> Gedichte und Zitate für alle: Bettina Arnim: Goethes Briefwechsel mit einem Kinde-Briefwechsel mit Goethes Mutter Seite 3 (5)

2019-10-29

Bettina Arnim: Goethes Briefwechsel mit einem Kinde-Briefwechsel mit Goethes Mutter Seite 3 (5)




An Bettine
Frankfurt, am 28. Juli

Gestern war Feuer am hellen Tag hier auf der Hauptwach, grad mir gegenüber, es brannte wie ein Blumenstrauß aus dem Gaubloch an der Kathrinenpfort. Da war mein best Pläsier die Gassenbuben mit ihren Reffs auf dem Buckel, die wollten alle retten helfen, der Hausbesitzer wollt nichts retten lassen, denn weil das Feuer gleich aus war, da wollten sie ein Trinkgeld haben, das hat er nicht geben, da tanzten sie und wurden von der Polizei weggejagt. Es ist viel Gesellschaft zu mir kommen, die wollten alle fragen, wie ich mich befind auf den Schreck, und da mußt ich ihnen immer von vorne erzählen, und das ist jetzt schon drei Täg, daß mich die Leut besuchen und sehen, ob ich nicht schwarz geworden bin vom Rauch. Dein Melinchen war auch da und hat mir ein Brief gebracht von Dir, der ist so klein geschrieben, daß ich ihn hab müssen vorlesen lassen, rat einmal von wem?

Die Meline ist aber einmal schön, ich hab gesagt, die Stadt sollt sie malen lassen und sollt sie auf dem Ratsaal hängen, da könnten die Kaiser sehen, was ihre gute Stadt für Schönheiten hat. Deine Brüder sind aber auch so schön, ich hab meiner Lebtag keine so schöne Menschen gesehen als den George, der sieht aus wie ein Herzog von Mailand, und alle andern Menschen müssen sich schämen mit ihren Fratzengesichtern neben ihm. Adieu und grüß auch die Geschwister von Deiner Freundin

Goethe

An Bettine

Da kommt der Fritz Schlosser aus dem Rheingau und bringt nur drei geschnittne Federn von Dir und sagt: er hätt geschworen, daß er mir keine Ruh lassen will, ich müßt schreiben, wer's gewesen ist, der Deinen Brief gelesen hat. Was hat's denn für Not, wer sollt's denn gewesen sein? In Weimar ist alles ruhig und auf dem alten Fleck. Das schreiben die Zeitungen schon allemal voraus, lang eh es wahr ist, wenn mein Sohn zu einer Reis Anstalt macht, der kommt einem nicht mit der Tür ins Haus gefallen. Da sieht man aber doch recht, daß Dein Herz Deinem Kopf was weismacht. Herz, was verlangst du? Das ist ein Sprichwort, und wenn es sagt, was es will, so geht's wie in einem schlechten Wirtshaus, da haben sie alles, nur keine frische Eier, die man grad haben will. Adieu, das hab ich bei der Nachtlamp geschrieben.

Ich bin Dir gut

Katharina Goethe

Das hätt ich bald vergessen zu schreiben, wer mir Deinen Brief gelesen hat, das war der Pfarrer Hufnagel, der wollt auch sehen, was ich mach nach dem Schreck mit dem Feuer, ich sagt: »Ei, Herr Pfarrer, ist denn der Kathrine-Turm grad so groß, daß er mir auf die Nas fällt, wenn er umstürzt?« Da hat er gesessen mit seinem dicken Bauch im schwarzen Talar mit dem runden weißen Kragen in doppelten Falten, mit der runden Stutzperück und den Schnallenschuh auf Deiner Schawell, und hat den Brief gelesen, hätt's mein Sohn gesehen, er hätt gelacht.

