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2019-08-21

J.W.von Goethe: Scherz, List und Rache 2.Akt


ZWEITER AKT

ZIMMER, GESTELLE MIT ARZENEIBÜCHSEN UND
GLÄSERN IM GRUNDE, TISCH ZUR RECHTEN,
GROSSVATERSTUHL ZUR LINKEN SEITE DER
SPIELENDEN.


DER DOKTOR (mit Geldzählen beschäftigt).
Süßer Anblick! Seelenfreudel
Augenweid und Herzensweide!
Erste Lust und letzte Lust!
Zeigt mir alle Erdegaben,
Alles, alles ist zu haben,
Und ich bin es mir bewußt!

Die meisten Menschen kommen mir
Wie große Kinder vor,
Die auf den Markt mit wenig Pfennigen
Begierig eilen.
Solang die Tasche noch
Das bißchen Geld verwahrt,
Ah! da ist alles ihre:
Zuckerwerk und andre Näschereien,
Die bunten Bilder und das Steckenpferdchen,
Die Trommel und die Geige!
Herz, was begehrst du?

Und das Herz ist unersättlich!
Es sperrt die Augen ganz gewaltig auf.
Doch ist für eine dieser Siebensachen
Die Barschaft erst vertändelt.
Dann adieu, ihr schönen Wünsche,
Ihr Hoffnungen, Begierden!
Lebt wohl!
In einen armen Pfefferkuchen
Seid ihr gekrochen;

Kind, geh nach Hause!
Nein! nein! So soll mirs niemals werden.
Solang ich dich besitze,
Seid ihr mein,
Ihr Schätze dieser Erde!
Was von Besitztum
Irgendeinen Reichen
Erfreuen kann.
Das seh ich alles
Und kann fröhlich rufen:
Herz, was begehrst du?

Soll mich ein Wagen
Mit zwei schönen Pferden tragen?
Gleich ists getan
Willst du schöne, reiche Kleider?
Schnell, Meister Schneider,
Meß er mir die Kleider an!

Haus und Garten?
Hier ist Geld!
Spiel und Karten?
Hier ist Geld!
Köstlich Speisen?
Weite Reisen?
Mein ist, mein die ganze Welt!
Herzchen! Liebes Herzens-Herzchen!-

Was begehrst du, Herzens-Herzchen?
Fodre nur die ganze Welt.

Welcher Anblick! welche Freude!
Augenweid und Seelenweide!
Erste Lust und letzte Lust!
Zeigt mir alle Erdegaben,
Alles, alles ist zu haben,
Und ich bin es mir bewußt!

Wer klopft so leise?
Es ist gewiß mein Diener.
Er glaubt, ich schlafe.
Indes ich mich
An meinen Schätzen wohl belustge.
(Laut) Wer klopft?—Bist dus?
SCAPIN. Wacht Ihr, mein Herr und Meister?
DOKTOR (als gähnte er). Ach! Oh! Au! Ah!
Soeben wach ich auf;
Gleich öffn ich dir die Türe.
Warte! Warte!
SCAPIN (hereintretend).
Wohl bekomm Euch das Schläfchen!
DOKTOR. Ich denk, es soll.
Hast du indessen
Den Umschlag fleißig gebraucht?
Hast du die Tropfen eingenommen?
SCAPIN. Das versäum ich nie!
Wie sollt ich auch den eignen Leib so hassen,
Nicht alles tun, was Ihr verordnet?
Unendlich besser fühl ich mich.
Seht nur! mein Knie verliert die alte Krümme,
Schon fang ich im Gelenke
Bewegung an zu spüren,
Und bald bin ich durch Eure Sorgfalt
Frisch wie zuvor.
Nur, ach! der Appetit
Will noch nicht kommen!
DOKTOR. Danke dem Himmel dafürl
Wozu der Appetit?
Und wenn du keinen hast,
Brauchst du ihn nicht zu stillen.

