> Gedichte und Zitate für alle: J.W.von Goethe: Fragmente-PROLOG ZU DEN NEUSTEN OFFENBARUNGEN GOTTES, (10)

2019-09-01

J.W.von Goethe: Fragmente-PROLOG ZU DEN NEUSTEN OFFENBARUNGEN GOTTES, (10)



PROLOG
ZU DEN NEUSTEN OFFENBARUNGEN GOTTES,

verdeutscht durch
DR. KARL FRIEDRICH BAHRDT.
Gießen 1774.

Die Frau Professorin tritt auf im Putz, den Mantel umwerfend.
Bahrdt sitzt am Pult ganz angezogen und schreibt.

FRAU BAHRDT.
So komm denn, Kind, die Gesellschaft im Garten
Wird gewiß auf uns mit dem Kaffee warten.
BAHRDT. Da kam mir ein Einfall von ungefähr:
(sein geschrieben Blatt ansehend)
So redt ich, wenn ich Christus war.
FRAU BAHRDT.
Was kommt ein Getrappel die Trepp herauf?
BAHRDT. 's ist ärger als ein Studentenhauf.
Das ist ein Besuch auf allen vieren.
FRAU BAHRDT. Gott behüt! 's ist der Tritt von Tieren.
Die vier Evangelisten mit ihrem Gefolg treten herein. Die
Frau Doktorin tut einen Schrei, Matthäus mit dem Engel;
Markus begleitet vom Löwen, Lukas vom Ochsen, Johannes,
über ihm der Adler.
MATTHÄUS. Wir hören, du bist ein Biedermann
Und nimmst dich unsers Herren an.
Uns wird die Christenheit zu enge,
Wir sind jetzt überall im Gedränge.
BAHRDT. Willkommn, ihr Herrn! Doch tut mirs leid,
Ihr kommt zur ungelegnen Zeit,
Muß eben in Gesellschaft nein.
JOHANNES. Das werden Kinder Gottes sein.
Wir wollen uns mit dir ergetzen.
BAHRDT. Die Leute würden sich entsetzen:
Sie sind nicht gewohnt solche Bärte breit
Und Röcke so lang und Falten so weit;


PROLOG ZUM NEUERÖFFNETEN MORALISCH-POLITISCHEN PUPPENSPIEL

Auf, Adler, dich zur Sonne schwing.
Dem Publico dies Blättchen bring!
So Lust und Klang gibt frisches Blut,
Vielleicht ist ihm nicht wohl zumut.
Ach schau sie, guck sie. komm herbei
Der Papst und Kaiser und Klerisei'
Haben lange Mäntel und lange Schwänz,
Paradieren mit Eichel- und Lorbeerkränz,
Trottieren und stäuben zu hellen Scharen,
Machen ein Gezwatzer als wie die Staren,
Dringt einer sich dem andern vor
Deutet einer dem andern ein Eselsohr.
Da steht das liebe Publikum
Und sieht erstaunend auf und um,
Was all der tollen Reiterei
Für Anfang, Will und Ende sei.
Oho, sa sa, zum Teufel zu!
O weh! laß ab, laß mich in Ruh!
Herum, herauf, hinan, hinein—
Das muß ein Schwärm Autoren sein!
Ach Herr, man krümmt und krammt sich so,
Zappelt wie eine Laus, hüpft wie ein Floh
Und fliegt einmal und kriecht einmal.
Und endlich läßt man euch in Saal.
Seis Kammerherr nun. seis Lakai,
Genug, daß einer drinne sei.
Nun weiter auf, nun weiter an!
Wie's tummelt auf der Ehrenbahn!
Ach sieh! wie schöne pflanzt sich ein
Das Völklein dort im Schattenhain!
Ist wohl zurecht und wohl zumut.
Zäunt jeder sich sein kleines Gut,
Beschneidt die Nägel in Ruh und Fried
Und singt sein Klimpimpimper-Lied.
Da kommt ein Flegel ihm auf den Leib,
Frißt seine Äpfel, beschläft sein Weib:
Sich drauf die Bürgerschaft rottiert,
Gebrüllt, gewetzt und Krieg geführt;
Und Höll und Erd bewegt sich schon,
Da kommt mir ein Titanensohn
Und packt den ganzen Hügel auf
Mit Stadt und Wäldern einem Hauf,
Mit Schlachtfelds-Lärm und liebem Sang
(Es wankt die Erd, dem Volk ists bang),
Und trägt sie eben in Einem Lauf
Zum Schemel den Olymp hinauf.
Des wird Herr Jupiter ergrimmt,
Sein'n ersten besten Strahl er nimmt
Und schmeißt den Kerl die Kreuz und Quer
Hurlurli burli ins Tal daher
Und freut sich seines Siegs so lang,
Bis Juno ihm macht wieder bang.
So ist die Eitelkeit der Welt!
Ist keines Reich so fest gestellt,
Ist keine Erdenmacht so groß,
Fühlt alles doch sein Endelos.
Drum treibs ein jeder, wie er kann;
Ein kleiner Mann ist auch ein Mann!
Der Höh stolziert, der Kleine lacht,
So hats ein jeder wohlgemacht.



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