> Gedichte und Zitate für alle: J.W.von Goethe: Fragmente-Prolog Gesprochen den 1. Oktober 1791. (7)

2019-09-01

J.W.von Goethe: Fragmente-Prolog Gesprochen den 1. Oktober 1791. (7)



Prolog

Gesprochen den 1. Oktober 1791.

Wenn man von einem Orte sich entfernt,
in dem man eine lange Zeit gelebt,
in den Gefühl, Erinnerung,
verwandte, Freunde fest uns binden,
dann reißt das Herz sich ungern los, es fließen
die Tränen unaufhaltsam. Doch gedoppelt
ergreift uns dann die Freude, wenn wir je
In die geliebten Mauern wiederkehren.
wir aber, die wir hier noch fremde sind
und hier nur wenig Augenblicke weilten,
wir kehren freudig und entzückt zurück,
Als wenn wir unsre Vaterstadt begrüßten.
Ihr zählt uns zu den Euren, und wir fühlen,
Welch einen Vorzug uns dies Los gewährt.

Seid überzeugt: der Wunsch, euch zu gefallen,
Belebt die Brust von jedem, der vor euch
Auf diese Bühne tritt. Und sollt es uns
Nicht stets gelingen, so bedenkt doch ja,
Daß unsre Kunst mit großen Schwierigkeiten
Zu kämpfen hat; vielleicht in Deutschland mehr
Als anderswo.
Von diesen Schwierigkeiten
Euch hier zu unterhalten, ist nicht Zeit;
Ihr kennt sie selbst, und besser ists vielleicht,
Ihr kennt sie nicht. Mit desto froherm Sinn
Kommt ihr in dieses Haus und hört uns zu
Und seht uns handeln. Alles geht natürlich,
Als hätt es keine Mühe, keinen Fleiß
Gekostet. Aber dann, wenn ebendas
Gelingt, wenn alles geht, als müßt es nur
So gehn: dann hatte mancher sich vorher
Den Kopf zerbrochen, und mit vieler Mühe
War endlich kaum die Leichtigkeit erreicht.
Der schönste Lohn von allem, was wir tun,
ist euer Beifall: denn er zeigt uns an,
Daß unser Wunsch erfüllt ist, euch Vergnügen
Zu machen; und nur eifriger bestrebt
Sich jeder, das zum zweitenmal zu leisten,
Was einmal ihm gelang. O, seid nicht karg
Mit eurem Beifall! denn es ist ja nur
Ein Kapital, das ihr auf Zinsen legt.



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