> Gedichte und Zitate für alle: Woldemar von Biedermann : Gespräche Goethes 1769-1771 (3)

2019-09-25

Woldemar von Biedermann : Gespräche Goethes 1769-1771 (3)






1769-1771    

1769, April.
Mit Johann Adam Horn


Goethe läßt Sie grüßen Mamsell! Er sieht immer noch so ungesund aus und ist sehr stupide geworden. Die Reichsluft hat ihn schon recht angesteckt ... Die Zeit wird mir aber entsetzlich lange, ob ich gleich selten allein bin. Goethe spricht, ich sollte mich hängen, aber hier mag ich nicht; wenn ich klug gewesen wäre, so hätte ich mich in Leipzig hängen sollen.
1770, 19. September
Am Mittagstisch in Straßburg


Herr Troost war nett und nach der Mode gekleidet; Stilling [Jung] auch so ziemlich. Er hatte einen schwarzbraunen Rock mit manchesternen Unterkleidern, nur war ihm noch eine runde Perücke übrig, die er zwischen seinen Beutelperücken doch auch gern verbrauchen wollte. Diese hatte er einstmalen aufgesetzt und kam damit an den Tisch. Niemand störte sich daran, als nur Herr Waldberg von Wien [Meyer von Lindau]. Dieser sah ihn an, und da er schon vernommen hatte, daß Stilling sehr für die Religion eingenommen war, so fing er an und fragte ihn: ob wol Adam im Paradies eine runde Perücke möchte getragen haben? Alle lachten herzlich bis auf Salzmann, Goethe und Troost; diese lachten nicht. Stillingen fuhr der Zorn durch die Glieder und er antwortete darauf: »Schämen Sie sich dieses Spottes. Ein solcher alltäglicher Einfall ist nicht werth, daß er belacht werde.« Goethe aber fiel ein und versetzte: »Probir erst einen Menschen, ob er des Spottes werth sei. Es ist teufelmäßig, einen rechtschaffenen Mann, der keinen beleidigt hat, zum besten zu haben.« Von dieser Zeit nahm sich Herr Goethe Stilling's an, besuchte ihn, gewann ihn lieb, machte Brüderschaft und Freundschaft mit ihm und bemühte sich bei allen Gelegenheiten, Stilling'en Liebe zu erzeigen. Schade, daß so wenige diesen vortrefflichen Menschen seinem Herzen nach kennen!
1771, Mai 14.
Mit Johann Heinrich Jung


[Jung hatte am 14. Mai in Straßburg einen Brief mit der Nachricht von gefährlicher Erkrankung seiner Braut erhalten und erzählt dann:] 

Stilling stürzte wie ein Rasender von einer Wand an die andere; er weinte nicht, seufzte nicht, sondern sah aus wie einer, der an seiner Seligkeit zweifelt. Er besann sich endlich soviel, daß er seinen Schlafrock auswarf, seine Kleider anzog und mit dem Brief zu Herrn Goethe hintaumelte. Sobald er in sein Zimmer hineintrat, rief er mit Seelenzagen: »Ich bin verloren! Da lies den Brief!« Goethe las, fuhr auf, sah ihn mit nassen Augen an und sagte: »Du armer Stilling!« Nun ging er mit ihm zurück nach seinem Zimmer. Es fand sich noch ein wahrer Freund, dem Stilling sein Unglück klagte; dieser ging auch mit. Goethe und dieser Freund packten ihm das Nöthige in sein Felleisen, ein anderer suchte Gelegenheit für ihn, wodurch er weg reisen könnte. Und diese fand sich; denn es lag ein Schiffer auf der Preusch parat, der den Mittag nach Mainz abfuhr .... Nachdem nun Goethe das Felleisen bereit hatte, so lief er und besorgte Proviant für seinen Freund, trug ihm den ins Schiff. Stilling ging reisefertig mit. Hier letzten sich beide mit Thränen.

1771, Ende Juni.
Mit Johann Heinrich Jung

[Jung, erzählt daß er Ende Juni nach Straßburg zurückgekehrt sei und fährt fort:]

Sein erster Gang war zu Goethe. Der Edle sprang hoch in die Höhe, als er ihn sahe, fiel ihm um den Hals und küßte ihn: »Bist Du wieder da, guter Stilling!« rief er; »und was macht dein Mädchen?« Stilling antwortete: »Sie ist mein Mädchen nicht mehr, sie ist nun meine Frau.« »Das hast Du gut gemacht!« erwiederte jener; »Du bist ein excellenter Junge!« Diesen halben Tag verbrachten sie vollends in herzlichen Gesprächen und Erzählungen.

1771, 6. August.
Disputation mit Franz Lerse

In Straßburg sollte Goethe Doctor juris werden. Dazu schrieb er eine Dissertation .... Sie passirte die Censur des Decans nicht, und nun schrieb Goethe eine, die noch viel ketzerischer war.1 Lerse war sein Respondent und stellte sich zum Schein gewaltig orthodox. Er trieb Goethe so in die Enge, daß dieser deutsch anfing: »Ich glaube, Bruder, Du willst an mir zum Hektor werden!« 

Vielmehr disputirte Goethe nur über einzelne Thesen.

1771, November.
Mit Elisabeth Goethe

Eine mündliche Äußerung Goethes, die Goethes Mutter im Jahre 1802 Robinson erzählte, den Götz von Berlichingen betreffend, hat uns Robinson überliefert:]

»O Mutter, ich habe ein herrliches Buch in der Bibliothek gefunden, danach will ich ein Stück schreiben. Was für Augen werden die Philister über den Ritter mit der eisernen Hand machen!«

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