> Gedichte und Zitate für alle: Woldemar von Biedermann : Gespräche Goethes 1772 (4)

2019-09-25

Woldemar von Biedermann : Gespräche Goethes 1772 (4)

1772
1772, April.
Mit Caroline Herder geb. Flachsland

Unser Freund Goethe ist zu Fuß von Frankfurt gekommen und hat Merck besucht. Wir waren alle Tage beisammen und sind in den Wald zusammengegangen und wurden auch zusammen durch und durch beregnet. Wir liefen alle unter einen Baum und Goethe sang uns ein Liedchen, das Sie aus dem Shakespear [»Wie es euch gefällt«, II, 5.] übersetzt, »Wohl unter grünen Laubes Dach,« und wir alle sangen den letzten Vers mit: »Nur eins, das heißt auch Wetter.« Das zusammen ausgestandene Leiden hat uns recht vertraut gemacht. Er hat uns einige der besten Scenen aus seinem »Gottfried von Berlichingen«, das Sie vielleicht von ihm haben, vorgelesen ..... Goethe steckt voll Lieder. Eins von einer Hütte, die in Ruinen alter Tempel gebaut, [»Der Wanderer«] ist vortrefflich; er muß mir's geben, wenn er wiederkommt, und theil ich's Ihnen, lieber bester Herder, mit. Merck hat ihm von unsrer Lila erzählt, und hier theile ich Ihnen etwas aus seinem Herzen mit, das er an einem schönen Frühlingsmorgen, da er allein in dem Tannenwald spazieren ging, gemacht hat. Der arme Mensch erzählte meiner Schwester und mir den Tag vorher, daß er schon einmal geliebt hätte, aber das Mädchen hätte ihn ein ganzes Jahr getäuscht und dann verlassen; er glaubte, daß sie ihn liebte, aber es kam ein anderer, und er wurde der arme Koxkox.

1772, Mai und Juni.
Mit Johann Christian Kestner

Im Frühjahr kam hier ein gewisser Goethe aus Frankfurt, seiner Hantirung nach Dr. juris, 23 Jahr alt, einziger Sohn eines sehr reichen Vaters, um sich hier [in Wetzlar] – das war seines Vaters Absicht – in praxi umzusehen, der seinigen nach aber, den Homer, Pindar etc. zu studiren, und was sein Genie, seine Denkungsart und sein Herz ihm weiter für Beschäftigungen eingeben würden.

Gleich Anfangs kündigten ihn die hiesigen schönen Geister als einen ihrer Mitbrüder und als Mitarbeiter an der neuen Frankfurter gelehrten Zeitung, beiläufig auch als Philosophen im Publico an, und gaben sich Mühe, mit ihm in Verbindung zu stehen. Da ich unter diese Classe von Leuten nicht gehöre, oder vielmehr im Publico nicht so gänge bin, so lernte ich Goethen erst später und ganz von ohngefähr kennen. Einer der vornehmsten unserer schönen Geister, Legationssecretär Gotter, beredete mich einst nach Garbenheim, einem Dorf, gewöhnlicher Spaziergang, mit ihm zu gehen. Daselbst fand ich ihn im Grase unter einem Baume auf dem Rücken liegen, indem er sich mit einigen Umstehenden, einem Epikuräischen Philosophen (v. Goué, großes Genie), einem stoischen Philosophen (v. Kielmannsegge) und einem Mitteldinge von beiden (Dr. König) unterhielt und ihm recht wohl war. Er hat sich nachher darüber gefreuet, daß ich ihn in einer solchen Stellung kennen gelernt. Es ward von mancherlei, zum Theil interessanten Dingen gesprochen. Für dieses Mal urtheilte ich aber nichts von ihm, als: er ist kein unbeträchtlicher Mensch. Sie wissen, daß ich nicht eilig urtheile. Ich fand schon, daß er Genie hatte und eine ebhafte Einbildungskraft; aber dieses war mir doch noch nicht genug, ihn hochzuschätzen.

Ehe ich weiter gehe, muß ich eine Schilderung von ihm versuchen, da ich ihn nachher genau kennen gelernt habe.

