> Gedichte und Zitate für alle: J.W.von Goethe: Fragmente-Maskenzug zum 30. Januar 1802. (6)

2019-08-29

J.W.von Goethe: Fragmente-Maskenzug zum 30. Januar 1802. (6)





Maskenzug

Zum 30. Januar 1802.

Wenn, von der Ruhmverkünderin begleitet,
Heroischer Gesang den Geist entzündet,
Auf Tatenfeldern hin und wider schreitet,
Mit Lorbeer sich das eigne Haupt umwindet,
Ein Denkmal über Wolken sich bereitet,
Auf Schwindendes die schönste Dauer gründet.
Von Göttern und von Menschen unbezwungen.
So scheints, er hab ein höchstes Ziel errungen.

Doch hat uns erst der Muse Blick getroffen,
Die dem Gefährlichsten sich zugesellt,
Dann stehet uns ein andrer Himmel offen,
Dann leuchtet uns die neue schönre Welt.
Hier lernet man verlangen, lernet hoffen,
Wo uns das Glück am zarten Faden hält,
Und wo man mehr und immer mehr genießet,
Je enger sich der Kreis im Kreise schließet.

Bald fühlst du dich von jener eingeladen,
Der Holden, die mit Unschuld sich verband,
Und Fels und Baum, auf allen deinen Pfaden,
Erscheint belebt durch ihre Götterhand;
Dich grüßen kindlich des Gebirgs Najaden,
Des Meeres Nymphen grüßen dich am Strand.
Wer einsam durch ein stilles Tempe schreitet,
Der fühlt sich recht umgeben und begleitet.

Doch sollen wir nicht allzu weichlich fühlen,
Da trifft uns denn gar oft ein leichter Schlag.
Wir fahren auf! Wer wagts, mit uns zu spielen?
Bald heimlich neckend, bald am offnen Tag!
Ists Momus, der in städtischen Gewühlen,
Ein Satyr, der im Feld sich üben mag?
Was uns geschmerzt, sind allgemeine Possen,
Wir lachen bald, wo es uns erst verdrossen.

Sie kommen an, vom wilden Schwarm umgeben,
Den Phantasie in ihrem Reiche hegt.
Die Woge schwillt, die im verworrnen Streben
Sich ungewiß nach allen Seiten trägt.
Doch allen wird ein einzig Ziel gegeben,
Und jeder fühlt und neigt sich, froh bewegt,
Der Sonne, die das bunte Fest verguldet,
Die alles schaut und kennt, belebt und duldet.

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