> Gedichte und Zitate für alle: J.W.von Goethe: Fragmente- Stanzen zu Erklärung eines Maskenzuges (2)

2019-08-28

J.W.von Goethe: Fragmente- Stanzen zu Erklärung eines Maskenzuges (2)





Die romantische Poesie
Stanzen zu Erklärung eines Maskenzuges

aufgeführt den 30. Januar 1810.

Der Geburtstag der regierenden Herzogin von Weimar,
der jedesmal als ein ausgezeichnetes Jahresfest begangen
wird, rief in diesem Jahre, bei den glücklichsten Familienereignissen,
in der Gegenwart hoher verehrter Gäste, zu
besonders lebhaften Feierlichkeiten auf. Für die demselben
gewidmete Maskenlust schien es ein angemessener Schmuck,
die verschiedenen Dichtungen, denen unsre Vorfahren und
auch die Ahnherrn jenes hohen Fürstenhauses eine vorzügliche
Neigung schenkten, in bedeutenden mannigfaltigen
Gestalten darzustellen. Ein Herold zeigte sich daher, anführend
einen Minnesinger und Heldendichter, welche, vor
die hohen Herrschaften zu beiden Seiten gestellt, durch
nachfolgende Strophen die vorüberziehenden, teils allegorischen,
teils individuellen Gestalten der modernen Poesie ankündigten und erklärten.

