> Gedichte und Zitate für alle: LILA-Singspiel von Johann Wolfgang v.Goethe: 4. Aufzug

2019-08-10

LILA-Singspiel von Johann Wolfgang v.Goethe: 4. Aufzug

Singspiel von Johann Wolfgang v.Goethe:



VIERTER AUFZUG

WALD.

Almaide. Friedrich.

FRIEDRICH. Nur einen Augenblick, meine Beste! Welche
Qual, dir so nahe zu sein und dir kein Wort sagen zu
können! Dir nicht sagen zu dürfen, wie sehr ich dich liebe!
Hab ich doch nichts anders als diesen einzigen Trost!
Wenn mir auch der geraubt werden sollte—
ALMAIDE. Entfernen Sie sich, mein Freund! Es sind

viele Beobachter auf allen Seiten.
FRIEDRICH. Was können sie sehen, was sie nicht schon
wissen: daß unsre Gemüter auf ewig verbunden sind.
ALMAIDE. Lassen Sie uns jeden Argwohn vermeiden,
der unser unwürdig wäre.
FRIEDRICH. Ich verlasse dich! Deine Hand, meine Teure!
(Er küßt ihre Hand)
MAGUS. Find ich euch so zusammen, meine Freunde?
Verspracht ihr mir nicht heilig, ihr wolltet auf euren Posten
bleiben? Graf! Graf! man wollte sich klug betragen. Sie
wissen, daß der Baron nicht immer guter Laune ist, daß
man ihn oft auf seine Schwester eifersüchtig halten sollte.
FRIEDRICH. Machen Sie mir keine Vorwürfe! Sie wissen
nicht, was ein Herz wie das meinige leidet.

Alle diese langen Stunden
Könnt ich ihr kein Wörtchen sagen;
Eben hab ich sie gefunden.
Darf nicht meine Leiden klagen.
Wenn ich lang bescheiden war?
(Zum Magus.)
Ja, ich gehe, teurer Meister,
Du beherrschest unsre Geister.
(Zu Almaiden.)
Ja, ich bleibe, wie ich war.
(Zum Magus.)
Laß ein tröstlich Wort mich hören!
Ewig werd ich dich verehren,
Aber, aber keine Lehren!
Lehren nützen mir kein Haar!
(Für sich.)
Klug hat er es unternommen:
Lila soll Verstand bekommen.
Ach, und ich verlier ihn gar!
(Friedrich geht an der einen Seite ab, an der andern der
Magus mit Almaiden.)

Der hintere Vorhang öffnet sich. Man erblickt einen schön
geschmückten Garten, in dessen Grunde ein Gebäude mit
sieben Hallen steht. Jede Halle ist mit einer Türe verschlossen,
an deren Mitte ein Rocken und eine Spindel befestigt ist; an
der Seite des Rockens sind in jeder Türe zwei Öffnungen,
so groß, daß ein Paar Arme durchreichen können. Alles ist
romantisch verziert.

Die Chöre der Gefangnen sind mit Gartenarbeit beschäftigt,
das tanzende Chor formiert ein Ballett.

Graf Friedrich und der Magus treten herein. Der Magus
scheint mit dem Grafen eine Abrede zu nehmen und geht sodann
auf der andern Seite ab. Friedrich gibt den Chören
ein Zeichen. Sie stellen sich an beide Seiten.

FRIEDRICH. Auf aus der Ruh! Auf aus der Ruh!
Höret die Freunde, sie rufen euch zu!
Horchet dem Sänge,
Schlaft nicht so lange!
CHOR. Auf aus der Ruh! Auf aus der Ruh!
Höret die Freunde, sie rufen euch zu!
CHOR DER FRAUEN (von innen).
Laßt uns die Ruh! Laßt uns die Ruh!
Liebliche Freunde, nur singt uns dazu!
Euer Getöne
Wieget so schöne!
Laßt uns die Ruh,
Liebliche Freunde, nur singt uns dazu!
CHOR DER MÄNNER. Auf aus der Ruh!
Höret die Freunde, sie rufen euch zu!
Horchet dem Sange,
Zaudert nicht lange!
Auf aus der Ruh!
Höret die Freunde, sie rufen euch zu!

(Es lassen sich Hände sehen, die aus den Öffnungen herausgreifen,
Rocken und Spindel fassen und zu spinnen anfangen)

CHOR DER MÄNNER. Spinnet dann, spinnet dann
Immer geschwinder!
Endet das Tagwerk,
Ihr lieblichen Kinder!
CHOR DER FRAUEN (von innen).
Freudig im Spinnen,

Eilig zerrinnen
Uns die bezauberten
Ledigen Stunden.
Ach, sind so leichte
Nicht wieder gefunden!
CHOR DER MÄNNER. Spinnet dann, spinnet dann
Immer geschwinder!
Endet das Tagwerk,
Ihr lieblichen Kinder!

