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2019-10-31

Bettina Arnim: Goethes Briefwechsel mit einem Kinde (17)




An Goethe

Am 22. Mai

Heute morgen zu meiner Überraschung erhielt ich Deinen Brief. Ich war gar nicht mehr gefaßt darauf, schon die ganze Zeit schreibe ich meine Blätter als ein verzweifelter Liebhaber, der sie dem Sturmwind preisgibt, ob der sie etwa hintrage zu dem Freund, in den mein krankes Herz Vertrauen hat. So hat mich denn mein guter Genius nicht verlassen! Er durchsauset die Lüfte auf einem schlechten Postklepper, und am Morgen einer Nacht voll weinender Träume erblick ich erwachend das blaue Kuvert auf meiner grünen Decke.

So tretet denn, ihr steilen Berge, ihr schroffen Felswände, ihr kecken, racheglühenden Schützen, ihr verwüsteten Tale und rauchenden Wohnungen bescheiden zurück in den Hintergrund und überlaßt mich einer ungemessenen Freude, die elektrische Kette, die den Funken von Ihm bis zu mir leitet, zu berühren, und unzähligemal nehm ich ihn in mich auf, Schlag auf Schlag, diesen Funken der Lust. Ein großes Herz, hoch über den Schrecken der Zeit, neigt sich herab zu meinem Herzen. Wie der silberne Faden sich niederschlängelt ins Tal zwischen hinabgrünenden Matten und blühenden Büschen (denn wir haben ja Mai), sich unten sammelt und im Spiegel mir mein Bild zeigt, so leiten Deine freundlichen Worte hinab zu mir das schöne Bewußtsein, aufbewahrt zu sein im Heiligtum Deiner Erinnerungen, Deiner Gefühle; so wag ich's zu glauben, da dieser Glaube mir den Frieden gibt.

O, lieber Freund, während Du Dich abwendest vor dem Unheil trüber Zeit, in einsamer Höhe Geschicke bildest und mit scharfen Sinnen sie lenkest, daß sie ihrem Glück nicht entgehen, denn sicher ist dies schöne Buch, welches Du Dir zum Trost über alles Traurige erfindest, ein Schatz köstlicher Genüsse, wo Du in feinen Organisationen und großen Anlagen der Charaktere Stimmungen einleitest und Gefühle, die beseligen, wo Du mit freundlichem Hauch die Blume des Glücks erweckst und in geheimnisvoll glühenden Farben erblühen machst, was unser Geist entbehrt. Ja, Goethe, während diesem hat es sich ganz anders in mir gestaltet. Du erinnerst Dich wohl noch, daß die Gegend, das Klima meiner Gedanken und Empfindungen, heiter waren, ein freundlicher Spielplatz, wo sich bunte Schmetterlinge zu Herden über Blumen schaukelten, und wie Dein Kind spielte unter ihnen, so leichtsinnig wie sie selber, und Dich, den einzigen Priester dieser schönen Natur, mutwillig umjauchzte, manchmal auch tiefbewegt allen Reiz beglückter Liebe in sich sammelnd zu Deinen Füßen in Begeisterung überströmte. Jetzt ist es anders in mir, düstere Hallen, die prophetische Monumente gewaltiger Todeshelden umschließen, sind der Mittelpunkt meiner schweren Ahnungen; der weiche Mondesstrahl, der goldnen Birke Duft dringen da nicht ein, aber wohl Träume, die mir das Herz zerreißen, die mir im Kopf glühen, daß alle Adern pochen. Ich liege an der Erde am verödeten Ort und muß die Namen ausrufen dieser Helden, deren schauerliches Geschick mich verwundet; ich seh ihre Häupter mit Siegeslorbeern geschmückt, stolz und mächtig unter dem Beil niederrollen auf das Schafott. Ach Gott, ach Gott! welch lauter Schrei der Verzweiflung durchfährt mich bei diesen einbilderischen Träumen. Warum muß ich verzagen, da noch nichts verloren ist? Ich hab ein Fieber, so glüht mir der Kopf. Auf dem tonnenförmigen Gipfel des Kofels, Speckbachers Horst, der schlaflos, keiner Speise bedürfend, mit besserer Hoffnung beflügelt, leicht wie ein Vogel schwebt über dem Augenblick, da es Zeit ist. Auf dem Brenner, wo Hofers unwandelbarer Gleichmut die Geschicke lenkt, die Totenopfer der Treue anordnet. Am Berge Isel, wo der Kapuziner den weißen Stecken in der Hand, alles erratend und vorbeugend, sich allen voranwagend, an der Spitze des Landvolks, siegbewußt über die Saaten niederjagt ins Tal. Da seh ich auch mich unter diesen, die kurze grün und weiße Standarte schwingend, weit voran auf steilstem Gipfel, und der Sieg brennt mir in den Gliedern, und da kommt der böse Traum und haut mit geschwungener Axt mir die feste Hand ab, die niederstürzt mitsamt der Fahne in den Abgrund, dann ist alles so öde und stumm, die Finsternis bricht ein und alles verschwunden, nur ich allein auf der Felswand ohne Fahne, ohne Hand, verzeih's, daß ich so rase, aber so ist's.

Heute morgen noch mein letzter Traum, da trat einer zu mir auf dem Schlachtfeld, sanft von Gesicht, von gemessenem Wesen, als wär es Hofer; der sagte mitten unter Leichen stehend zu mir: Die starben alle mit großer Freudigkeit. In demselben Augenblick erwachte ich unter Tränen, da lag Dein Brief auf dem Bett.

Ach, vereine Dich doch mit mir, Ihrer zu gedenken, die da hinstürzen ohne Namen, kindliche Herzen ohne Fehl, lustig geschmückt wie zur Hochzeit mit goldnen Sträußern, die Mützen geziert mit Schwungfedern der Auerhähne und mit Gemsbärten, das Zeichen tollkühner Schützen. Ja! Gedenke ihrer; es ist des Dichters Ruhm, daß er den Helden die Unsterblichkeit sichere!

6. Juni

Gestern, da ich Dir geschrieben hatte, da war die Sonne schon im Untergehen, da ging ich noch hinaus, wo man die Alpen sieht, was soll ich anders tun? Es ist mein täglicher Weg, da begegne ich oft einem, der auch nach den Tiroler Alpen späht. An jenem späten Abend, ich glaub es war in der Mitte Mai, wo Schwatz abbrannte, da war er mit auf dem Turm, da konnte er sich gar nicht fassen, er rang die Hände und jammerte leise: »O Schwatz! O liebes Vaterland!« Gestern war er wieder da und ergoß mit Freudebrausen den ganzen Schatz seiner Neuigkeiten vor mir. Wenn's demnach wahr ist, so haben die Tiroler am Herz-Jesu-Fest (den Datum wußte er nicht) den Feind überwältigt und ganz Tirol zum zweitenmal befreit. Ich kann nicht erzählen, was er alles vorbrachte, Du würdest es so wenig verstehen wie ich; Speckbachers Witz hat durch eine Batterie von Baumstämmen, als ob es Kanonen wären und durch zusammengebundne Flintenläufe den Knall nachahmend, den Feind betrogen, gleich drauf die Brücke bei Hall dreimal gestürmt und den Feind mitsamt den Kanonen zurückgetrieben, die Kinder dicht hinterdrein; wo der Staub aufwirbelte, schnitten sie mit ihren Messern die Kugeln aus und brachten sie den Schützen. Der Hauptsieg war am Berg Isel, dem Kapuziner ist der Bart weggebrennt. Die namhaften Helden sind alle noch vollzählig. Handbillett haben sie vom Kaiser mit großen Verheißungen aus der Fülle seines Herzens. Wenn's auch nicht alles wahr wird, meinte mein Tiroler, so war's doch wieder ein Freudentag fürs Vaterland, der aller Aufopferung wert ist.

Vom Kronprinz hab ich kein Gedicht; ein einziges, was er am Tag vor seinem Auszug in den Krieg machte, an Heimat und die Geliebte, zeigte mir der alte getreue Pantalon, er will's unter keiner Bedingung abschreiben. Eine junge Muse der Schauspielkunst besitzt deren mehrere, der alte Bopp hat ihr auf meine Bitte drum angelegen, sie suchte danach unter den Theaterlumpen und fand sie nicht, sonst hätten sie zu Diensten gestanden, meinte sie, der Kronprinz würde ihr andere machen.

Gold und Perlen hab ich nicht, der einzige Schatz, nach dem ich gewiß allein greifen würde bei einer Feuersbrunst, sind Deine Briefe, Deine schönen Lieder, die Du mit eigner Hand geschrieben, sie sind verwahrt in der roten Sammettasche, die liegt nachts unter meinem Kopfkissen, darin ist auch noch der Veilchenstrauß, den Du mir in der Gesellschaft bei Wieland, so verborgen zustecktest, wo Dein Blick wie ein Sperber über allen Blicken kreiste, daß keiner wagte aufzusehen. Die junge Muse gibt es auf, die Opfer, die der Kronprinz ihr in Dichterperlen gereiht zu Füßen legte, unter dem Wust von falschem Schmuck und Flitterstaat wiederzufinden, und doch waren sie im Zauberhauch der Mondnächte bei dem Lied der Nachtigall erfunden, Silb um Silbe; Klang um Klang aufgereiht. Wer Silb um Silbe die nicht liebt, nicht diesen Schlingen sich gefangen gibt, der mag von Himmelskräften auch nicht wissen, wie zärtlich die von Reim zu Reim sich küssen.

Deine Mutter werde ich nicht vergessen, und sollt ich auch mitten im Kriegsgetümmel untergehen, so würde ich gewiß noch im letzten Moment die Erde küssen zu ihrem Andenken. Was ich Dir noch Merkwürdiges zu berichten habe, ist schon aufgeschrieben, im nächsten Brief wirst Du es finden, dieser wird schon zu dick, und ich schäme mich, daß ich Dir nichts Wichtiges zu schreiben habe und doch nicht abbrechen kann. Geschwätz! ich weiß ja, wie's ging in Weimar, da sagt ich auch nichts Gescheutes, und doch hörtest Du gern zu.

Vom Stadion weiß ich gar nichts, da muß ich kurzen Prozeß machen und ihn verschmerzen, wer weiß, ob ich ihn je wieder seh.

