> Gedichte und Zitate für alle: J.W.von Goethe: Scherz, List und Rache 1.Akt

2019-08-21

J.W.von Goethe: Scherz, List und Rache 1.Akt


SCHERZ, LIST UND RACHE
EIN SINGSPIEL VON JOHANN WOLFGANG GOETHE

PERSONEN
Scapin.
Scapine.
Doktor.

Inhalt

2.Akt
3.Akt
4.Akt

ERSTER AKT

STRASSE.

SCAPINE (mit einem Körbchen Waren, sie kommt ans dem
Grunde nach und nach hervor und betrachtet eins  der vordersten
Häuser zu ihrer linken Hand)
.
Will niemand kaufen
Von meinen Waren?
Soll ich nur laufen?
Wollt ihr nur sparen?
O schaut heraus!

Ich sahs nur flüchtig,
Schon in der Weite;
Doch es ist richtig,
Es ist die Seite,
Es ist das Haus!

Wie kommt es, daß ich ihn nicht sehe,
Daß er nicht hören will?
Ich darf nicht rufen.

Scapin, mein Mann, stickt hier in diesem Haus.
Der Herr davon ist eigentlich
Ein alter Knasterbart,
Ein Arzt, der manchen schon den Weg gewiesen,
Den er nicht gerne ging.

Doch niemand hat er leicht
Geschadet mehr als uns.
Wir hatten eine Muhme, die uns zwar
Nicht übermäßig günstig war;
Allein sie hätt uns doch ihr bißchen Geld,
Und was sie sonst besaß,
Aus löblicher Gewohnheit hinterlassen,
Hätt dieser Schleicher nicht gewußt.
In ihrer Krankheit aufzupassen,
Uns anzuschwärzen,
Von unserm Lebenswandel
Viel Böses zu erzählen,
Daß sie zuletzt, halb sterbend, halb verwirrt,
Ihm alles gab und uns enterbte.

Wart nur, du Knauser!
Warte, Tückischer!
Unwissender! du Tor!
Wir haben dir es anders zugedacht.
Ganz nah, ganz nah, noch diese Nacht
Bist du um deinen Fang gebracht.
Ich und mein Mann, wir haben andre schon
Als deinesgleichen unternommen.
Verriegle nur dein Haus,
Bewahre deinen Schatz,
Du sollst uns nicht entkommen.

Will niemand kaufen
Von meinen Waren?
Soll ich nur laufen?
Wollt ihr nur sparen?
O schaut heraus!

SCAPIN (am Fenster). Bist dus?
SCAPINE. Wer anders? Hörst du endlich!
SCAPIN. Still! Still! Ich komme gleich!
Der Alte schläft! Still! daß wir ihn nicht wecken.
(Er tritt zurück.)
SCAPINE. Schlafe nur dein Mittagsschläfchen,
Schlafe nur! Es wacht die List.
Schon so sicher, daß dein Schäfchen
Im trocknen ist?
Warte, du bereust es morgen,
Was du frech an uns getan!
Warte! Warte! Deine Sorgen
Gehn erst an.

SCAPIN (in krüppelhafter Gestalt). Wer ist hier? Wer ruft?
SCAPINE (zurücktretend). Welche Gestalt? Wer ist das?
SCAPIN (näherr tretend). Jemand Bekanntes.
SCAPJNE. O verwünscht!
Scapin! bist dus?
SCAPIN (sich aufrichtend). Das bin ich, liebes Weibchen!
Du gutes Kind, du allerbester Schatz!
SCAPINE. O lieber Mann, seh ich dich endlich wieder!
SCAPIN. Kaum halt ich mich, daß ich dich nicht beim
Kopf
Mit beiden Händen fasse und auf einmal
Für meinen langen Mangel mich entschädge.
SCAPINE. Laß sein! Geduld! Wenns jemand sähe.
Das könnt uns gleich das ganze Spiel verderben.
SCAPIN. Du bist so hübsch, so hübsch, du weißt es nicht;
Und vierzehn lange Tage
Hab ich dich nicht gesehnl
SCAPINE. Sieh doch, sogar auf dich wirkt die Entfernung!
Laß uns nicht weiter tändeln!
Laß uns schnell
Bereden, was es gibt.
Du hast dich also glücklich
Beim Alten eingeschmeichelt? Hast
Dich ihm empfohlen? Bist in seinem Dienste?
SCAPIN. Zwei Wochen fast.
SCAPINE. Wie hast dus angefangen?  
Durch welchen Weg bist du
Ins Heiligtum des Geizes eingedrungen?
SCAPIN. Es war ein Kunststück, meiner wert.
Ich wußte, daß er seinen Diener
Schnell weggejagt, und nun allein
Zu Hause war. In der Gestalt,
Wie du mich siehst,
(er nimmt nach und nach die Krüppelgestalt wieder an)
saß ich vor seiner Tür.
Und er ging aus und ein, sah mich nicht,

