> Gedichte und Zitate für alle: J.W.von Goethe: Scherz, List und Rache 4.Akt

2019-08-21

J.W.von Goethe: Scherz, List und Rache 4.Akt

VIERTER AKT

GEWÖLBE MIT EINER TÜRE IM GRUNDE.

SCAPINE (kommt zur Türe heraus und sieht sich um).
Bin ich allein! Wie finster hier und stille!
O glücklich der, den keine Furcht berückt!
Sein Wille bleibt sich gleich, wie hoher Götter Wille,
Selbst die Gefahr macht ihn beglückt.
Nacht, o holde! halbes Leben!
Jedes Tages schöne Freundin!
Laß den Schleier mich umgeben,
Der von deinen Schultern fällt.
In dem vollen Arm der Schönen
Ruhet jetzt belohnte Liebe;
Und nach einsam langem Sehnen
Bringen auch verschmähtem Triebe
Träume jetzt ein Bild der Lust.
Nacht, o holde!—
Es schleicht mit leisen Schritten
Die List in deinen Schatten;
Sie suchet ihren Gatten,
Den Trug!—Im stillsten Winkel
Entdeckt sie ihn!—und freudig
Drückt sie ihn an die Brust.

Nacht, o holde! halbes Leben!
Jedes Tages schöne Freundin!
Laß den Schleier mich umgeben,
Der von deinen Schultern fällt!
SCAPIN (sieht zur Seitentür herein).
Es kommt mit leisen Schritten
Dein Freund durch Nacht und Schatten:
Erkennst du deinen Gatten?
Und in dem stillen Winkel
Entdeckt er dich, und freudig
Druckt er dich an die Brust.
SCAPINE. Wer schleicht mit leisen Schritten?
Wer kommt durch Nacht und Schatten?
Begegn ich meinem Gatten
In diesem toten Winkel?
Willkommen! welche Freude!
O komm an meine Brust!
BEIDE. Nacht, o holde! halbes Leben!
Jedes Tages schöne Freundin!
Laß den Schleier uns umgeben.
Der von deinen Schultern fällt.
SCAPINE. Ists glücklich? ists gelungen?
SCAPIN. Hier ist das Geld errungen!
SCAPINE. O schön! o wohl erworben!
SCAPIN. Er ist mir fast gestorben.
Das ist die eine Hälfte;
Wie wandt und krümmt' er sich!
SCAPINE. Du hast die eine Hälfte;
Die andre bleibt für mich.
SCAPIN. Nun ist es Zeit, ich geh, mich zu verstecken.
Er glaubt, ich habe dich im Sacke fortgebracht.
Nun ruf und lärme laut, ihn aus dem Schlaf zu wecken,
Wenn er nicht etwa gar noch voller Sorgen wacht.
SCAPINE. Wie wird der arme Tropf erschrecken!
Hörst du? Von ferne in der Nacht
Ein Wetter zieht herbei. Der Donner mehrt das Grausen.
Er soll hervor, und schlief er noch so fest!
Geh nur! Ich will im alten Nest
Wie sieben böse Geister hausen,
SCAPINE (allein). Sie im tiefen Schlaf zu stören,
Wandle näher, Himmelsstimme!
Mit posaunenlautem Grimme
Rufe zu, daß sie es hören,
Die mich grausam hergebracht!
Rollet, Donner! Blitze, senget!
Was ist über mich verhänget?
Wer verschloß mich in die Nacht?
SCAPIN (schaut zur Türe herein).
Er kommt, mein Schatz, er kommt!
Ich hör ihn oben schleichen.
Dein Toben hat ihn aus dem Bett gesprengt.
Nichts wird der Furcht und dem Entsetzen gleichen;
Ein schwer Gericht ist über ihn verhängt!
(Scapin ab. Scapine horcht und zieht sich in die hintere
Türe zurück.)
DOKTOR (mit einer Laterne).
Stille, so stillel
Regt sich doch kein Mäuschen,
Kein Lüftchen,
Es rühret sich nichts!

