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2019-09-01

J.W.von Goethe: Fragmente-Vorspiel zur Eröffnung des Weimarischen Theaters (13)



Vorspiel 
Zu Eröffnung des Weimarischen Theaters

am 19. September 1807
nach glücklicher Wiederversammlung
der Herzoglichen Familie.

WALD. FELS. MEER. NACHT.

(Ferner Donner)

SIEGESGÖTTIN.
Durch dieser nachtbedeckten Felder still Gebreit,
Mit unbemerkten Schritten, stürm ich rasch heran,
Ob irgend jemand widerstünde meiner Kraft,
Doch aber find ich niemand. Ja, behende soll
Dies Schwert mir Raum verschaffen, wenn sich mir
Die aufgeschreckte Menge kühn entgegenstellt:
Wenn diesem Stahle widersteht kein Sterblicher
Ein grauser Kampf umhüllt sich bald mit Nebelnacht,
Und meine Fackel leuchtet weit und breit zur Flucht.
(Näherer Blitz und Donner?)
Schon reihenweis liegt ausgestreckt Getötetes,
Wie hinter emsig Mähenden das Blumengras,
Ich aber, unaufhaltsam, kräftig schreite vor,
Dem Glücksgestirn entgegen, das mich leitete.
Wohlauf denn, Schlachtruf!
(Blitz und Donner?)
Töne gräßlich durch die Nachtl
Du Blitzgeschoß, verbreite Schreck, verbreite Tod!
Heran, ihr Donner, ihr mich längst verkündende!
(Blitz und Donner immer näher?)
Entwickle dich, du hagelschwerer Wolkenzug!
Stürz, alles überrauschend, flutendes Gestein,
Und schwemme, was entgegensteht, von Grund hinweg.
(Unter Blitz und Donner ab.)
EINE FLÜCHTENDE.
(Blitz und Donner entfernen sieh.)
Wo flieh ich hin? wo berg ich mein bedrohtes Haupt?
Denn überall umgeben mich die Drängenden.
Gewaltger Kriegskampf, Waffenklang und Mordgeschrei
Ertönen heute, wo noch gestern Friede sang.
Und aufgeschreckt, wir Armen, scharweis fliehen wir,
Und gleich zersprengt, von Ungemach zu Ungemach.
Umsonst! Kein Ausgang aus dem Irrsal zeigt sich mir
Der finstre Bergwald, Nacht und Schrecknis heget er
Die Felsenwand an aufgeregter wilder Flut,
Sie halten hier und überall den Schritt mir an;
Und aus der Tiefe tönet mir der Schreckensruf:
Zurück! zurück! Wohin entfliehst du einzelne?
Zurück! Des Gatten denke, den das scharfe Schwert,
Der Kinder, die des Hauses Flamme tobend faßt.
Vergebens! ach! an dieser Seite trennet mich
Der breite Strom des mörderischen Ungestüms
Mit blutigen Wogen von bekannter Spur hinweg.
( Ganz ferner Donner?)
O, Seligkeit verhüllendes und nie genug
Geschätztes Dach der Friedenshütte, die mich barg!
O, nie genug verehrter Engraum, kleiner Herd!
Du runde Tafel! die den holden Kinderkreis
Anmutig anschloß elterlicher Sorgenlust,
Dort loderts auf! Die Ernte strömt in Feuerquall
Zum Himmel an, und des Besitzes treu Gehäus
Schwankt unterflammt und beugt sich, widersteht und sinkt.
Durchglühter Schutt stürzt, Flammenrauchstaub kraus empor,
Und unten krachend, schwerbelastet, dumpfgedrückt,
Verkohlt so vieler Menschenjahre werter Fleiß,
Und Grabesruhe waltet über Trümmern.
(Ferner Donner.)
Ach!
Selbst in das Grab dringt wilder Elemente Wut
Und reißt die Toten zwischen die Lebendigen;
Sie sollen schauen, welch ein Elend uns betraf,
Und irren, unsre Väter, heimatlos wie wir.
(Näherer Donner.)
Schon kehrt zurück das Wetter, das zerstörende.
Vergebene Hoffnung, ausgewütet hab es nun;
kehrt zurück und raset allgewaltiger,
Und Land und Meer bewegen sich im wilden Bund.
Ist dies der Erde fester Boden? Weh mir! Weh!
Und dies die Pfade, sicher sonst betretene?
Im Schiffe steh ich, wogend schwankt es hin und her;
Mein Knie versagt mir nach dem Boden zieht es mich;
Zu  knieen und zu flehen dränget mich das Herz.
(Sie kniet.)
Ist über dieser Wolkendecke düsterer Nacht
Kein Stern, der in der Finsternis uns leuchtete?
Kein Auge, das heruntersah auf unsre Not:
du, dem ich von Jugend auf hinangefleht,
O, du, dessen heilgen Tempel ich mit Kinderschritt
Und Kindersinn erst, dann mit warmer, jugendlich
Bewegter Brust hinanstieg, in vertrauendem
Andächtigem Chor der Älteren und Ältesten,
Mit heitrem, festtags-sonnenhaftem Freudeblick
Ein Danklied, ein Triumphlied deiner Vaterkraft
Und Vatergüte tausendstimmig dargebracht,
Warum verbirgst du hinter düstern Teppichen
ein Antlitz, deiner Sterne strahlende Heiterkeit?
Ist es dein ewiger Wille? sind es der Natur
Unbändige, taube Kräfte, dir im Widerstreit,
ein Werk zerstörend, uns zerknirschend—
(Naher Donner)
Weh mir! Weh!
Vergebens alles! Immer wilder drängts heran,
Die Elemente fassen sich, die tobenden;
Die Welle sprüht des Felsenwaldes Äste durch,
Und in dem blitzdurchflammten Äther schmelzen hin
Die Gipfel, Glutstrom stürzet um Verzweiflende.
(Er schlägt ein. Zugleich erscheint ein Wunder- und Trostzeichen,
der verehrten regierenden Herzogin Namenszug im Umbilde)