Jacobi ist zart wie eine Psyche, zu früh geweckt, rührend; wär es möglich, so könnte man von ihm lernen, aber die Unmöglichkeit ist ein eigner Dämon, der listig alles zu vereiteln weiß, zu was man sich berechtigt fühlt; so mein ich immer, wenn ich Jacobi von Gelehrten und Philosophen umgeben seh, ihm wär besser, er sei allein mit mir. Ich bin überzeugt, meine unbefangnen Fragen, um von ihm zu lernen, würden ihm mehr Lebenswärme erregen, als jene alle, die vor ihm etwas zu sein als notwendig erachten. Mitteilung ist sein höchster Genuß; er appelliert in allem an seine Frühlingszeit, jede frisch aufgeblühte Rose erinnert ihn lebhaft an jene, die ihm zum Genuß einst blühten, und indem er sanft durch die Haine wandelt, erzählt er, wie einst Freunde Arm in Arm sich mit ihm umschlungen in köstlichen Gesprächen, die spät in die laue Sommernacht währten, und da weiß er noch von jedem Baum in Pempelfort, von der Laube am Wasser, auf dem die Schwäne kreisten, von welcher Seite der Mond hereinstrahlte auf reinlichem Kies, wo die Bachstelzchen stolzierten; das alles spricht sich aus ihm hervor, wie der Ton einer einsamen Flöte, sie deutet an: der Geist weilt noch hier; in ihren friedlichen Melodien aber spricht sich die Sehnsucht zum Unendlichen aus. Seine höchst edle Gestalt ist gebrechlich, es ist, als ob die Hülle leicht zusammensinken könne, um den Geist in die Freiheit zu entlassen. Neulich fuhr ich mit ihm, den beiden Schwestern und dem Grafen Westerhold nach dem Staremberger See. Wir aßen zu Mittag in einem angenehmen Garten, alles war mit Blumen und blühenden Sträuchern übersäet, und da ich zur Unterhaltung der gelehrten Gesellschaft nichts beitragen konnte, so sammelte ich deren so viel, als mein Strohhut faßte. Im Schiff, auf dem wir bei herannahendem Abend wohl anderthalb Stunden fahren mußten, um das jenseitige Ufer wieder zu erreichen, machte ich einen Kranz. Die untergehende Sonne rötete die weißen Spitzen der Alpenkette, und Jacobi hatte seine Freude dran, er deployierte alle Grazie seiner Jugend, Du selbst hast mir einmal erzählt, daß er als Student nicht wenig eitel auf sein schönes Bein gewesen, und daß er in Leipzig mit Dir in einen Tuchladen gegangen, das Bein auf den Ladentisch gelegt, und dort die neuen Beinkleidermuster drauf probiert, bloß um das Bein der sehr artigen Frau im Laden zu zeigen; in dieser Laune schien er mir zu sein; nachlässig hatte er sein Bein ausgestreckt, betrachtete es wohlgefällig, strich mit der Hand drüber, dann wenige Worte über den herrlichen Abend flüsternd, beugte er sich zu mir herab, da ich am Boden saß und den Schoß voll Blumen hatte, wo ich die besten auslas zum Kranz, und so besprachen wir uns einsilbig, aber zierlich und mit Genuß in Gebärden und Worten, und ich wußte es ihm begreiflich zu machen, daß ich ihn liebenswürdig finde, als auf einmal Tante Lenens vorsorgende Bosheitspflege der feinen Gefühlskoketterie einen bösen Streich spielte; ich schäme mich noch, wenn ich dran denke; sie holte eine weiße langgestrickte wollne Zipfelmütze aus ihrer Schürzentasche, schob sie ineinander und zog sie dem Jacobi weit über die Ohren, weil die Abendluft beginne rauh zu werden, grade in dem Augenblick als ich ihm sagte: »Heute versteh ich's recht, daß Sie schön sind«, und er mir zum Dank die Rose in die Brust steckte, die ich ihm gegeben hatte. Jacobi wehrte sich gegen die Nachtmütze, Tante Lene behauptete den Sieg, ich mochte nicht wieder aufwärts sehen, so beschämt war ich. »Sie sind recht kokett«, sagte der Graf Westerhold, ich flocht still an meinem Kranz, da aber Tante Lene und Lotte einstimmend mir gute Lehren gaben, sprang ich plötzlich auf und trappelte so, daß der Kahn heftig schwankte, »um Gotteswillen wir fallen!« schrie alles, »ja, ja!« rief ich, »wenn Sie noch ein Wort weiter sagen über Dinge, die Sie nicht verstehen.« Ich schwankte weiter, »haben Sie Ruh, es wird mir schwindlig«. Westerhold wollte mich anrühren, aber da schwankte ich so, daß er sich nicht vom Platz getraute, der Schiffer lachte und half schwanken, ich hatte mich vor Jacobi gestellt, um ihn nicht in der fatalen Mütze zu sehen, jetzt, wo ich sie alle in der Gewalt hatte, wendete ich mich nach ihm, nahm die Mütze beim Zipfel und schwenkte sie weit hinaus in die Wellen; »da hat der Wind die Mütze weggeweht«, sagte ich, ich drückte ihm meinen Kranz auf den Kopf, der ihm wirklich schön stand, Lene wollt es nicht leiden, die frischen Blätter könnten ihm schaden. Lasse ihn mir doch, sagte Jacobi sanft, ich legte die Hand über den Kranz. »Jacobi«, sagte ich: »Ihre feinen Züge leuchten im gebrochnen Licht dieser schönen Blätter wie die des verklärten Plato. Sie sind schön, und es bedarf nur eines Kranzes, den Sie so wohl verdienen, um Sie würdig der Unsterblichkeit darzustellen«; ich war vor Zorn begeistert, und Jacobi freute sich; ich setzte mich neben ihn an die Erde und hielt seine Hand, die er mir auch ließ, keiner sagte etwas, sie wendeten sich alle ab, um die Aussicht zu betrachten, und sprachen unter sich, da lachte ich ihn heimlich an. Da wir ans Ufer kamen, nahm ich ihm den Kranz ab und reichte ihm den Hut. Das war meine kleine Liebesgeschichte jenes schönen Tages, ohne welche der Tag nicht schön gewesen sein würde; nun hängt der Kranz verwelkt an meinem Spiegel, ich bin seitdem nicht wieder hingegangen, denn ich fürchte mich vor Helenen, die aus beleidigter Würde ganz stumm war und mir nicht Adieu sagte; so mag denn Jacobi freundlich meiner gedenken, wenn ich ihn nicht wieder sehen sollte, dieser Abschied kann ihm keinen unangenehmen Eindruck in der Erinnerung lassen, und mir ist es grade recht, denn ich möchte doch nicht Kunst genug besitzen, den vielen Fallstricken und bösen Auslegungen zu entgehen, die jetzt wahrscheinlich im Gang sein mögen. Adieu, nun hab ich Dir auf alle Artikel Deines lieben Briefes geantwortet und Dir mein ganzes Herz ausgeschüttet. Versicherungen meiner Liebe gebe ich Dir nicht mehr, die sind in jedem Gedanken, im Bedürfnis, Dir alles ans Herz zu legen, hinlänglich beurkundet.
7. Juni

Bettine

An Goethe
16. Juni

Gott lasse mir den einzigen Wunsch gedeihen, Dich wieder zu sehen, und zögere nicht allzulang. Soeben vernehme ich, daß jemand von meiner Bekanntschaft nach Weimar geht. Das bläst die Asche von der Glut, mich hält's, daß ich von hier aus die Tiroler Berge sehen kann, sonst nichts. Es martert mich alle Tage, nicht zu wissen, was dort vorgeht; ich käme mir vor wie ein feiger Freund, wenn ich mich dem Einfluß, den die Nähe des bedrängten Landes auf mich hat, entziehen wollte; wahrhaftig, wenn ich abends von meinem Schneckenturm die Sonne dort untergehen sehe, da muß ich immer mit ihr.

Wir haben schon seit Wochen schlecht Wetter. Nebel und Gewölk, Wind und Regen und schmerzliche Botschaft wird indessen durch Dein Andenken wie durch einen Sonnenstrahl erhellt. Beinah vier Wochen hab ich nicht geschrieben, aber ich hab Dich diese ganze Zeit über bedacht, mit Gedanken, Wort und Werken, und nun will ich's gleich auseinandersetzen: es ist auf der hiesigen Galerie ein Bild von Albrecht Dürer, in seinem achtundzwanzigsten Jahre von ihm selbst gemalt; es hat die graziösesten Züge eines weisheitsvollen, ernsten, tüchtigen Antlitzes; aus der Miene spricht ein Geist, der die jetzigen elenden Weltgesichter niederkracht. Als ich Dich zum erstenmal sah, war es mir auffallend und bewegte zugleich zu inniger Verehrung, zu entschiedener Liebe, das sich in Deiner ganzen Gestalt aussprach, was David von den Menschen sagt: ein jeder mag König sein über sich selber. So meine ich nämlich, daß die Natur des inneren Menschen die Oberhand erringe über die Unzuverlässigkeit, über die Zufälle des äußeren, daraus entstehe die edle Harmonie, das Wesen, was sowohl über Schönheit hinaus ist als der Häßlichkeit trotzt. So bist Du mir erschienen, die geistige Erscheinung der Unsterblichkeit, die der irdischen vergänglichen Meister wird. Obschon nun Dürers Antlitz ein ganz anderes ist, so hat mich doch die Sprache seines Charakters mächtig an die Deinige erinnert, ich habe mir's kopieren lassen. Ich hab das Bild den ganzen Winter über auf meinem Zimmer gehabt und war nicht allein. Ich hab mich viel in Gedanken an diesen Mann gewendet, hab Trost und Leid von ihm empfunden, bald war's mir traurig zu fühlen, wie manches, worauf man doch in sich stolz ist, zugrunde geht vor einem solchen, der recht wollte, was er wollte; bald flüchtete ich mich zu diesem Bild als zu einem Hausgott. Wenn mich die Lebenden langweilten, und daß ich Dir's recht sage: mein Herz war in manchen Stunden so tief von dem reinen Scharfblick gerührt, der aus seinen edlen Augen dringt, daß er mir mehr im Umgang war als ein Lebender. Dieses Bild nun hatte ich eigentlich für Dich kopieren lassen, ich wollte Dir's als einen Sachwalter meiner Herzensangelegenheiten senden, und so verging Woche um Woche, immer mit dem festen Entschluß, es die nächstfolgende abzusenden, ohne daß ich es je dazu bringen konnte, mich davon zu trennen. Mein lieber Goethe, ich hab noch weniges gesehen in der Welt, sowohl von Kunstwerken als sonst, was mich herzlich interessierte. Daher wär wohl meiner kindischen Art zu verzeihen. Das Bild kann ich nun nicht mehr von mir lossagen, so wie man sich von einem Freund nicht mehr lossagen kann. Dir aber will ich's schicken, meinem geliebtesten von allen. Doch, wie es das Schicksal führt, soll es nicht in andre Hände kommen, und sollte der Zufall es von Dir trennen, so müsse es wieder in meine Hände kommen. Ich hoffte, die ganze Zeit es selbst bringen zu können, indessen ist gar keine Wahrscheinlichkeit in diesem Augenblick, wenn ich nicht stets auf die kommende Zeit hoffte, so würde ich verzweifeln, Dich bald wiederzusehen; allein, daß nach der Zukunft immer wieder eine ist, das hat schon manchen Menschen alt gemacht. Du bist mir lieb über alles, in der Erinnerung wie in der Zukunft; der Frühling, den Deine Gegenwart in mir erschaffen hat, dauert; denn schon sind zwei Jahre um, und noch hat kein Sturm ein Blättchen vom Ast gelöst, noch hat der Regen keine Blüte zerstört, alle Abend hauchen sie noch den süßen Duft der Erinnerung aus; ja wahrhaftig kein Abend ist bis jetzt zum Schlafen gekommen, daß ich Dich nicht bei Namen gerufen und der Zeit gedacht, da Du mich auf meinen Mund geküßt, mich in Deinen Arm genommen, und ich will stets hoffen, daß die Zeit wiederkehre. Da ich Dir nichts in der Welt vorziehe, so glaub ich's auch von Dir. Sei Du so alt und klug wie ich, laß mich so jung und weise sein wie Du, und so möchten wir füglich die Hand einander reichen und sein wie die beiden Jünger, die zwei verschiednen Propheten folgten in einem Lehrer.

