> Gedichte und Zitate für alle: J.W.von Goethe: Fragmente-Prolog zu dem dramatischen Gedicht "Hans Sachs" von Deinhardstein (9.1)

2019-09-01

J.W.von Goethe: Fragmente-Prolog zu dem dramatischen Gedicht "Hans Sachs" von Deinhardstein (9.1)





Prolog zu dem dramatischen Gedicht "Hans Sachs" von Deinhardstein

Berlin, den 13. Februar 1828

Ein Meistersänger als Prologus, tritt auf

Da steh ich in der Fremde ganz allein;
Wer weist mich an? Wer führt mich ein?
Wer sagt mir, welch ein Geist hier waltet?
Seh ich mich an, mein Kleid scheint mir veraltet,
Und nirgends hör ich den gewohnten Klang,
Den alten, frommen, treuen Meistersang.
Doch seh ich hier die weiten edlen Kreise

weiter vortretend

Versammelt aufmerksamer stiller Weise;
Ich höre kaum ein leises Atemholen,
Und daß ihr da seid, zeigt: ich bin empfohlen.
Auch als ich kam, ward mir auf Straß- und Plätzen
Der alte Nam zu tröstlichem Ergetzen.
So sei es nun, so werde denn vertraut
Vor neuem Ohr die alte Stimme laut!

Den Deutschen geschah gar viel zulieb:
Als man eintausendfünfhundert schrieb,
Ergab sich manches zu Nutz und Ehren,
Daß wir daran noch immer zehren;
Und wer es einzeln sagen wollte,
Gar wenig Dank verdienen sollte,
Das ichs dem Vaterland zulieb
Schon tief in Geist und Herzen schrieb.

Doch weil auf unsern deutschen Bühnen
Man preist ein löbliches Erkühnen,
Und man bis auf den neusten Tag
Noch gern was Altes schauen mag:
So führen wir vor Aug und Ohr
Euch heut einen alten Dichter vor;
Derselbe war nach seiner Art
Mit so viel Tugenden gepaart,
Daß er bis auf den heutgen Tag
Noch fürn Poeten gelten mag,
Wo deren doch unzählig viel
Verderben einer des andern Spiel.

Und wie, auch noch so lange getrennt,
Ein Freund den andern wiedererkennt,
Hat auch ein Frommer neuerer Zeit
Sich an des Vorfahren Tugend erfreut
Und hingeschrieben mit leichter Hand,
Als stünd es farbig an der Wand,
Und zwar mit Worten so verständig,
Als würde Gemaltes wieder lebendig.

Nun wünsch ich, daß ihr freundlich wolltet
Das hören, was ihr sehen solltet,
Bis das Gehörte vor euch steht,
Daß ihr es klar in Gedanken seht.
Drob kam ich her zu eurem Dienst;
Doch folgt darnach ein neuer Gewinst:
Ihr nehmet besser dann in acht,
Was uns ein Allerneuster bracht,
Der denn mit Hilfe von uns allen
Heut abend hofft euch zu gefallen.



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