> Gedichte und Zitate für alle: Woldemar von Biedermann : Gespräche Goethes 1789 (19)

2019-09-28

Woldemar von Biedermann : Gespräche Goethes 1789 (19)



1789






1789, 5. Februar und vorher. 
Mit Carl Ludwig von Knebel


Gestern vertraute mir Knebel etwas von seinem Streit mit Goethe und Moritz über des letzteren Abhandlung [»Über die bildende Nachahmung des Schönen«]. Es ist nun alles wieder gut; Goethe zeigt Moritzens Abhandlung in der Literaturzeitung an und hat einen Auszug davon gemacht, den er Knebeln gestern gegeben hat, worüber er sehr zufrieden war, und ihm nur nochmals seine eigne Vorstellungsart von der Schönheit der Kunst und der Schönheit der Natur deutlicher gemacht hat, und worüber, wie mich dünkt, Knebel die richtige Grenze gefunden hat. Moritz hat diese Grenze in der Abhandlung nicht deutlich bemerkt oder gar in eins gebracht; dies war's, was den Knebel so sehr aufbrachte. Heute schrieb er mir: »Grüßen Sie doch Herder tausendmal von mir; selbst kann ich nicht schreiben. Ich war gestern den meisten Theil des Abends bei Goethe. Den Unterschied der Schönheit als Vollkommenheit eines Ganzen und als Vollkommenheit eines scheinbaren Ganzen erkannte er nicht nur, sondern sagte auch darüber noch mehrere sehr richtige Sachen. Schönheit der Natur ist Vollkommenheit des Ganzen, zu einer anschaulichen Kenntniß gebracht; Schönheit der Kunst ist gleichsam der Anblick des Vollkommenen, in der Seele des Künstlers zur Gestalt gereift und durch innere Kraft wieder zur Gestalt wirkend. Die erste Schönheit besteht in Ordnung und Gesetzen der Natur, soweit sie übereinstimmend erkannt werden; die Schönheit des Künstlers gründet sich auf dieselbe Ordnung, aber sie wirkt stärker auf die Sinneskräfte und äußert sich durch die Art und Weise, wie der Künstler jene aufzunehmen und darzustellen vermag. Beiderlei Arten mischen sich in der Seele; die letzte allein bestimmt den Werth des Künstlers.«


1789, 8. Februar. 
Mit Caroline Herder


Mit Goethe habe ich mich am Montage über die Leonore im »Pater Brey« ausgesprochen. Ich frug ihn, ob ich diese Person so ganz gewesen wäre? »Beileibe nicht!« sagte er: ich solle nicht so deuten. Der Dichter nehme nur so viel von einem Individuum, als nothwendig sei, seinem Gegenstand Leben und Wahrheit zu geben, das übrige hole er ja aus sich selbst, aus dem Eindruck der lebenden Welt. Und da sprach er gar viel Schönes und Wahres darüber. Auch, daß wir den »Tasso«, der viel Deutendes über seine eigne Person hätte, nicht deuten dürfen, sonst wäre das ganze Stück verschoben u.s.w. Kurz, ich war völlig befriedigt, da ich ihn mir so ganz als Dichter denke. Er nimmt und verarbeitet in sich aus dem All der Natur (wie es Moritz nennt), in das ich auch gehöre, und alle andre Verhältnisse sind dem Dichter untergeordnet.


1789, 16. Februar. 
Mit Caroline Herder 


Goethe kam den Montag, um nach Dir zu fragen. Es freute ihn sehr, als ich ihm sagte, wie Dir sei. »So war mir's auch,« sagte er; »ich ließ die Hände sinken und that nichts mehr.« Knebel kam noch dazu. Goethe setzte sich nieder und zeichnete mir ein Landschäftchen. Es war ein guter Geist und ein gutes Gespräch unter uns; denn Du warst immer dabei. Zuletzt wurde noch viel vom römischen Carneval gesprochen. Er giebt nämlich eine Beschreibung des römischen Carnevals, wie es in den letzten acht Tagen ist, mit achtzehn Kupfern heraus, die schon meist durch Kraus fertig sind. Die Beschreibung davon ist so voll Ordnung und einer eignen Darstellung des Ganzen, das Euch wohl schwerlich, wie er selbst sagt, zum ersten Mal in dem entsetzlichen Gedränge erschienen ist. Das Ende schließt sich mit einer Betrachtung über das menschliche Leben, die mir sonderbar rührend war. Auch dieser Abend schloß sich bei den Kindern mit dem sia ammazato etc.: sie bliesen sich die Lichter aus, da sie hinunterleuchten sollten.
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Goethe und Knebel grüßen Dich. – In Moritzens Abhandlung hat Goethe das Wort »nützt« in meinem letzten Gespräch hierüber in »dient« verwandelt; dies dünkt mich viel richtiger.


1789, zwischen 16. und 20. März. 
Mit Caroline Herder


Ich habe die Fortsetzung von ›Tasso‹ wieder abgeschrieben. Goethe kam dazu; er absolvirte mich hierüber, wie leicht zu denken, und grüßt Dich. Von diesem Stück sagte er mir im Vertrauen den eigentlichen Sinn: es ist die Disproportion des Talents mit dem Leben. Er freut sich recht über mich, daß ich es selbst so gut empfinde.


1789, Mitte April. 
Mit Caroline Herder 


Hier weiß schon jedermann von dem Antrag [einer Professur in Göttingen an Herder], indem es von Göttingen an den Director geschrieben worden. Der Herzog hat es durch den Fürst von Dessau erfahren und Goethe darum gefragt. Soviel sagte Goethe zu mir darüber vorige Woche: »Wenn der Herzog klug ist, so muß er ihn auch nur Jena's wegen erhalten; denn sein Hinziehen nach Göttingen ruinirt ihm Jena.«
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Goethe sagte: »Es ist soviel dafür als dagegen zu sagen.« Im Ganzen findet er's gleichwohl gut, daß es so gekommen ist.


1789, 23. April. 
Mit Caroline Herder


Wie ich nach Hause kam, fand ich Goethe bei dem Kinderfest [zum Geburtstage von Luise Herder]. Wir sprachen bald von Göttingen, wie wir denn schon einigemal davon gesprochen haben. Daß Du den vortheilhaften Antrag beherzigtest und beherzigen müßtest, sagte ich ihm; er fand es ganz recht, sowie er gleich von Anfang an den Antrag als ein gutes Evenement, wir möchten nun bleiben oder gehn, ansah. Er will Dir selbst schreiben den nächsten Posttag; heute kann er nicht. Er dringt aber darauf, daß wir ihn allein von der ökonomischen Seite betrachten und gebrauchen müssen. In der Verhandlung mit den Hannoveranern müssen wir mit Recht das hochanschlagen, was wir Gutes hier haben – kurz: in eine Wagschale das Vortheilhafte von Göttingen, und in die andre das Gute von hier legen. Dieses war, nachdem ich mich von der ersten Gemüthsbewegung des Antrags erholt hatte, mein eigner erster Gedanke gewesen, der mir nicht von ihm eingehaucht worden ist; ich schwieg Dir aber davon, weil ich Dein Gefühl rein darüber erst hören wollte. »Glaubt nicht,« – sagte er gestern – »daß er dort frei von Verdruß und Ärger sein wird; er wird überall die Neider und Heuchler und wie sie heißen, finden; sein Gemüth bringt er ja überall mit. Also von dieser Seite, ist's dort nicht um ein Haar besser, als überall. Kurz: laßt nur das Gemüth aus dem Spiel und bleibt bei dem äußerlichen Vortheil stehn. Der Herzog kann und darf ihn nicht gehen lassen; er ruinirt sich Jena und Weimar zugleich. Auch nicht einmal nach Jena wünsch' ich Herdern; ich hab' ihn viel zu lieb; er ist zu gut zum Professor; er kennt ihre kleinlichen Leidenschaften noch nicht. Es ist gut, daß der Antrag gekommen ist; jetzt kann ihm durch das Muß und mit Ehren ein gutes und sichres Etablissement für ihn und die Seinigen gemacht werden, und die ganze Stadt wird damit zufrieden sein und es wünschen.«

1789, 3. Mai. 
Mit Caroline Herder 

a. 

Es ist alles Deinetwegen hier in großer Bewegung. Der Herzog ist den 2. Mai hier angekommen und hat sogleich der Herzogin versichert, daß er Dich nicht gehn ließe. Gestern gab er dem Goethe vorläufig auf einem Billet die Punkte, die er für Dich thun will. Ich habe sie von ihm erhalten und schreibe sie Dir ab ..... Ich habe dem Goethe gesagt, daß wir so viel haben müssen, daß Du nicht mehr schreiben dürfest. Dies habe ich ihm aus die derbste Weise gesagt, und er billigt es. Er meint auch, daß noch mehr Zulage unter dem Namen für die Erziehung der Kinder werden könne.

b. 
Was sagst Du zu dem [vom Herzogs zu Erhöhung von Herder's Stellung in Aussicht gestellten] Kanzelariat über Jena? Goethe meint, er wolle Dir nicht dazu rathen: Du würdest Dir Griesbach zum großen Feind machen.
1789, 9. Mai. 
Mit Caroline Herder

Ich habe Dir bisher Goethe so wenig genannt, weil ich ihn wenig allein gesprochen habe. Gestern hat er den »Tasso« bis auf drei Scenen der Herzogin vorgelesen. O, wie bestrafe ich mich, daß ich ihn auch nur einen Augenblick verkenne! Er ist durchaus eine treue männliche Seele, und es freut mich, daß Du dies in einem Deiner letzten Briefe wieder erkennst. Er kam gestern Abend noch zu mir, und da wir über »Tasso« fertig waren, über den Du Dich gewiß freuen wirst, warst Du unser Gespräch. Dem Herzog hat er gesagt, daß unsre Schulden 1800 bis 2000 Rthlr. betragen. Es war des Herzogs eigner Entschluß, sie zu bezahlen. Die übrigen Bedingungen müssen alle alsdann noch besser und anders eingerichtet werden, wenn wir bleiben wollen.
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Von Deiner Herreise meint Goethe, Du hättest besser gethan, wenn Du von Bologna noch Ferrara und die schönen Städte hinauf nach Venedig, dann quer über Oberitalien nach Mailand und durch die Schweiz gegangen wärest. Jetzt, da Du schon in Parma seist, ginge dieser Weg nicht mehr an.


1789, Ende Mai. 
Mit Caroline Herder 


Goethe will auf einige Tage zu Dir, reitend, in's Karlsbad kommen. Er ist in diesem wichtigen Zeitpunkt jetzt unser treuester Freund, und einen Freund müssen wir jetzt haben. Glaube mir's. Einen Brief von ihm wirst Du in Parma finden, wenn Du, wie ich glaube, diesen Weg nimmst. An die Angelica liegt auch ein Brief dort.
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Goethe liebt Dich und ist's vor allen werth, von Dir geliebt zu werden. Wende Dich nicht von ihm ab! Du achtest und liebst an der Angelica, was die Natur ihr Glückliches und Heiliges gegeben hat: er ist von dieser Seite ihr Bruder, und wir wollen ihn nicht mehr verlieren, wie Du es einmal (vor Sechs Jahren war's) so heilig zusagtest. Es schmerzt ihn, daß Du in dieser wichtigen Sache so stumm gegen ihn bist; ich habe Dich entschuldigt. Das Wiedersehen im Karlsbad wird alles gut machen.


1789, gegen Mitte August. 
Mit Friedrich August von Fritsch 


Als sich Goethe (1789) in dem damals sehr besuchten Badeorte Ruhla befand, beredete er seinen Reisegesellschafter, den Oberforstmeister v. Stein, an einem sehr trüben Tage zu einem Spaziergange nach dem Inselsberge. Vergebens stellte ihm dieser das ungünstige, Regen drohende Wetter vor; Goethe blieb bei seinem Entschluß. Als nun unterwegs der Nebel immer dichter ward und zuletzt in einen Regen sich auflöste, machte Stein seinem Unmuth durch die wiederholte Äußerung Luft, daß er dies vorausgesagt. Goethe schwieg; beschäftigt, Steine zu suchen, die er mit einem Hammer zerschlug, nannte er dem murrenden Freunde deren Namen, Eigenschaften und die Classe, zu der sie gehörten. »Was gehn mich Ihre Steine an!« rief sein Begleiter ziemlich heftig, »ich rede von Ihrem Starrsinn, der uns in dies Wetter geführt hat. Doch,« fügte er einlenkend hinzu, als wolle er seine Heftigkeit wieder gut machen – »da Sie ein so großer Mineralog sind, so sagen Sie mir doch, was bin ich für ein Stein?« »Auch das will ich Ihnen sagen,« erwiederte Goethe; »Sie gehören in die Classe der Kalksteine: kommt Wasser auf diese, so brausen sie.«

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