Schreib mir, wie Du glaubst, daß ich das Bild ohne Gefahr schicken könne, aber bald. Wenn Du mir keine Gelegenheit angeben kannst, so werde ich selbst schon eine finden. Hab niemand lieber wie mich; Du, Goethe, wärst sehr ungerecht, wenn Du andre mir vorzögst, da so meisterlich, so herrlich, Natur mein Gefühl Dir verwebt hat, daß Du das Salz Deines eignen Geistes in mir schmecken mußt.

Wenn kein Krieg, kein Sturm und vorab keine verwüstende Zeitung, die alles bildende Ruhe im Busen störte, dann möchte ein leichter Wind, der durch die Grashalmen fährt, der Nebel, wie er sich von der Erde löst, die Mondessichel, wie sie über den Bergen hinzieht, oder sonst einsames Anschauen der Natur einem wohl tiefe Gedanken erregen; jetzt aber in dieser beweglichen Zeit, wo alle Grundfesten ein rechtes Krachen und Gliederreißen haben, da will sie keinem Gedanken Raum gestatten, aber das, woran ein Freund teilgenommen, daß man sich auf seinen Arm gestützt, auf seiner Schulter geruht hat, dies einzige ätzt tief jede Linie der Gegenstände ins Herz, so weiß ich jeden Baum des Parks noch, an dem wir vorübergegangen, und wie Du die Äste der Zuckerplatane niederbogst und zeigtest mir die rötliche Wolle unter den jungen Blättern und sagtest, die Jugend sei wollig; und dann die runde, grüne Quelle, an der wir standen, die so ewig über sich sprudelt, bul, bul, und Du sagtest, sie rufe der Nachtigall, und die Laube mit der steinernen Bank, wo eine Kugel an der Wand liegt, da haben wir eine Minute gesessen, und Du sagtest: »Setze Dich näher, damit die Kugel nicht in Schatten komme, denn sie ist eine Sonnenuhr«, und ich war einen Augenblick so dumm, zu glauben, die Sonnenuhr könne aus dem Gange kommen, wenn die Sonne nicht auf sie scheine, und da hab ich gewünscht, nur einen Frühling mit Dir zu sein, hast Du mich ausgelacht; da fragte ich, ob Dir dies zu lang sei; »ei nein«, sagtest Du, »aber dort kommt einer gegangen, der wird gleich dem Spaß ein Ende machen«; das war der Herzog, der grad auf uns zukam, ich wollte mich verstecken, Du warfst Deinen Überrock über mich, ich sah durch den langen Ärmel, wie der Herzog immer näher kam, ich sah auf seinem Gesicht, daß er was merkte, er blieb an der Laube stehen, was er sagte, verstand ich nicht, so große Angst hatte ich unter Deinem Überrock, so klopfte mir das Herz, Du winktest mit der Hand, das sah ich durch Deinen Rockärmel, der Herzog lachte und blieb stehen; er nahm kleine Sandsteinchen und warf nach mir, und dann ging er weiter. Da haben wir nachher noch lang geplaudert miteinander, was war's doch? nicht viel Weisheit, denn Du verglichst mich damals mit der weisheitvollen Griechin, die den Sokrates über die Liebe belehrte, und sagtest: »Kein gescheutes Wort bringst Du vor, aber Deine Narrheit belehrt besser, wie ihre Weisheit«, und warum waren wir da beide so tief bewegt? daß Du von mir verlangtest mit den einfachen Worten: »Lieb mich immer«, und ich sagte: »Ja.« Und eine ganze Weile drauf, da nahmst Du eine Spinnwebe von dem Gitter der Laube und hingst mir's aufs Gesicht, und sagtest; »Bleib verschleiert vor jedermann und zeige niemand, was Du mir bist.« Ach! Goethe, ich hab Dir keinen Eid der Treue getan mit den Lippen, die da zuckten vor heftiger Bewegung und keine Worte kannten; ich erinnere mich gar nicht, daß ich mit Selbstbewußtsein Dir die Treue zugesagt hätte, es ist alles mächtiger in mir wie ich, ich kann nicht regieren, ich kann nicht wollen, ich muß alles geschehen lassen. Zwei einzige Stunden waren so voll Ewigkeit; einen einzigen Frühling verlangte ich damals, und jetzt meine ich kaum, daß ich diesen bewältigen könne mein ganzes Leben lang, und mir klopft das Herz jetzt ebenso vor Unruh, wenn ich mich in die Mitte jenes Frühlings denke. Ich bin am Ende des Blattes, und wär's nicht gar zu sehr auf Dich gesündigt, so möcht ich ein neues anfangen, um so fort zu plaudern; ich liege hier auf dem Sofa und schreibe den Brief auf einem Kissen, deswegen ist er auch so ungleich. Daß sie doch alle vergehen, wenn ich zu Dir sprechen will, diese Gedanken, die so ungerufen vor mir auf- und niedertanzen, von denen Schelling sagt: es sei unbewußte Philosophie.

Lebe wohl! So wie die vom Wind getragne Samenflocke auf den Wellen hintanzt, so spielt meine Phantasie auf diesem mächtigen Strom Deines ganzen Wesens und scheut nicht, drin unterzugehen; möchte sie doch! welch seliger Tod! Geschrieben am 16. Juni in München an einem Regentag, wo zwischen Schlaf und Wachen die Seele nach Wind und Wetter sich bequemte.

Bettine

Bleib ihr gut, schreib ihr bald und grüß die Deinen.

An Bettine

In zwei Deiner Briefe hast Du ein reiches Füllhorn über mich ergossen, liebe Bettine, ich muß mich mit Dir freuen und mit Dir betrüben und kann des Genusses nimmer satt werden. So lasse Dir denn genügen, daß die Ferne Deinen Einfluß nicht mindert, da Du mit unwiderstehlicher Gewalt mich den mannigfachen Einwirkungen Deiner Gefühle unterwirfst, und daß ich Deine bösen wie Deine guten Träume mitträumen muß. Was Dich nun mit Recht so tief bewegt, über das verstehst Du auch allein Dich wieder zu erheben, hierüber schweigt man denn wie billig und fühlt sich beglückt, mit Dir in Befreundung zu stehen und Anteil an Deiner Treue und Güte zu haben; da man doch Dich lieben lernen müßte, selbst wenn man nicht wollte.

Du scheinst denn auch Deine liebenswürdige despotische Macht an verschiednen Trabanten zu üben, die Dich als ihren erwählten Planeten umtanzen. Der humoristische Freund, der mit Dir die Umgegend rekognosziert, scheint wohl nur durch die Atmosphäre der heißen Junitage dem Schlaf zu unterliegen, während er träumend das anmutige Bild Deiner kleinen Person rekognosziert, da mag es ihm denn freilich nicht beikommen, daß Du ihn unterdessen dahin versetzen möchtest, wo Dein heroischer Geist selber weilt.

Was Du mir von Jacobi erzählst, hat mich sehr ergötzt, seine jugendlichen Eigenheiten spiegeln sich vollkommen darin; es ist eine geraume Zeit her, daß ich mich nicht persönlich mit ihm berührt habe, die artige Schilderung Deiner Erlebnisse mit ihm auf der Seefahrt, die Dein Mutwille ausheckte, haben mir ähnliche heitere Tage unseres Umgangs wieder zurückgerufen. Zu loben bist Du, daß Du keiner authentischen Gewalt bedarfst, um den Achtungswerten ohne Vorurteil zu huldigen. So ist gewiß Jacobi unter allen strebenden und philosophierenden Geistern der Zeit derjenige, der am wenigsten mit seiner Empfindung und ursprünglichen Natur in Widerspruch geriet und daher sein sittliches Gefühl unverletzt bewahrte, dem wir als Prädikat höherer Geister unsere Achtung nicht versagen möchten. Wolltest Du nun auf Deine vielfach erprobte anmutige Weise ihm zu verstehen geben, wie wir einstimmen in die wahre Hochachtung, die Du unter Deinen liebenswürdigen Koboldstreichen verbirgst, so wäre dies ganz in meinem Sinne gehandelt.

Dein Eifer, mir die verlangten Gedichte zu verschaffen, verdient Anerkenntnis, obschon ich glauben muß, daß es Dir ebenso darum zu tun ist, den Gefühlen Deines Generalissimus näher auf die Spur zu kommen als auch meine Wünsche zu befriedigen, glauben wir indessen das Beste von ihm bis auf näheres; und da Du so entschieden die Divinität des schöpferischen Dichtervermögens erhebst, so glaube ich nicht unpassend beifolgendes kleine Gedicht vorläufig für Dich herausgehoben zu haben aus einer Reihe, die sich in guten Stunden allmählich vermehrt, wenn sie Dir später einmal zu Gesicht kommen werden, so erkenne daran, daß, während Du glaubst, mein Gedächtnis für so schöne Vergangenheit wieder anfrischen zu müssen, ich unterdessen der süßesten Erinnerung in solchen unzulänglichen Reimen ein Denkmal zu errichten strebe, dessen eigendste Bestimmung es ist, den Widerhall so zarter Neigung in allen Herzen zu erwecken.

