> Gedichte und Zitate für alle: J.W.von Goethe: Fragmente-Prolog zur Eröffnung des Berliner Theaters im Mai 1821 (7.1)

2019-09-01

J.W.von Goethe: Fragmente-Prolog zur Eröffnung des Berliner Theaters im Mai 1821 (7.1)





Prolog zur Eröffnung des Berliner Theaters im Mai 1821 
Prächtiger Saal im antiken Stil. Aussicht aufs weite Meer


I.

DIE MUSE DES DRAMAS 

(herrlich gekleidet, tritt auf
im Hintergrunde).

So war es recht. So wollt es meine Macht!—
(Sie scheint einen Augenblick zu stutzen, Theater und Saal
betrachtend.)
Und doch erschreck ich vor der eignen Pracht;
Was ich gewollt, gefordert und befahl,
Es steht und übertrifft mein Wollen hundertmal.
Ich dachte mirs, doch mit bescheidnem Hoffen;
Verwandte Kunst, sie hat mich übertroffen.
Mit Unbehagen fühl ich mich allein,
Der ganze Hofstaat muß versammelt sein.

Wo bleibt ihr denn: die, wenn ich nicht beschränkte,
Zudringlich eins das andre gern verdrängte:
Der frühste Heldensinn, des Mittelalters Kraft,
Die heitre Tagswelt, sittsam, possenhaft?
Ihr Wechselbilder, ihr des Dichters Träume,
Herein mit euch und füllt mir diese Räume!

Nun fasse dich! dem Ort gemäß, der Zeit:
Beschleunigen ist Ungerechtigkeit.
In buntem Schmuck durchzieht schon manches Chor,
Sich vorbereitend, Säulengang und Tor,
Zu Gleichem Gleiches reihenhaft gesellt,
Weil jedes, rein gesondert, mehr gefällt.

Nachts übereilt! Ich lob euch, die ich schalt,
Mit Sparsamkeit gebrauchet Kunstgewalt
Und tretet nächtlich, in der Jahre Lauf,
Den Sternenhimmel überbietend auf;
So daß ein Herz, auch an Natur gewöhnt,
Nach eurem Kreis, dem leuchtenden, sich sehnt.

Sie rüsten sich, den hehren Raum zu schmücken,
Ihr sollt sie alle wohlgereiht erblicken;
Doch gebt mir zu, daß ich, was ich entwarf,
Was alle wollen, gleich verkünden darf.

Vom tragisch Reinen stellen wir euch dar
Des düstern Wollens traurige Gefahr;
Der kräftige Mann,voll Trieb und willevoll,
Er kennt sich nicht, er weiß nicht, was ersoll,
Er scheint sich unbezwinglich wie sein Mut
Und wütet hin, erreget fremde Wut
Und wird zuletzt verderblich überrennt
Von einem Schicksal, das er auch nicht kennt.
Unmaß in der Beschränkung hat zuletzt
Die Herrlichsten dem Übel ausgesetzt,
Und ohne Zeus und Fatum, spricht mein Mund,
Ging Agamemnon, ging Achill zugrund.
Ein solches Drama, wer es je getan,
Es stand dem Griechenvolk am besten an;
Sie haben, großen Sinns und geistiger Macht,
Mit wenigen Figuren das vollbracht.

Nach Jahren stürmts auf wogem Wellenmeere;
Wir führen euch zum Schauplatz ganze Heere.
Die Mittelzeit gebieret Mann für Mann,
Der Tüchtige hilft sich, wie er helfen kann,
Und wenn zuletzt ihm Fehl zu Fehle schlägt,
Ergibt er sich dem Kreuze, das er trägt.
Was Dulden sei, erscheint ihm nur gering,
Weil er im Handeln an zu dulden fing;
Entsagung heiligt Kriegs- und Pilgerschritt,
Sie treibts, zu leiden, weil der Höchste litt.

Nun aber zwischen beiden liegt, so zart,
Ein Mittelglied von eigner holder Art.
Schicksal und Glaube finden keinen Teil,
In reiner Brust allein ruht alles Heil:
Denn immerfort, bei allem, was geschah,
Blieb uns ein Gott im Innersten so nah;
Wo Erd und Himmel sich im Gruße segnen,
Dem Staunenden als Herrlichstes begegnen.