MINNESINGER.
Von Wartburgs Höhn, wo vor so manchen Sonnen
Uns eure Väter freundlich angehört,
Wohin, noch froh gedenk der alten Wonnen,
Der ewig rege Bardengeist sich kehrt,
Weil jede Krone, die er dort gewonnen,
Des Gebers Ruhm durch alle Zeiten mehrt:
Das Gute, das geschehend uns ergetzet,
Wird rühmlich, wenn die Zeit es trägt und schätzet—
HELDENDICHTER.
Da sangen wir an jedem Feiertage,
Der eurem Stamm die frische Knospe gab;
Den spatentrißnen Ahnherrn trug die Klage
Melodisch groß zum sieggeschmückten Grab;
Dann kündeten wir jede Wundersage,
Das Heldenschwert sowie den Zauberstab;
Und jauchzend folgten wir dem jungen Paare,
Dem frohen, schönbekränzten, zum Altare.
HEROLD.
Nun tritt ein Herold auf zur guten Stunde,
Der treu vor euch den goldnen Zepter bückt.
Er bringt von jener Zeit gewisse Kunde,
Daß Fürsten selbst mit Liedern sich geschmückt,
Und führet vor euch her froh in die Runde
Der Bilder Schar, wie sie uns dort entzückt;
Und zweierlei vermag er anzumelden:
Der Liebe Scherz, darauf den Ernst der Helden.
FRÜHLING.
Der Lenz tritt auf. Vom süßen Liebesmund
Ertönt durchaus ein holder Zauberschall.
Nun wird der Welt erst recht die frohe Stunde!
So singt und sagt das Lied der Nachtigall.
Ein Seufzer steigt aus regem Herzensgrunde,
Und Wonn und Sehnsucht walten überall.'
Und wer nicht liebt, wird sich des schönen Maien,
So gut er kann, doch leider halb nur freuen.
SOMMER. 
Der Sommer folgt. Es wachsen Tag und Hitz
Und von den Auen dränget uns die Glut;
Doch dort am Wasserfall, am Felsensitze
Erquickt ein Trunk, erfrischt ein Wort das Blut.
Der Donner rollt, schon kreuzen sich die Blitze,
Die Höhle wölbt sich auf zur sichern Hut,
Dem Tosen nach kracht schnell ein knatternd Schmetter
Doch Liebe lächelt unter Sturm und Wettern.
MINNEPAAR. 
Im goldnen Glanz, im bunten Farbenschein
Der neuen Welt genießen sie den Tag.
Er sagts ihr klar, wie er es freundlich meine;
Sie sagts ihm so, daß er es deuten mag.
Er wagt es nun und nennet sie die Seine,
Er wiederholts mit jedem Herzensschlag;
Und so beglückt, bald offen, bald verstohlen,
Des süßen Wortes ewges Wiederholen.
TANZENDE.
Ein leichter Sinn erhebt sie von der Erde
Das muntre Paar, es mag nicht stillestehn.
An Worte Statt sind liebliche Gebärden,
Die zwar im Takt, jedoch von Herzen gehn
Und Schling auf Schlinge Kettenzüge werden.
Wie lustig ists, sich um sich selbst zu drehn!
Mit leichtem Anstand wechseln sie die Glieder;
Doch kehrt zum Auge bald das Auge wieder.
JAGDLUSTIGE.
Mit ernstem Gang, zu ernsteren Geschäften
Zieht nach dem Wald ein frisches Jägerpaar,
Getrost in sich, schlank gleich den edlen Schäften,
Die sich zur Lust ein hoher Wald gebar.
Sie lächeln stolz, vertrauend ihren Kräften;
So trotzen sie der Mühe, der Gefahr
Und denken nicht der Macht, die uns gebietet,
Wovor Diana selbst nicht schützt, noch hütet.
HERBST.
Den Fleiß belohnend aber tritt Pomone
Mit reicher Gaben Fülle zu uns an.
Mit Freuden sehen wir den Kranz, die Krone,
Und viel genießt, wer heuer viel getan.
Der Vater schafft, er freut sich mit dem Sohne,
Aufs neue Jahr geht schon der neue Plan;
Im Kreis der Gäste waltet frohes Leben:
Der Edle hat, und will auch andern geben.
SPIELENDE. 
Besitz ist gut, der jedem wohlbehaget;
Doch wer ihn hat, war ihn gern wieder los.
Und wenn er wagend nun das Glück befraget,
Fällt ihm vielleicht sogar ein doppelt Los.
Selbst wenn Verlust ihn hin und wieder plaget,
Ist doch das Glück der Ungewißheit groß.
Mit Leidenschaft genießen sie des Lebens,
Und Amor selbst belauscht sie nur vergebens.
WINTER.
Wir dürfen kaum hier noch den Winter nennen:
Denn ist wohl Winter, wo die Sonne scheint?
Die Augen glühn, die Herzen alle brennen,
Und jeder spricht und handelt, wie ers meint.
Von allen Jahreszeiten, die wir kennen,
Ist sies, die eine, die uns so vereint:
Sie gab uns Dich, belebt nun diese Feste,
Und so erscheint sie uns die allerbeste.
NORDEN. 
Doch wendet nun von diesem Blumengrünen
Zu nordschen Himmelsfeuern das Gesicht—
Woher auch uns mit Jugendglanz erschienen
Die Majestät in sterndurchwebtem Licht—
Zum alten Volk unüberwundner Hünen,
Das wandernd sich durch alle Länder ficht.
Mit welcher Kraft die Riesenfäuste schlagen,
Seht ihr am Schwert, vom Zwergenpaar getragen.
BRUNEHILD.
Dem Pol entsprießt die herrlichste der Frauen,
Ein Riesenkind, ein kräftig Wunderbild.
Stark und gewandt, mit hohem Selbstvertrauen,
Dem Feinde grimm, dem Freunde süß und mild:
So leuchtet, nie versteckt vor unserm Schauen,
Am Horizont der Dichtkunst Brunehild,
Wie ihres Nordens stäte Sommersonne,
Vom Eismeer bis zum Po, bis zur Garonne.
SIEGFRIED. 
Ihr schreitet kühn der gleiche Mann zur Seit
Der ihr bestimmt war, den sie doch verlor.
Für seinen Freund erkämpft' er solche Beute,
Durchsprengte kühn das Zauberflammentor;
Wie schön das Hochzeitlager sich auch breite,