Katharina Goethe

Frau Mutter, ich danke Ihr für die zwei Brief hintereinander, das war einmal gepflügt, recht durch schweres Erdreich, man sieht's, die Schollen liegen nebenan, wie dick; gewiß, das sind der Lieschen ihre Finger gewesen, mit denen Sie die Furchen gezogen hat, die sind recht krumm, was mich wundert, das ist, daß ich Ihr so gern schreib, daß ich keine Gelegenheit versäum, und alles, was mir begegnet, prüf ich, ob es nicht schön wär ihr zu schreiben, das ist weil ich doch nicht alles und fortwährend an den Wolfgang schreiben kann, ich hab ihm gesagt in Weimar: wenn ich dort wohnte, so wollt ich als nur die Sonn- und Feiertäg zu ihm kommen und nicht alle Tag, das hat ihn gefreut; so mein ich, daß ich auch nicht alle Tag an ihn schreiben darf, aber er hat mir gesagt: »Schreib alle Tag, und wenn's Folianten wären, es ist mir nicht zu viel«, aber ich selbst bin nicht alle Tag in der Stimmung, manchmal denke ich so geschwind, daß ich's gar nicht schreiben kann, und die Gedanken sind so süß, daß ich gar nicht abbrechen kann, um zu schreiben, noch dazu mag ich gern grade Linien und schöne Buchstaben machen, und das hält im Denken auf, auch hab ich ihm manches zu sagen, was schwer auszusprechen ist, und manches hab ich ihm mitzuteilen, was nie ausgesprochen werden kann; da sitz ich oft Stunden und seh in mich hinein und kann's nicht sagen, was ich seh, aber weil ich im Geist mich mit ihm zusammen fühl, so bleib ich gern dabei, und ich komme mir vor wie eine Sonnenuhr, die grad nur die Zeit angibt, solang die Sonne sie bescheint. Wenn meine Sonne mich nicht mehr anlächelt, dann wird man auch die Zeit nicht mehr an mir erkennen; es sollte einer sagen ich leb, wenn er mich nicht mehr lieb hat; das Leben, was ich jetzt führ, davon hat keiner Verstand, an der Hand führt mich der Geist einsame Straßen, er setzt sich mit mir nieder am Wassersrand, da ruht er mit mir aus, dann führt er mich auf hohe Berge; da ist es Nacht, da schauen wir in die Nebeltale, da sieht man den Pfad kaum vor den Füßen, aber ich geh mit, ich fühl, daß er da ist, wenn er auch vor meinen leiblichen Augen verschwindet, und wo ich geh und steh, da spür ich sein heimlich Wandeln um mich, und in der Nacht ist er die Decke, in die ich mich einhülle, und am Morgen ist er es, vor dem ich mich verhülle, wenn ich mich ankleide, niemals mehr bin ich allein, in meiner einsamen Stube fühl ich mich verstanden und erkannt von diesem Geist; ich kann nicht mit lachen, ich kann nicht mit Komödie spielen, die Kunst und die Wissenschaft, die lasse ich fahren; noch vor einem halben Jahr, da wollt ich Geschichte studieren und Geographie, es war Narrheit. Wenn die Zeit, in der wir leben, erst recht erfüllt wär mit der Geschichte, so daß einer alle Hände voll zu tun hätt, um nur der Geschichte den Willen zu tun, so hätt er keine Zeit, um nach den vermoderten Königen zu fragen, so geht mir's, ich hab keine Zeit, ich muß jeden Augenblick mit meiner Liebe verleben. Was aber die Geographie anbelangt, so hab ich einen Strich gemacht mit roter Tinte auf die Landkart. Der geht von wo ich bin bis dahin, wo es mich hinzieht, das ist der rechte Weg, alles andre sind Irr- und Umwege. Das ganze Firmament mit Sonne, Mond und Sterne gehören bloß zur Aussicht meiner Heimat. Dort ist der fruchtbare Boden, in den mein Herz die harte Rinde sprengt und ins Licht hinaufblüht.

Die Leute sagen: Was bist du traurig, sollt ich vergnügt sein? Oder dies oder jenes? Wie paßt das zu meinem innern Leben? Ein jedes Betragen hat seine Ursache, das Wasser wird nicht lustig dahin tanzen und singen, wenn sein Bett nicht dazu gemacht ist. So werd ich nicht lachen, wenn nicht eine geheime Lust der Grund dazu ist; ja ich habe Lust im Herzen, aber sie ist so groß, so mächtig, daß sie sich nicht ins Lachen fügen kann, wenn es mich aus dem Bett aufruft vor Tag und ich zwischen den schlafenden Pflanzen bergauf wandle, wenn der Tau meine Füße wäscht und ich denk demütig, daß es der Herr der Welten ist, der meine Füße wäscht, weil er will, ich soll rein sein von Herzen, wie er meine Füße vom Staub reinigt; wenn ich dann auf des Berges Spitze komme und übersehe alle Lande im ersten Strahl der Sonne, dann fühl ich diese mächtige Lust in meiner Brust sich ausdehnen, dann seufz ich auf und hauch die Sonne an zum Dank, daß sie mir in einem Bild erleuchte, was der Reichtum, der Schmuck meines Lebens ist, denn was ich sehe, was ich verstehe, es ist alles nur Widerhall meines Glückes.

Adieu, läßt Sie sich den Brief auch vom Pfarrer vorstudieren? Ich hab ihn doch mit ziemlich großen Buchstaben geschrieben. Hat dann in meinem letzten Brief etwas gestanden, daß ich so einen heißen Durst hab, und daß ich mondsüchtig bin, oder so was? Wie kann Sie ihm denn das lesen lassen? Sie wirft ihm ja seinen gepolsterten Betschemel um, in seinem Kopf. Die Bettine hat Kopfweh schon seit drei Tage, und heut liegt sie im Bett und küßt ihrer Frau Rat die Hand.

An Bettine

Werd mir nicht krank, Mädchen, steh auf aus Deinem Bett und nimm's, und wandle. So hat der Herr Christus gesagt zum Kranken, das sag ich Dir auch, Dein Bett ist Deine Liebe, in der Du krank liegst, nimm sie zusammen und erst am Abend breite sie aus, und ruhe in ihr, wenn Du des Tages Last und Hitze ausgestanden hast. Da hat mein Sohn ein paar Zeilen geschrieben, die schenk ich Dir, sie gehören dem Inhalt nach Dein.

Der Prediger hat mir Deinen Brief vorgerumpelt wie ein schlechter Postwagen auf holperigem Weg, da schmeißt alles Passagiergut durcheinander; Du hast auch Deine Gedanken so schlecht gepackt, ohne Komma, ohne Punkt, daß, wenn es Passagiergut wär, keiner könnt das seinige herausfinden; ich hab den Schnupfen und bin nicht aufgelegt, hätt ich Dich nicht so lieb, so hätt ich nicht geschrieben, wahr Deine Gesundheit.