Er hat sehr viel Tatente, ist ein wahres Genie und ein Mensch von Charakter, besitzt eine außerordentlich lebhafte Einbildungskraft, daher er sich meistens in Bildern und Gleichnissen ausdrückt. Er pflegt auch selbst zu sagen, daß er sich immer uneigentlich ausdrücke, niemals eigentlich ausdrücken könne, wenn er aber älter werde, hoffe er die Gedanken selbst, wie sie wären, zu denken und zu sagen.

Er ist in allen seinen Affecten heftig, hat jedoch oft viel Gewalt über sich. Seine Denkungsart ist edel, von Vorurtheilen so viel frei handelt er, wie es ihm einfällt, ohne sich darum zu bekümmern, ob es andern gefällt, ob es Mode ist, ob es die Lebensart erlaubt. Aller Zwang ist ihm verhaßt. Er liebt die Kinder und kann sich mit ihnen sehr beschäftigen. Er ist bizarre und hat in seinem Betragen, seinem Äußerlichen verschiedenes, das ihn unangenehm machen könnte. Aber bei Kindern, bei Frauenzimmern und vielen andern ist er doch wohl angeschrieben. Für das weibliche Geschlecht hat er sehr viele Hochachtung.

In principiis ist er noch nicht fest und strebt noch erst nach einem gewissen System. Um etwas davon zu sagen, so hält er sehr viel von Rousseau, ist jedoch nicht ein blinder Anbeter von demselben. Er ist nicht, was man orthodox nennt, jedoch nicht aus Stolz oder Caprice oder um etwas vorstellen zu wollen. Er äußert sich auch über gewisse Hauptmaterien gegen wenige, stört andere nicht gern in ihren ruhigen Vorstellungen.

Er haßt den scepticismum, strebt nach Wahrheit und nach Determinirung über gewisse Hauptmaterien, glaubt auch schon über die wichtigsten determinirt zu sein; so viel ich aber gemerkt, ist er es noch nicht. Er geht nicht in die Kirche, auch nicht zum Abendmahl, betet auch selten; denn, sagt er, ich bin dazu nicht genug Lügner.

Zuweilen ist er über gewisse Materien ruhig, zu weilen aber nichts weniger, als das.

Vor der christlichen Religion hat er Hochachtung, nicht aber in der Gestalt, wie sie unsere Theologen vorstellen. Er glaubt ein künftiges Leben, einen bessern Zustand. Er strebt nach Wahrheit, hält jedoch mehr vom Gefühl derselben, als von ihrer Demonstration.

Er hat schon viel gethan und viele Kenntnisse, viel Lectüre, aber doch noch mehr gedacht und raisonirt. Aus den schönen Wissenschaften und Künsten hat er sein Hauptwerk gemacht, oder vielmehr aus allen Wissenschaften, nur nicht den sogenannten Brodwissenschaften.

1772, Mitte August.
Bei Ludwig Julius Friedrich Höpfner

Goethe hatte sich i. J. 1772 dem Professor Höpfner [in Gießen] in fremder Gestalt, verkleidet, als ein zur Heimath kehrender studiosus juris vorgestellt und, von ihm nicht gekannt, mit ihm, Merck, Schlosser und Christ. Heinr. Schmid sehr ergetzliche Tischgespräche geführt. So geschickt auch Goethe diesen wunderbaren Anfang seiner Bekanntschaft mit Höpfner in »Dichtung und Wahrheit« erzählt, so ist doch eben seine Schilderung ein neuer Beweis, wie ein solcher flüchtiger Scherz, wenn er in trocknen Buchstaben erscheint, so vieles von seinem Salz und Leben einbüßt. Ganz anders nahm sie sich (nach glaubwürdiger Erzählung) im Munde Höpfner's aus, wenn er sie dramatisirte, die seltsame Erscheinung des wunderschönen jungen Menschen mit den feuervollen Augen und dem unbeholfenen linkischen Anstand beschrieb, seine komischen Reden wiederholte und dann endlich zur Explosion kam, wie der blöde Student aufsprang und Höpfner'n um den Hals fiel mit den Worten: »Ich bin Goethe! Verzeihen Sie mir meine Posse, lieber Höpfner, aber ich weiß, daß man bei der gewöhnlichen Art durch einen Dritten mit einander bekannt gemacht zu werden, lange sich gegenüber steif und fremd bleibt, und da, dachte ich, wollte ich in Ihre Freundschaft lieber gleich mit beiden Füßen hineinspringen, und so, hoff' ich, soll's zwischen uns sein und werden durch den Spaß, den ich mir erlaubt habe.«

