> Gedichte und Zitate für alle: J.W.von Goethe: Fragmente-Prolog Zu dem Schauspiel "Der Krieg" von Goldo (9)

2019-09-01

J.W.von Goethe: Fragmente-Prolog Zu dem Schauspiel "Der Krieg" von Goldo (9)





Prolog

Zu dem Schauspiel "Der Krieg" von Goldo

Gesprochen von  Madame Becker, geb. Neumann.
Den 15. Oktober 1793.

Den Gruß, den wir zum Anfang schuldig blieben,
Mit frohem Herzen Sprech ich heut ihn aus;
Und die Gelegenheit gibt mir das Stück,
Es heißt: Der Krieg, das wir euch heute geben.
Zwar werdet ihr von tiefer Politik,
Warum die Menschen Kriege führen, was
Der letzte Zweck von allen Schlachten sei,
Fürwahr in unserm Lustspiel wenig hören;
Dagegen bleibt ihr auch verschont von allen
Unangenehmen Bildern, wie das Schwert
Die Menschen, wie das Feuer Städte wegzehrt,
Und wie im wilderregten Staubgetümmel
Die halbgereifte Saat zertreten sinkt.
Ihr hört vielmehr, wie in dem Felde selbst,
Wo die Gefahr von allen Seiten droht,
Der Leichtsinn herrscht und mit bequemer Hand
Den kühnen Mann dem Ruhm entgegenführt;
Ihr werdet sehen, daß die Liebe sich
So gut ins Zelt als in die Häuser schleicht
Und, wie am Flötenton, sich an der rauhen,
Eintönigen Musik des Kriegsgetümmels freut;
Und daß der Eigennutz, der viel verderbt,
Auch dort nur sich und seinen Vorteil denkt.

So wünschen wir, daß dieses schwache Bild
Euch einiges Vergnügen gebe, euch das Glück
Der Ruhe fühlbar mache, die wir fern
Von allem Elend hier genießen.
Doch wir leiden
Ein Einziges durch jenen bösen Krieg;
Und dieses Einzige drückt schwer genug' —

Ach, warum muß der Eine fehlen, der
lo wert uns allen und für unser Glück
So unentbehrlich ist!—Wir sind in Sicherheit,
Er in Gefahr; wir leben im Genuß,
Und Er entbehrt.—O, mög ein guter Geist
ihn schützen!—jedes edle Streben
ihm würdig lohnen, seinen Kampf
Fürs Vaterland mit glücklichem Erfolge krönen!—

Die Stunde naht heran; Er kömmt zurück,
verehrt, bewundert und geliebt von allen!—
Er tritt auch hier herein. Es schlagen ihm
Die treuen Herzen froh entgegen.
Willkommen!" riefe jeder gern;
Er lebe!" schwebt auf jeder Lippe.
Doch die Lippe verstummt.—
Das volle Herz macht sich durch Zeichen Luft;
Es rührt sich jede Handl! Unbändig schallt
Die Freude von den Wänden wider;
Durchs Getümmel tönt der allgemeine Wunsch:
Er lebe! lebe für uns, wie wir für ihn!"





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