> Gedichte und Zitate für alle: Johann Wolfgang Goethe: Wilhelm Meisters Theatralische Sendung (Urmeister): 1. Buch 1.Kapitel

2019-09-22

Johann Wolfgang Goethe: Wilhelm Meisters Theatralische Sendung (Urmeister): 1. Buch 1.Kapitel







Wilhelm Meisters Theatralische Sendung



Erstes Buch
Erstes Kapitel


Es war einige Tage vor dem Christabend 174-, als Benedikt Meister, Bürger und Handelsmann zu M-, einer mittleren Reichsstadt, aus seinem gewöhnlichen Kränzchen abends gegen achte nach Hause ging. Es hatte sich wider die Gewohnheit die Tarockpartie früher geendigt, und es war ihm nicht ganz gelegen, daß er so zeitlich in seine vier Wände zurückkehren sollte, die ihm seine Frau eben nicht zum Paradiese machte. Es war noch Zeit bis zum Nachtessen, und so einen Zwischenraum pflegte sie ihm nicht mit Annehmlichkeiten auszufüllen, deswegen er lieber nicht ehe zu Tische kam, als wenn die Suppe schon etwas überkocht hatte.

Er ging langsam und dachte so dem Bürgermeisteramte nach, das er das letzte Jahr geführt hatte, und dem Handel und den kleinen Vorteilen, als er eben im Vorbeigehen seiner Mutter Fenster sehr emsig erleuchtet sah. Das alte Weib lebte, nachdem sie ihren Sohn ausgestattet und ihm ihre Handlung übergeben hatte, in einem kleinen Häuschen zurückgezogen, wo sie nun vor sich allein mit einer Magd bei ihren reichlichen Renten sich wohlbefand, ihren Kindern und Enkeln mitunter was zugute tat, ihnen aber das Beste bis nach ihrem Tode aufhub, wo sie hoffte, daß sie gescheuter sein sollten, als sie bei ihrem Leben nicht hatte sehen können. Meister war durch einen geheimen Zug nach dem Hause geführt, da ihm, als er angepocht hatte, die Magd hastig und geheimnisvoll die Türe öffnete und ihn zur Treppe hinauf begleitete. Er fand, als er zur Stubentüre hineintrat, seine Mutter an einem großen Tische mit Wegräumen und Zudecken beschäftigt, die ihm auf seinen "Guten Abend" mit einem "Du kommst mir nicht ganz gelegen" antwortete. "Weil du nun einmal da bist, so magst du's wissen, da sieh, was ich zurechtmache", sagte sie und hob die Servietten auf, die übers Bett geschlagen waren, und tat zugleich einen Pelzmantel weg, den sie in der Eile übern Tisch gebreitet hatte, da nun denn der Mann eine Anzahl spannenlanger, artig gekleideter Puppen erblickte, die in schöner Ordnung, die beweglichen Drähte an den Köpfen befestigt, nebeneinander lagen und nur den Geist zu erwarten schienen, der sie aus ihrer Untätigkeit regen sollte. "Was gibt denn das, Mutter?" sagte Meister. "Einen heiligen Christ vor deine Kinder!" antwortete die Alte, "wenn's ihnen so viel Spaß macht als mir, eh ich sie fertig kriegte, soll mir's lieb sein." Er besah's eine Zeitlang, wie es schien, sorgfältig, um ihr nicht gleich den Verdruß zu machen, als hielte er ihre Arbeit vergeblich. "Liebe Mutter", sagte er endlich, "Kinder sind Kinder, Sie macht sich zu viel zu schaffen, und am Ende seh ich nicht, was es nutzen soll." – "Sei nur stille", sagte die Alte, indem sie die Kleider der Puppen, die sich etwas verschoben hatten, zurechtrückte, "laß es nur gut sein, sie werden eine rechte Freude haben, es ist so hergebracht bei mir, und das weißt du auch, und ich lasse nicht davon; wie ihr klein, wart ihr immer drin vergackelt und trugt euch mit euern Spiel- und Naschsachen herum die ganze Feiertage; euere Kinder sollen's nun auch so wohl haben, ich bin Großmutter und weiß, was ich zu tun habe." – "Ich will Ihr's nicht verderben", sagte Meister, "ich denke nur; was soll den Kindern, daß man's ihnen heut oder morgen gibt; wenn sie was brauchen, so geb ich's ihnen, was braucht's da Heiliger Christ zu? Da sind Leute, die lassen ihre Kinder verlumpen und sparen's bis auf den Tag." – "Benedikt", sagte die Alte, "ich habe ihnen Puppen geputzt und habe ihnen eine Komödie zurechtegemacht, Kinder müssen Komödien haben und Puppen. Es war euch auch in eurer Jugend so, ihr habt mich um manchen Batzen gebracht, um den Doktor Faust und das Mohrenballett zu sehen; ich weiß nun nicht, was ihr mit euern Kindern wollt und warum ihnen nicht so gut werden soll wie euch."