Ich sag allemal, wenn die Leut fragen, was Du machst: sie fängt Grillen, und das wird Dir auch gar nicht sauer, bald ist's ein Nachtvogel, der Dir an der Nas vorbeifliegt, dann hast Du um Mitternacht, wo alle ehrliche Leute schlafen, etwas zu bedenken, und marschierst durch den Garten an den Rhein in der kalten feuchten Nachtluft, Du hast eine Natur von Eisen und eine Einbildung wie eine Rakett, wie die ein Funken berührt, so platzt sie los. Mach, daß Du bald wieder nach Haus kommst. Mir ist nicht heuer wie's vorige Jahr, manchmal krieg ich Angst um Dich, und an den Wolfgang muß ich stundenlang denken, immer wie er ein klein Kind war und mir unter den Füßen spielte, und dann wie er mit seinem Bruder Jacob so schön gespielt hat, und hat ihm Geschichten gemacht; ich muß einen haben, dem ich's erzähl, die andern hören mir alle nicht so zu wie Du; ich wollt wirklich wünschen, die Zeit wär vorbei und Du wärst wieder da.

Adieu, mach, daß Du kommst, ich hab alles so hell im Gedächtnis, als ob's gestern passiert wär, jetzt kann ich Dir die schönsten Geschichten vom Wolfgang erzählen, und ich glaub, Du hast mich angesteckt, ich mein immer, das wär kein rechter Tag, an dem ich nichts von ihm gesprochen hab.

Deine Freundin Goethe

Liebe Frau Rat!

Ich war in Köln, da hab ich den schönen Krug gekauft, schenk Sie ihn Ihrem Sohn von sich, das wird ihr besser Freud machen, als wenn ich Ihr ihn schenkte. Ich selbst mag ihm nichts schenken, ich will nur von ihm nehmen.

Köln ist recht wunderlich, alle Augenblick hört man eine andre Glocke läuten, das klingt hoch und tief, dumpf und hell von allen Seiten untereinander. Da spazieren Franziskaner, Minoriten, Kapuziner, Dominikaner, Benediktiner aneinander vorbei, die einen singen, die andern brummen eine Litanei, und wenn sie aneinander vorbeikommen, da begrüßen sie sich mit ihren Fahnen und Heiligtümern und verschwinden in ihren Klöstern. Im Dom war ich grade bei Sonnenuntergang, da malten sich die bunten Fensterscheiben durch die Sonn auf dem Boden ab, ich kletterte überall in dem Bauwerk herum und wiegte mich in den gesprengten Bögen.

Fr. Rat, das wär Ihr recht gefährlich vorgekommen, wenn Sie mich vom Rhein aus in einer solchen gotischen Rose hätte sitzen sehen; es war auch gar kein Spaß; ein paarmal wollte mich Schwindel antreten, aber ich dachte: sollte der stärker sein wollen wie ich? Und expreß wagt ich mich noch weiter. Wie die Dämmerung eintrat, da sah ich in Deutz eine Kirche mit bunten Scheiben von innen illuminiert, da tönte das Geläut herüber, der Mond trat hervor und einzelne Sterne. Da war ich so allein, rund um mich zwitscherte es in den Schwalbennestern, deren wohl Tausende in den Gesimsen sind, auf dem Wasser sah ich einzelne Segel sich blähen. Die andern hatten unterdessen den ganzen Kirchbau examiniert, alle Monumente und Merkwürdigkeiten sich zeigen lassen. Ich hatte dafür einen stillen Augenblick, in dem meine Seele gesammelt war, und die Natur, auch alles, was Menschenhände gemacht haben und mich mit, in die feierliche Stimmung des im Abendrot glühenden Himmels einschmolz. Versteh Sie das oder versteh Sie es nicht, es ist mir einerlei. Ich muß Sie freilich mit meinen übersichtigen Grillen behelligen, wem sollt ich sie sonst mitteilen!

Das ist auch noch eine Merkwürdigkeit von Köln; die Betten, die so hoch sind, daß man einen Anlauf nehmen muß, um hineinzukommen; man kann immer zwei, drei Versuche machen, ehe einer glückt; ist man erst drin, wie soll man da wieder herauskommen? Ich dachte, hier ist gut sein, denn ich war müde, und hatte mich schon den ganzen Tag auf meine Träume gefreut, was mir die bescheren würden; da kam mir auch auf ihrem goldnen Strom ein Kahn beladen und geschmückt mit Blumen aus dem Paradies entgegen, und ein Apfel, den mir der Geliebte schickte, den hab ich auch gleich verzehrt.

Wir haben am Sonntag so viel Rumpelkammern durchsucht, Altertümer, Kunstschätze betrachtet, ich hab alles mit großem Interesse gesehen. Ein Humpen, aus dem die Kurfürsten gezecht, ist schön, mit vier Henkel, auf denen sitzen Nymphen, die ihre Füße im Wein baden, mit goldnen Kronen auf dem Kopf, die mit Edelsteinen geziert sind; um den Fuß windet sich ein Drache mit vier Köpfen, die die vier Füße bilden, worauf das Ganze steht; die Köpfe haben aufgesperrte Rachen, die inwendig vergoldet sind, auf dem Deckel ist Bacchus von zwei Satyrn getragen, er ist von Gold und die Satyrn von Silber. So haben auch die Nymphen emaillierte Gewande an. Der Trinkbecher ist von Rubinglas, und das Laubwerk, was zwischen den Figuren sich durchwindet, ist sehr schön von Silber und Gold durcheinander geflochten. Dergleichen Dinge sind viel, ich wollt Ihr bloß den einen beschreiben, weil er so prächtig ist, und weil Ihr die Pracht wohlgefällt.

Adieu, Frau Rat! Zu Schiff kamen wir herab, und zu Wagen fuhren wir wieder zurück nach Bonn.