Bleibe mir schreibend und liebend von Tag zu Tag beglückender Gewohnheit treu.

G.

Jena, den 7. Juli 1809

Wie mit innigstem Behagen,
Lied, gewahr ich deinen Sinn;
Liebevoll scheinst du zu sagen,
Daß ich ihm zur Seite bin.

Daß er ewig mein gedenket,
Seiner Liebe Seligkeit
Immerdar der Treuen schenket,
Die ein Leben ihm geweiht.

Ja, mein Herz, es ist der Spiegel,
Freund, worin du dich erblickt,
Diese Brust, wo deine Siegel
Kuß auf Kuß hereingedrückt.

Süßes Dichten, lautre Wahrheit,
Fesselt mich in Sympathie!
Rein verkörpert Liebesklarheit
Im Gewand der Poesie.6

An Goethe

Kein Baum kühlt so mit frischem Laub, kein Brunnen labt so den Durstigen, Sonn und Mondlicht und tausend Sterne leuchten so nicht ins irdische Dunkel, wie Du leuchtest in mein Herz. Ach, ich sage Dir: einen Augenblick in Deiner Nähe zu sein hält so viel Ewigkeit in sich, daß ein solcher Augenblick der Ewigkeit gleichsam einen Streich spielt, indem er sie gefangen nimmt, zum Scherz nur, er entläßt sie wieder, um sie wieder zu fangen, und was sollte mir auch in Ewigkeit noch für Freude geschehen, da Dein ewiger Geist, Deine ewige Güte mich in ihre Herrlichkeit aufnehmen.

Geschrieben am Tag, da ich Deinen letzten Brief empfangen.
Das Gedicht gehört der Welt, nicht mein, denn wollt ich es mein nennen, es würde mein Herz verzehren.

Ich bin zaghaft in der Liebe, ich zweifle jeden Augenblick an Dir, sonst wär ich schon auf eine Zeit zu Dir gekommen; ich kann mir nicht denken (weil es zu viel ist), daß ich Dir wert genug bin, um bei Dir sein zu dürfen.

Weil ich Dich kenne, so fürchte ich den Tod, die Griechen wollten nicht sterben ohne Jupiter Olymp gesehen zu haben, wie viel weniger kann ich die schöne Welt verlassen wollen, da mir prophezeit ist von Deinen Lippen, daß Du mich noch mit offnen Armen empfangen wirst.

Erlaube mir, ja fordere es, daß ich dieselbe Luft einatme wie Du, daß ich täglich Dir unter die Augen sehe, daß ich den Blick aufsuche, der mir die Todesgötter bannt.

Goethe, Du bist alles, Du gibst wieder, was die Welt, was die traurige Zeit raubt; da Du es nun vermagst mit gelaßnem Blick reichlich zu spenden, warum soll ich mit Zutrauen nicht begehren? Diese ganze Zeit bin ich nicht mehr ins Freie gekommen, die Gebirgsketten, die einzige Aussicht, die man von hier hat, waren oft von den Flammen des Kriegs gerötet, und ich habe nie mehr gewagt, meinen Blick dahin zu wenden, wo der Teufel ein Lamm würgt, wo die einzige Freiheit eines selbständigen Volkes sich selber entzündet und in sich verlodert. Diese Menschen, die mit kaltem Blut und sicher über ungeheure Klüfte schreiten, die den Schwindel nicht kennen, machen alle andere, die ihnen zusehen, von ihrer Höhe herab schwindlig; es ist ein Volk, das für den Morgen nicht sorgt, dem Gott unmittelbar grade, wenn die Stunde des Hungers kommt, auch die Nahrung in die Hand gibt; das, wie es den Adlern gleich, auf den höchsten Felsspitzen über den Nebeln ruht, auch so über den Nebeln der Zeit thront, das lieber im Licht untergeht, als im Dunkeln ein ungewisses Fortkommen sucht. O Enthusiasmus des eignen freien Willens! wie groß bist du, da du allen Genuß, der über ein ganzes Leben verbreitet ist, in einen Augenblick zusammenfassest, darum so läßt sich um einen solchen Moment auch wohl das Leben wagen; mein eigner Wille aber ist, Dich wiederzusehen, und allen Enthusiasmus der Liebe wird ein solcher Moment in sich fassen, und darum begehre ich auch außer diesem nichts mehr.

Von den Kuffsteiner Belagerungsgeschichten möchte ich Dir manches erzählen, was dem Dux gewiß Freude machen würde, und was auch verdiente, verewigt zu werden; allein zu sehr wird eine ernste Teilnahme an dem echten Heroismus mißhandelt durch Betrug aller Art, und das macht auch, daß man lieber gar nicht hinhorcht, als daß man das Herz durch Lügen sich schwer machen läßt. Das Gute, was die Bayern als wahr passieren lassen, daran ist nicht zu zweifeln, denn wenn sie es vermöchten, so würden sie gewiß das Gelingen der Feinde leugnen. Speckbacher ist ein einziger Held, Witz, Geist, kaltes Blut, strenger Ernst, unbegrenzte Güte, durchsichtige, bedürfnislose Natur; Gefahr ist ihm gleich dem Aufgang der Sonne; da wird ihm Tag, da sieht er deutlich was not tut; und tut alles, indem er seinen Enthusiasmus beherrscht, er denkt auf seine Ehre und auf seine Verantwortung zugleich, er richtet alles durch sich allein aus, die Befehle der Kommandanten und seine eigne wohlberechnete Pläne; und auch noch was der Augenblick erheischt; unter dem Kanonenfeuer der Festung verwüstet er die Mühlen, erbeutet das Getreide und löscht die Haubitzen mit dem Hut; keinen gefahrvollen Plan überläßt er einem andern, die kleine Stadt Kuffstein steckte er selbst in Brand mitten unter den Feinden; eine Schiffbrücke der Bayern macht er flott. In einer stürmischen Nacht, im Wasser bis an die Brust, hält er aus bis zum Morgen mit zwei Kameraden, wo er noch die letzten Schiffe unter einem Hagel von Kartätschen flott macht. List ist seine göttlichste Eigenschaft, den verwilderten Bart, der ihm das halbe Gesicht bedeckt, nimmt er ab, verändert Kleidung und Gebärde, und so verlangt er den Kommandanten der Festung zu sprechen, man läßt ihn ein, er macht ihnen was weis von Verrat und errät unterdessen alles, was er wissen will, in dieser großen Gefahr, mit noch zwei andern Kameraden, ist er keinen Augenblick verlegen, läßt sich beleuchten, untersuchen, zutrinken und endlich, vom Kommandanten bis zum kleinen Pförtchen, zu dem sie hereingekommen waren, begleitet, nimmt er treuherzig Abschied.

Alle diese Mühen und Aufopferungen werden indessen zunichte gemacht durch die Unzuverlässigkeit von Österreich, das überhaupt ist, als könne es keinen glücklichen Erfolg ertragen, und fürchte sich vor seinem großen Feind, einst diese Siege verantworten zu müssen, und so wird es auch noch kommen, es wird noch den großen Napoleon um Verzeihung bitten, daß man ihm die Ehre erzeigt, ihm ein Heldenvolk entgegenzustellen; ich breche ab, zu gewiß ist mir, daß auf Erden allem Großen schlecht vergolten wird.

Vor drei Wochen hat man ein Bild, eine Kopie von Albrecht Dürers selbst verfertigtem Porträt, an Dich abgeschickt; ich war grade auf einige Tage verreist und weiß also nicht, ob es wohl eingepackt und ob die Gelegenheit, mit welcher es ging, exakt ist, Du mußt es der Zeit nach jetzt bald in Händen haben, schreib mir darüber, das Bild ist mir sehr lieb, und darum mußt ich Dir's geben, weil ich mich selbst Dir geben möchte.

Selbst in dem kalten Bayernlande reift alles nach und nach, das Korn wird schon gelb, und wenn die Zeit auch keine Rosen hier bricht, so bricht sie doch der Sturm, und falbe Blätter fliegen schon genug auf dem nassen Sandboden; wann wird denn eine gütige Sonne die Früchte an meinem Lebensbaum reifen, daß ich ernten kann Kuß um Kuß? Einen Weg geh ich alle Tage, jede Staude, jedes Gräschen ist mir auf diesem bekannt, ja die Sandsteinchen im Kiesweg hab ich mir schon betrachtet. Dieser Weg führt nicht zu Dir, und doch wird er mir täglich lieber, wenn mich nun einer gewohnt würde, zu Dir zu tragen, wie würden da Blumen und Kräuter erst mit mir bekannt werden, daß mir stets das Herz pochte bis an Deine Schwelle, und allen Liebreiz hätte auf diesem Weg jeder Schritt.

Vom Kronprinz weiß ich Gutes, er hat mit den Gefangenen, die man hart behandelte und hungern ließ, zu Mittag gegessen. Die Kartoffeln waren gezählt, er teilte treulich mit ihnen, seitdem werden sie gut bedient, und er hat ein scharfes Auge darauf; das hab ich durch seinen getreuen Bopp, der die ausführliche Erzählung mit etlichen Freudentränen begleitete. Sein kaltes Blut mitten in Gefahren, seine Ausdauer bei allen Mühen und Lasten werden auch noch anderweitig gerühmt, und immer ist er dabei bedacht, nutzlosen Grausamkeiten vorzubeugen; das war von ihm zu erwarten, aber daß er diese Erwartung nicht zuschanden gemacht hat, dafür sei er gelobt und gesegnet.

Einliegendes Kupfer von Heinze wirst Du wohl erkennen, ich hab's von Sömmering erhalten und zugleich den Auftrag, um Dein Urteil darüber zu bitten, er selbst findet es gleichend, aber nicht in den edelsten Zügen; ich sage: es hat eine große Ähnlichkeit mit einem Bock, dies ließe sich noch rechtfertigen.

Tieck liegt noch immer als Kranker auf dem Ruhebettlein, ein Zirkel vornehmer und schöner Damen umgibt sein Lager, das paßt zu gut und gefällt ihm zu wohl, als daß er je vom Platz rückte.

Jacobi befindet sich ganz leidlich, Tante Lene schreit zwar, sein Kopf tauge nichts, der, sowie er etwas Philosophisches schreiben wolle, ihn schmerze, zusamt den Augen; wenn nun auch der Kopf nichts taugt, so war doch sein Herz sehr lebendig aufgeregt als ich ihm vorlas, was Du für ihn geschrieben hast; ich mußte es ihm abschreiben, er meinte, da er keine so freundliche Fürsprache bei Dir habe, wie Du bei ihm, so müsse er wohl selbst Dir schriftlich danken, einstweilen schickt er beikommende Rede über Vernunft und Verstand.

Bettine

Köln, wo ich vorm Jahr so fröhlich war, der launige Rumohr hat's hingekritzelt, er geht hier so ganz verträglich mit der Langenweile um, und bejammert mit aufrichtigem Herzen die Zeit, die wir miteinander am Rhein zubrachten.

Hier spielt der Wind schon manches falbe Laub von den Ästen und mir die kalten Regentropfen ins Gesicht, wenn ich frühe, wo noch kein Mensch des Weges geht, durch die feuchten Alleen des englischen Gartens wandre, denn die langen Schatten am frühsten Morgen sind mir beßre Gefährten als alles, was mir den ganzen Tag über begegnet.

Da besuche ich alle Morgen meinen alten Winter; bei schönem Wetter frühstückt er in der Gartenlaube mit der Frau, da muß ich immer den Streit zwischen beiden schlichten um die Sahne auf der Milch. Dann steigt er auf seinen Taubenschlag, so groß wie er ist, muß er sich an den Boden ducken, hundert Tauben umflattern ihn, setzen sich auf Kopf, Brust, Leib und Beine; zärtlich schielt er sie an, und vor Freundlichkeit kann er nicht pfeifen, da bittet er mich: o pfeifen Sie doch; so kommen denn noch Hunderte von draußen hereingestürzt mit pfeifenden Schwingen; gurren, rucksen, lachen und umflattern ihn; da ist er selig und möchte eine Musik komponieren, die grad so lautet. Da nun Winter ein wahrer Koloß ist, so stellt er ziemlich das Bild des Nils dar, der von einem kleinen Geschlecht umkrabbelt wird, und ich als Sphinx neben ihm kauernd, einen großen Korb voll Wicken und Erbsen auf dem Kopf. Dann werden Marcellos Psalmen gesungen, eine Musik, die mir in diesem Augenblick sehr zusagt, ihr Charakter ist fest und herrschend, man kann sie nicht durch Ausdruck heben, sie läßt sich nicht behandeln, man kann froh sein, wenn die Kraft ausreicht, welche der Geist dieser Musik fordert. Von höherer Macht fühlt man sich als Organ benützt, Figur und Ton von Harmonie umkreist und bedingt auszusprechen. So ist diese kunstgerechte gewaltige Sprache idealischer Empfindung, daß der Sänger nur Werkzeug, aber mitdenkend, mitgenießend sich empfindet, und dann die Rezitative, das Ideal ästhetischer Erhabenheit, wo alles, sei es Schmerz oder Freude, ein tobend Element der Wollust wird.

Wie lange haben wir nichts über Musik gesprochen, damals am Rhein, da war's, als müsse ich Dir den gordischen Knoten auflösen, und doch fühlte ich meine Unzulänglichkeit, ich wußte nichts von ihr, wie man auch vom Geliebten nichts weiß, als nur, daß man in ihn verliebt ist. Und jetzt bin ich erst gar ins Stocken geraten, alles möcht ich gern aussprechen, aber in Worten zu denken, was ich im Gefühl denke, das ist schwer; ja, solltest Du's glauben? Gedanken machen mir Schmerzen, und so zaghaft bin ich, daß ich ihnen ausweiche, und alles, was in der Welt vorgeht, das Geschick der Menschen und die tragische Auflösung macht mir einen musikalischen Eindruck. Die Ereignisse im Tirol nehmen mich in sich auf wie der volle Strom allseitiger Harmonie. Dies Streben mitzuwirken ist grade wie in meinen Kinderjahren, wenn ich die Symphonien hörte im Nachbarsgarten und ich fühlte, man müsse mit einstimmen, mitspielen, um Ruhe zu finden; und alles Zerschmetternde in jenen Heldenereignissen ist ja auch wieder so belebend, so begeistigend, wie dies Streiten und Gebaren der verschiedenen Modulationen, die doch alle in ihren eigensinnigen Richtungen unwillkürlich durch ein Gesamtgefühl getragen, immer allseitiger, immer in sich konzentrierter in ihrer Vollendung sich abschließen. So empfinde ich die Symphonie, so erscheinen mir jene Heldenschlachten auch Symphonien des göttlichen Geistes, der in dem Busen des Menschen Ton geworden ist himmlischer Freiheit. Das freudige Sterben dieser Helden ist wie das ewige Opfern der Töne einem hohen gemeinsamen Zweck, der mit göttlichen Kräften sich selbst erstreitet; so scheint mir auch jede große Handlung ein musikalisches Dasein; so mag wohl die musikalische Tendenz des Menschengeschlechts als Orchester sich versammeln und solche Schlachtsymphonien schlagen, wo denn die genießende, mitempfindende Welt neu geschaffen, von Kleinlichkeit befreit, eine höhere Befähigung in sich gewahrt.

Ich werde müde vom Denken und schläfrig, wenn ich mir Mühe gebe, der Ahnung nachzugehen, da wird mir angst, ja ich möchte die Hände ringen vor Angst um einen Gedanken, den ich nicht fassen kann. Da möcht ich mit einem Ausdruck Dir hingeben Dinge, denen ich nicht gewachsen bin, und dann schwindet mir alle Erkenntnis, langsam wie die untergehende Sonne, ich weiß, daß sie ihr Licht ausströmt, aber sie leuchtet mir nicht mehr.

Denken ist Religion, fürs erste Feueranbeten, wir werden einst noch weiter schreiten, wo wir mit dem ursprünglich göttlichen Geist uns vereinen, der Mensch geworden und gelitten hat, bloß um in unser Denken einzudringen; so erkläre ich mir das Christentum als Symbol einer höheren Denkkraft, wie mir denn überhaupt alles Sinnliche Symbol des Geistigen ist.

Nun, wenn auch die Geister sich mit mir necken und nicht fangen lassen, so erhält dies mich doch frisch und tätig, und sie haben mir auf den Weg gestreut gleich einem auserwählten Ritter der Tafelrunde gar mannigfach Abenteuer auf holperigem Pfad, bekannt bin ich worden mit den dürren Geistern der Zeit, mit Ungeheuern verschiedener Art, und wunderbar haben mich diese Besessenen in ihr träumerisch Schicksal gezogen. Aber nicht hab ich erblickt wie bei Dir, da von heiliger Leier mir frisches Grün entgegenglänzte, und nicht hört ich wie bei Dir, dem unter den Füßen silbern der Pfad tönt, als der auf Straßen Apollos wandelt. Da denk ich mit verschlossenen Augen, wie ich gewohnt war, mit Dir lächelnd des Herzens Meinung zu wechseln, den eignen Geist in der Seele fühlend. Deine Mutter sagte mir manchmal von vergangner Zeit, da wollt ich nicht zuhören und hieß sie schweigen, weil ich grad eben mich in Deine Gegenwart träumte.

Franz Bader, der nach seiner Glasfabrik in Böhmen gereist ist, hat mir beim Abschied beigepackte Abhandlungen für Dich gegeben und mich zugleich gebeten, Dich seiner innigsten Achtung zu versichern, er hat mir dabei mancherlei aus seinem Leben erzählt, wie er in Schottland zum Beispiel gar gefahrvolle Reisen gemacht, in einem winzigen Nachen, mit Deinem »Egmond«, im Meer zwischen Klippen und Inseln hin und her geworfen, wie er mit den Meerkatzen fechten müssen, wie Nacht und Sturm ihm alle Lebensgeister ausbliesen und er mitten in der Not nur immer Deine Bücher zu retten gesucht. Siehst Du! so treibt's Dein Geist auf allen Pfaden, zu Land wie zu Wasser, und er zieht von der Quelle an fort mit dem Strom, bis wo er sich ergießt, und so ziehen mit die noch fremden Ufer, und die blaue Ferne sinkt neigend zusammen vor Deiner Ankunft. Und es sehen die Wälder Dir nach, und die vergoldende Sonne schmückt die Bergeshöhen zu Deinem Empfang; es feiern aber im Mondglanz Dein Andenken die Silberpappel und die Tanne am Weg, die Deiner Jugend reine Stimme gehört.

Gestern erhielt ich Dein Bild, eine kleine Paste in Gips, aus Berlin, es gleicht, was hilft's, ich muß nach Dir verlangen.

Noch ein ägyptisches Ungeheuer ist mir hier auf Bayerns feuchtem Boden begegnet, und nicht wundert mich, daß seine trockne sandige Natur hier verfault, es ist Klotz, der von den Geistern der Farbe verfolgte und gepeinigte, endlich ihrer Gewalt erliegend, sein fünfundzwanzigjähriges Werk endet. Ägyptisch nenne ich ihn, weil erstens sein Antlitz, wie von glühenden Harzen geschmiedet, zugleich eine ungeheure Pyramide darstellt, und zweitens, weil er in fünfundzwanzig Jahren mit außerordentlicher Anstrengung sich nicht vom Platze gearbeitet hat. Ich habe aus christlicher Milde (und zugleich um Dir, als welcher nach Klotzens Aussage einer Entschuldigung bedürfte, Gerechtigkeit widerfahren zu lassen) sein ganzes Manuskript angehört. Nun kann ich mich freilich mit was ich von ihm erlernt, nicht breit machen, ich war mit Rätseln umstrickt, die durch seine Reden nur noch verwickelter wurden, und er war ängstlich auf seiner Hut, daß ich ihm nicht eins seiner Geheimnisse erschnappte, um es Dir zu übertragen, er möchte gern mit Dir selber hierüber sprechen, am meisten klagte er, daß Du ihm auf einen demütigen, aufrichtigen Brief keine Antwort gegeben, ich aber tröstete ihn damit, daß Du mir auf einen bittenden, liebenden Brief auch keine Antwort gegeben, und so war es gut. Ich kann dem armen Mann nicht begreiflich machen, daß er die Perlen mit den Kleien gemischt, und daß wahrscheinlich beides zusamt von den Schweinen gefressen wird. Du aber könntest hier gewiß Gutes stiften, wenn Du Dich über seine Entdeckungen mit ihm einlassen wolltest. Beikommende Tabelle hab ich ihm für Dich abgeluchst, sie gefällt mir so wohl, daß ich sie wie ein schönes Bild betrachte.

Jetzt hab ich noch eine geringe Frage, aber sie gilt mir viel, denn sie soll mir eine Antwort eintragen: hast Du Albrecht Dürers Bildnis, welches schon vor sechs Wochen von hier abging, erhalten? wo nicht, so bitte ich, lasse doch in Weimar bei den Fuhrleuten nachfragen.