Laß uns nun wieder an die Arbeit gehn.
Wo sind wir stehn geblieben?
Welche Reihe hast du zuletzt gehabt?
SCAPIN (am Gestelle deutend). Hier! diese.
DOKTOR. Wohl, wir müssen eilen,
Damit ich wisse, was von jeder Arzenei,
Von jeder Spezies mir abgeht,
Daß ich beizeiten mich in Vorrat setze.
Ich habe schon zu lang gezaudert,
Es fehlt mir hie und da.
SCAPIN (steigt auf einen Tritt mit Stufen, der vor den
Repositorien steht).
"Rhabarber"! ist zur Hälfte leer.
DOKTOR (am Schreibtische). Wohl.
SCAPIN. Der "Lebensbalsam"!
Fast ganz und gar verbraucht.
DOKTOR. Ich glaub es wohl.
Er will der ganzen Welt fast ausgehn.
SCAPIN. "Präparierte Perlen"!—Wie?
Die ganze Büchse voll!
Ich weiß nicht, was ich sagen soll.
Ihr wißt ja sonst recht wohl zu sparen;
Verschwendet Ihr so die köstlichste der Waren?
DOKTOR. Gar recht! Du hast dich nicht geirrt!
Ja, wohl bin ich ein guter Wirt,
Es jammerte mich stets, die Perlen klein zu mahlen;
Für diesmal sind es Austerschalen.
SCAPIN. "Königlich Elixier"!—
Wie rot, wie schön glänzt diese volle Flasche!
Mein guter Herr, erlaubt mir, daß ich nasche;
Vielleicht errett ich mich von aller meiner Pein.
DOKTOR. Laß sie nur stehen! Laß es sein!
Man nimmt es nicht zum Zeitvertreibe.
Die Kraft des Elixiers ist aller Welt bekannt,
Von seiner Wirkung königlich genannt;
Es schlägt gewaltig durch und läßt Euch nichts im Leibe.
(Es klopft)
Doch fahre hübsch in einer Reihe fort.
Was soll das sein? Du bist bald hier, bald dort!
(Es klopft)
DOKTOR. Mich dünkt, es pocht.
SCAPIN. Ich hab es auch vernommen.
DOKTOR. Der Abend ist schon nicht mehr weit.
Geh hin und sieh; es ist sonst nicht die Zeit,
Wo Patienten kommen.
(Scapin ab. Der Doktor beschäftigt sich während des Ritornells
mit diesem und jenem)
SCAPIN (kommt zurück).
Herr! ein Mädchen! Herr! ein Weibchen,
Wie ich keines lang gesehn.
Wie ein Schäfchen, wie ein Täubchen!
Jung, bescheiden, sanft und schön.
DOKTOR. Führ herein das junge Weibchen!
Mich verlanget, sie zu sehn.
SCAPIN. Nur herein, mein Turteltäubchen!
Sie muß nicht von weiten stehn.
DOKTOR. Nur herein! O wie schön!
(Zu zwei.)
Nur herein! O wie schön!
So bescheiden und so schön!
Nur herein!
Sie muß nicht von weiten stehn.
SCAPINE. Ein armes Mädchen,
Vergebt, vergebet!
Ich komm und flehe
Um Rat und Hilfe
Von Schmerz und Not.
Ich bin ein Mädchenl
Nennt mich nicht Weibchen,
Ihr macht mich rot.
DOKTOR. Mein liebes Kind, Sie muß sich fassen;
Tret Sie getrost herbei!
Sie darf vor aller Welt sich frei,
Vor Kaiser und vor Königen sich sehen lassen.
Was fehlt Ihr? Rede Sie! Sie darf sich mir vertraun.
Wie soll man mehr auf äußres Ansehn baun!
Wer Sie nur sähe, sollte schwören,
Sie sei recht wacker und gesund;
Ich glaub es selbst, es muß Ihr schöner Mund
Mich eines andern erst belehren.
SCAPINE. Wollt Ihr den Puls nicht fühlen, weiser Mann?
Vielleicht erfahrt Ihr mehr, als ich Euch sagen kann.
(Sie reicht ihm den Arm.)
DOKTOR. Ei! ei! was ist das?
Wie geschwind!
Wie ungleich!
Bald früher, bald später.
Das kindische, unschuldige Gesicht!

Im Herzchen ist kein Gleichgewicht.
Ja, ja, gewiß, der Puls ist ein Verräter.
Zaudre nicht, die Zeit vergeht!
Gesteh, wie es in deinem Herzen steht.
SCAPINE. Ach! wie soll ich das gestehen,
Was ich nicht zu nennen weiß?
Mir nicht so ins Aug gesehen!
Nein, mein Herr, es wird mir heiß.

Fühlen Sie mein Herz; es schlaget,
Es beweget
Meine Brust schon allzusehr!
Ach! was soll ich denn gestehen?