Bettine

Frau Rat!
Winckel

Ich will nicht lügen: wenn Sie die Mutter nicht wär, die Sie ist, so würd ich auch nicht bei Ihr schreiben lernen. Er hat gesagt, ich soll ihn vertreten bei Ihr und soll Ihr alles Liebe tun, was er nicht kann, und soll sein gegen Sie, als ob mir all die Liebe von Ihr angetan war, die er nimmer vergißt. Wie ich bei ihm war, da war ich so dumm und fragte, ob er Sie liebhabe, da nahm er mich in seinen Arm und drückte mich ans Herz und sagte: »Berühr eine Saite und sie klingt, und wenn sie auch in langer Zeit keinen Ton gegeben hätte.« Da waren wir still und sprachen nichts mehr hiervon, aber jetzt hab ich sieben Briefe von ihm, und in allen mahnt er mich an Sie; in einem sagt er: »Du bist immer bei der Mutter, das freut mich; es ist, als ob der Zugwind von daher geblasen habe, und jetzt fühl ich mich gesichert und warm, wenn ich Deiner und der Mutter gedenke;« ich hab ihm dagegen erzählt, daß ich Ihr mit der Schere das Wachstuch auf dem Tisch zerschnitten hab, und daß Sie mir auf die Hand geschlagen hat und hat gesagt: »Grad wie mein Sohn auch alle Unarten hast du von ihm!«

Von Bonn kann ich nichts erzählen, da war's wieder einmal so, daß man alles empfindet, aber nichts dabei denkt; wenn ich mich recht besinne, so waren wir im botanischen Garten, grad wie die Sonn unterging; alle Pflanzen waren schon schlaftrunken, die Siebenberg waren vom Abendrot angehaucht, es war kühl, ich wickelte mich in den Mantel und setzt mich auf die Mauer, mein Gesicht war vom letzten Sonnenstrahl vergoldet, besinnen mocht ich mich nicht, das hätt mich traurig gemacht in der gewaltigen verstummten Natur. Da schlief ich ein, und da ich erwachte (ein großer Käfer hat mich geweckt), da war's Nacht und recht kalt. Am andern Tag sind wir wieder hier eingetroffen.

Adieu, Fr. Rat, es ist schon so spät in der Nacht, und ich kann gar nicht schlafen.

Bettine

An Bettine
21. September

Das kann ich nicht von Dir leiden, daß Du die Nachte verschreibst und nicht verschläfst, das macht Dich melancholisch und empfindsam, wollt ich drauf antworten, bis mein Brief ankäm da ist schon wieder ander Wetter. Mein Sohn hat gesagt: was einem drückt, das muß man verarbeiten, und wenn er ein Leid gehabt hat, da hat er ein Gedicht draus gemacht. Ich hab Dir gesagt, Du sollst die Geschichte von der Günderode aufschreiben, und schick sie nach Weimar, mein Sohn will es gern haben, der hebt sie auf, dann drückt sie Dich nicht mehr.

Der Mensch wird begraben in geweihter Erde, so soll man auch große und seltne Begebenheiten begraben in einem schönen Sarg der Erinnerung, an den ein jeder hintreten kann und dessen Andenken feiern. Das hat der Wolfgang gesagt, wie er den Werther geschrieben hat; tu es ihm zulieb und schreib's auf.

Ich will Dir gern schreiben, was meine arme Feder vermag, weil ich Dir Dank schuldig bin; eine Frau in meinem Alter, und ein junges feuriges Mädchen, das lieber bei mir bleibt und nach nichts anderm frägt, ja das ist dankenswert; ich hab's nach Weimar geschrieben. Wann ich ihm von Dir schreib, da antwortet er immer auf der Stell; er sagt, daß Du bei mir aushältst, das sei ihm ein Trost. Adieu, bleib nicht zu lang im Rheingau; die schwarzen Felswände, an denen die Sonne abprallt, und die alten Mauern, die machen Dich melancholisch.

Deine Freundin Elisabeth

Der Moritz Bethmann hat mir gesagt, daß die Staël mich besuchen will; sie war in Weimar, da wollt ich, Du wärst hier, da werd ich mein Französisch recht zusammennehmen müssen.

An Goethes Mutter

Diesmal hat Sie mir's nicht recht gemacht, Frau Rat; warum schickt Sie mir Goethes Brief nicht? Ich hab seit dem 13. August nichts von ihm, und jetzt haben wir schon Ausgang September. Die Staël mag ihm die Zeit verkürzt haben, da hat er nicht an mich gedacht. Eine berühmte Frau ist was Kurioses, keine andre kann sich mit ihr messen, sie ist wie Branntwein, mit dem kann sich das Korn auch nicht vergleichen, aus dem er gemacht ist. So Branntwein bitzelt auf der Zung' und steigt in den Kopf, das tut eine berühmte Frau auch; aber der reine Weizen ist mir doch lieber, den säet der Säemann in die gelockerte Erd, die liebe Sonne und der fruchtbare Gewitterregen locken ihn wieder heraus, und dann übergrünt er die Felder und trägt goldne Ähren, da gibt's zuletzt noch ein lustig Erntefest; ich will doch lieber ein einfaches Weizenkorn sein als eine berühmte Frau, und will auch lieber, daß Er mich als tägliches Brot breche, als daß ich ihm wie ein Schnaps durch den Kopf fahre. Jetzt will ich Ihr nur sagen, daß ich gestern mit der Staël zu Nacht gegessen hab in Mainz; keine Frau wollt neben ihr sitzen bei Tisch, da hab ich mich neben sie gesetzt; es war unbequem genug, die Herren standen um den Tisch und hatten sich alle hinter uns gepflanzt, und einer drückte auf den andern, um mit ihr zu sprechen und ihr ins Gesicht zu sehen; sie bogen sich weit über mich; ich sagte: »Vos adorateurs me suffoquent«, sie lachte. Sie sagte, Goethe habe mit ihr von mir gesprochen; ich blieb gern sitzen, denn ich hätte gern gewußt, was er gesagt hat, und doch war mir's unrecht, denn ich wollt lieber, er spräch mit niemand von mir; und ich glaub's auch nicht, sie mag nur so gesagt haben; es kamen zuletzt so viele, die alle über mich hinaus mit ihr sprechen wollten, daß ich's gar nicht länger konnte aushalten; ich sagt ihr:

