> Gedichte und Zitate für alle: J.W.von Goethe: Fragmente-Schema eines Vorspiels bei der Eröffnung (12)

2019-09-01

J.W.von Goethe: Fragmente-Schema eines Vorspiels bei der Eröffnung (12)




Schema eines Vorspiels bei der Eröffnung des neuen Hamburgers Theaters

Vorzimmer in einem Gasthause.

Ein ältlicher Mann tritt ein mit Sohn und Tochter 17—18 Jahre alt. Sie machen sichs bequem. Der Kellner bringt einen Komödienzettel. Der Vater bleibt mit dem Sohne allein; dieses ist ein junger
feuriger Mann von 18—19 Jahren und trägt mit Enthusiasmus vor, was man jemals von Vorteilen für sittliche Bildung dem Theater zugeschrieben hat.

Der Vater läßt ihm bemerken, daß der höchste Vorteil des Theaters immer bleibe die Ausbildung des Urteils, indem jeder Zuschauer unbewußt als Mitglied eines geschwornen Gerichtes da zugegen sei. Es möge nun jeder nach seiner Art zu genauer Beobachtung, als Grundlage eines gerechten Urteils,
aufgefordert werden; man möge nun über Gestalt oder Kleidung, über Betragen oder Bewegung, über Kostüm und Dekoration, über das Einzelne oder das Ganze urteilen wollen, so habe man vorher ruhig und ohne vorgefaßte Meinung auf sich wirken zu lassen, einem heitern Vergnügen, ja einem
frohen Enthusiasmus sich gern hinzugeben, dagegen alle Verneigung, alle Tadelsucht zu entfernen und sowohl der Direktion als den Schauspielern selbst ein fortwährendes Bestreben nach dem Bessern anzuvertrauen.

Hiedurch erwerbe man sich denn zuletzt die Fähigkeit, über die Stücke, über die Dichter selbst zu urteilen, worauf eigentlich alles ankommt. Dieses müßte freilich nicht pedantisch perorierend, sondern väterlich, als Dialog über die Dinge geistreich durchgeführt werden. Ein Hamburger Freund tritt ein. Der Sohn geht, sich umzuziehen. Ein humoristischer Mann, vieljähriger leidenschaftlicher Theaterliebhaber, welcher die frühere Geschichte des Hamburge Bühnenwesens und seine Verdienste leidenschaftlich, aber mit heiterm und gutem Humor vorträgt. Zugleich erscheint er als ein Gewohnheitsmann, welcher in dem neuen Theater kein so behagliches Plätzchen als in dem alten zu finden fürchtet.

Dieses alles kann in einem heitern, ja kupierten Dialog vorgetragen werden, da der Ankommende seit vielen Jahren Hamburg von Zeit zu Zeit besucht und an vielen Vorstellungen selbst teilgenommen.
Im Laufe dieses Gesprächs tritt ein Architekt herein, der die Vorzüge des neuen Theaters hervorhebt.
Die Tochter hat sich, geputzt, wieder eingefunden. Ein junger Mann, Sohn des humoristischen Vaters, tritt ein, elegant ohne Übertreibung; er scheint das junge Frauenzimmer auf einer Reise gekannt zu haben, freut sich, sie ins Theater zu führen, die alten Herren scheinen damit zufrieden. Der junge Fremde tritt auch wieder hinzu, und hier kommt es auf die Kunst des Dialogierens an, daß der Zuschauer auf das kürzeste mit Charakteren, Zu- und Umständen, Absichten, hauptsächlich [in bezug] auf die theatralischen Verhältnisse Hamburgs unterrichtet werde. Notwendig ist ferner, daß mit größter Zartheit und nur im Vorübergehen des unglücklichen Kriegszustandes der Stadt und Umgegend gedacht, zugleich aber auf das Theater als eine Art letheischer Quelle hingedeutet werde als Heilmittel und Milderungsmittel öffentlicher und häuslicher Sorgen.

Da die Zeit, ins Theater zu gehen, noch nicht eingetreten ist, so schlägt man einen Spaziergang vor; das Theater verwandelt sich, und die neue Dekoration, Stadt und Hafen vorstellend, kommt zur Evidenz. Und hier wär es angenehm und schicklich, wenn sogleich ein musikalisches Divertissement einträte, wo die Zuschauer des Parterres, der Logen und Galerie (in Repräsentanten) vorgeführt
und mit einem recht heitern, Beifall rufenden Chor abschlössen. Die Personen des Vorspiels erscheinen wieder und nehmen, insofern sie Stimme haben, an dem Gesange teil; eine geschmackvolle Anordnung wird vom Publikum gewiß dankbar anerkannt werden.

Was die Personen betrifft, wäre folgendes zu erwähnen. Der Fremde, ein Mann bei- Jahren, würde durch den sogenannten zärtlichen Vater vorgestellt; die Tochter durch eine gewandte liebenswürdige Aktrice; der Sohn durch einen Schauspieler von lebhaftem Gefühl und sonorer Stimme. Diese drei müssen sowohl in anständigen Reisekleidern als auch nachher anständig erscheinen, doch auf eine Weise, die in Hamburg nicht gewöhnlich ist.

Der zweite Vater wird durch den bei dem Theater unerläßlichen humoristischen Alten vorgestellt.
Man gebe ihm die Kleidung eines Hamburger Mannes von gewissen Jahren, doch durchaus ohne Karikatur. Dessen Sohn, gespielt von dem Schauspieler, dem die Chevaliers zukommen, zeige sich als Elegant der neusten Zeit. Nur ist immer zu wiederholen, daß ja nichts Übertriebenes, noch Verletzendes erscheine, sondern alles in dem Kreise der Anmut und des Wohlwollens sich bewege.

Wollte man noch eine Schauspielerin beschäftigen, so ließe sich auch die, als Tochter des Humoristen, einführen; und die vier Geschwister, mit den drei älteren Personen in lebhaftem
Dialog ineinander greifend, könnten jene Andeutungen und Forderungen gar wohl zur Sprache bringen und eine gemeinsame Teilnahme erregen.

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