Die Freundschaft zieht er streng der Minne vor:
Dies Schwert, ein Werk zwerg-emsger Schmiedehöhle.
Schied ihn und sie!— O seltsames Vermählen!
PRINZESSIN.
Nun geht es auf, das Licht der Morgenländer
Die Tochter von Byzanz. Ihr seht sie hier!
Als Kaiserskind trägt sie die Goldgewänder,
Und doch ist sie des Schmuckes höchste Zier.
Die goldnen Schuhe, jene teuren Pfänder,
Die Liebesboten zwischen ihm und ihr,
Sie bringt der Zwerg, die frohste Morgengabe:
Ein Liebespfand ist mehr als Gut und Habe.
ROTHER.
Ich spreche nun so heiter als bedächtig
Von König Rothers unbezwungner Kraft;
Und ob er gleich in Waffen groß und mächtig,
Hat Liebe doch ihm solches Glück verschafft.
Als Pilger klug, als Gast freigebig, prächtig,
Hat er als Held zuletzt sie weggerafft
Zum schönsten Glück, zum höchsten Mutterlose:
Von ihnen stammt Pipin und Karl der Große.
ASPRIAN.
Den mächtigsten von allen Kampfgenossen
Erblickt ihr nun, den Riesen Asprian.
Ein Hagelwetter, aus der Wolk ergossen,
Trifft nicht so blind und breit als dieser Mann.
Die Freunde haben selbst ihn angeschlossen:
Denn wenn er gleich nicht Feinde finden kann,
So schlägt er doch, schlägt alles um sich nieder
Und schonet nicht die eignen Waffenbrüder.
RECHT und EHRE.
Die Welt, sie wäre nicht vor ihm zu retten,
Wenn nicht auch hier die Weisheit vorgebaut:
Ihn hält das Recht, ein hehres Weib, in Ketten,
Der man getrost so großes Amt vertraut;
Die andre lockt und zieht mit goldnen Ketten,
Indem sie schmeichelnd nach dem wilden schaut.
Er geht bedächtig an dem frohen Tage,
Er sieht sich um und schaut, wohin er schlafe.
LIEBE. 
Dann folgen zwei.—Laß diese mich erklären!—
Sie sind einander beide nahverwandt,
Mit Sonn und Mondes Glanz von höhern Sphären
Zu Wohl und Weh uns freundlich zugesandt;
Doch will sich diese nicht an jene kehren,
Sie streift allein, verdirbt, erquickt das Land;
Und selten sieht man beide Schwesterflammen
Wie heut, gepaart, in Einigkeit beisammen.
TREUE.
Und die Bescheidne zeigt sich frei und freier
Und irrt sich nicht am rauschenden Getön;
Sie steht vor euch, sie öffnet ihren Schleier
Und will getrost so vor der Menge gehn;
Ermutigt glänzet nun das stille Feuer,
Dem Glühwurm gleich, so anspruchlos als schön.
Sie widmet euch den reinsten aller Triebe;
Gern folgt sie dem Verdienst, sowie der Liebe.
OTNIT. 
Ein groß Verdienst weiß dieser zu erwerben,
Entbrannt für Menschenwohl von heilger Glut.
Er schaut umher auf klägliches Verderben,
Mann wider Mann, Volk wider Volk in Wut.
Mit Drachenschweiß wird Berg und Wald sich färben,
Die Ebne färben sich mit Räuberblut,
So daß, weil Gute dankbar nun ihm dienen,
Unholde nicht zu schaden sich erkühnen.
WELTLICH REGIMENT.
So kommt zuletzt das Herrlichste zustande,
Wonach die Welt im ganzen immer strebt:
Der Friede herrscht im unbegrenzten Lande,
Wo niemand mehr vor seinem Nachbar bebt;
Nun liebt der Mensch der Ehrfurcht hehre Bande,
Er fühlt sich frei, wenn er gebändigt lebt;
Nur will er selbst, er will den Herrn erwählen,
Dem aber solls an Glück und Prunk nicht fehlen.
GEISTLICH REGIMENT.
Mit allem soll sich auch die Schwester schmücken,
Doch Demut soll ihr höchstes Kleinod sein.
Sie geht mit freundlich halbgesenkten Blicken
Und mit sich selbst so ruhig überein;
Doch würde sie der erste Platz beglücken:
Dem Hochsinn ist die zweite Stelle Pein.
Sie scheint der Schwester Hoheit nachzusinnen
Und möchte gern den Schritt ihr abgewinnen.
KANZLER und CLERICUS.
Auch kleinre Wesen kommen mit zum Spiele:
Gar manches wird durch sie geheim erregt.
Der eine, der gewandt mit spitzem Kiele
Das Reich begrenzet, ja die Feinde schlägt;
Der andre, der, entfernt vom Weltgewühle,
Das Wort, zum Buch erstarrt, am Herzen trägt:
Sie, beide ruhig, wissen zu begeistern,
Sie gehen nach und oft vor ihren Meistern.
ELBERICH.
Im stillen aber herrschet über Diese
Und weit und breit ein wundersames Haupt,
Scheinbar ein Kind und nach der Kraft ein Riese,
Das jeder leugnet, jeder hofft und glaubt:
Der Welt gehörts, sowie dem Paradiese,
Auch ist ihm alles, ist ihm nichts erlaubt.
Verein es nur in kindlichem Gemüte,
Die Weisheit mit der Klugheit und der Güte.
MINNESINGER.
Und voller Zutraun schließt sich an—die Menge;
Wir aber lassen sie in Frieden ziehn.
Ihr saht vor euch ein liebevoll Gedränge,
Gestalten vorger Zeit vorüberfliehn.
Den bunten Staat, das blitzende Gedränge,
Wir bitten, seht nicht flüchtig drüber hin:
Inwendig waltet ehrfurchtsvolle Scheue,
Der Liebe Flammen, wie das Licht der Treue.
HELDENDICHTER.
Ja, selbst das Große schwindet gleich den Schatten,
Und öde wird der tatenvollste Raum;
Drum soll die Tat sich mit dem Worte gatten:
Ein solcher Zweig, gepflanzt, er wird zum Baum;
Lustwälder ziehn sich über grüne Matten,
So blüht er fort, der schöne Lebenstraum.
Was eure hohen Väter, ihr nach ihnen
|An uns getan, es soll für ewig grünen!



Keine Kommentare: