> Gedichte und Zitate für alle: Woldemar von Biedermann : Gespräche Goethes 1794-1 (24)

2019-09-29

Woldemar von Biedermann : Gespräche Goethes 1794-1 (24)



1794




1794, Mai (?).
Über Homer
 

Gegen die Hypothese, daß Homer's Ilias erst zu Sparta und Athen von Lykurg und Pisistratus nach und nach zusammengesetzt worden wäre, erinnerte Goethe mit Recht, daß dann die Athener gewiß keine so armselige Rolle mit ihren paar Schiffen in der Ilias spielen würden.

1794, 6. Juni.
Mittagsmahl bei Goethe

Den 6. Juni waren wir Mittags bei Goethe zusammen. Beinahe während der ganzen Mahlzeit sprach Goethe mit einer von mir [Böttiger] an ihm noch nie beobachteten Heftigkeit gegen Lavater, den er für den studirtesten Heuchler und Bösewicht erklärte, aber seiner unendlichen Kunst, allen alles zu werden völlige Gerechtigkeit wiederfahren ließ. Anekdote von Hottinger und der Fürstin von Dessau. Lavater schenkte Hottinger, seinem abgesagtesten Gegner, ein Halstuch, das auf der Fürstin Busen geruht hatte und von ihren Thränen benetzt war, um den jungen Hottinger durch Sinnlichkeit zu fesseln. Goethe antwortete Lavater nie, ohngeachtet dieser durch Grobheiten Antwort erzwingen will, und ließ sich vor ihm in Mainz verleugnen. Warum er überall seinen Namen einkritzle? In Frankfurt zerbrach Goethe bei seiner Mutter viele Scheiben und Spiegel, wo überall Lavater sein Gedächtniß gestiftet hatte. Wieland, der, seit Lavater mit [Karl Leonhard] Reinhold bei ihm war, immer Lavater's Partie nahm, wurde durch das alles, was Goethe sagte, so aufgebracht, daß er sich selbst ausschalt, weil er zeither den Fremden, gegen die er Lavatern lobpries, soviel Ärgerniß gegeben habe. Voß, der auch Unwillen gegen Lavatern zeigte, erzählte, Lavater habe in Kopenhagen, und überall im Holsteinischen mit großer Selbstgefälligkeit erzählt, als er mit Reinhold und Wieland zu Tische gesessen, da hätten die Dichtkunst, Philosophie und Schwärmerei Tischgenossenschaft gemacht. 

Er [Goethe] hat lange Untersuchungen über das sogenannte os intermaxillare, welches die Thierphysiognomien nach Camper und Blumenbach von der menschlichen unterscheiden soll, angestellt. Loder wird sie herausgeben. 

Es ist äußerst interessant, ihn seine Abenteuer beim Feldzug in der Champagne 1792, wo er den Herzog begleitete, erzählen zu hören. Er hielt sich immer zum Vortrab, wo es am lustigsten zuging. Anekdote von einem Bauer bei Verdun, der sich allein in einem Weinberg versteckt hatte und gegen die preußische Armee schoß. Er sollte gehängt werden und man fand keinen Baum, woran man ihn hätte hängen können. Endlich ließ ihn der preußische Major mit 25 Arschprügeln laufen. Ein niedliches Bauerweibchen, die sich hatte flüchten wollen, brachten sie mit ihren zwei Wagen und Effekten glücklich in ihr Dorf zurück. In Verdun ließ sich Goethe Empfehlungsbriefe nach Paris an die schöne Weile [?] geben, weil er auch gewiß überzeugt war, es ging grade nach Paris. Ein Blatt vom Moniteur, das sie auf einem feindlichen Wagen erbeuteten und worin stand: les Prussiens pourront venir à Paris, mais ils n'en sor tiront pas, bestärkte sie alle in diesem Glauben. Goethe ließ sich schon die Spezialkarten zum Marsche nach Paris durch einen Soldaten, der dies Geschäft als Feldbuchbinder trieb, auf Leinwand ziehen.

1794, etwa 24. Juli
Mit Friedrich Schiller
 

Bei meiner Zurückkunft [von Weißenfels] fand ich einen sehr herzlichen Brief von Goethe, der mir nun endlich mit Vertrauen entgegenkommt. Wir hatten vor sechs Wochen über Kunst und Kunsttheorien ein Langes und Breites gesprochen und uns die Hauptideen mitgetheilt, zu denen wir auf ganz verschiedenen Wegen gekommen waren. Zwischen diesen Ideen fand sich eine unerwartete Übereinstimmung, die um so interessanter war, weil sie wirklich aus der größten Verschiedenheit der Gesichtspunkte hervorging. Ein jeder konnte dem andern etwas geben, was ihm fehlte, und etwas dafür empfangen. Seit dieser Zeit haben diese ausgestreuten Ideen bei Goethe Wurzel gefaßt und er fühlt jetzt ein Bedürfniß sich an mich anzuschließen, und den Weg, den er bisher allein und ohne Aufmunterung betrat, in Gemeinschaft mit mir fortzusetzen. Ich freue mich sehr auf einen für mich so fruchtbaren Ideenwechsel, und was sich davon in Briefen mittheilen läßt, soll Dir getreulich berichtet werden.

1794, Sommer.
Mit Johann Gottlieb Fichte
 

Goethe wünschte er [Fichte] für die Speculation zu gewinnen. Sein Gefühl leite ihn zu richtig. »Neulich« – fuhr er fort – »hat er mir mein System so bündig und klar dargelegt, daß ich's selbst nicht klarer hätte darstellen können.« Sie [W. v. Humboldt] kennen diese Manier.

1794, Sommer.
Mit Johann Daniel Falk


Den folgenden Morgen besuchte ich den Geheimen Rath Goethe ..... Er ist von mittlerem Wuchse, hat ein männlich braunes Antlitz, schwarze [!] funkelnde Augen, einen tieffassenden Blick, einen starken schwarzen Bart und genialische, aber regelmäßige Züge. Sein Anzug war bürgerlich einfach – ein simpler blauer Überrock – sein Anstand kunst- und anspruchslos. Ein mehr angeborner, als angenommener Ernst erweckt in jedem, der mit ihm spricht, ein gewisses Gefühl von Hochachtung, ich möchte beinahe sagen von Ehrfurcht, das aber keineswegs zurückstoßend ist. Ich hätte ihn eher für einen biederherzigen Amtmann, als für den großen Schriftsteller gehalten, auf den unser Vaterland nicht ohne Ursache stolz sein darf. Er empfing mich freundschaftlich, und wir sprachen über eine Stunde miteinander. Goethe erzählte mir, daß Schiller mit unsäglicher Anstrengung arbeite. Als Schiller sich noch in Weimar befand, verschloß er sich oft acht Tage lang und ließ sich von keiner Seele sprechen. Abends um acht stand noch sein Mittagsessen vor seinem Studirpult. Doch glaubte er nie die strengen Forderungen der Kunst befriedigt zu haben; denn seine Begriffe von dem Ideal, nach dem er hinaufarbeitete und alle seine Geistesgeburten abmaß, waren zuweilen etwas überspannt und abenteuerlich. Deshalb hielt es auch ebenso schwer, die Psychologie aus seinen Stücken, als aus seinem Gesichte herauszufinden. Der »Don Carlos« ließe sich besser lesen, als aufführen, und die darin verwebte Psychologie der Charaktere sei auch selbst bei der Lectüre und der angespanntesten Aufmerksamkeit nicht immer bemerkbar. Die übergroße Anstrengung, mit der Schiller arbeitete, glaubte er auch in seinen flüchtigsten hingeworfenen Stücken zu entdecken. Selbst an den »Briefen über den Don Carlos« im »Teutschen Merkur« sähe man die Schweißtropfen hängen, die sie dem Verfasser gekostet. Wie Goethe glaubte, sei der Kampf, den Schwärmerei, Vernunft und Einbildungskraft, die in der Seele dieses Dichters gekämpft, mit unverkennbaren Zügen seinem Gesicht eingegraben, und daraus entstehe in demselben die sonderbare Mischung von Schwermuth, Freundlichkeit. Ernst und Zerstreuung. Kurz, auf ihn passe ganz, was er einst in seinen Werken zur Charakterisirung eines Dritten sagte: »In seiner Phantasienwelt verschlossen, war er ein Fremdling in der wirklichen. Sein Körper, mitten aus der Zerrüttung hervor, verräth einen hohen männlichen Geist gleich den Ruinen eines ehrwürdigen alten Tempelgebäudes: Ihr ahnt aus dem Schauer der Ehrfurcht, der Eure Seele ergreift, daß einst eine Gottheit hier wohnte, aber erkennen könnt Ihr es jetzt nur aus Trümmern und Uberbleibseln, die der Zahn der alles zerstörenden Zeit verschonte.« 

Noch sprach Goethe viel von Italien, wo er sich lange Zeit aufgehalten ..... Von den schönen Gegenden und selbst von den Einwohnern dieses Landes sprach er mit vielem Enthusiasmus. »Die Luft ist lauer, reiner, der Himmel blauer und unbewölkter, die Gesichter offen, freundlich und lachender, die Formen und Umrisse der Körper regelmäßig und anlockender. Selbst das Grün der Wiesen und Bäume nicht so kalt und todt, sondern höher, heller, mannigfaltiger, als in den nördlichen Himmelsstrichen. Alles scheint zum lieblichen Genusse einzuladen, und Natur und Kunst bieten sich wechselseitig die Hand. Nirgends oder selten finden Sie in Italien solche zurückstoßende, kolossale Gestalten wie in unsern Gegenden, nirgends so verkrüppelte und zusammengeschrumpfte Figuren. In unsern Gesichtern verlaufen die Züge regellos durch- und ineinander, oft ohne irgend einen Charakter anzudeuten, oder es hält wenigstens schwer, das Original herauszufinden; man kann sagen: in einem deutschen Gesichte ist die Hand Gottes unleserlicher, als auf einem italienischen. Bei uns ist alles verkritzelter und selten selbst in der Form etwas Vollendetes. Kopf und Hals scheinen bei jenen Menschen gleichsam unmerklich ineinander gefügt, bei uns sind sie größtentheils eingeschoben und aufgestülpt. Die sanft geblähte Brust schwellt allmälig in ihren Umrissen; nicht solche kugel- und muskelhafte Massen von Fleisch, die das Auge mehr beleidigen, als einladen. Ich habe in Italien unter der gemeinsten Menschenklasse Körper gesehen gleich den schönsten Antiken und andere, die entkleidet dem Künstler durch die Regelmäßigkeit ihres Baues den vollkommensten Torso vertraten. Kurz: in Italien wohnen schöne Körper und schöne Seelen unter Einem Dach und Fach in brüderlicher Eintracht beisammen; bei uns wohnen sie durch verschiedene Stückwerke abgesondert und ungesellig; jedes treibt seine Wirthschaft für sich. Ich bedaure einen großen Künstler wie Herrn Lips in Deutschland, wo ihm das Studium der Formen in seiner Kunst keinen Vorschub thut; er muß unaufhörlich aus seiner Phantasie hervorarbeiten. Die Römerinnen sind die reizendsten Gestalten, die ich je erblickte: ein schlanker Wuchs, regelmäßige, majestätische Gesichtszüge, große gewölbte Augenbrauen, die wie abgezirkelt einen Halbbogen bilden, sind unter dem männlichen und weiblichen Geschlechte nichts Ungewöhnliches. Auch herrscht unter ihnen weit mehr Künstlergeschmack, als in Deutschland, wozu freilich der frühe Anblick der unsterblichsten Meisterstücke der Kunst in Tempeln und öffentlichen Gebäuden viel beitragen mag. Bei uns ist der gute Geschmack größtentheils in Studirstuben eingeschlossen. Freilich herrschen dagegen Luxus und Üppigkeit, diese von den schönen Künsten unzertrennlichen Übel, ausgebreiteter, als bei uns, in Italien. Doch muß man auch hier nicht zu vorschnell die Wirkungen des wollüstigen Klimas dem Einfluß der schönen Künste und Wissenschaften beimessen. Sowie Pflanzen und Blumen unter der milden Sonne Italiens sich schneller und üppiger entfalten, aber auch rascher dahinwelken, so ist es auch vielleicht der Fall mit den Einwohnern dieses Himmelstrichs selbst: früher und reizender aufblühend und reifend, sind ihre Körper wollüstiger, idealischer, aber auch hinfälliger und vergänglicher, als die unsrigen.«

1794, Anfang September.
Über Friedrich Schiller
 

Die Stein hat mir [Schiller] dieser Tage geschrieben, daß Goethe kürzlich bei ihr gewesen, welches mir unerwartet gewesen ist. Von allen Orten her erfahre ich jetzt, wie sehr sich Goethe über die Bekanntschaft mit mir freut. An Meyern in Dresden hat er, wie Körner schreibt, vieles darüber geschrieben und auch mit der Stein viel davon gesprochen.

1794, Anfang September.
Mit Charlotte von Stein
 

Goethe war letzt bei mir und hat sehr gut von Ihnen [Schiller] gesprochen; es stimmte mit dem überein, was Sie von Ihrer neulichen Unterredung von ihm sagten, und es freute mich, daß es bei Goethe kein nur flüchtiger Eindruck war.

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