»Vos lauriers me pèsent trop fort sur les épaules.« Und ich stand auf und drängt mich zwischen den Liebhabern durch; da kam der Sismondi, ihr Begleiter, und küßt mir die Hand, und sagte, ich hätte viel Geist, und sagt's den andern, und sie repetierten es wohl zwanzigmal, als wenn ich ein Prinz wär, von denen findet man auch immer alles so gescheit, wenn es auch das Gewöhnlichste wär. Nachher hört ich ihr zu, wie sie von Goethe sprach; sie sagte, sie habe erwartet, einen zweiten Werther zu finden, allein sie habe sich geirrt, sowohl sein Benehmen wie auch seine Figur passe nicht dazu, und sie bedauerte sehr, daß er ihn ganz verfehle; Fr. Rat, ich wurd zornig über diese Reden (»das war überflüssig«, wird Sie sagen), ich wendt mich an Schlegel und sagt ihm auf deutsch: »Die Frau Staël hat sich doppelt geirrt, einmal in der Erwartung, und dann in der Meinung; wir Deutschen erwarten, daß Goethe zwanzig Helden aus dem Ärmel schütteln kann, die den Franzosen so imponieren; wir meinen, daß er selbst aber noch ein ganz andrer Held ist.« Der Schlegel hat unrecht, daß er ihr keinen bessern Verstand hierüber beigebracht hat. Sie warf ein Lorbeerblatt, womit sie gespielt hatte, auf die Erde; ich trat drauf und schubste es mit dem Fuß auf die Seite und ging fort. Das war die Geschicht mit der berühmten Frau; hab Sie keine Not mit ihrem Französisch, sprech Sie die Fingersprach mit ihr und mache Sie den Kommentar dazu mit ihren großen Augen, das wird imponieren; die Staël hat ja einen ganzen Ameisenhaufen Gedanken im Kopf, was soll man ihr noch zu sagen haben? Bald komm' ich nach Frankfurt, da können wir's besser besprechen.

Hier ist's sehr voll von Rheingästen; wenn ich morgens durch den dicken Nebel einen Nachen hervorstechen seh, da lauf ich ans Ufer und wink mit dem Schnupftuch, immer sind's Freunde oder Bekannte; vor ein paar Tagen waren wir in Notgottes, da war eine große Wallfahrt, der ganze Rhein war voll Nachen, und wenn sie anlandeten, ward eine Prozession draus und wanderten
singend, eine jede ihr eigen Lied, nebeneinander hin; das war ein Schariwari, mir war angst, es möcht unserm Herrgott zu viel werden; so kam's auch: er setzte ein Gewitter dagegen und donnerte laut genug, sie haben ihn übertäubt, aber der gewaltige Regenguß hat die lieben Wallfahrer auseinandergejagt, die da im Gras lagen, wohl Tausende, und zechten; ich hab grad keinen empfindsamen Respekt vor der Natur, aber ich kann's doch nicht leiden, wenn sie so beschmutzt wird mit Papier und Wurstzipfel und zerbrochnen Tellern und Flaschen, wie hier auf dem großen grünen Plan, wo das Kreuz zwischen Linden aufgerichtet steht, wo der Wandrer, den die Nacht überrascht, gern Nachtruhe hält und sich geschützt glaubt durch den geweihten Ort. Ich kann Ihr sagen, mir war ganz unheimlich; ich bin heut noch kaputt. Ich seh lieber die Lämmer auf dem Kirchhof weiden als die Menschen in der Kirch; und die Lilien auf dem Feld, die, ohne zu spinnen, doch vom Tau genährt sind, als die langen Prozessionen drüber stolpern und sie im schönsten Flor zertreten. Ich sag Ihr gute Nacht, heut hab ich bei Tag geschrieben.

Bettine

Kostbare Pracht- und Kunstwerke, in Köln und auf der Reise dahin gesehen und für meine liebste Fr. Rat beschrieben

Geb Sie Achtung, damit Sie es recht versteht, denn ich hab schon zweimal vergeblich versucht, eine gutgeordnete Darstellung davon zu machen.