Mir nicht so ins Aug gesehen!
Nein, mein Herr, ich kann nicht mehr.
(Sie hat sich während der Arie manchmal nach Scapin umgesehen,
als wenn sie sich vor ihm fürchtete.)
DOKTOR. Ich verstehe dich;
Du traust mir wohl,
Doch willst du dich vor diesem Burschen
Nicht explizieren.
Ich lobe die Bescheidenheit.
(Zu Scapin) Hast du nichts zu tun, als dazustehn?
Geh hin, beschäftge dich!
SCAPIN. Mein Herr, der Anblick heilet mich:
Ich fühle nach und nach ein himmlisches Behagen:
Ich glaube gar, mir knurrt der Magen!
Wie durch ein Wunder flieht die Pein,
Die Lust zum Essen stellt sich ein.
O dürft ich, nur es zu beweisen.
Gleich hier in diesen Apfel beißen!
(Er greift ihr an die Wange)
DOKTOR. Willst dul—Unverschämter!—
Hinaus mit dir! Was fällt dir ein?
Der Bissen ist für dich zu fein.
(Er treibt ihm fort)
Nun, schöner Schatz, sind wir allein.
Gestehe mir nun, was dich quälet.
Was du zuviel hast, was dir fehlet.
SCAPINE. O sonderbar und wieder sonderbar
Ist mein Geschick!
Ich gleiche mir nicht einen Augenblick.
Es ist so seltsam und doch wahr!

Gern in stillen Melancholien
Wandl ich an dem Wasserfall,
Und in süßen Melodien
Locket mich die Nachtigall.

Doch hör ich auf Schalmeien
Den Schäfer nur blasen.
Gleich möcht ich mit zum Reihen.
Tanzen und rasen,
Und toller und toller
Wirds immer mit mir.

Seh ich eine Nase,
Möcht ich sie zupfen;
Seh ich Perücken,
Möcht ich sie rupfen;
Seh ich einen Rücken,
Möcht ich ihn patschen;
Seh ich eine Wange,
Möcht ich sie klatschen.
(Sie übt ihren Mutwillen,  indem sie jedes, was sie singt,
gleich an ihm ausläßt.)
Hör ich Schalmeien,
Lauf ich zum Reihen;
Toller und toller
Wirds immer mit mir.
(Sie zwingt ihn zu tanzen, schleudert ihn zuletzt in eine Ecke,
und wie sie sich erholt hat, fällt sie wieder ein)
Nur in stillen Melancholien
Wandl ich an dem Wasserfall,
Und in süßen Melodien
Locket mich die Nachtigall.
DOKTOR. Nun! nun! bei diesem sanften Paroxysmus
Wollen wirs bewenden lassen!
Daß ja der böse Dämon nicht sein Spiel
Zum zweitenmal mit meiner Nase treibe!
( Wie sie eine muntere Gebärde annimmt, fährt er zusammen)
Noch niemals hat ein Kranker
So deutlich seinen Zustand mir beschrieben.
Ein Glück, daß es nicht öfter kommt!
Doch kommen auch so schöne Patienten
Nicht öfters. Liebstes Kind,
Hat Sie Vertraun zu mir?
SCAPINE (freundlich und zutätig).
Vertraun? Ich dächte doch!
Hab ich mich nicht genugsam expliziert?
DOKTOR. O ja! vernehmlich!—Ich meine nur, Vertraun —
(er tut ihr schön, sie erwiderts)
Was man Vertrauen heißt,
Wodurch die Arzenei erst kräftig wird

