ ich sie, ein gültig Zeugnis,
Daß es vorlängst geschehn, mit mir herein.

So sprech ich nun den hochverklärten Namen
Amalia mit Ehrfurcht aus.
Du winktest uns. Geräuschlos kamen
Wir eine nach der andern, das zerstörte Haus,
Den Flammenraub erbauten wir im stillen,
Mit neuer Landschaft rings umzirkt.
So ward es denn nach unsers Fürsten Willen,
Des hohen Sohns, der unablässig wirkt.

Hier thronet er, der uns erheitert,
Daß jede schnell das Beste schafft,
Der unsern Wirkungskreis erweitert
Zu Tätigkeiten jeder Kraft.

Hier thronet sie, die uns verbunden
In stillen Tugenden erbaut,
Sie, die in schreckensvollen Stunden
Auf uns als Retterin geschaut.

Nun aber feiern sie im Glanze,
Wo lebensfroh das Fest ergrünt. —
Ihr tretet vor aus eurem Kranze,
Ich rühm euch, wie ihr es verdient.

Komm ther, geschäftge Dienerinnen,
Unsterblich, unermüdet, reich,
Was schön und nützlich, auszusinnen,
Den Göttern des Olympus gleich.
Sie deutet auf eine nach der andern.

Himmelskunde

Die zeichnet rein den Gang der Sphäre,
Ihr Griffel regelt Nacht und Tag;
Der launenhaften Atmosphäre,
Dem Grillenwechsel forscht sie nach.

Erdkunde

Und diese hier vom Erdenrunde
Erweitert wandernd Übersicht;
Erteilt von rasch erfahrner Kunde
Dem Fürstenpaare treu Bericht.

Botanik

Und Fürst und Fürstin schmücken diese,
Daß sie sich selber wohlgefällt;
Die Gegend wird zum Paradiese,
Hier blüht die ganze weite Welt.

Feldbau

Auch jene, die in ihrem Kreise
Sich immerkräftig still bewegt,
Nach alter, nach erneuter Weise
Der Erde Fruchtbarkeit erregt,
Den Menschen lehrt sich selbst genügen,
Gefesselt gern am Boden bleibt,
Indem sie, mit gewissen Zügen,
Die lange reine Furche schreibt;
Dagegen schaut sie mit Entzücken,
Wie grün der neue Halm sich bläht,
Und auf der Berge festem Rücken
Ein Stufenwuchs den Wald erhöht.
Sie ists, an der wir uns erbauen,
Die uns im Lebenskreis belehrt,
Auf die wir alle kindlich schauen;
Gefördert sei sie, wie verehrt.

Die Künste

Was die Künste sich erkühnen,
Baukunst, Bildkunst, Malerei,
Steht an Säulen, Mauern, Bühnen
Einem günstgen Blicke frei.
Doch, erregt durch euer Kommen,
Haben sie es unternommen,
Manchen Abend, manche Nacht
Musterbilder dargebracht,
Die ihr günstig aufgenommen.

Tonkunst

Und diese, die sich gern in Töne sonst verbreitet,
Sie zog mit uns im stillen fort;
Im Takte hat sie uns geleitet
Und gab uns manch melodisch Wort. —

So stehn wir zuversichtlich alle
Und schämen uns des Eigenlobes nicht;
Ruhmredigkeit wär es im andern Falle,
Jedoch in diesem ist es Pflicht.
Noch manche Tugend schmückt sich ungeduldig
Und rüstet sich zur Tat geschwind:
Denn Rechenschaft, wem wären wir sie schuldig,
Wenn wir es nicht der Allerhöchsten sind?

Die Tochter hat sie uns gesendet,
Der dienen wir und dem Gemahl;
Wohin sich Blick und Finger wendet,
Dahin bewegt sich unsre Zahl.
Und schon den lieben Enkeln darfs nicht fehlen;
Was gut und schön, im frohen Chor
Begegnet es den jungen Seelen,
Und freudig blühen sie empor. —

Nun aber an die Wiege! Diesen Sprößling
Verehrend, der sich schnell entwickelnd zeigt
Und bald herauf, als wohlgewachsner Schößling,
Der Welt zur Freude hoch und höher steigt.
Sein erster Blick begegnet unserm Kreise,
Er merkt sich einer wie der andern Blick,
Gewöhnet sich an einer jeden Weise,
Gewöhnt sich an sein eigen Glück.

Er sei ein Harfner, dem die Musen
Den Psalter wohlgestimmt gereicht,
Und so gelingts dem freien Busen:
Denn alle Saiten schweben leicht,
Bereit zur Hand, bereit zum Klange,
Ein Lied erfolgt, man weiß nicht wie. —
Sein Leben sei im Lustgesange
Sich und den andern Melodie.

Der pilgernde Genius

Kinder mit leeren, aber geschmückten Reisetafeln

"TAG Ach, warum schon unterbrochen!
Warum trübst du unsern Blick?
Schauen wir auf wenig Wochen
Wie auf jahrelanges Glück,
Wagen wir nicht auszusprechen,
Wie uns diese Zeit ergetzt,
Wo der Geist ohn Unterbrechen
Jegliche Sekunde schätzt.
Soll uns das vorüberschwinden,
Als wenn alles eitel sei?
Klagend wir uns wiederfinden:
Alles, alles ist vorbei!

Genius 

Nicht vorbei! Es muß erst frommen.
Großes in dem Lebensring
Wird nur zur Entwicklung kommen,
Wenn ‚es uns vorüberging.
Mögen frische Tafelpaare
Glücklich zeichnen ihre Bahn!
Wandle sie, zum neuen Jahre,
Neu den Ihrigen heran.
Wir, mit heitern Augenbraunen,
Segnen sie von Ort zu Ort;
Das Verstummen, das Erstaunen
Bildet sich als Liebe fort.







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