Es geht hier eine Sage unter dem Volk, es werde bald eine Erscheinung sein, die soll Wahlverwandtschaften heißen und von Dir in Gestalt eines Romans ausgehen. Ich habe einmal einen fünf Stunden langen, saueren Weg nach einem Sauerbrunnen gemacht, er lag so einsam zwischen Felsen, der Mittag konnte nicht zu ihm niedersteigen, die Sonne zersplitterte tausendfach ihre Strahlenkrone an dem Gestein, alte dürre Eichen und Ulmen standen wie die Todeshelden drum her, und Abgründe, die man da sah, waren keine Abgründe der Weisheit, sondern dunkle, schwarze Nacht, mir wollt's nicht behagen, daß die himmlische Natur solche Launen habe, der Atem wurde mir schwer und ich hatte das Gesicht ins Gras gewühlt. Wenn ich aber diese Wahlverwandtschaften dort an der Quelle wüßte, gern wollt ich den schauerlichen, unheimlichen Weg noch einmal machen, und zwar mit leichtem Schritt und leichtem Sinn, denn erstens dem Geliebten entgegengehen beflügelt den Schritt, und zweitens mit dem Geliebten heimgehen ist der Inbegriff aller Seligkeit.

9. September 1809 Bettine

An Bettine

Ihr Bruder Clemens, liebe Bettine, hatte mir bei einem freundlichen Besuche den Albrecht Dürer angekündigt, so wie auch in einem Ihrer früheren Briefe desselben gedacht war. Nun hoffte ich jeden Tag darauf, weil ich an diesem guten Werk viel Freude zu erleben gedachte, und wenn ich mir's auch nicht zugeeignet hätte, es doch gern würde aufgehoben haben, bis Sie gekommen wären, es abzuholen. Nun muß ich Sie bitten, wenn wir es nicht für verloren halten sollen, sich genau um die Gelegenheit zu erkundigen, durch welche es gegangen, damit man etwa bei den verschiedenen Spediteurs nachkommen kann, denn aus Ihrem heutigen Briefe sehe ich, daß es Fuhrleuten abgeliefert worden. Sollte es inzwischen ankommen, so erhalten Sie gleich Nachricht.

Der Freund, welcher die Kölner Vignette gezeichnet, weiß, was er will, und versteht mit Feder und Pinsel zu hantieren, das Bildchen hat mir einen freundlichen guten Abend geboten.

Franz Badern werden Sie schönstens für das Gesendete danken. Es war mir von den Aufsätzen schon manches einzelne zu Gesicht gekommen. Ob ich sie verstehe, weiß ich selbst kaum, allein ich konnte mir manches daraus zueignen. Daß Sie meine Unart gegen den Maler Klotz durch eine noch größere, die Sie mir verziehen haben, entschuldigt, ist gar löblich und hat dem guten Mann gewiß besonders zur Erbauung gedient. Die Tafel ist wohlbehalten angekommen, so angenehm auch der Eindruck ist, den sie auf das Auge macht, so schwer ist sie doch zu beurteilen; wenn Sie ihn daher bewegen können, den Schlüssel zu diesem Farbenrätsel herzuleihen, so könnte ich vielleicht durch eine verständige und gegründete Antwort mein früheres Versäumnis wieder gutmachen.

Wieviel hätte ich nicht noch zu sagen, wenn ich auf Ihren vorigen lieben Brief zurückgehen wollte? Gegenwärtig nur so viel von mir, daß ich mich in Jena befinde, und vor lauter Verwandtschaften nicht recht weiß, welche ich wählen soll. Wenn das Büchlein, das man Ihnen angekündigt hat, zu Ihnen kommt, so nehmen Sie es freundlich auf, ich kann selbst nicht dafür stehen, was es geworden ist.

Mit eigner Hand:

Nimm es nicht übel, daß ich mit fremder Hand schreibe, die meine war müde, und ich wollte Dich doch nicht ohne Nachricht lassen über das Bild, suche ihm doch ja auf die Spur zu kommen, fahre fort, an mich zu denken und mir etwas von Deinem wunderlichen Leben zu sagen, Deine Briefe werden wiederholt gelesen mit vieler Freude, was Dir auch die Feder darauf erwidern könnte, es wäre doch immer weit entfernt von dem unmittelbaren Eindruck, dem man sich so gern hingibt, selbst wenn es Täuschung wär, denn wer vermag bei wachenden Sinnen zu glauben an den Reichtum Deiner Liebe, den man als Traum aufzunehmen wohl am besten tut. Was Du zum voraus über die Wahlverwandtschaften sagst, ist prophetischer Blick, denn leider geht die Sonne düster genug dort unter. Suche doch ja dem Albrecht Dürer auf die Spur zu kommen. Lebe recht wohl.

Jena, den 11. September 1809

Goethe

Heute bitt ich wieder einmal um Verzeihung, liebe Bettine, wie ich es schon oft hätte tun sollen. Ich habe Dir wegen des Bildes vergebene Sorge gemacht, es ist in Weimar wirklich angekommen, und nur durch Zufall und Vernachlässigung kam die Nachricht nicht an mich herüber. Nun soll es mich bei meiner Rückkehr in Deinem Namen freundlichst empfangen und mir ein guter Wintergeselle werden, auch so lang bei mir verweilen, bis Du zu mir kommst, es abzuholen. Laß mich bald wieder von Dir vernehmen. Der Herzog grüßt Dich aufs beste, einiges muß ich ihm auch diesmal aus Deinem schönen Fruchtkranz von Neuigkeiten zukommen lassen. Er ist Dir mit besonderer Neigung zugetan, und besonders was die Schilderung von Kriegsszenen anbelangt, teilt er vollkommen Deine enthusiastische An- und Umsichten; erwartet aber auch nur ein tragisches Ende. August kommt Anfang Oktobers von Heidelberg zurück, wo es ihm ganz wohlgegangen ist. Auch hat er eine Rheinreise bis Koblenz gemacht. Lebe meiner gedenk. Jena, den 15. September 1809

G.

26. September

Wie ein Sperling kam mir Dein Brief vom 11. September auf den Schreibtisch geflogen; zuletzt hast Du zwar ein kleines Dompfaffenstückchen dran gehängt von besonderer Teilnahme, allein ich lasse mir nichts weismachen, das war nach der alten Drehorgel gepfiffen. Hättest Du mich lieb, unmöglich könntest Du von Deinem Sekretär einen Brief abschnurren lassen wie ein Paternoster, er ist ein Philister, daß er so was schreibt und Dich selbst dazu macht, ich kann mir auch gar nicht vorstellen, wie Du es mit ihm anstellst; sprichst Du ihm denn den Inhalt Deines Briefs vor, oder gibst Du ihm Deine Gedanken so im Rummel, daß er sie nachher reihenweis nebeneinander aufschichte?

Verliebt bist Du, und zwar in die Heldin Deines neuen Romans, und das macht Dich so eingezogen und so kalt gegen mich, Gott weiß, welches Muster Dir hier zum Ideal diente; ach Du hast einen eignen Geschmack an Frauen, Werthers Lotte hat mich nie erbaut, wär ich nur damals bei der Hand gewesen, Werther hätte sich nicht erschießen dürfen, und Lotte hätte sich geärgert, daß ich ihn so schön trösten konnte.

So geht mir's auch im Wilhelm Meister, da sind mir alle Frauen zuwider, ich möchte sie alle zum Tempel hinausjagen, und darauf hatte ich auch gebaut, Du würdest mich gleich liebgewinnen, wenn Du mich kennenlerntest, weil ich besser bin und liebenswürdiger wie die ganze weibliche Komitee Deiner Romane, ja wahrhaftig, das ist nicht viel gesagt, für Dich bin ich liebenswürdiger, wenn Du, der Dichter, das nicht herausfinden willst? für keinen andern bin ich geboren; bin ich nicht die Biene, die hinausfliegt, aus jeder Blume Dir den Nektar heimbringt? und ein Kuß! meinst Du, der sei gereift wie die Kirsche am Ast? nein, ein Umschweben Deiner geistigen Natur, ein Streben zu Deinem Herzen, ein Sinnen über Deine Schönheit strömt zusammen in Liebe; und so ist dieser Kuß ein tiefes unbegreifliches Einverständnis mit Deiner unendlich verschiedensten Natur von mir. O versündige Dich nicht an mir und mache Dir kein geschnitzeltes Bild, dasselbige anzubeten, während die Möglichkeit Dir zuhanden liegt, ein wunderbares Band der Geisterwelt zwischen uns zu weben.

Wenn ich mein Netz aufzog, so willkürlich gewebt, so kühn ausgeworfen, im Gebiet des Unbekannten, ich brachte Dir den Fang, und was ich Dir auch bot, es war der Spiegel des menschlich Guten. Die Natur hat auch einen Geist, und in jeder Menschenbrust empfindet dieser Geist die höheren Ereignisse des Glücks und des Unglücks, wie sollte der Mensch um sein selbst willen selig sein können, da Seligkeit sich in allem empfindet und keine Grenze kennt? So empfindet sich Natur selig im Geist des Menschen, das ist meine Liebe zu Dir, und so erkennt der Menschengeist diese Seligkeit, das ist Deine Liebe zu mir: geheimnisvolle Frage und unentbehrliche Antwort.

Genug! lasse mich nicht vergebens bei Dir angeklopft haben, nimm mich auf und verhülle mich in Dein tieferes Bewußtsein.

Dein zweiter Brief ist auch hier, der mir das glückliche Einfangen des vagabundierenden Kunstwerkes meldet, möge es Dir bei Deiner Heimkehr einleuchten; es ist ein Gesicht, zwar nur ein gemaltes, aber unter tausend lebendigen wird Dir kein so durchdringender Blick begegnen, der hat sich angesehen, hat sich sein tiefstes Herz abgefragt und auf die Leinwand gemalt, daß es Rechenschaft gebe von ihm den nachkommenden Geschlechtern als der Würdige unter den Besten.