Gut!—Merke Sie, mein Schatz;
Die große Heftigkeit verspricht kein langes Leben;
Ich merk es wohl, die Säfte sind zu scharf.
[Beiseite)
Ich muß ihr Arzeneien geben,
Damit sie einen Arzt bedarf.
(Während des Ritornells des folgenden Duetts bringt der
Doktor einen kleinen Tisch hervor, und indem er einen
Becher darauf setzt, fällt er ein:)
DOKTOR. Aus dem Becher, schön verguldet,
Sollst du, liebes Weibchen, trinken;
Aber laß den Mut nicht sinken:
Es ist bitter, doch gesund.
SCAPINE. Ewig bleib ich Euch verschuldet;
Gern gehorch ich Euren Winken;
Was Ihr gebet, will ich trinken,
Ich versprechs mit Hand und Mund.
DOKTOR (der jedesmal hin und wider läuft und von den
Repositorien Büchsen und Gläser holt und davon in den
Becher einschüttet,  sie aber zusammen auf dem kleinen Tischchen
neben dem Becher stehenläßt).
Drei Messerspitzen
Von diesem Pulver!
Drei Portiönchen
Von diesem Salze!
Nun ein paar Löffel
Von diesen Tropfenl
Nun ein halb Gläschen
Von diesem Safte!
O welch ein Tränkchenl
O welch ein Trank!
Ja, mein Kindchen, das erfrischet;
Du hast ganz gewiß mir Dank!
SCAPINE. Ach, mein Herr! Ach, mischet, mischet
Nicht so viel in Einen Trank!
DOKTOR. Nun misceatur, detur, signetur:
Wühlendes, spülendes.
Kühlendes Tränkchen!
Köstlicher hab ich
Nie was bereitet!
Nimm es, vom besten
Der Wünsche begleitet!
Zaudre nicht, Kindchen,
Trinke nur frisch,
Und du wirst heiter,
Gesund wie ein Fisch.
(Sie nimmt indessen den Becher, zaudert,  setzt ihn
wieder hin. Einige Augenblicke Pause. Stummes Spiel. Wie sie den
Becher gegen den Mund bringt:)
SCAPIN (außen in einiger Entfernung). Hilfe!
DOKTOR. Was soll das sein?
SCAPIN. Hilfel
SCAPINE. Wen hör ich schrein?
SCAPIN. Rettet!
DOKTOR. Soll das mein Diener sein?
SCAPIN. Rettet!
SCAPINE. Ich hör ihn schrein.
SCAPIN (hereintretend). Feuer! Feuer!
Feuer im Dache!
Im obern Gemache
Ist alles voll Dampf.
DOKTOR. Feuer im Dache?
Im obern Gemache?
Mich lähmet der Krampf.
SCAPINE. Eilet zum Dache,
Zum obern GemacheI
Wo zeigt sich der Dampf? (Scapin ab.)
DOKTOR. Ich bin des Todes!
Auf immer geschlagen!
SCAPINE. Was soll ich ergreifen?
Was soll ich Euch tragen?
DOKTOR (ihr eine Schatulle reichend). Hier! nimm!
Nein! laß!
SCAPINE. Gebt her!
Warum das?
DOKTOR. Ich bin des Todes!
Auf immer geschlagen!
Mich lähmet der Krampf!
SCAPINE. Laßt mich nur nehmen,
Laßt mich nur tragenl
Riecht Ihr den Dampf?


SCAPIN (mit ein paar Eimern). Hier bring ich Wasser
Auf! Wasser getragen!
Es mehrt sich der Dampf.
DOKTOR. Welche Verwirrung!
Entsetzen und Graus!
SCAPIN. Eilet und löschet
Und rettet das Haus!
SCAPINE. Fasset und traget
Und schleppet hinaus!
(Scapin dringt dem Doktor die Eimer auf, sie rennen wie unsinnig
durcheinander, endlich schieben sie den Doktor zur
Türe hinaus. Scapin hinter ihm drein; Scapin kehrt in der
Türe um und bricht, da sie sich allein sieht, in ein lautes
Lachen aus.)
Ha! ha! ha! ha!
Nur unverzagt,
Geschwind gewagt!
Das ist fürtrefflich gut gegangen!
(Sie gießt den Trank zum Fenster hinaus und stellt den
Becher wieder an seinen Platz)
Ha! ha! ha! ha!
Da fließt es hin!
Wir haben ihn!
Er ist mit Haut und Haar gefangen.
Geschwind, daß ich das Beste nicht vergesse!
Wo steht die Büchse?
(Sie sieht sich an den Repositorien um.)
Hier! das muß sie sein.
(Sie steigt auf dem Tritte in die Höhe?)
"Arsenik"! Ja, getroften, schnell getauscht.

Diese ist so ziemlich ähnlich,
Weißes Pulver in dieser wie in jener.
(Sie verwechselt die Büchsen, setzt die eine auf das Tisch
die andre hinauf)
Gut!
Welch Entsetzen wird den Alten fassenl
Welch Unheil ihn ergreifen,
Wenn er mich
Durch seine Schuld vergiftet glaubt!
Und nun geschwind, zu sehen, wo sie bleiben,
Daß ich ihm nicht verdächtig werde.
Nur unverzagt!
Es ist fürtrefflich gut gegangen.
Wir haben ihn!
Er ist mit Haut und Haar gefangen.

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