Königlicher Saal

DIE MAJESTÄT (im Krönungsornat).
Sich tret ich auf und glanzumgeben;
Jedes Auge freut sich meines Kommens,
Jedes Herz erhebt sich gleich zur Hoffnung,
Jeder Geist, schon schwelget er in Wünschen.
Denn die Weisheit, wandelt sie bescheiden
Unter Menschen, lehrend, ratend, scheltend,
Wenig achtet sie der Haufe, leider öfters
Wird sie wohl verachtet und verstoßen!
Aber wenn sie sich zur Macht gesellet,
Neiget gleich sich die erstaunte Menge
Freudig, ehrfurchtsvoll und hoffend nieder;
Und wie vor Gewalt sich Furcht geflüchtet,
So entgegnet nun der Macht Vertrauen.

Hat Natur, nach ihrem dunklen Walten,
Hier sich Bergreihn hingezogen, droben
Felsen aufgezackt und gleich daneben
Über Talgestein und Höhn und Höhlen
Heilig ruhend alten Wald gepfleget,
Daß den unwirtbaren Labyrinthen
Sich der Wandrer grausend gern entzöge:
Sieh! da dringt heran des edlen Menschen
Meisterhand: sie darf es unternehmen,
Darf zerstören tausendjährge Schöpfung.
Schallet nun das Beil im tiefsten Walde,
Klingt das Eisen an dem schroffen Felsen,
Und in Stämmen, Splittern. Massen, Trümmern
Liegt zu unbegreiflich neuem Schäften
Ein Zerstörtes gräßlich durcheinander.
Aber bald dem Winkelmaß, der Schnur nach
Reihen sich die Steine, wachsen höher;
Neue Form entspringt an ihnen, herrlich
Bildet mit der Ordnung sich die Zierde,
Und der alte Stamm, gekantet, fügt sich,
Ruhend bald und bald emporgerichtet,
Einer in den andern. Hohen Giebels
Neuer Kunstwald hebt sich in die Lüfte.
Sieh! des Meisters Kränze wehen droben,
Jubel schallt ihm, und den Weltbaumeister
Hört man wohl dem irdischen vergleichen.