War es der Donner?
War es der Hagel?
War es der Sturm,
Der so tobte und schlug?
Still ist es, stille!
SCAPINE (inwendig, ganz leise, kaum vernehmlich). Ah!
DOKTOR. Hä?
SCAPINE [mit verstärkter Stimme, doch immer leise). Ah!
DOKTOR. Was war das?
SCAPINE (lauter). Weh!
DOKTOR (an der Vorderseite niederfallend). O weh!
SCAPINE (immer inwendig, leise und geistermäßig).
Ach! zu früh
Trugen sie
Mich ins Grab,
Ins kühle Grab.
DOKTOR (immer an der Erde). Ach, sie kommt wieder;
Denn in dem Sacke
Trug sie mein Diener
Schon lange davon.
SCAPINE (wie oben). Die ihr es höret,
Die ihrs vernehmet,
Bejammert das Schicksal,
Das jugendliche Blut!
DOKTOR (der sich aufzuheben gesucht und wieder hinfällt).
War ich von hinnen!
Wo find ich die Türe?
Mich tragen die Füße,
Die Schenkel nicht mehr.
SCAPINE. Früh sollt ich sterben,
Frühe vergehen.
Bejammert das Schicksal,
Das jugendliche Blut!
DOKTOR. Ach, ich muß sterben,
Ich muß vergehen.
O gäbe der Himmel,
Es wäre schon Tag!
SCAPINE (in weißen Schleier an die Tür tretend).
Welch ein Schlaf? Welch Erwachen!
Ein schauerlicher Ort, ein traurig Licht!
(Sie kommt weiter hervor)
Wie trüb ist mirs,
Wie schwankt der Fuß,
Wie matt! (Sie erblicket den Alten auf der Erde.)
Ihr Götter! welch ein Nachtgesicht!
DOKTOR. Laß ab! Quäle mich nicht.
Unruhiger, unglückselger Geist!
Ich bin an deinem Tode nicht schuldig.
Oh!—Weh mir, weh!
SCAPINE. Steh auf, steh aufl
Ha! nun erkenn ich dich!
Du spottest mein
Mit dieser törigen Verstellung,
Du weißt zu gut

(sie fängt wieder an zu wanken)
Weh mir!
Wo bin ich?
Wer hat mich hergebracht?
Rede! Wie ist mir?
Bin ich noch im Leben?
Bin ich mir selbst ein Traumgesicht?
DOKTOR (indem er aufsteht).
Ich wollte dir gar gerne Nachricht geben,
Allein ich weiß es selber nicht.
SCAPINE. Ich fühls an diesen Schmerzen,
Noch leb ich, aber welch ein Leben!
Weit besser wärs, dem Herzen
Den letzten Stoß zu geben;
Vollende, was du getan!

Wie? In deinem Blick zeigt sich Erbarmen.
Ach, hilf mir! rette mich!
Du bist ein Arzt.
O göttlicher, kunstreicher Mann,
Lindre diese Qualen!
Ich weiß, du kannst, was keiner kann;
Ich will dirs hundertfach bezahlen.

O kannst du noch Erbarmen,
Kannst du noch Mitleid fühlen.
So rette mich! hilf mir Armen!
Lindre die Qual! Erbarmen!
Dein Erbarmen!
Zu deinen Füßen fleh ichs an!
DOKTOR. Gern, alles steht zu Diensten, was ich habe
Steh nur auf!
Theriak! Mithridat!
Komm herauf, komm mit!
Nein, warte, warte!
Ich will dirs alles bringen.
(Beiseite.) Hätt ich sie nur zum Hause hinaus.
Der Bösewicht!
Hat mir sie auf dem Hals gelassen.
(Laut.) Wart nur, ich bringe gleich;
Dann nimm es ein,
Und frisch mit dir davon,
Sobald nur möglich ist,
Dein Bette zu erreichen.
SCAPINE. Du redest nicht wahr,
Ich merke dirs an.
Nein, nein, ich seh schon, was es soll!
Du willst mit einer frischen Dose
Mein armes Herz auf ewig
Zum Stocken bringen.
Mein Eingeweide zerreißen!—
--
Weh! o welch ein Schmerz!

