> Gedichte und Zitate für alle: J.W.von Goethe: Fragmente-Prolog Bei Wiederholung des Lauchstädter Vorspiel (5)

2019-09-01

J.W.von Goethe: Fragmente-Prolog Bei Wiederholung des Lauchstädter Vorspiel (5)





Prolog
Bei Wiederholung des Lauchstädter Vorspiel
bei der Wiederholung "Was wir bringen"

[Den 25. September 1802.]

Ein Schifter, wenn er nach beglückter langer Fahrt
An manchem fremden Ufer mit Genuß verweilt
Und mancher schönen Früchte, landend, sich erfreut,
Empfindet erst der höchsten Wünsche Ziel erreicht,
Wenn ihm der heimsche Hafen Arm und Busen beut.
So geht es uns, wenn wir nach manchem heitren Tag,
Den wir an fremder Stätte tätig froh verlebt,
Zuletzt uns wieder an bekannter Stelle sehn,
Wo wir als in dem Vaterland verweilen; denn
Wo wir uns bilden, da ist unser Vaterland.
Doch wie wir denken, wie wir fühlen, ist euch schon
Genug bekannt, und wie mit Neigung und Vertraun
Und Ehrfurcht wir vor euch uns mühen, wißt ihr wohl.
Darum scheint es ein Überfluß, wenn man mich jetzt
Hervorgesendet, euch zu grüßen, unsern Kreis
Aufs neu euch zu empfehlen. Auch erschein ich nicht
Um dessentwillen eigentlich, wiewohl man oft
Das ganz Bekannte mit Vergnügen hören mag;
Denn heute hab ich was zu bitten, habe was
Gewissermaßen zu entschuldgen. Ja, fürwahr!
Das, was wir wollen, was wir bringen, dürfen wir
Euch nicht verkünden, da vor euren Augen sich,
Was wir begonnen, nach und nach entwickelt hat.
Als wir jedoch die nachbarliche Flur besucht
Und dort, vor einer neuen Bühne, großen Drang
Der Fremden zu gewarten hatten, die vielleicht
Der kühnen Neuerungen Wagestücke nicht
Mit günstgen Augen sähen, unserm Wunsch gemäß,
Da traten wir zusammen, und in seiner Art
Ein jeder suchte das zu leisten, was ihm wohl
Am leidlichsten gelänge; was denn auch zuletzt
Auf Mannigfaltigkeit des Spieles, deren wir
Uns rühmen dürfen, leicht und heiter deutete.
Das ist denn auch gelungen, und wir hatten uns
Auf manche Weise der geschenkten Gunst zu freun.

Vielleicht nun war es klug getan, wenn wirs dabei
Bewenden ließen, das, was glücklich dort gewirkt,
Weil es besonders zu dem Fall geeignet war,
Nicht wiederbrächten, hier, wo es doch eigentlich,
An mancher Stelle, nicht gehörig passen mag.

Weil aber das Besondre, wenn es nur zugleich
Bedeutend ist, auch als ein Allgemeines wirkt,
So wagen wir auf eure Freundlichkeit, getrost
Euch eben darzubringen, was wir dort gebracht.
Ihr habt uns oft begleitet in die fernste Welt,
Nach Samarkand und Peking und ins Feenreich;
So laßt euch heut gefallen, in das nächste Bad
Mit uns zu wandern; nehmt bequemen Platz daselbst
In einem neuen Hause, das in kurzer Zeit
Fast wie durch Zauberkünste sich heraufgebaut;
Gedenkt mit Lächeln einer alten Hütte dann,
In der ihr sonst mit Unlust oft die Lust gesucht;
Denn etwas Ähnlichs ist euch doch auch hier geschehn.

Und wenn ihr das, was andern zubereitet war,
Mit gutem Willen zu genießen euch entschließt,
So werdet ihr wohl manches finden, das ihr euch
Und eurem Zustand anzueignen nicht verschmäht.
Das alles hegt in feinem Herzen, bitt ich euch!
Und mit Gefühl und Phantasie empfanget mich,
Wenn ihr als fremde Herrn und Frauen mir zuletzt,
Als Sachsen und als Preußen, anzureden seid.

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