So vermags ein jeder. Nicht der König
Hat das Vorrecht; allen ists verliehen.
Wer das Rechte kann, der soll es wollen;
Wer das Rechte will, der sollt es können,
Und ein jeder kanns, der sich bescheidet,
Schöpfer seines Glücks zu sein im Kleinen.
Der du an dem Weberstuhle sitzest,
Unterrichtet, mit behenden Gliedern
Fäden durch die Fäden schlingest, alle
Durch den Taktschlag aneinanderdrängest,
Du bist Schöpfer, daß die Gottheit lächeln
Deiner Arbeit muß und deinem Fleiße.
Du beginnest weislich und vollendest
Emsig, und aus deiner Hand empfänget
Jeglicher zufrieden das Gewandstück;
Einen Festtag schaffst du jedem Haushalt.
So im Kleinen ewig wie im Großen
Wirkt Natur, wirkt Menschengeist, und beide
Sind ein Abglanz jenes Urlichts droben,
Das unsichtbar alle Welt erleuchtet,
Und so grüße jedes Land den Fürsten,
Jede Stadt den Ältesten, der Haushalt
Grüße seinen Herrn und Vater jauchzend,
Wenn sie wiederkehren als die Meister,
Zu erbauen oder herzustellen.
Komm erflehet Segen euch von oben;
Der Hilfe schafft euch tätig wirkend
Selber, und vertilget alle Spuren
Meines Fußes, der gewaltig auftrat.
Und der Weise, der Verständge nehme
Teil an meiner Macht und meinem Glück hin!

Friede. Majestät.

MAJESTÄT. 
Sei mir gesegnet, Holdeste des Erdenstamms!
FRIEDE. 
Empfange gnädig deine treue Dienerin!
MAJESTÄT.
Du wirst als Herrin immer neben mir bestehn.
FRIEDE. 
So nimm die treue Schwester an die starke Brust!
MAJESTÄT.
Gerechtigkeit und Friede küssen sich,o Glück!
FRIEDE.
O längst erflehter Augenblick, O Wonnetag
MAJESTÄT.
Ich sehe, Schwester, dich erheiterter als .
FRIEDE. 
Denn mehr als je umgaukelt mich die Heiterkeit
Diese Stadt, die ich so lange
Mütterlich begünstigte,
Weil sie meine holden Gaben,
Würdig schätzend, tätig wirkend,
Dankbarlich erwiderte;
Weil sich holder Friedenskünste
Alte, Junge, Hohe, Niedre
Männiglich befleißigten.
Aber nie ist mir ein Regen,
Solch ein Treiben, solch Bestreben,
Wie es heut sich rührt, begegnet.
Jeder strebet mit dem andern,
Jeder eifert vor dem andern,
Einer ist des andern Muster
Aufgeweckter Tätigkeit.
Kein Befehl ists, der sie aufregt,
Jeder froh gehorcht sich selber;
Und so reihn sie aneinander
Ihren Fleiß und ihre Lust.
MAJESTÄT. 
Dieses Tun, das einzig schätzenswerte,
Das hervordringt aus dem eignen Busen,
Das sich selbst bewegt und seines Kreises
Holden Spielraum wiederkehrend ausfüllt,
Lob ich höchstens: denn es zu belohnen,
Bin ich selbst nicht mächtig gnug; es lohnt sich
Jeder selbst, der sich im stillen Hausraum
Wohl befleißigt übernommenen Tagwerks,
Freudig das Begonnene vollendet.
Gern und ehrenhaft mag er zu andern
Öffentlich sich fügen, nützlich werden,
Nun dem Allgemeinen weislich ratend,
Wie er sich beriet und seine Liebsten.
Also wer dem Hause trefflich vorsteht,
Bildet sich und macht sich wert, mit andern
Dem gemeinen Wesen vorzustehen.
Er ist Patriot, und seine Tugend
Dringt hervor und bildet ihresgleichen,
Schließt sich an die Reihen Gleichgesinnter.
Jeder fühlt es, jeder hats erfahren:
Was dem einen frommt, das frommet allen.
FRIEDE. 
Was du sagest, ich verehr es!
Denn du hast mit wenig Worten
Ausgesprochen, was die Städte
Bauet, was die Staaten gründet:
Bürgergersinn, wozu Natur uns
Eingepflanzt so Lust als Kräfte.
Aber heute siehst du diesen
Treuen Sinn sich anders zeigen,
Nicht so ernst, wie dus verstanden,
Aber sich zum schönsten Feste
Emsiglich betätigend.