Nein, nichts soll mich halten!
Teuer verkauf ich den Rest des Lebens.
Mein Geschrei tönt nicht vergebens
Zu den Nachbarn durch die Nacht.
DOKTOR. Stille, stille! laß dich halten!
Du bist nicht in Gefahr des Lebens.
Lärme nicht, verwirre nicht vergebens
Meine Nachbarn durch die Nacht.
SCAPINE. Nein, ich rufe.
DOKTOR. Stille! Stille!
SCAPINE. Keinen Augenblick
Versäum ich.
Ich fühle schon den Tod.
DOKTOR. O Mißgeschick!
Wach ich oder träum ich?
Es verwirret mich die Not.
SCAPINE. Ich weiß es wohl,
Ich habe Gift,
Und habe von dir
Keine Hilfe zu erwarten.
Entschließe dich!
Bezahle mir
Gleich fünfzig bare Dukaten.
Daß ich gehe.
Mich kurieren lasse;
Und ist nicht Hilfe mehr,
Daß mir noch etwas bleibe,
Mein elend, halb verpfuschtes Leben hinzubringen.
DOKTOR. Weißt du auch, was du sprichst?
Fünfzig Dukaten
SCAPINE. Weißt du auch, was das heißt,
Vergiftet sein?
Nein, nichts soll mich halten!
Teuer verkauf ich den Rest des Lebens.
DOKTOR. Stille, laß dich halten!
Verwirre mich nicht vergebens!
SCAPINE. Es mehren sich die Qualen.
Meinst du, es sei ein Spiel?
DOKTOR. Noch einmal zu bezahlen!
Himmel, das ist zuviel!
(Auf den Knien.) Barmherzigkeit!
SCAPINE. Vergebens!
DOKTOR. Die Freude meines Lebens
Geht nun auf ewig hin.
Barmherzigkeit!
SCAPINE. Bezahle!
DOKTOR. Sie sind mit einemmale
Fort! hin! fort! hin!
(Sie nötigt den Alten, nach dem Gelde zu gehen.)
SCAPIN (der hervortritt) und SCAPINE.
Es stellet sich die Freude
Vor Mitternacht noch ein;
Die Rache, die List, die Beute,
Wie muß sie die Klugen erfreun!
(Da sie den Alten hören, verbirgt sich Scapin.)
DOKTOR (mit einem Beutel).
Laß mich noch an diesem Blicke,
Mich an diesem Klang ergetzen!
Nein, du glaubest,
Nein, du fühlst nicht,
Welches Glücke
Du mir raubest;
Nein, es ist nicht zu ersetzen!
Ach! du nimmst mein Leben hin.
(Den Beutel an sich drückend)
Sollen wir uns trennen?
Werd ich es können?
Ach, du Rest von meinen Freuden,
Sollst du so erbärmlich scheiden?
Ach! es geht mein Leben hin!
SCAPINE (die unter voriger Arie sich sehr ungeduldig bezeigt
hat).
Glaubst du, daß mir armen Weibe
Nicht dein Becher Gift im Leibe
Schmerzen! Jammer,
Ein elend Ende bringt?
(Sie reißt ihm den Beutel weg.)
Ists auch wahr?
Leuchte her!
DOKTOR (nimmt die Laterne auf und leuchtet).
Welcher Schmerz!
SCAPINE (besieht das Geld). Ganz und gar
Ists vollbracht.
Gute Nacht!
Geschwind, daß ich mich rette!
(Sie eilt nach der Türe, der Alte sieht ihr versteinert nach. Sie
kehrt kurz um, naht sich ihm und macht ihn einen Reverenz)
Geh, Alter, geh zu Bette!