Brummte und schien mich nicht zu sehn;
Mein Anblick war ihm keineswegs erbaulich.
Zuletzt ächzt ich so lange, daß er sich
Verdrießlich zu mir kehrte, rief:
Was willst du hier? Was gibts?

Und ich war fix und bückte mich erbärmlich.

Arm und elend sollt ich sein.
Ach! Herr Doktor, erbarmt Euch mein!
(In der Person des Doktors)
Geht zu andern, guter Mann!
Armut ist eine böse Krankheit,
Die ich nicht kurieren kann.
(Als Bettler)
Ach, weit bittrer noch als Mangel
Ist mein Elend, meine Krankheit,
Ist mein Schmerz und meine Not;
Könnt Ihr nichts für mich erfinden,
Ist mein Leben nur ein Tod.
(Als Doktor)
Reiche den Puls! Laß mich ermessen,
Welch ein Übel in dir steckt.
(Als Bettler)
Ach, mein Herr! ich kann nicht essen.
(Als Doktor)
Wie? nicht essen?
(Als Bettler)
Ja, nicht essen!
Lange, lang hab ich vergessen,
Wie ein guter Bissen schmeckt,
(Als Doktor)
Das ist sehr, sehr sonderbar!
Aber ich begreif es klar.
(Als Bettler)
Eine Küche nur zu sehen,
Gleich ist es um mich geschehen;
Nur von fern ein Gastmahl wittern
Macht mir alle Glieder zittern;
Würste, Braten und Pasteten
Sind imstande, mich zu töten;
Wein auf hundert Schritt zu riechen,
Bringt mich in die größte Not;
Reines Wasser muß mir gnügen.
Und ein Stück verschimmelt Brot.