Ein großer Tafelaufsatz, der mir die ganze Zeit im Kopf herumspukt, und den mir deucht im großen Bankettsaal der kurfürstlichen Residenz gesehen zu haben; er besteht aus einer ovalen, fünf bis sechs Fuß langen kristallenen Platte, einen See vorstellend, in Wellen sanft geschliffen, die sich gegen die Mitte hin mehr und mehr heben und endlich ganz hoch steigen, wo sie einen silbernen Fels mit einem Throne umgeben, auf welchem die Venus sitzt; sie hat ihren Fuß auf den Rücken eines Tritonen gestemmt, der einen kleinen Amor auf den Händen balanciert; rundum spritzt silberner Schaum, auf den höchsten Wellen umher reiten mutige Nymphen, sie haben Ruder in Händen, um die Wellen zu peitschen, ihre Gewande sind emailliert, meistens blaßblau oder seegrün, auch gelblich; sie scheinen in einem übermütigen jauchzenden Wassertanz begriffen; etwas tiefer silberne Seepferde, von Tritonen gebändigt und zum Teil beritten; alles in Silber und Gold getrieben mit emaillierten Verzierungen. Wenn man in den hohlen Fels Wein tut, so spritzt er aus Röhrchen in regelmäßigen feinen Strahlen rund um die Venus empor und fließt in ein verborgenes Becken unter dem Fels; das ist die hohe Mittelgruppe. Näher am Ufer liegen bunte Muscheln zwischen den Wellen und emaillierte Wasserlilien; aus ihren Kelchen steigen kleine Amoretten empor, die mit gespanntem Bogen einander beschießen, zwischendurch flüchten Seeweibchen mit Fischschweifen, von Seemännchen mit spitzen Bärten verfolgt und an ihren Schilfkränzen erhascht oder mit Netzen eingefangen. Auf der andern Seite sind Seeweibchen, die einen kleinen Amor in der Luft gefangen halten und ihn unter die Wellen ziehen wollen, er wehrt sich und stemmt sein Füßchen der einen auf die Brust, während die andere ihn an den bunten Flügeln hält; diese Gruppe ist ganz köstlich und sehr lustig; der Amor ist schwarz von Ambra, die Nymphen sind von Gold mit emaillierten Kränzen. Die Gruppen sind verteilt in beiden Halbovalen, alles emailliert mit blau, grün, rot, gelb, lauter helle Farben; viele Seeungeheuer gucken zwischen den kristallnen Wellen hervor mit aufgesperrten Rachen; sie schnappen nach den fliehenden Nymphen, und so ist ein buntes Gewirr von lustiger glitzernder Pracht über das Ganze verbreitet, aus dessen Mitte der Fels mit der Venus emporsteigt; am einen Ende der Platte, wo sonst gewöhnlich die Handhabe ist, sitzt etwas erhaben gegen den Zuschauer der berühmte Zyklop Polyphem, der die Galatee in seinen Armen gefangen hält; er hat ein großes Aug auf der Stirn, sie sieht schüchtern herab auf die Schafherde, die zu beiden Seiten gelagert ist, wodurch die Gruppe sich in einen sanften Bogen mit zwei Lämmern, welche an beiden Enden liegen und schlafen, abschließt. Jenseits sitzt Orpheus, auch gegen die Zuschauer gewendet; er spielt die Leier, ein Lorbeerbaum hinter ihm, auf dessen ausgebreiteten goldnen Zweigen Vögel sitzen; Nymphen haben sich herbeigeschlichen mit Rudern in der Hand, sie lauschen; dann sind noch allerlei Seetiere bis auf zwei Delphine, die auf beiden Seiten die Gruppe wie jenseits in einem sanften Bogen abschließen; sehr hübsch ist ein kleiner Affe, der sich einen Sonnenschirm von einem Blatt gemacht hat, zu Orpheus Füßen sitzt und ihm zuhört. Das ist, wie Sie leicht denken kann, ein wunderbares Prachtstück; es ist sehr reich und doch erhaben; und ich könnte Ihr noch eine halbe Stunde über die Schönheit der einzelnen Figuren vorschwätzen. Gold und Silber macht mir den Eindruck von etwas Heiligem; ob dies daher kommt, weil ich im Kloster immer die goldnen und silbernen Meßgeschirre und den Kelch gewaschen habe, den Weihrauchkessel geputzt und die Altarleuchter vom abträufelnden Wachs gereinigt, alles mit einer Art Ehrfurcht berührt habe? Ich kann Ihr nur sagen, daß uns beim Betrachten dieses reichen und künstlichen Werkes eine feierliche Stimmung befiel.

Jetzt beschreib ich Ihr aber noch etwas Schönes, das gefällt mir in der Erinnerung noch besser, und die Kunstkenner sagen auch, es habe mehr Stil; das ist so ein Wort, wenn ich frage, was es bedeutet, sagt man: »Wissen Sie nicht, was Stil ist?« Und damit muß ich mich zufrieden geben, hierbei hab ich's aber doch ausgedacht. Alles große Edle muß einen Grund haben, warum es edel ist: wenn dieser Grund rein ohne Vorurteil, ohne Pfuscherei von Nebendingen und Absichten, die einzige Basis des Kunstwerks ist: das ist der reine Stil. Das Kunstwerk muß grade nur das ausdrücken, was die Seele erhebt und edel ergötzt und nicht mehr. Die Empfindung des Künstlers muß allein darauf gerichtet sein, das übrige ist falsch. In den kleinen Gedichten vom Wolfgang ist die Empfindung aus einem Guß, und was er da ausspricht, das erfüllt reichlich eines jeden Seele mit derselben edlen Stimmung. In allen liegt es, ich will Ihr aber nur dies kleinste zitieren, das ich so oft mit hohem Genuß in den einsamen Wäldern gesungen habe, wenn ich allein von weitem Spazierwege nach Hause ging.

Der du von dem Himmel bist,
Alles Leid und Schmerzen stillest,
Den, der doppelt elend ist,
Doppelt mit Erquickung füllest:
Ach, ich bin des Treibens müde,
Was soll all der Schmerz und Lust?
Süßer Friede!
Komm, ach komm in meine Brust.