Wenn obere Regionen so sich halten,
Wo Fürst und Fürstin überschwenglich walten,
So mag darauf Gewöhnliches geschehn! —
Ein Bürger kommt, auch der ist gern gesehn,
Mit Frau und Kindern häuslich eingezwängt,
Von Grillenqual, von Gläubigern gedrängt,
Sonst wackrer Mann, wohltätig und gerecht,
Nach Freiheit lechzend, der Gewohnheit Knecht;
Die Tochter liebt, sie liebt nicht, den sie soll;
Ein muntrer Sohn, gar mancher Schwänkevoll,
Und was an Oheim’”, Tanten, dienstbaren Alten
Sich Charaktere seltsamlich entfalten;
Das alles macht uns heiter, macht uns froh,
Denn ohngefähr geht es zu Hause so.
Und was die Bühne künstlich vorgestellt,
Erträgt man leichter in der Werkelwelt;
Die Toren läßt man durcheinander rennen,
Weil wir sie schon genau im Bilde kennen.

Jetzt liegt uns nah, was wir auch nicht verschmähn,
Das Possenhafte, gleichfalls gern gesehn;
Doch niemand wünscht sichs in das eigne Haus,
Die Sittlichkeit wies es zur Tür hinaus;
Von Markt und Straßen selbst hinweggebannt,
Hat sichs getrost der Bühne zugewandt,
Weil dort die Kunst, zu ihrem höchsten Preis,
Gemeine Roheit klug zu mildern weiß,
Daß der Gebildete zuletzt erschrickt,
Wenn ihn Absurdes fesselt und entzückt.

Dies darf ich heute nur mit Worten schildern,
Doch seht ihr alles in belebten Bildern
Vor eurem Blick zunächst vorübergehn.
Wir zaubern euch zu heiligem Tempelfeste,
Zur Krönungsfeier schmücken wir Paläste;
Was alt und neue Zeit gebäulich wies,
Nach düstrer Burgen stolzem Rittersaale
Erblickt ihr Türme, kirchliche Portale,
Kreuzgang, Kapelle, Keller und Verlies.

Und innerhalb der Räume seht ihr walten
Der Zeit, dem Ort gewidmete Gestalten,
Tagtäglich führt man euch zu andrer Welt.
Und wie bequem ists doch, mit uns zu reisen!
Die besten Pfade wird man jedem weisen,
Der sich der Muse treulich zugesellt.
Sie tritt begeistert zurück, als wenn sie etwas
in den Lüften hörte.

Was ruft! — Ein Dämon! — Helfet mir bedenken!
Ich soll den Schritt nach andrer Seite lenken.
Ja! was ich sagte, sagt ich offenbar,
Dem Menschensinn gemäß, wahrhaft und klar.
Nach Wunderbarem aber treibt michs, will es fassen;
Nun folgt mir gern, sonst müßt ich euch verlassen.
Sie eilt hinweg.

II

Das Theater verwandeltsich in eine
Wald- und Felspartie

Blasende Instrumente hinter der Kulisse unterhalten die
Aufmerksamkeit und leiten das Folgende ein.

Dıe Muse tritt auf, den Thyrsus in der Hand, ein Pantherfell
um die Schultern, das Haupt mit Efeu bekränzt

Tausend, abertausend Stimmen
Hör ich durch die Lüfte schwimmen —
Wie sie wogen, wie sie schwellen!
Mich umgeben ihre Wellen,
Die sich sondern, die sich einen,
Sie die ewig schönen, reinen.
Wie sie mir ins Ohr gedrungen,
Wie sie sich ins Herz geschlungen,
Stürmen sie nach allen Seiten,
Von der Nähe zu den Weiten,
Berghinan und talhernieder,
Und das Echo schickt sie wieder.
Das Theater verfinstert sich.