Ich sah ihn an; kaum hatt er es vernommen,
Als er sich auf einmal besann.
In seinem Herzen war das Mitleid angekommen,
Ich war sein guter, lieber, armer Mann.
Ach! rief ich aus: ich mag noch alle Pflichten
Von jedem Herrendienst mit Munterkeit und Treu,
Was man mir aufträgt, gern verrichten;
Nur macht mich eines Herrn wollüstig Leben scheu.
Er sann und freute sich—und kurz und gut.
Mein Übel war ihm mehr als ein Empfehlungsschreiben.
Er sprach: Mein Tisch empört dir nicht das Blut;
Du kannst getrost in meinem Hause bleiben.
Wir wurden einig, und ich schlich mich ein.
SCAPINE. Wie ging es dir?
SCAPIN. Eh nun!
Ich fastete ganz herrlich
Dem Anschein nach.
Doch, wie er den Rücken wendete.
Tat ich im nächsten Gasthof
Nach aller Lust mir reichlich was zugute.
SCAPINE. Und er?
SCAPIN. Von seinem Geize, seinem kargen Leben.
Von seinem Unsinn, seinem Ungeschick
Erzähl ich nichts; darüber sollst du noch
An manchem schönen Abend lachen.
Genug, ich weiß nun, wie es steht,
Ich kenne die Gelegenheit
Und jeden Winkel seines Hauses.
Und ob er gleich
Mit seiner Kasse sehr geheim ist,
So wett ich doch.
Von jenen hundert köstlichen Dukaten,
Die uns gehörten,
Die er uns vor der Nase weggeschnappt,
Ist noch kein einziger aus seinen Händen.
Oft schließt er sich ein und zählt,
Und ich habe durch eine Ritze
Das schöne Gold zusammen blinken sehn.
Wenn wir nun klug sind,
Ist es wieder unser.
SCAPINE. So glaubst du, jener Streich,
Den wir uns vorgenommen,
Sei durchzusetzen?
SCAPIN. Ganz gewiß.
Verlasse dich auf michl
Nur merke wohl!
SCAPINE. Ich merke!
SCAPIN. In seinem Zimmer stehen zwei Gestelle
Mit Gläsern eins zur Linken, und zur Rechten
Mit Büchsen eins und Schachteln:
Dies ist das Arsenal, woraus der Tod
Privilegierte Pfeile sendet.
Auf dem Gestelle zur Rechten,
Ganz oben, rechts, steht eine runde Büchse,
Rot angemalt,
Wie auf den andern Reihen
Mehr Büchsen stehn.
Doch diese kannst du nicht verfehlen;
Sie steht zuletzt, allein,
Und ist die einzige von ihrer Art
In dieser Reihe.
In dieser Büchse ist das Rattengift
Verwahrt,
``Arsenik`` steht auch außen angeschrieben:
Das merke dir.
SCAPINE. Wie? auf dem Gestelle rechts?
SCAPIN. Wohl!
SCAPINE. Und auf der obern Reihe
Die letzte Büchse?
SCAPIN. Recht.
SCAPINE. ''Arsenik" steht daran,
Und sie ist rot und rund?
SCAPIN. Vollkommen. Du kennst sie
Wie deinen Mann, von innen und von außen.
Wir mustern eben seine Flaschen und Büchsen,
Notieren, was an Arzeneien abgeht;
Da bring ich bei Gelegenheit die Sachen durcheinander,
Daß ein Versehn noch mehr wahrscheinlich werde.
SCAPINE. Brav! Und übrigens soll alles gehn,
Wie wir es abgeredet?
SCAPIN. Gewiß.
SCAPINE.
Du fürchtest nichts von deines Herren Klugheit?
SCAPIN. Mitnichten! wenn du die Kunst,
Ohnmächtig dich zu stellen, noch verstehst,
Mit stockendem Pulse
Für tot zu liegen,
Wenn mir der Kopf am alten Flecke sitzt.
Nur frisch! es gerät!
Er ist ein ganz erbärmlicher Mensch,
Ein Schelm und überdies ein Narr,
So recht ein Kerl,
Von dem die Leute gerne glauben,
Es stecke etwas hinter ihm verborgen.
Nur frisch, mein Liebchen!
Deine Hand und guten Mut,
So ist der Braten unser!
SCAPINE. Es schleicht durch Wald und Wiesen
Der Jäger, ein Wild zu schießen
Frühmorgens, eh es tagt.
SCAPIN. Die Mühe soll uns nicht verdrießen;
Auch wir sind angewiesen,
Ein jedes hat seine Jagd.
SCAPINE. Auch wir sind angewiesen!
Die Mädchen auf die Tropfen,
Die Weiber auf die Toren,
Die Männer auf die Narren.
O! welche hohe Jagd!
SCAPIN. Es muß uns nicht verdrießen.
Denn es ist Malz und Hopfen
Bei allen gar verloren;
Man muß vergebens harren,
Wenn man nichts Kühnes wagt.
BEIDE. Es muß uns nicht verdrießen!
SCAPINE. Denn oft ist Malz und Hopfen
SCAPIN. An so viel armen Tropfen,
SCAPINE. So viel verkehrten Toren,
SCAPIN. Und alle Müh verloren.
SCAPINE. Der ganze Schwarm von Narren
SCAPIN. Läßt euch vergebens harren,
BEIDE. Wenn ihr nichts Kühnes wagt.
SCAPIN. Es ist nun deine Sache;
Ich weiß, wie klug du bist.
Süß ist die Rache,
Und angenehm die List.
SCAPINE. Es ist gemeine Sache;
Ich weiß, wie klug du bist.
Süß wird die Rache,
Und angenehm die List.
SCAPIN. So eile
Und komm bald zurück.
SCAPINE. Ich weile
Nicht einen Augenblick.
BEIDE. Ich lade dich zur Freude
Zum voraus ein.
Die Rache, die List, die Beute,
Wie wird sie uns erfreun!

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