Sieh! ein Waldgebüsch bewegt sich
Nach der Stadt hin; aller Gärten
Froher, blumenhafter Aufputz
Reißt sich los, um sich ins grüne
Prachtgehäng hineinzuflechten,
Das der Häuser, das der Hütten
Ansicht schön verhüllt und zieret,
Das von Giebel sich zu Giebel
Gehend reicht und kranzbeladen,
Schwankend, frischbelastet schwebt.
Bunter wird die tiefe Grüne,
Muntrer immer; Band an Bändern
Schlingt sich um, geknüpft zu Schleifen
Krümmt sichs, und die losen Enden
Flattern windbewegt. Zum Laubgang
Siehst du Straßen umgewandelt
Und zum Feiersaal den Marktplatz.
Außenseiten sind nun Wände,
Fenster volkverzierte Nischen;
Unter ihnen schmückt die Brüstung
Sich mit bunten Teppichen,
Hier mit holden Blumenzügen
Sprichts dich an, und dort mit goldnen,
So, als ob dir offne Herzen
Überall begegneten.

Aber dieser stummen Rede
Soll ein lautes Wort vorangehn,
Ein bescheidnes, von dem Munde
Lieblicher Unschuldigen.
Siehe! da bewegt sich kindlich
Schon, bekränzet und bekränzend,
In der Jugend Schmuck, den Lilien
An Gewand gleich, eine Reihe
Holder Lebenserstlinge.
Wer sie siehet, dem bewegt sich
Wonnevoll das Herz. Der Vater
Sucht mit Blicken seine Tochter,
Und des Jünglings Auge gleitet
Über alle wählend hin.

Störe nicht den holden Zug, du
Roß und Reiter! Jeder freue
Sich des Buntgewühls. Der Jäger
Grüße die bekannten Zweige,
Und der Jüngling, volle Flaschen
Schwenkend, wähne, seine Lauben
Habe hier geschmückt der Weingott.
Und vom zartesten Gelispel
Bis zum wildesten Tumulte
Drücke jeder sein Gefühl aus.
MAJESTÄT.
Des Ungestümes wilden Ausdruck lieb ich nicht:
Die Freude kehrt sich unversehns in herben Schmerz,
Wenn ohne Ziel die Lust dahinschwärmt, ohne Maß;
Doch mag ichs loben, wenn dich, Göttliche, man heut
Mit übermäßiger Freude wild empfängt und ehrt,
Vorauserblickend alles, was man wünscht und hofft.
FRIEDE. 
Wem sich Herz und Blick entgegen
Drängt an diesem frohen Tag,
Freilich bin ichs, die von allen
Sehnsuchtsvoll Erwartete.

Aber unsichtbar auf Erden
Schwebend, könnt ich meiner hohen
Glückverbreitenden Gesinnung
Wählen kein vollkommner Gleichnis,
Nicht ein ausdruckvollres Abbild,
Als in diese Freudenfülle
Allbelebend sich hereinsenkt.
Tausend Blumen aus den Kränzen,
Abertausend aus Gehängen
Blickend, mögen Ihrer Blüte
Lieblichkeit nicht überscheinen;
Und wie um die frische Rose
Jede Blume sich bescheidet,
Sich im bunten Strauß zu fügen:
Also diese Welt von Zweigen,
Blumen, Bändern, Alten, Jungen,
Dieser Kreis von frohen Blicken,
Alles ist auf Sie gerichtet,
Sie, die lieblich Würdige!
Wie Sie an der Hand des Gatten,
Jung wie er und Hoffnung gebend,
Für sich selber Freude hoffend,
Segnend uns entgegentritt.
MAJESTÄT.
Ich wünsche dir und diesem Lande wünsch ich Glück,
Daß deinen göttlich aufgeforderten Beruf
Du mit so großer Gabe gleich betätigest.
Rückkehr, die frohe, reicher Ernte gleichet sie,
Wo scheidend herzlich stille Tränen wir gesät.
So grüße segnend alle die Rückkehrenden,
Nach vielen Tagen froh Zusammentreffenden,
Und schütze sie und hüte sie mit meiner Kraft.
Doch aber bleibet immerfort auch eingedenk
Der Abgeschiednen, deren rühmliche Lebenszeit,
(im Hintergründe zeigt sich in Chiffren das Andenken der
verewigten Herzogin-Mutter umgeben von Glorie und dem
Kranz ihrer Zurückgelassenen)
Umwölkt zuletzt, zur Glorie sich läuterte,
Unsterblich glänzend, keinem Zufall ausgestellt;
Um welche sich versammelt ihr geliebt Geschlecht
Und alle, deren Schicksal sie umwaltete.
Sie wirke noch wie vormals immer mütterlich.
In Leid und Freuden bleibet ihrer eingedenk,
Genuß. Entbehrung, Hoffnung, Schmerz und Scheidet;
Menschlich zu übernehmen, aber männlich auch!






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