Und von den niedern zu den höchsten Stufen
Sind Kräfte der Natur hervorgerufen.
Die Atmosphäre trübt sich, ist erregt,
Der Donner rollt, ein Blitz, der prasselnd schlägt,
Zersplittert Wald und Fels, die moosigen Alten,
Die Rinde gar des Bodens wird gespalten.
Ein roter Schein überzieht das Theater.
Erdschlünde tun sich auf, ein Feuerqualm
Zuckt flammend übers Feld, versengt den Halm,
Versengt der Bäume lieblich Blütenreich.
Nun herrscht die Nacht, das Leben stockt sogleich,
Und aus den Grüften hebt sich leis heran
Das Gnomenvolk und wittert alles an
Und wittert alles aus und spürt den Platz
Und forscht und gräbt: da glitzert mancher Schatz.
Das altverborgne Gold bringt keinem Heil,
Der Finsternis Genosse will sein Teil.
Im Innern siedets, schäumt und schleudert wilder
Durchs Feuermeer furchtbare Schreckensbilder;
Wie Salamander lebt es in der Glut
Und streitet häßlich mit vulkanischer Wut.

Schon hüben und drüben sind Berge versunken,
Schon gähnet der Abgrund, schon sprühen die Funken.
Was ist mir? was leuchtet ein wunderlich Licht?
So leuchtet der Furie Feuergesicht.
Und unter dem Kopfschmuck phosphorischer Schlangen
Weiß glühen die Augen und rotbraun die Wangen.
Der Schrecken ergreift mich, wo rett ich mich hin!
Noch kracht es entsetzlicher, Felsen erglühn,
Sie bersten, sie stürzen, sie öffnen mir schon
Der grausesten Tiefe Plutonischen Thron!

Das Theater verwandelt sich in einen hellen
erfreulichen Ziergarten.

Kehrst du wieder, Himmelshelle!
Iris, mit gewohnter Schnelle,
Trennt die grausen Wolken schon,
Augenfunkelnd für Entzücken,
Den Geliebten zu erblicken
Auf dem goldnen Wagenthron.

Phöbus glänzt ihr hold entgegen;
Himmlischer Vermählung Segen
Fühlt der Erde weiter Kranz.
Um des Bogens bunten Frieden
Schlingen lieblichste Sylphiden,
Schillernd zierlich, Kettentanz.

Und da unten Silberwellen
Grünlich-purpurn wogen, schwellen
Auch empor in Liebesglut,
Schalkisch locken gleich Undinen,
Blauen Augs, verschämter Mienen,
Sich den Himmel in die Flut.
Blühts am Ufer, wogts in Saaten,
Alles ist dem Gott geraten,
Alles ist am Ende gut!

Tanz von Sylphen und Undinen.

II

Dıe Muse kommt in anmutiger Kleidung, und nachdem sie
einigen Anteil am Tanze genommen, wendet sie sich zu den
Zuschauern

Viel ist, gar viel mit Worten auszurichten,
Wir zeigen dies im Reden wie im Dichten;
Doch liebliche Bewegung, wie gesehn,
Darf man zu schildern sich nicht unterstehn;
Nur der Gesamtblick läßt den Wert empfinden,
Der holde Tanz, er muß sich selbst verkünden.

An ihm gewahrt man gleich der Muse Gunst,
Das höchste Ziel, den schönsten Lohn der Kunst.
O möge den Geschwistern sämtlich glücken
Solch allgemeiner Beifall, solch Entzücken!

Denn das ist der Kunst Bestreben,
Jeden aus sich selbst zu heben,
Ihn dem Boden zu entführen;
Link und Recht muß er verlieren
Ohne zauderndes Entsagen;
Aufwärts fühlt er sich getragen!
Und in diesen höhern Sphären
Kann das Ohr viel feiner hören,
Kann das Auge weiter tragen,
Können Herzen freier schlagen.

Und so gehts den Lieben allen,
Die im Elemente wallen,
Welches bildend wir beleben:
Wer empfing, der möchte geben.
In der Himmelsluft der Musen
Offnet Busen sich dem Busen,
Freund begegnet neuem Freunde,
Schließen sich zur All-Gemeinde,
Dort versöhnt sich Feind dem Feinde.

So herrlich fruchtet, was die Muse gönnt!
Die ihrs genießt, es dankbar anerkennt,
Preist ihn mit mir, den Gott, der es gegeben.
Was heute fröhlich macht, was heute rührt,
Nicht etwa flüchtig wirds vorbeigeführt;
Was heute wirkt, es wirkt aufs ganze Leben.