Vom Welttheater auf den Felsspitzen ist nur zu melden, daß sie gut balancieren. Am 3. September, am Geburtstag Deines gnädigsten Herrn und Freundes, hat ganz Tirol mit allen Glocken geläutet und Te Deum gesungen; es ist grade Platz genug dort, daß von allen Seiten Heldentaten dargestellt werden, die so kühn sind, so himmelanstrebend wie die Felszacken, von denen sie ausgehen, und bald so tief vergessen sein werden wie die tiefen Klüfte, in denen sie ihre Feinde begraben, entschieden Genaues erfährt man nicht; das Großartige wird so viel wie möglich verketzert und verheimlicht; in diesen letzten Wochen hat sich Steger hervorgetan, auch ein allseitiges Genie, der sich selber als ein Geschenk Gottes betrachten kann für seine Landsleute. Von Deinem Musensohn, dem Kronprinzen, sind Briefe hier, über Begebenheiten melden sie nichts, er ist gesund und dichtet, auch mitten in dem Tumult des Schicksals, das beweist, daß er sich in diesem Element nicht fremd fühlt; weiter weiß ich nichts, das Gedicht bekam ich nicht zu lesen, ich hätte es Dir sehr gern als Probe gesendet, man fürchtet, es möchte mich zu tief ergreifen, sonderbar! Ich könnte mein ganzes Herz tätowieren, Namenszeichen und Andenken einbrennen lassen, und doch blieb es so gesund und frisch dabei als ein gesunder Handwerksbursch, so geht's, wenn man Freunde hat, die sich um einen kümmern, sie beurteilen einem verkehrt und mißhandeln einen danach, das nennen sie Anteil nehmen, und dafür soll man sich noch bedanken: ich habe mir nun ein apartes Pläsier gemacht und ein schönes Miniaturbild des jungen Königsohns an mich gebracht, das betracht ich zuweilen und bete ihm im Geist vor, wie es mit ihm werden soll; aber, aber! es ist dafür gesorgt, daß die Bäume nicht im Himmel wachsen, sag ich mit Dir; es hat gute Wege mit Weltherrschern, daß die ihre Macht nicht gewahr werden und ihrer Fähigkeiten nicht Meister.

Rundum in der Gegend ist der Typhus ausgebrochen, durchmarschierende Truppen haben ihn mitgebracht, ganze Familien sterben auf dem Lande einer einzigen Nachteinquartierung nach; es raffte schon die meisten Lazarettärzte weg, gestern hab ich einen jungen Mediziner, der sich freundlich an mich attaschiert hatte, verabschiedet, er heißt Janson, er ging nach Augsburg ins Lazarett, um dort einen alten Lehrer, der Frau und Kinder hat, abzulösen, dazu gehört auch großartiger Mut. Auch in Landshut, wo Savignys sind, fährt der Tod seinen Karren triumphierend durch alle Straßen, und besonders hat er mehrere junge Leute, ausgezeichnet an Herz und Geist, die sich der Krankenpflege annahmen, weggerafft, es waren treue Hausfreunde von Savigny; ich werde nächstens hingehen, um böse und gute Zeit mit auszuhalten. Denn ich sag allen politischen Ereignissen Valet, was hilft alles Forschen, wenn man betrogen wird und alle aufgeregten Gefühle nutzlos sich verzehren müssen. Adieu, ich bin Dir nicht grün, daß Du Deinen Sekretär an mich hast schreiben lassen. Es braucht nur wenig zu sein zwischen uns, aber nichts Gleichgültiges, das tötet das flüchtige Salz des Geistes und macht die Liebe scheu. Schreibe bald und mache wieder gut.

Bettine

An Bettine

Deinen Vorwürfen, liebste Bettine, ist nicht auszuweichen, da bleibt nichts übrig als die Schuld zu bekennen und Besserung zu versprechen, um so mehr, da Du mit den geringen Beweisen von Liebe, die ich Dir geben kann, zufrieden bist; auch bin ich nicht imstande, Dir das von mir zu schreiben, was Dir am interessantesten sein möchte, dagegen Deine lieben Briefe so viel Erfreuliches gewähren, daß sie billig allem andern vorgehen; sie bescheren mir eine Reihe von Festtagen, deren Wiederkehr mich immer aufs neue erfreut.

Gern geb ich Dir zu, daß Du ein weit liebenswürdigeres Kind bist wie alle, die man Dir als Geschwister an die Seite zu stellen versucht wird; eben darum erwart ich von Dir, daß Du ihnen zugute halten werdest, was Du vor ihnen voraus hast. Verbinde nun mit solchen schönen Eigenschaften

auch die, immer zu wissen, wie Du mit mir dran bist; schreibe mir, was Dir deucht, es wird jederzeit aufs herzlichste aufgenommen, Dein offenherziges Plaudern ist mir eine echte Unterhaltung, und Deine vertraulichen Hingebungen überwiegen mir alles. Lebe wohl, bleibe mir nah und fahre fort, mir wohl zu tun.

Jena, 7. Oktober

Goethe

Landshut, am 24. Oktober

Das Reich Gottes steht in der Kraft zu jeder Zeit und an allen Orten, dies habe ich heute bemerkt bei einer hohlen Eiche, die da stand in der Schar wilder hoher Waldpflanzen mächtig groß, und ihre Jahrhunderte zählte, ganz abgewendet vom Sonnenschein. Wolfsstein ist bei drei Stunden von hier, man muß über manchen Stiegelhupfer, kommt allmählich aufwärts zwischen Tannen und Fichten, die ihre breiten Äste im Sand schleifen. Dort stand vor vielen hundert Jahren ein Jagdschloß von Ludwig dem Schönen, Herzog in Bayern, dessen sonderliche Lust war, in Nebel und Abenddämmerung herumzuschweifen, da war er einstmals abwärts gegangen und hatte ihn die Dunkelheit heimlich noch an eine Mühle geführt, das Wasser hörte er brausen und das Mühlenrad gehen, sonst war alles still, er rief, ob ihn niemand höre, die Müllerin, die gar schön war, wachte auf, zündete ein Kienholz an und kam vor die Tür gegangen, da war der Herzog gleich verliebt, da er sie beim Schein der Flamme sehen konnte, und ging mit ihr ein, blieb auch bis am frühen Morgen. Er suchte sich aber einen heimlichen Weg, wie er wieder zu ihr kommen möge. Er vergaß ihrer nicht, aber wohl vergaß er der Mark Brandenburg, die er verlor, darum, daß er auf nichts achtete als nur auf die Liebe; eine Ulmenallee, die zur Mühle führt vom Schloß aus, und die er selbst pflanzte, steht noch; »daran sieht man, daß die Bäume wohl alt werden, aber die Liebe nicht«, sagte einer von unserer Gesellschaft, da wir durch die Allee gingen. Und darum hat der Herzog nicht unrecht, daß er die Mark Brandenburg um die Liebe gab, denn diese ist immer noch da und ist dumm, aber in der Liebe geht man umher wie im Frühling, denn sie ist ein Regen von sammetnen Blütenblättern, ein kühles Hauchen am heißen Tag, und sie ist schön, bis sie am End ist. Gäbst Du nun auch die Mark um die Liebe? es würde mir nicht gefallen, wenn Du Brandenburg lieber hättest wie mich.

Am 23. Oktober

Der Mond scheint weit her über die Berge, die Winterwolken ziehen herdenweis vorüber. Ich habe schon eine Weile am Fenster gestanden und zugesehen, wie's oben jagt und treibt. Lieber Goethe, guter Goethe, ich bin allein, es hat mich wieder ganz aus den Angeln gehoben und zu Dir hinauf! wie ein neugeboren Kindchen, so muß ich diese Liebe pflegen zwischen uns; schöne Schmetterlinge wiegen sich auf den Blumen, die ich um seine Wiege gepflanzt habe, goldne Fabeln schmücken seine Träume, ich scherze und spiele mit ihm, jede List versuch ich um seine Gunst. Du aber beherrschst es mühelos, durch das herrliche Ebenmaß Deines Geistes; es bedarf bei Dir keiner zärtlichen Ausbrüche, keiner Beteuerungen. Während ich sorge um jeden Augenblick der Gegenwart, geht eine Kraft von Dir aus des Segens, die da reicht über alle Vernunft und über alle Welt.

Am 22. Oktober

Ich fange gern hoch oben am Blatt an zu schreiben, und endige gern tief unten, ohne einen Platz zu lassen für den Respekt; das malt mir immer vor, wie vertraut ich mit Dir sein darf; ich glaub wahrhaftig, ich hab's von meiner Mutter geerbt, denn alte Gewohnheit scheint's mir, und wie das Ufer den Schlag der Wellen gewöhnt ist, so mein Herz den wärmeren Schlag des Blutes bei Deinem Namen, bei allem, was mich daran erinnert, daß Du in dieser sichtbaren Welt lebst.

Deine Mutter erzählte mir, daß, wie ich neugeboren war, so habest Du mich zuerst ans Licht getragen und gesagt, das Kind hat braune Augen, und da habe meine Mutter Sorge getragen, Du würdest mich blenden, und nun geht ein großer Glanz von Dir aus über mich.

Am 21. Oktober

Es geht hier ein Tag nach dem andern hin und bringt nichts, das ist mir nicht recht; ich sehne mich wieder nach der Angst, die mich aus München vertrieben hat, ich habe Durst nach den Märchen von Tirol, ich will lieber belogen sein als gar nichts hören; so halte ich doch mit ihnen aus und leide und bete für sie.

Der Kirchturm hat hier was Wunderliches, sooft ein Domherr stirbt, wird ein Stein am Turm geweißt, da ist er nun von oben bis unten weiß geplackt.

Indessen geht man an schönen Tagen hier weit spazieren mit einer liebenswürdigen Gesellschaft, die sich an Savignys menschenfreundlicher Natur ebenso erquickt wie an seinem Geist. Salvotti, ein junger Italiener, den Savigny sehr auszeichnet, hat schöne Augen, ich sehe ihn aber doch lieber vor mir hergehen als ins Gesicht; denn er trägt einen grünen Mantel, dem er einen vortrefflichen Faltenwurf gibt, Schönheit gibt jeder Bewegung Geist; er hat das Heimweh, und obschon er alle Tage seinen vaterländischen Wein durch den bayerischen Flußsand filtriert, um sich zu gewöhnen, so wird er täglich blasser, schlanker, interessanter, und bald wird er seine Heimat aufsuchen müssen, um ihr seine heimliche Liebe einzugestehen; so wunderliche Grillen hat Natur, zärtlich, aber nicht überall dieselbe, demselben.

Ringseis, der Arzt, der mir den Intermaxillarknochen sehr schön präpariert hat, um mir zu zeigen, wie Goethe recht hat, und viele freundliche Leute sind unsre Begleiter, man sucht die steilsten Berge und die beschwerlichsten Wege, man übt sich aufs kommende Frühjahr, wo man eine Reise in die Schweiz und Tirol vorhat; wer weiß, wie's dann dort aussehen wird, dann werden die armen Tiroler schon seufzen gelernt haben.