"Wer ist denn das?" sagte Meister, indem er eine Puppe aufhub. "Verwirrt mir die Drähte nicht", sagte die Alte, "es ist mehr Mühe, als Ihr denkt, bis man's so zusammenkriegt. Seht nur, das da ist König Saul. Ihr müßt nicht denken, daß ich was umsonst ausgebe; was Läppchen sind, die hab ich all in meinem Kasten, und das bißchen falsch Silber und Gold, das drauf ist, das kann ich wohl dran wenden." – "Die Püppchen sind recht hübsch", sagte Meister. "Das denk ich", lächelte die Alte, "und kosten doch nicht viel. Der alte, lahme Bildhauer Merks, der mir Interessen schuldig ist von seinem Häuschen so lang, hat mir Hände, Füße und Gesichter ausschneiden müssen, kein Geld krieg ich doch nicht von ihm und vertreiben kann ich ihn nicht, er sitzt schon seit meinem seligen Mann her und hat immer richtig eingehalten bis zu seiner zwoten, unglücklichen Heurat." – "Dieser in schwarzem Samt und der goldenen Krone, das ist Saul?" fragte Meister; "wer sind denn die andern?" – "Das solltest du so sehen", sagte die Mutter. "Das hier ist Jonathan, der hat Gelb und Rot, weil er jung ist und flatterig, und hat einen Turban auf. Der oben ist Samuel, der hat mir am meisten Mühe gemacht mit dem Brustschildchen. Sieh den Leibrock, das ist ein schieler Taft, den ich auch noch als Jungfer getragen habe." – "Gute Nacht", sagte Meister, "es schlägt just achte." – "Sieh nur noch den David!" sagte die Alte. "Ah, der ist schön, der ist ganz geschnitzt und hat rote Haare; sieh, wie klein er ist und hübsch." – "Wo ist denn nun der Goliath?" sagte Meister; "der wird doch nun auch kommen." – "Der ist noch nicht fertig", sagte die Alte. "Das muß ein Meisterstück werden. Wenn's. nur erst alles fertig ist. Das Theater macht mir der Konstabler-Lieutenant fertig mit seinem Bruder; und hinten zum Tanz, da sind Schäfer und Schäferinnen, Mohren und Mohrinnen, Zwerge und Zwerginnen, es wird recht hübsch werden! Laß es nur gut sein und sag zu Hause nichts davon und mach nur, daß dein Wilhelm nicht hergelaufen kommt; der wird eine rechte Freude haben, denn ich denk's noch, wie ich ihn die letzte Messe ins Puppenspiel schickte, was er mir alles erzählt hat und wie er's begriffen hat." – "Sie gibt sich zu viel Mühe", sagte Meister, indem er nach der Türe griff. "Wenn man sich um der Kinder willen keine Mühe gäbe, wie wärt ihr groß geworden?" sagte die Großmutter.

Die Magd nahm ein Licht und führt' ihn hinunter. –
Eckermann: Gespräche mit Goethe


Dichtung und Wahrheit

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