Die Kunst versöhnt der Sitten Widerstreit,
In ihren Kreisen waltet Einigkeit.

Was auch sich sucht und flieht, sich liebt und haßt,
Eins wird vom andern schicklich angefaßt:
Wie Masken, grell gemischt, bei Fackelglanz,
Vereinigt schlingen Reih- und Wechseltanz.
Vor solchen Bildern wird euch wohl zumute!
Empfangt das Schöne, fühlt zugleich das Gute,
Eins mit dem andern wird euch einverleibt;
Das Schöne flieht vielleicht, das Gute bleibt.
So nach und nach erblühet, leise, leise,
Gefühl und Urteil, wirkend wechselweise;
In eurem Innern schlichtet sich der Streit,
Und der Geschmack erzeugt Gerechtigkeit.

Und so in euch verehr ich meine Richter!
In gleichem Sinne huldigt euch der Dichter,
Der, wär er noch so stolz auf sein Talent,
Doch eures Beifalls höchsten Wert erkennt.
Erweist euch nun, wir anerkennenswillig,
Aufmerksam offnen Sinns, gerecht und billig.
So schmücket sittlich nun geweihten Saal
Und fühlt euch groß im herrlichsten Lokal.

Denn euretwegen hat der Architekt
Mit hohem Geist so edlen Raum bezweckt,
Das Ebenmaß bedächtig abgezollt,
Daß ihr euch selbst geregelt fühlen sollt;
Wies dem Senat geziemt, den eine Welt,
Auf seinen Spruch zu harren, würdig hält.

Dann auch der Bildner schmückt das edle Haus
Vom Sockel bis zum Giebel reichlich aus.
Hier muß euch ernst im Heiligtume sein,
Denn Götterformen winkten euch herein;
Wo rings umher der Maler sich bemüht

Und euren Blick von Bild zu Bilde zieht,
Da, was euch einzeln sonst gefesselt hielt,
In Einem Kreise hundertfältig spielt.

Das ist nun offenbar; doch was verhüllt
Geheimnisvoll die innern Räume füllt,
Erst harrend ruhig, magisch dann behende,
Im Augenblick, wie ich die Finger wende,
Wird mannigfaltig so nun Jahre walten,
Sich nach und nach vor eurem Blick entfalten.

Und wessen Wollen dies uns zugedacht,
Auf wessen Wink die Meister das vollbracht,
Wer wüßt es nicht zu deuten, nicht zu nennen?
Doch ihm genügt, daß wir es anerkennen.

In dieser Schöpfung, diesem Kunstverein,
Wie muß es mir denn erst zumute sein!
So großes Leisten fordert Großes an;
Viel ist zu tun da, wo so viel getan.
Was wäre nicht zu denken, nicht zu sagen!
Doch will ichs jetzt mir aus dem Sinne schlagen.

Sie wendet sich lebhaft-anmutig, weiter vortretend,
an die Zuschauer.

Erscheinen die Freunde so oft und so viel,
Sie heißen willkommen!
Wir andern, wir wechseln, wir steigern das Spiel,
Und jedermann hat sich das Seine genommen.
Eröffnen die Räume,die heiteren, hellen,
Sich als ein Gemeingut, wie heilende Quellen,
Dem Nächsten, dem Fernsten, dem Höchsten zur Lust,
Beleben der Menge bewegliche Brust;
So Alte, so Junge sind alle geladen,
In unserem Äther sich munter zu baden.
Ein Traurender komme,da fühlt er sich froh,
Erheitert ein Sorgender; jeglicher so,
Wies immer dem einen, dem andern entspricht,
Zum Streben, zum Handeln, zum Wirken, zur Pflicht.

So sind wir am Ziel nun; Er hat es gewollt,
Daß freudig geschehe, was alle gesollt.
Des Vaterlands Mitte versammelt uns hier,
Nun ist es ein Tempel, und Priester sind wir,
Wo alles, zum höchsten, zum besten gemeint,
Um unseren Herrscher entzückt sich vereint.



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