Heute Nacht hab ich von Dir geträumt, was konnte mir Schöneres widerfahren? Du warst ernsthaft und sehr geschäftig und sagtest: ich solle Dich nicht stören. Das machte mich traurig, da drücktest Du sehr freundlich meine Hand auf mein Herz und sagtest: »Sei nur ruhig, ich kenne Dich und weiß alles«, da wachte ich auf; Dein Ring, den ich im Schlaf an mich gedrückt hatte, war auf meiner Brust abgebildet, ich paßte ihn wieder in die Abbildung und drückte ihn noch fester an, weil ich Dich nicht an mich drücken konnte. Ist denn ein Traum nichts? Mir ist er alles; ich will gern die Geschäfte des Tages aufgeben, wenn ich nachts mit Dir sein und sprechen kann. O sei's gern im Traum, mein Glück, Du.

Am 19. Oktober

Auch hier hab ich der Musik ein Lustlager aufzuschlagen gewußt, ich hab mir eine Kapelle von sechs bis acht Sängern errichtet, ein alter geistlicher Herr, Eixdorfer (behalte seinen Namen, ich werde Dir noch mehr von ihm erzählen), ein tüchtiger Bärenjäger und noch kühnerer Generalbaßspieler, ist Kapellmeister. An Regentagen werden in meinem kleinen Zimmer die Psalmen von Marcello aufgeführt, ich will Dir gern die schönsten davon abschreiben lassen, wenn Du sie selbsten nicht hast, schreib nur ein Wort drum, denn die Musik ist einzig herrlich und nicht gar leicht zu haben. Auch die Duetten von Durante sind schön, das Gehör muß sich erst daran gewöhnen, ehe es ihre harmonische Disharmonie bändigen mag, eine Schar gebrochner Seufzer und Liebesklagen, die in die Luft wie ein irrendes Verhallen abbricht; drum sind sie aber auch so gewaltig, wenn sie recht gesungen werden, daß man sich immer wieder neu in diesen Schmerzen verschmachten ließe. Man hatte indessen ein barbarisches Urteil über diese und Marcello gefällt, ich wurde bizarr genannt, daß ich täglich zweimal, morgens und abends, nur diese Musik singen ließ. Nach und nach, wie jeder Sänger seinen Posten verstehen lernte, gewann er auch mehr Interesse. Auf Apolls hohen Kothurnen schreiten, mit Jupiters Blitzen um sich schleudern, mit Mars Schlachten liefern, Sklavenketten zerbrechen, den Jubel der Freiheit ausströmen, bacchantische Lust ausrasen, mit dem Schild der Minerva die anstürmenden Chöre zusammendrängen, ihre Evolutionen ordnend schützen, das sind so einzelne Teile dieser Musik, an denen ein jeder die Kraft seiner Begeisterung kann wirksam machen. Da ist denn auch kein Widerstand; Musik macht die Seele zu einem gefühligen Leib, jeder Ton berührt sie; Musik wirkt sinnlich auf die Seele, wer nicht so erregt ist im Spiel wie in der Komposition, der bringt nichts Gescheites hervor; die scheinheiligen, moralischen Tendenzen seh ich so alle zum Teufel gehen mit ihrem erlogenen Plunder, denn nur die Sinne erzeugen in der Kunst wie in der Natur, und Du weißt das am besten.

Am 18. Oktober

Von Klotzens Farbenmartyrtum hab ich Dir noch Rechenschaft zu geben; es ist nichts mit ihm anzufangen, ich habe zum Teil mit Langerweile, aber doch auch mit Teilnahme mein Ohr seinem fünfundzwanzigjährigen Manuskript geliehen, mich mühsam durchgearbeitet und mit Verwunderung entdeckt, daß er sich selbst in höchst prosaischem Wahnsinn hinten angehängt hat; nichts hab ich besser verstanden als dies eine: Ich bin Ich, und beim Lichte besehen, hat er sich durch häufiges Hineinsinnen endlich selbst in drei grobe, schmutzige Stoffarben verwandelt. Nachdem ich eine wahre Marter bei ihm ausgestanden hatte, besonders durch sein schauerliches Gesicht, so konnt ich nach endlich beendigten Kollegien nicht mehr über mich gewinnen, ihn zu besuchen, und kam mir eine seltsame Furcht, wenn ich ihn auf der Straße witterte. Bei Sonn- und Mondenschein stürzt er auf mich los, ich suche zu entweichen, ach, vergebens, die Angst lähmt meine Glieder, und ich falle in seine Hände. Nun fing er an, sein System von Grund aus in meine Seele einzukeilen, damit ich den Unterschied von Goethes Ansicht ja recht auffasse; auch lud er mich ein, um mir seine Lichttheorie auf französisch vorzulesen, er übersetzte das Ganze, um es der Pariser Akademie zu übergeben; da nun ein Dämon in mir dem allen entgegenarbeitet, was sich als Wirklichkeit behauptet, keine Form veredelt, alles Poetische leugnet oder höchst gleichgültig überbaut oder zertrümmert, so hab ich ihm durch meine großen Lügen, Parodien und Vergleichsammlungen wiederum das Leben, das ganz erstarren wollte, auf etliche Zeit gefristet.

Ich meinte, da ich durch sein Prisma sah in den schwarzen Streif und alles sah, was er wollte, daß der Glaube die Geburt und sichtliche Erscheinung des Geistes sei und eine Befestigung seines Daseins; denn ohne ihn schwebt alles und gewinnt keine Gestalt und verfliegt in tausend Auswegen, so auch, wenn ich zweifle und nicht glaube, so verfliegt mir auch Dein schönes Andenken, und ich habe nichts.

Am 17. Oktober

Um etwas bitte ich, Du darfst mir's nicht abschlagen, man kann nämlich während der Lebzeit nicht genug sammlen der Dinge, die die Einsamkeit des Grabes versüßen, als da sind: Schleifen, Haarlocken der Geliebten usw.; meine Liebe zu Dir ist zu groß, als daß ich Dir ein Haar krümmen möchte, viel weniger eins abschneiden, denn Dein Haar gehört zu Dir, und Du bist ein Ganzes, das meine Liebe sich zugeeignet hat, und will auch nicht ein Haar an Dir missen. Gib mir Dein Buch lasse es schön einbinden in eine freundliche Farbe, in Rot etwa; denn das ist eine Farbe, in der wir uns oft begegneten, und dann schreibe mit eigner Hand vorne hinein: Bettine oder Schatz usw. dies Buch schenk ich Dir.

Am 16. Oktober

Zwei Briefe erhielt ich von Dir über Dürers Bildnis, Du mußt mir aber auch Nachricht geben, ob es unbeschädigt angekommen, und ob es Dir gefällt? Sag mir, was Du Lobenswertes daran findest, damit ich's dem sehr armen Maler wiedersagen kann. Ich habe jetzt noch obendrein gehäufte Korrespondenzen mit jungen Aufschößlingen der Kunst, einem jungen Baumeister in Köln, ein Musiker von achtzehn Jahren, der bei Winter Komposition studiert, reich an schönen Melodien, wie ein silberner Schwan, der in hellblauer Luft mit ausgespannten Flügeln singt. Der Schwan hat einen verflixt bayerischen Namen, er heißt Lindpaintner, doch sagt Winter, er wird diesen Namen zu Ehren bringen. Ein junger Kupferstecher, der bei Heß in München studiert. Beiliegendes radiertes Blättchen ist von ihm, es ist der erste Abdruck, noch verwischt und unzart, auch ist das Ganze etwas düster und nach dem Urteil anderer zu alt, indessen scheint mir's nicht ganz ohne Verdienst, er hat es ohne Zeichnung gleich nach der Natur aufs Kupfer gearbeitet; wenn Dir's gefällt, so schick ich ein reineres, besseres, mit mehr Sorgfalt gepackt, das kannst Du an Dein Bett an die Wand stecken. All diesen Menschen sprech ich nun in verschiedner Art Trost zu, und ist mir eine angenehme Würde, als ihr kleines Orakel von ihnen beraten zu werden, ich lehre sie nun ihre fünf Sinne verstehen; wie daß aller Dinge Wesen in ihnen fliegt und kriecht, wie Duft der Lüfte, wie Kraft der Erde, wie Drang der Wässer und Farben des Feuers in ihnen leben und arbeiten, wie die wahre Ästhetik im hellen Spiegel der Schöpfung liege, wie Reif, Tau und Nebel, Regenbogen, Wind, Schnee, Hagel, Donner und die drohenden Kometen, die Nordscheine usw. einen ganz andern Geist herbeiziehen. Der Gott, der den Winden Flügel anbindet, der wird sie ihrem Geist auch anbinden.

Am 15. Oktober

Merkst Du denn nicht, daß mein Datum immer zurück, statt vorwärts geht? Ich habe mir nämlich eine List ausgesonnen; da die Zeit mich immer weiter trägt und nie zu Dir, so will ich zurückgehen bis auf den Tag, wo ich bei Dir war, und dort will ich stehen bleiben und will von dem: In Zukunft und: Mit der Zeit und: Bald gar nichts mehr wissen, sondern dem allen den Rücken kehren, ich will der Zukunft ein Schloß vor die Tür legen und somit Dir auch den Weg versperren, daß Du nirgends als zu mir kannst.

Schreib mir über die Musik, damit ich sie schicken kann, wenn Du sie nicht hast, ich schicke so gern etwas, dann bitte ich an die Frau meinen lieblichsten Gruß, des Sohns gedenke ich auch, Du aber schreib mir an einem hellen Tag; ich bilde mir immer ein, daß ich Dir unter vielem das Liebste sei. Als Deine Mutter noch lebte, da konnte ich mich mit ihr drum besprechen, die erklärte mir aus Deinen paar flüchtigen Zeilen alles; »ich kenne ja den Wolfgang«, sagte sie, »das hat er mit schwebendem Herzen geschrieben, er hält Dich so sicher in seinen Armen wie sein bestes Eigentum«. Da streichelte mich diese Hand, die Deine Kindheit gepflegt hatte, und sie zeigte mir zuweilen noch manches aus dem ehmaligen Hausrat, wo Du dabei gewesen warst. Das waren Lieblichkeiten.

Bettine

Morgen geh ich wieder nach München, da werde ich den liebenswürdigen Präsidenten wiedersehen. In der diesjährigen öffentlichen Sitzung der Akademie ist eine sehr schöne Abhandlung über die ehmalige Geschichte des Salzwesens zu Reichenhall gelesen worden. Sie hatte das eigne Schicksal, jedermann zu ennuyren, wenn mein Brief dies Schicksal mit ihr teilt, so lese ihn immer um des Zwangs, den ich mir angetan, auch von was anderm als meiner ewigen Liebe zu sprechen.

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