1772, Mitte August.
Bei Ludwig Julius Friedrich Höpfner

Eines Tags meldete sich ein junger Mann in vernachlässigter Kleidung und mit linkischer Haltung zum Besuche bei Höpfner mit dem Vorbringen an, er habe dringend mit dem Herrn Professor etwas zu sprechen. Höpfner, obgleich damit beschäftigt, sich zum Gang in eine Vorlesung vorzubereiten, nahm den jungen Mann an. Die ganze Art und Weise, wie sich derselbe beim Eintreten und Platznehmen anstellte, ließ Höpfner vermuthen, daß er es mit einem Studenten zu thun habe, der sich in Geldverlegenheiten befinde. In dieser Ansicht wurde Höpfner dadurch bestärkt, daß der junge Mann damit seine Unterhaltung anfing, in ausführlichster Weise seine Familien- und Lebensverhältnisse zu schildern, und dabei von Zeit zu Zeit durchblicken ließ, daß diese nicht die glänzendsten seien. Gedrängt durch die herannahende Collegienstunde entschloß sich der Professor sehr bald, dem jungen Mann eine Geldunterstützung zufließen zu lassen und damit zugleich der peinlichen Unterhaltung ein Ende zu machen. Kaum gab er je doch diese Absicht dadurch zu erkennen, daß er nach dem Geldbeutel in seiner Tasche suchte, so wendete der vermeintliche Bettelstudent das Gespräch wissenschaftlichen Fragen zu und entfernte sehr bald den Verdacht, daß er gekommen, um ein Geldgeschenk in Anspruch zu nehmen. Sobald der junge Mann bemerkte, daß der Herr Professor eine andere Ansicht von ihm gewonnen, nahm das Gespräch jedoch die alte Wendung, und die Andeutung des Studenten, daß es schließlich doch auf das Verlangen nach einer Unterstützung abgesehen sei, wurde immer verständlicher. Nachdem Höpfner auf diese Weise ein und das andere Mal sich in der Lage befunden hatte, dem jungen Manne Geld anzubieten und dann wieder davon abstehen zu müssen glaubte, entfernte sich der Student rasch und ließ den Herrn Professor von Zweifel und Vermuthungen über diesen räthselhaften Besuch zurück.

Als Höpfner am Abend desselben Tages, doch etwas später wie gewöhnlich in das Local trat, wo sich die Professoren der Universität gesellschaftlich zusammenzufinden pflegten, fand er daselbst ein vollständiges Durcheinander. Die ganz besonders zahlreiche Gesellschaft war um einen einzigen Tisch herum gruppirt, theils sitzend, theils stehend, ja, einige der gelehrten Herren standen auf Stühlen und schauten über die Köpfe ihrer Kollegen in den Kreis der Versammelten hinein, aus dessen Mitte die volle Stimme eines Mannes hervordrang, der mit begeisterter Rede seine Zuhörer bezauberte. Auf Höpfner's Frage, was da vorgehe, wird ihm die Antwort: Goethe aus Wetzlar sei schon seit einer Stunde hier; die Unterhaltung habe sich nach und nach so gestaltet, daß Goethe fast allein nur spräche und alle verwundert und begeistert ihm zuhörten. – Höpfner, voll Verlangen, den Dichter zu sehen, besteigt einen Stuhl, schaut in den Kreis hinein und erblickt seinen Bettelstudenten zu einem Götterjüngling umgewandelt.

1772, 10. September.
Mit Johann Christian Kestner

Abends kam Dr. Goethe nach dem Deutschen Hause. Er, Lottchen und ich hatten ein merkwürdiges Gespräch von dem Zustande nach diesem Leben, vom Weggehen und Wiederkommen etc. welches nicht er, sondern Lottchen anfing. Wir machten miteinander aus, wer zuerst von uns stürbe, sollte, wenn er könnte, den Lebenden Nachricht von dem Zustande jenes Lebens geben. Goethe wurde ganz niedergeschlagen; denn er wußte, daß er am andern Morgen weggehen wollte.

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