Im Kloster hab ich viel predigen hören, über den Weltgeist und die Eitelkeit aller Dinge, ich habe selbst den Nonnen die Legende jahraus jahrein vorgelesen, weder der Teufel noch die Heiligen haben bei mir Eindruck gemacht, ich glaub, sie waren nicht vom reinen Stil; ein solches Lied aber erfüllt meine Seele mit der lieblichsten Stimmung, keine Mahnung, keine weise Lehren könnten mir je so viel Gutes einflößen; es befreit mich von aller Selbstsucht, ich kann andern alles geben und gönne ihnen das beste Glück, ohne für mich selbst etwas zu verlangen; das macht, weil es vom reinen edlen Stil ist. So könnte ich noch manches seiner Lieder hersetzen, die mich über alles erheben und mir einen Genuß schenken, der mich in mir selber reich macht. Das Lied: Die schöne Nacht, hab ich wohl hundertmal dies Jahr auf spätem Heimweg gesungen:

Luna bricht durch Busch und Eichen,
Zephyr meldet ihren Lauf,
Und die Birken streun mit Neigen
Ihr den schönsten Weihrauch auf.

Wie war ich da glücklich und heiter in diesem Frühjahr, wie die Birken während meinem Gesang rund um mich her der eilenden Luna wirklich ihren duftenden Weihrauch streuten. Es soll mir keiner sagen, daß reiner Genuß nicht Gebet ist. Aber in der Kirche ist's mir noch nimmer gelungen, da hab ich geseufzt vor schwerer Langenweile, die Predigt war wie Blei auf meinen Augenlidern. O je, wie war mir leicht, wenn ich aus der Klosterkirche in den schönen Garten springen konnte, da war mir der geringste Sonnenstrahl eine bessre Erleuchtung als die ganze Kirchengeschichte.

Das zweite Kunstwerk, welches ich Ihr beschreibe, ist ein Delphin aus einem großen Elefantenzahn gemacht; er sperrt seinen Rachen auf, in den ihm zwei Amoretten das Gebiß einlegen; ein andrer, der auf dem Nacken des Delphins sitzt, nimmt von beiden Seiten den Zaum; auf der Mitte des Rückens liegt ein goldner Sattel mit einem Sitz von getriebener Arbeit, welches Laubwerk von Weinreben vorstellt; inmitten desselben steht Bacchus von Elfenbein; ein schöner, zarter, schlanker Jüngling mit goldnen Haaren und einer phrygischen Mütze auf; er hat die eine Hand in die Seite gestemmt, mit der andern hält er einen goldnen Rebstock, der unter dem Sattel hervorkommt und ihn mit schönem, feinem Laub überdacht; auf beiden Seiten des Sattels sind zwei Muscheln angebracht wie Tragkörbe, darin sitzen zwei Nymphen von Elfenbein in jedem und blasen auf Muscheln; die breiten Floßfedern, so wie der Schwanz des Fisches sind von Gold und Silber gearbeitet; unmittelbar hinter dem Sattel schlängelt sich der Leib des Fisches aufwärts, als ob er mit dem Schweif in die Lüfte schnalze; auf dem Bug desselben sitzt ein zierliches Nymphchen und klatscht in die Hände; dieses kommt etwas höher zu stehen und sieht über die Gruppe des Bacchus herüber; die Floßfedern des Schweifes bilden ein zierliches Schattendach über der Nymphe; der Rachen des Fisches ist inwendig von Gold; man kann ihn auch mit Wein füllen, der dann in zwei Strahlen aus seinen Nüstern emporspringt; man stellte dieses Kunstwerk bei großen Festen in einem goldnen Becken auf den Nebentischen auf. Dieses ist nun ein Kunstwerk vom erhabenen Stil, und ich kann auch sagen, daß es mich ganz mit stummer heiliger Ehrfurcht erfüllte. Noch viele dergleichen sind da; alles hat Bezug auf den Rhein, unter andern ein Schiff von Zedernholz, so fein gemacht, mit schönen Arabesken; ein Basrelief umgibt den Oberteil des Schiffes, auf dessen Verdeck die drei Kurfürsten von Köln, Mainz und Trier sitzen und zechen; Knappen stehen hinter ihnen mit Henkelkrügen. Dies hat mir nicht so viel Freud gemacht, obschon viel Schönes daran ist, besonders die Glücksgöttin, die am Vorderteil des Schiffes angebracht ist.

Ich beschreib Ihr noch einen Humpen, das ist ein wahres Meisterstück und stellt eine Kelter vor. In der Mitte steht ein hohes Faß, das ist der eigentliche Humpen; auf beiden Seiten klettern in zierlichen Verschlingungen Knaben hinauf mit Butten voll Trauben über die Schultern von Männern, um an den Rand zu gelangen und ihre Trauben auszuschütten; in der Mitte, als Knopf des Deckels, der etwas tief in den Rand des Humpens paßt, steht Bacchus mit zwei Tigern, die an ihm hinanspringen; er ist im Begriff, die Trauben, deren gehäufte Menge mit einzelnen Ranken dazwischen, den Deckel bilden, mit den Füßen zu keltern. Die Knaben, die von allen Seiten herüberreichen, um ihre Gefäße mit Trauben auszuleeren, bilden einen wunderschönen Rand; die starken Männer am Fuß der Kelter, die die kleinen Knaben auf ihre Schultern heben und auf mannigfache Weise heraufhelfen, sind ganz außerordentlich herrlich, nackt, einem oder dem andern hängt ein Tigerfell über dem Rücken, sonst ganz ungeniert. Am Humpen sieht man auf einer Seite das Mainzer Wappen, auf der andern das von Köln.