Geh zu Bette,
Und träume die Geschichte;
So wird der Trug zunichte.
Wenn List mit List zur Wette,
Kühnheit mit Klugheit ringt.
SCAPIN (hervortretend). Geh, Alter, geh zu Bettel
(Zu zwei?) Geh zu Bette!
SCAPIN. Und träume die Geschichte!
(Zu zwei) So wird der Trug zunichte.
Wenn List mit List zur Wette,
Kühnheit mit Klugheit ringt.
DOKTOR. Was ist das?
Was seh ich?
Was hör ich da?
BEIDE. Höre nur und sieh:
Das Geld war unser,
Und ist es wieder,
Und wird es bleiben.
Gehabt Euch wohl!
DOKTOR. Was muß ich hören?
Was muß ich vernehmen.''
Welche Lichter
Erscheinen mir da?
Nachbarn, herbei!
Ich werde bestohlen.
SCAPINE (zu Scapin). Eile! O eile!
Die Wache zu holen,
Daß dieser Mörder
Der Strafe nicht entgeh!
DOKTOR. Diebe!
SCAPINE (wirft sich Scapin in die Arme, der die Gestalt
des Krüppels annimmt). Gift!
DOKTOR. Diebe!
SCAPIN. Rattengift!
SCAPINE [mit Zuckungen). Ich sterbe!
Ai!
DOKTOR. Still!
SCAPINE. Ai! Ai!
DOKTOR. Still! Still!
SCAPINE. Ich sterbe!
Ach weh! Ach weh!
Es kneipet, es drücket;
Ich sterbe, mich ersticket
Ein kochendes Blut!
Ich sterbe!
DOKTOR. Himmel, verderbe
Die schändliche Brut!
SCAPINE (an der einen)  SCAPIN (an der andern Seite).
Hört Ihr die Münze?
Hört Ihr sie klingen?
(Sie schütteln ihm mit dem Beutel vor den Ohren.)
SCAPINE. Klingling!
SCAPIN. Klingling!
BEIDE. Klingling! ling!
DOKTOR. Mir will das Herz
In dem Busen zerspringen!
BEIDE. Klingling! Klingling! ling!
DOKTOR. Diebe!
BEIDE. Mörder! Gift!
SCAPINE (in der Stellung wie oben). Ich sterbe!
DOKTOR. Stille! Stille!
SCAPINE. Wer muß nun schweigen?
SCAPIN. Wer darf sich beklagen?
DOKTOR. Ihr dürft euch zeigen?
Ihr dürft es wagen?
Diebe!
BEIDE. Mörder!
DOKTOR. Still! Still!
BEIDE. Hört Ihr die Münze?
Hört Ihr sie klingen?
Klingling!
SCAPINE (in obiger Stellung). Ich sterbe!
Mir siedet das Blut!
DOKTOR. Himmel, verderbe
Die schändliche Brut!
SCAPINE. O weh!
DOKTOR. Ich weiß nicht, lügen sie?
Ich weiß nicht, betrügen sie?
Ich weiß nicht, sind sie toll?
BEIDE. Ha! ha! ha! ha!
Seht nur, seht!
Wie er toll ist!
Wie er rennt!
Ach, er kennt
Sich selbst nicht mehr!
Ach, es ist um ihn getan!
DOKTOR. Welche Verwegenheit!
BEIDE. Keine Verlegenheit
Ficht uns an.
SCAPINE. Ai!
DOKTOR. Stille!
BEIDE. Hört Ihr sie klingen?
DOKTOR. Diebe!
BEIDE. Mörder!
DOKTOR. Stille!
BEIDE. Wie er toll ist!
Wie er rennt!
Seid doch bescheiden!
Geht, legt Euch schlafen!
Träumt von dem Streich!
DOKTOR. Soll ich das leiden?
Kerker und Strafen
Warten auf euch.

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