Es eröffnen sich die sieben Türen. Marianne tritt ohne
Maske aus der mittelsten, Sophie und Lucie aus den nächsten
beiden. Das singende und tanzende Chor der Frauen kommt
nach und nach in einer gewissen Ordnung hervor. Das
singende Chor der Frauen tritt an die Seite zu dem Chor
der Männer, Marianne zu Friedrichen; die beiden tanzenden
Chöre vereinigen sich in einem Ballette indessen singen

DIE CHÖRE DER MÄNNER UND FRAUEN.
So tanzet und springet
In Reihen und Kranz!
Die liebliche Jugend,
Ihr ziemet der Tanz.

Am Rocken zu sitzen
Und fleißig zu sein,
Das Tagwerk zu enden,
Es schläfert euch ein.

Drum tanzet und springet,
Erfrischt euch das Blut,
Der traurigen Liebe
Gebt Hoffnung und Mut!

( Vorstehendes Tutti wird mit Absätzen gesungen, zwischen
welchen der Ballettmeister in Gestalt des Dämons ein Solo
und mit den ersten Tänzerinnen  zu zwei, auch zu drei tanzt.
Überhaupt wird die ganze Anstalt des vierten Aktes völlig
seinem Geschmacke überlassen)

LILA (welche sich während des vorhergehenden Tanzes
manchmal blicken lassen, tritt unter der letzten Strophe in
die Mitte der Tanzenden und Singenden. Sie hat ein weißes
Kleid an, mit Blumen und fröhlichen Farben geziert). So
find ich euch denn alle hier zusammen! Wie lange hab
ich euch entbehren müssen! Darf ich hoffen, daß die
Gewalt des Dämons bald überwunden wird?
SOPHIE. Sie ists durch deine Gegenwart. Sei uns willkommen,
Schwester!
LILA. Willkommen, meine Sophie! Meine Lucie, willkommen!
Marianne, bist du es wirklich?
MARIANNE. Umarme mich, teure Freundin!

(Alle begrüßen sie, umarmen sie, küssen ihr die Hände.)

LILA. Wie wunderlich seid ihr angezogen?
LUCIE. Bald hoffen wir von diesen Kleidern, von diesem
lästigen Schmucke befreit zu sein.
LILA. Welch eine seltsame Erscheinung tritt hier auf?
MAGUS. Erkennst du mich nicht, meine Freundin?
LILA. Sagt mir, woran ich bin! Es kommt mir alles, ich
komme mir selbst so wunderbar vor. Ist das nicht unser
Garten? Ist das nicht unser Gartenhaus? Was soll die
Mummerei am hellen Tage? Irr ich mich nicht, so scheinst
du älter, als du bist. Dieser Bart schließt nicht recht ans
Kinn.
MAGUS. In wenig Augenblicken siehst du mich wieder.
Du bist am Ziele; ergötze dich mit den Deinigen, bald
sollst du deinen letzten Wunsch befriedigt sehn. Du sollst
deinen Gemahl in deine Arme schließen. (Ab.)
LILA. Am Ziele!
Ich fühle
Die Nähe
Des Lieben,
Und flehe,
Getrieben
Von Hoffnung und Schmerz:
Ihr Gütigen!
Ihr könnt mich nicht lassen!
Laßt mich ihn fassen,
Selig befriedigen
Das bangende Herz!

Der Baron, Graf Altenstein, Verazio in Hauskleidern
treten auf.

DER BARON. Haltet mich nicht länger! Wenn Euer
Mittel gewirkt hat, werter Doktor, so ist es Zeit, daß wir
uns ihrer versichern! Lila! meine Geliebte, meine Gattin!
LILA. O Himmel, mein Gemahl! Wo kommst du her?
So erwartet und so unerwartetl Mein Oheim! Meine
Freunde! Mein Gemahl!

Während der Freude des Wiedererkennens singt

DAS CHOR. Nimm ihn zurück!
Die guten Geister geben
Dir sein Leben,
Dir dein Glück;
Neuem Leben,
Uns gegeben,
Komm in unsern
Arm zurück!
FRIEDRICH. Empfinde dich in seinen Küssen
Und glaub an deiner Liebe Glück!
Was Lieb und Phantasie entrissen,
Gibt Lieb und Phantasie zurück.
CHOR. Nimm ihn zurück!
Die guten Geister geben
Dir sein Leben,
Dir dein Glück!
MARIANNE. Er überstand die Todesleiden,
Du hast vergebens dich gequält:
Zu unserm Leben, unsern Freuden
Hast du uns nur allein gefehlt.
CHOR. Neuem Leben,
Uns gegeben.
Komm in unsern
Arm zurück!
LILA. Ich habe dich, Geliebter, wieder,
Umarme dich, o bester Mann!
Es beben alle mir die Glieder
Vom Glück, das ich nicht fassen kann.
CHOR. Weg mit den zitternden,
Alles verbitternden
Zweifeln von hier!
Nur die verbündete,
Ewig begründete
Wonne sei dir!
Kommt, ihr entronnenen,
Wiedergewonnenen
Freuden heran!
Lebet, ihr Seligen.
So die unzähligen
Tage fortan!
                                                                          



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