Der ganze Humpen steht auf einem Aufsatz, der wie ein sanfter Hügel gestaltet ist; auf diesem sitzen und liegen Nymphen im Kreis; sie spielen mit Tamburinen, Becken, Triangel, andre liegen und balgen sich mit Leoparden, die ihnen über die Köpfe springen; es ist gar zu schön. Das hab ich Ihr nun beschrieben, aber hätte Sie es erst gesehen, Sie würde vor Verwunderung laut aufgeschrieen haben. Was überfällt einem nur, wenn man so etwas von Menschenhänden gemacht sieht? Mir rauchte der Kopf, und ich meinte in der trunkenen Begeistrung, ich werde keine Ruhe finden, wenn ich nicht auch solche schöne Sachen erfinden und machen könne. Aber wie ich hinauskam und es war Abend geworden und die Sonne ging so schön unter, da vergaß ich alles, bloß um mit den letzten Strahlen der Sonne meine Sinne in dem kühlen Rhein zu baden.

Eine Mutter gibt sich alle erdenkliche Mühe, ihr kleines unverständiges Kindchen zufriedenzustellen, sie kommt seinen Bedürfnissen zuvor und macht ihm aus allem ein Spielwerk; wenn es nun auf nichts hören will und mit nichts sich befriedigen läßt, so läßt sie es seine Unart ausschreien, bis es müde ist, und dann sucht sie es wieder von neuem mit dem Spielwerk vertraut zu machen. Das ist grade, wie es Gott mit den Menschen macht, er gibt das Schönste, um den Menschen zur Lust, zur Freude zu reizen und ihm den Verstand dafür zu schärfen. Die Kunst ist ein so schönes Spielwerk, um den unruhigen, ewig begehrenden Menschengeist auf sich selbst zurückzuführen, um ihn denken zu lehren und sehen; um Geschicklichkeit zu erwerben, die seine Kräfte weckt und steigert. Er soll lernen, ganz der Unschuld solcher Erfindung sich hingeben und vertrauen auf die Lust und das Spiel der Phantasie, die ihn zum Höchsten auszubilden und zu reifen vermag. Gewiß liegen in der Kunst große Geheimnisse höherer Entwicklung verborgen; ja ich glaub sogar, daß alle Neigungen, von denen die Philister sagen, daß sie keinen nützlichen Zweck haben, zu jenen mystischen gehören, die den Keim zu großen, in diesem Leben noch unverständlichen Eigenschaften in unsre Seele legen; welche dann im nächsten Leben als ein höherer Instinkt aus uns hervorbrechen, der einem geistigeren Element angemessen ist.

Die Art, wie jene in Gold und Silber getriebene Kunstwerke aufgestellt sind, ist auch zu bewundern und trägt sehr dazu bei, dieselben sowohl in ihrer Pracht mit einem Blick zu überschauen, als auch ein jedes einzelne bequem zu betrachten. Es ist eine Wand von schwarzem Ebenholz mit tiefen Kassetten, in der Mitte der Wand eine große, in welcher das Hauptstück steht, auf beiden Seiten kleinere, in denen die anderen Kunstwerke, als: Humpen, Becher usw. usw. stehen. An jeder Kassette hebt sich durch den Druck einer Feder der Boden heraus und läßt das Kunstwerk von allen Seiten sehen.

Noch eines Bechers gedenke ich von Bronze, eine echte Antike, wie man behauptet: und man muß es wohl glauben, weil er so einfach ist und doch so majestätisch. Ein Jüngling: wahrscheinlich Ganymed, sitzt nachlässig auf einem Stein, der Adler auf der Erde zwischen seinen Knieen breitet beide Flügel aus, als wolle er ihn damit schlagen, und legt den ausgestreckten Kopf auf des Jünglings Brust, der auf den Adler herabsieht, während er die Ärme emporhebt und mit beiden Händen ein herrliches Trinkgefäß hält, was den Becher bildet. Kann man sich was Schöneres denken? Nein! Der wilde Adler, der ganz leidenschaftlich den ruhigen Jüngling gleichsam anfällt und doch an ihm ausruht, und jener, der so spielend den Becher emporhebt, ist gar zu schön, und ich hab allerlei dabei gedacht. Eine andre Wand will ich Ihr noch beschreiben und dann zu Bette gehn, denn ich bin müde; stell Sie sich ein goldnes Honigwaben vor, aus dem die ganze Wand besteht, lauter achteckige goldne Zellen, in jeder ein andrer Heiliger, zierlich, ja wahrhaft reizend in Holz geschnitzt mit schönen Kleidern angetan, in bunter Farbe gemalt; in der Mitte, wo die Zelle für den Bienenweisel ist, da ist Christus, auf beiden Seiten die vier Evangelisten, dann rund umher die Apostel, dann die Erzväter, endlich die Märtyrer, zuletzt die Einsiedler. Diese Wand habe ich in Oberwesel als Hauptaltar in der Kirche aufgestellt gesehen; es ist keine Figur, die man nicht gleich als schönes naives, in seiner Art eigentümliches Bild abmalen könnte. Adieu, Frau Rat, ich muß abbrechen, sonst könnte der Tag herankommen über meinem Extemporieren.

Bettine

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