> Gedichte und Zitate für alle: J.W.v.Goethe: Faust I.-Trüber Tag. Feld 7

2019-09-03

J.W.v.Goethe: Faust I.-Trüber Tag. Feld 7





Trüber Tag. Feld

Faust. Mephistopheles.

FAUST. 

Im Elend! Verzweifelnd! Erbärmlich auf der
Erde lange verirrt und nun gefangen! Als Missetäterin
im Kerker zu entsetzlichen Qualen eingesperrt
das holde unselige Geschöpf! Bis dahin! dahin! -
Verräterischer, nichtswürdiger Geist, und das hast
du mir verheimlicht! - Steh nur, steh! Wälze die
teuflischen Augen ingrimmend im Kopf herum!
Steh und trutze mir durch deine unerträgliche Gegenwart!
Gefangen! Im unwiederbringlichen Elend!
Bösen Geistern übergeben und der richtenden gefühllosen
Menschheit! Und mich wiegst du indes in
abgeschmackten Zerstreuungen, verbirgst mir ihren
wachsenden Jammer und lässest sie hülflos verderben!

MEPHISTOPHELES. 

Sie ist die Erste nicht.

FAUST. 

Hund! abscheuliches Untier! -Wandle ihn,
du unendlicher Geist! wandle den Wurm wieder in
seine Hundsgestalt, wie er sich oft nächtlicher
Weile gefiel, vor mir herzutrotten, dem harmlosen
Wandrer vor die Füße zu kollern und sich dem niederstürzenden
auf die Schultern zu hängen. Wandl'
ihn wieder in seine Lieblingsbildung, daß er vor
mir im Sand auf dem Bauch krieche, ich ihn mit
Füßen trete, den Verworfnen! - Die Erste nicht! -
Jammer! Jammer! von keiner Menschenseele zu
fassen, daß mehr als ein Geschöpf in die Tiefe dieses
Elendes versank, daß nicht das erste genug tat
für die Schuld aller übrigen in seiner windenden
Todesnot vor den Augen des ewig Verzeihenden!
Mir wühlt es Mark und Leben durch, das Elend
dieser Einzigen; du grinsest gelassen über das
Schicksal von Tausenden hin!

MEPHISTOPHELES. 

Nun sind wir schon wieder an
der Grenze unsres Witzes, da wo euch Menschen
der Sinn überschnappt. Warum machst du Gemeinschaft
mit uns, wenn du sie nicht durchführen
kannst? Willst fliegen und bist vorm Schwindel
nicht sicher? Drangen wir uns dir auf, oder du dich uns?

FAUST. 

Fletsche deine gefräßigen Zähne mir nicht so
entgegen! Mir ekelt's! - Großer herrlicher Geist,
der du mir zu erscheinen würdigtest, der du mein
Herz kennest und meine Seele, warum an den
Schandgesellen mich schmieden der sich am Schaden
weidet und am Verderben sich letzt?

MEPHISTOPHELES. 

Endigst du?

FAUST. 

Rette sie! oder weh dir! Den gräßlichsten
Fluch über dich auf Jahrtausende!

MEPHISTOPHELES. 

Ich kann die Bande des
Rächers nicht lösen, seine Riegel nicht öffnen. -
Rette sie! - Wer war's, der sie ins Verderben stürzte?
Ich oder du?

FAUST (blickt wild umher.)

MEPHISTOPHELES. 

Greifst du nach dem Donner?
Wohl daß er euch elenden Sterblichen nicht gegeben
werd! Den unschuldig Entgegnenden zu zerschmettern,
das ist so Tyrannenart, sich in Verlegenheiten
Luft zu machen.

FAUST. 

Bringe mich hin! Sie soll frei sein!

MEPHISTOPHELES. 

Und die Gefahr, der du dich
aussetzest? Wisse, noch liegt auf der Stadt Blutschuld
von deiner Hand. Über des Erschlagenen
Stätte schweben rächende Geister und lauern auf
den wiederkehrenden Mörder.

FAUST. 

Noch das von dir? Mord und Tod einer Welt
über dich Ungeheuer! Führe mich hin, sag' ich, und befrei sie!

MEPHISTOPHELES. 

Ich führe dich, und was ich tun
kann höre! Habe ich alle Macht im Himmel und
auf Erden? Des Türners Sinne will ich umnebeln,
bemächtige dich der Schlüssel und führe sie heraus
mit Menschenhand! Ich wache! die Zauberpferde
sind bereit, ich entführe euch. Das vermag ich.

FAUST. 

Keine Kommentare: