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2019-10-31

Bettina Arnim: Goethes Briefwechsel mit einem Kinde (16)




An Goethe
München, 3. März 1809

Heut bricht der volle Tag mit seinen Neuigkeiten in meine Einsamkeit herein, wie ein schwer beladener Frachtwagen auf einer leichten Brücke einbricht, die nur für harmlose Spaziergänger gebaut war. Da hilft nichts, man muß Hand anlegen und helfen, alles in Gang bringen; auf allen Gassen schreit man Krieg, die Bibliothekardiener rennen umher, um ausgeliehene Manuskripte und Bücher wieder einzufordern, denn alles wird eingepackt. Hamberger, ein zweiter Herkules denn wie jener die Stallungen der zwanzigtausend Rinder, so mistet er die Bibliothek von achtzigtausend Bänden aus und jammert, daß alle geschehene Arbeit umsonst ist. Auch die Galerie soll eingepackt werden; kurz, die schönen Künste sind in der ärgsten Konsternation. Opern und Musik ist Valet gesagt, der erlauchte Liebhaber der Prima Donna zieht zu Felde; die Akademie steckt Trauerampeln aus und bedeckt ihr Antlitz, bis der Sturm vorbei, und so wär alles in stiller müder Erwartung des Feindes, der vielleicht gar nicht kommt. Ich bin auch in Gärung, und auch in revolutionärer. Die Tiroler, mit denen halt ich's, das kannst Du denken. Ach, ich bin's müde, des Nachbars Flöte oben in der Dachkammer bis in die späte Nacht ihr Stückchen blasen zu hören, die Trommel und die Trompete, die machen das Herz frisch.

Ach hätt ich ein Wämslein, Hosen und Hut, ich lief hinüber zu den gradnasigen, gradherzigen Tirolern und ließ ihre schöne grüne Standarte im Winde klatschen.

Zur List hab ich große Anlage, wenn ich nur erst drüben wär, ich könnte ihnen gewiß Dienste leisten. Mein Geld ist all fort, ein guter Kerl, ein Mediziner, hat eine List erfunden, es den gefangnen Tirolern, die sehr hart gehalten sind, zuzustecken. Das Gitter vom Gefängnis geht auf einen öden Platz am Wasser, den ganzen Tag waren böse Buben da versammelt, die mit Kot nach ihnen warfen, am Abend gingen wir hin, unterdessen einer neben der Schildwache ausrief: »Ach, was ist das für ein Rauch in der Ferne«, und indem diese sich nach dem Rauch umsah, zeigte der andere den Gefangenen das blinkende Goldstück, wie er es in Papier einwickelte und dann mit Kot eine Kugel draus machte. »Jetzt paß Achtung«, rief er, und warf's dem Tiroler zu, so gelang es mehrmals; die Schildwache freute sich, daß die bösen Jungen so gut treffen konnten.

Du kennst vielleicht oder erinnerst Dich doch gesehen zu haben einen Grafen Stadion, Domherr und kaiserlicher Gesandter, von seinen Freunden der schwarze Fritz genannt, er ist mein einziger Freund hier, die Abende, die er frei hat, bringt er gern bei mir zu, da liest er die Zeitung, schreibt Depeschen, hört mir zu, wenn ich was erzähle, wir sprechen auch oft von Dir; ein Mann von kluger freier Einsicht, von edlem Wesen. Er teilt mir aus seiner Herzens- und Lebensgeschichte merkwürdige Dinge mit, er hat viel aufgeopfert, aber nichts dabei verloren, im Gegenteil ist sein Charakter hierdurch frei geworden von der Steifheit, die doch immer mehr oder weniger den Platz freiwilliger Grazie einnimmt, sobald man mit der Welt in einer nicht unwichtigen Verbindung ist, wo man sich zum Teil auch künstlich verwenden muß; er ist so ganz einfach wie ein Kind und gibt meinen Launen in meiner Einsamkeit manche Wendung. Sonntags holt er mich ab in seinem Wagen und liest mir in der königlichen Kapelle die Messe; die Kirche ist meistens ganz leer, außer ein paar alten Leuten. Die stille einsame Kirche ist mir sehr erfreulich, und daß der liebe Freund, von dem ich so manches weiß, was in seinem Herzen bewahrt ist, mir die Hostie erhebt und den Kelch das freut mich. Ach, ich wollt, ich wüßte ihm auf irgendeine Art ersetzt, was ihm genommen ist.

Ach, daß das Entsagen dem Begehren die Waage hält! Endlich wird doch der Geist, der durch Schmerzen geläutert ist, über das Alltagsleben hinaus zum Himmel tanzen.

Und was wär Weisheit, wenn sie nicht Gewalt brauchte, um sich allein geltend zu machen? Jedes Entsagen will sie ja lindernd ersetzen, und sie schmeichelt Dir alle Vorteile ihres Besitzes auf, während Du weinst um das, was sie Dir versagt.

Und wie kann uns das Ewige gelingen, als nur wenn wir das Zeitliche dran setzen?

Alles seh ich ein und möchte alle Weisheit dem ersten besten Ablaßkrämer verhandeln, um Absolution für alle Liebesintrigen, die ich mit Dir noch zu haben gedenke.

11. März

Ach, wenn mich die Liebe nicht hellsehend machte, so wär ich elend, ich seh die gefrornen Blumen an den Fensterscheiben, den Sonnenstrahl, der sie allmählich schmilzt, und denke mir alles in Deiner Stube, wie Du auf- und niederwandelst, diese gefrornen Landschaften mit Tannenwäldchen und diese Blumenstöcke sinnend betrachtest. Da erkenne ich so deutlich Deine Züge, und es wird so wahr, daß ich Dich sehen kann; unterdessen geht die Trommel hier unter dem Fenster von allen Straßen her und ruft die Truppen zusammen.

15. März

Staatsangelegenheiten vertraut man mir nicht, aber Herzensangelegenheiten, gestern abend kam noch der liebe katholische Priester, das Gespräch war ein träumerisch Gelispel früherer Zeiten; ein feines Geweb, das ein sanfter Hauch wiegt in stiller Luft. »Das Herz erlebt auch einen Sommer«, sagte er, »wir können es dieser heißen Jahreszeit nicht vorenthalten und Gott weiß, daß der Geist reifen muß wie der goldne Weizen, ehe die Sichel ihn schneidet.«

20. März

Ich bin begierig, über Liebe sprechen zu hören, die ganze Welt spricht zwar drüber, und in Romanen ist genug ausgebrütet, aber nichts, was ich gern hören will. Als Beweis meiner Aufrichtigkeit bekenne ich Dir: auch im Wilhelm Meister geht mir's so, die meisten Menschen ängstigen mich drin, wie wenn ich ein bös Gewissen hätte, da ist es einem nicht geheuer innerlich und äußerlich, ich möchte zum Wilhelm Meister sagen: »Komm, flüchte Dich mit mir jenseits der Alpen zu den Tirolern, dort wollen wir unser Schwert wetzen und das Lumpenpack von Komödianten vergessen, und alle Deine Liebsten müssen denn mit ihren Prätensionen und höheren Gefühlen eine Weile darben; wenn wir wiederkommen, so wird die Schminke auf ihren Wangen erbleicht sein, und die flornen Gewande und die feinen Empfindungen werden vor Deinem sonneverbrannten Marsantlitz erschaudern. Ja, wenn etwas noch aus Dir werden soll, so mußt Du Deinen Enthusiasmus an den Krieg setzen, glaub mir, die Mignon wär nicht aus dieser schönen Welt geflüchtet, in der sie ja doch ihr Liebstes zurücklassen mußte, sie hätte gewiß alle Mühseligkeiten des Kriegs mit ausgehalten und auf den rauhen Alpen in den Winterhöhlen übernachtet bei karger Kost, das Freiheitsfeuer hätte auch in ihrem Busen gezündet und frisches, gesünderes Blut durch ihre Adern geleitet. Ach, willst Du diesem Kind zulieb nicht alle diese Menschen zuhauf verlassen? Die Melancholie erfaßt Dich, weil keine Welt da ist, in der Du handeln kannst. Wenn Du Dich nicht fürchtest vor Menschenblut: hier unter den Tirolern kannst Du handeln für ein Recht, das ebensogut aus reiner Natur entsprungen ist, wie die Liebe im Herzen der Mignon. Du bist's, Meister, der den Keim dieses zarten Lebens erstickt unter all dem Unkraut, was Dich überwächst. Sag, was sind sie alle gegen den Ernst der Zeit, wo die Wahrheit in ihrer reinen Urgestalt emporsteigt und dem Verderben, was die Lüge angerichtet hat, Trotz bietet?

O, es ist eine himmlische Wohltat Gottes, an der wir alle gesunden könnten, eine solche Revolution: er läßt abermals und abermals die Seele der Freiheit wieder neugeboren werden.

Siehst Du, Meister, wenn Du heute in der sternhellen kalten Nacht Deine Mignon aus ihrem Bettchen holst, in dem sie gestern mit Tränen um Dich eingeschlafen war; Du sagst ihr: »Sei hurtig und gehe mit, ich will allein mit Dir in die Fremde ziehen«; o, sie wird's verstehen, es wird ihr nicht unglaublich vorkommen, Du tust, was sie längst von Dir verlangte, und was Du unbegreiflich unterlassen hast. Du wirst ihr ein Glück schenken, daß sie Deine harten Mühen teilen darf; bei Nacht auf gefahrvollen Wegen, wo jeder Schritt täuscht, da wird ihr Scharfblick, ihre kühne Zuversicht Dich sicher leiten hinüber zum kriegbedrängten Volk; und wenn sie sieht, daß Du Deine Brust den Pfeilen bietest, wird sie nicht zagen, es wird sie nicht kränken wie die Pfeile des schmeichelnden Sirenenvolks; sie wird rasch heranreifen zu dem kühnen Vertrauen, mit einzuklingen in die Harmonie der Freiheitsbegeisterung. Und wenn Du auch im Vordertreffen stürzen mußt, was hat sie verloren? Was könnte ihr diesen schönen Tod ersetzen, an Deiner Seite vielleicht? Beide Arm in Arm verschränkt, lägt Ihr unter der kühlen gesunden Erde, und mächtige Eichen beschatteten Euer Grab; sag, wär's nicht besser, als daß Du bald ihr feines Gebild den anatomischen Händen des Abbé überlassen mußt, daß er ein künstliches Wachs hineinspritze?

Ach, ich muß klagen, Goethe, über alle Schmerzen früherer Zeit, die Du mir angetan, ich fühl mich jetzt so hilflos, so unverstanden wie damals die Mignon. Da draußen ist heute ein Lärm, und doch geschieht nichts, sie haben arme Tiroler gefangen eingebracht, armes Taglöhnervolk, was sich in den Wäldern versteckt hatte; ich hör hier oben das wahnsinnige Toben, ich habe Läden und Vorhänge zugemacht, ich kann's nicht mit ansehen, der Tag ist auch schon im Scheiden, ich bin allein, kein Mensch, der wie ich menschlich fühlte. Diese festen, sicheren, in sich einheimischen Naturen, die den Geist der Treue und Freiheit mit der reineren Luft ihrer Berge einatmen, die müssen sich durch die kotigen Straßen schleifen lassen von einem biertrunkenen Volk, und keiner tut diesem Einhalt, keiner wehrt seinen Mißhandlungen; man läßt sie sich versündigen an den höheren Gefühlen der Menschheit. Teufel! Wenn ich Herrscher wär, hier wollt ich ihnen zeigen, daß sie Sklaven sind, es sollte mir keiner wagen, sich am Ebenbild Gottes zu vergreifen.

Ich meine immer, der Kronprinz müsse anders empfinden, menschlicher, die Leute wollen ihn nicht loben, sie sagen: er sei eigensinnig und launig, ich habe Zutrauen zu ihm, er pflegt den Garten, den er als Kind hatte, noch jetzt mit Sorgfalt, begießt die Blumen, die in seinen Zimmern blühen, selbst, macht Gedichte, holperig, aber voll Begeisterung, das alles sagt mir gut für ihn.

Was wohl ein solcher für Gedanken hat, der jeden Gedanken realisieren könnte? Ein Fürst, dessen Geist das ganze Land erhellen soll? Er müßte verharren im Gebet sein Leben lang, der angewiesen ist, in tausend andern zu leben, zu handeln.

Ja, ob ein Königssohn wohl den heiligen Geist in sich erweckt, daß der regiere statt seiner? Der Stadion seufzt und sagt: »Das Beste ist, daß, wie die Würfel auch fallen, der Weg zum Himmel immer unversperrt bleibt für König und Untertan.«

25. März

Ich habe keinen Mut und keinen Witz, ach hätt ich doch einen Freund, der nächtlich mit mir über die Berge ging.

Die Tiroler liegen in dieser Kälte mit Weib und Kind zwischen den Felsen, und ihr begeisterter Atem durchwärmt die ganze Atmosphäre. Wenn ich den Stadion frage, ob der Herzog Karl sie auch gewiß nicht verlassen werde, dann faltet er die Hände und sagt: »Ich will's nicht erleben.«

26. März

Das Papier muß herhalten, einziger Vertrauter! Was doch Amor für tückische Launen hat, daß ich in dieser Reihe von Liebesbriefen auf einmal mich für Mars entzünde, mein Teil Liebesschmerzen hab ich schon, ich müßte mich schämen, in diesem Augenblick sie geltend machen zu wollen; und könnt ich nur etwas tun, und wollten die Schicksalsmächte mich nicht verschmähen! Das ist das Bitterste, wenn man ihnen nichts gilt, wenn sie einem zu nichts verwenden.

Denk nur, daß ich in dem verdammten München allein bin. Kein Gesicht, dem zu trauen wär; Savigny ist in Landshut, dem Stadion schlagen die Wellen in diesem politischen Meeressturm überm Kopf zusammen, ich seh ihn nur auf Augenblicke, man ist ganz mißtrauisch gegen mich wegen ihm, das ist mir grade lieb, wenn man auch hochmütig ist auf den eignen Wahnsinn, so soll man doch ahnen, daß nicht jeder von ihm ergriffen ist. Heute morgen war ich draußen im beschneiten Park und erstieg den Schneckenturm, um mit dem Fernrohr nach den Tiroler Bergen zu sehen, wüßte ich Dein Dach dort, ich könnte nicht sehnsüchtiger danach spähen.

Heute ließ Winter Probe halten von einem Marsch, den er für den Feldzug gegen Tirol komponierte, ich sagte, der Marsch sei schlecht, die Bayern würden alle ausreißen und der Schimpf auf ihn fallen. Winter zerriß die Komposition und war so zornig, daß sein langes Silberhaar wie ein vom Hagel getroffenes Ährenfeld hin- und herwogte. Ach, könnte ich doch andere Anstalten auch so hintertreiben wie den Marsch.

Jacobi habe ich in drei Wochen nicht gesehen, obschon ich ihm über seinen Woldemar, den er mir hier zu lesen gab, einen langen Brief geschrieben habe; ich wollte mich üben, die Wahrheit sagen zu können, ohne daß sie beleidigt, er war mit dem Brief zufrieden und hat mir mancherlei darauf erwidert, wär ich nicht in das heftige Herzklopfen geraten wegen den Tirolern, so wär ich vielleicht in eine philosophische Korrespondenz geraten und gewiß drin stecken geblieben; dort auf den Bergen aber nicht, da hätt ich meine Sache durchgefochten.

Schelling seh ich auch selten, er hat etwas an sich, das will mir nicht behagen, und dies Etwas ist seine Frau, die mich eifersüchtig machen will auf Dich, sie ist in Briefwechsel mit einer Pauline G. aus Jena, von dieser erzählt sie mir immer, wie lieb Du sie hast, wie liebenswürdige Briefe Du ihr schreibst usw., ich höre zu und werde krank davon, und dann ärgert mich die Frau. Ach, es ist auch einerlei, ich kann nicht wollen, daß Du mich am liebsten hast, aber es soll sich niemand unterstehen, seine Rechte mit mir zu messen in der Liebe zu Dir.

Bettine

An Goethe
10. April

Die Sonne geht mir launig auf, beleuchtet mir manches Verborgne, blendet mich wieder. Mit schweren Wolken abwechselnd zieht sie über mir hin, bald stürmisch Wetter, dann wieder Ruh.

Es ebnet sich nach und nach, und auf dem glatten Spiegel, hell und glühend, steht immer wieder des liebsten Mannes Bildnis, wankt nicht, warum vor andern nur Du? Warum nach allen immer wieder Du? Und doch bin ich Dir werter mit all der Liebe in der Brust? frag ich Dich? Nein, ich weiß recht gut, daß Du doch nichts antwortest, und wenn ich auch sagte: »Lieber, geliebter einziger Mann.«

Was hab ich alles erlebt in diesen Tagen, was mir das Herz gebrochen, ich möchte meinen Kopf an Deinen Hals verstecken, ich möchte meine Arme um Dich schlingen und die böse Zeit verschlafen.

Was hat mich alles gekränkt, nichts hab ich gehabt in Kopf und Herzen als nur immer das mächtige Schicksal, das dort in den Gebirgen rast. Warum soll ich aber weinen um die, die ihr Leben mit so freudiger Begeisterung ausgehaucht haben? Was erbarmt mich denn so? Hier ist kein Mitleid zu haben als nur mit mir, daß ich mich so anstrengen muß, es auszuhalten.

Will ich Dir alles schreiben, so verträume ich die Zeit die Zeit, die auf glühenden Sohlen durchs Tirol wandert; so bittere Betrübnis hat mich durchdrungen, daß ich's nicht wage, die Papiere, die in jenen Stunden geschrieben sind, an Dich abzuschicken.

19. April

Ich bin hellsehend, Goethe, ich seh das vergoßne Blut der Tiroler triumphierend in den Busen der Gottheit zurückströmen. Die hohen gewaltigen Eichen, die Wohnungen der Menschen, die grünen Matten, die glücklichen Herden, der geliebte gepflegte Reichtum des Heldenvolks, die den Opfertod in den Flammen fanden, das alles seh ich verklärt mit ihnen gen Himmel fahren, bis auf den treuen Hund, der, seinen Herrn beschützend, den Tod verachtet wie er.

Der Hund, der keinen Witz hat, nur Instinkt, und heiter in jedem Geschick das Rechte tut. Ach hätte der Mensch nur so viel Witz, den eignen Instinkt nicht zu verleugnen.

20. April

In all diesen Tagen der Unruh, glaub's Goethe, vergeht keiner, den ich nicht mit dem Gedanken an Dich beschließe, ich bin so gewohnt, Deinen Namen zu nennen, nachts, eh ich einschlafe, Dir alle Hoffnung ans Herz zu legen, und alle Bitten und Fragen in die Zukunft.

Da liegen sie um mich her, die Papiere mit der Geschichte des Tags und den Träumen der Nacht, lauter Verwirrung, Unmut, Sehnsucht und Seufzer der Ohnmacht; ich mag Dir in dieser Zeit, die sich so geltend macht, nichts von meinem bedürftigen Herzen mitteilen, nur ein paar kleine Zufälle, die mich beschäftigen, schrieb ich Dir auf, damit ich nicht verleugne vor Dir, daß ein höheres Geschick auch mir Winke gab, obschon ich zu unmündig mich fühle, ihm zu folgen.

Im März war's, da leitete mir der Graf M..., bei dessen Familie ich hier wohne, eine wunderliche Geschichte ein, die artig ausging. Der Hofmeister seines Sohnes gibt ihn bei der Polizei an, er sei österreichisch gesinnt und man habe an seinem Tisch die Gesundheit des Kaisers getrunken, er schiebt alles auf mich, und nun bittet er mich, daß ich auf diese Lüge eingehe, da es ihm sehr nachteilig sein könne, mir aber höchstens einen kleinen Verweis zuziehen werde, sehr willkommen war mir's, ihm einen Dienst leisten zu können, ich willige mit Vergnügen ein; in einer Gesellschaft wird mir der Polizeipräsident vorgestellt, unter dem Vorwand meine Bekanntschaft machen zu wollen, ich komme ihm zuvor und schütte ihm mein ganzes Herz aus, meine Begeisterung für die Tiroler, und daß ich aus Sehnsucht alle Tage auf den Schneckenturm steige mit dem Fernrohr, daß man heute aber eine Schildwache hingepflanzt habe, die mich nicht hinaufgelassen; gerührt über mein Zutrauen, küßt er mir die Hand und verspricht mir, die Schildwache wegzubeordern, es war keine List von mir, denn ich hätte wirklich nicht gewußt, mich anders zu benehmen, indessen ist durch dieses Verfahren der Freund weiß gebrennt und ich nicht schwarz.

Ein paar Tage später, in der Karwoche, indem ich abends in der Dämmerung in meinem Zimmer allein war, treten zwei Tiroler bei mir ein, ich bin verwundert, aber nicht erschrocken. Der eine nimmt mich bei der Hand und sagt: »Wir wissen, daß du den Tirolern gut bist und wollen dich um eine Gefälligkeit bitten«; es waren Papiere an Stadion und mündliche Aufträge, sie sagten mir noch, es würde gewiß ein Augenblick kommen, da ich ihnen Dienste leisten könne, es war mir so wunderlich, ich glaubte, es könne eine List sein, mich auszuforschen, doch war ich kurz gefaßt und sagte: »Ihr mögt mich nun betrügen oder nicht, so werd ich tun, was ihr von mir verlangt«; der Tiroler sieht mich an und sagt: »Ich bin Leibhusar des Königs, kein Mensch hat Arges gegen mich, und doch hab ich nichts im Sinn als nur, wie ich meinen Leuten helfen will, nun hast du mich in Händen und wirst nicht fürchten, daß ein Tiroler auch ein Verräter sein könne.«

Wie die Tiroler weg waren, war ich wie betäubt, mein Herz schlug hoch vor Entzücken, daß sie mir dies Zutrauen geschenkt haben; am andern Tag war Karfreitag, da holte mich der Stadion ab, um mir eine stille Messe zu lesen. Ich gab ihm meine Depeschen und erzählte ihm alles, äußerte ihm voll Beschämung die große Sehnsucht, daß ich fort möchte zu den Tirolern; Stadion sagt, ich soll mich auf ihn verlassen, er wolle einen Stutzen auf den Rücken nehmen und ins Tirol gehen, und alles, was ich möchte, das wolle er für mich ausrichten, es sei die letzte Messe, die er mir lesen werde, denn in wenig Tagen sei seine Abreise bestimmt. Ach Gott, es fiel mir schwer aufs Herz, daß ich so bald den lieben Freund verlieren sollte.

Nach der Messe ging ich aufs Chor, Winter ließ die Lamentation singen, ich warf ein Chorhemd über und sang mit, unterdessen kam der Kronprinz mit seinem Bruder, das Kruzifix lag an der Erde, das beide Brüder küßten, nachher umarmten sie sich; sie waren bis an den Tag entzweit gewesen über einen Hofmeister, den der Kronprinz, weil er ihn für untauglich hielt, von seinem Bruder entfernt hatte; sie versöhnten sich also hier in der Kirche miteinander, und mir machte es große Freude, zuzusehen. Bopp, ein alter Klaviermeister des Kronprinzen, der auch mir Unterricht gibt, begleitete mich nach Hause, er zeigte mir ein Sonett, was der Kronprinz an diesem Morgen gedichtet hatte; schon daß er diesen Herzensdrang empfindet, bei Ereignissen, die ihn näher angehen, zu dichten, spricht für eine tiefere Seele; in ihm waltet gewiß das Naturrecht vor, dann wird er auch die Tiroler nicht mißhandeln lassen; ja, ich hab eine gute Zuversicht zu ihm; der alte Bopp erzählt mir alles, was meinen Enthusiasmus noch steigern kann. Am dritten Feiertag holte er mich ab in den englischen Garten, um die Anrede des Kronprinzen an seine versammelte Truppen, mit denen er seinen ersten Feldzug machen wird, anzuhören; ich konnte nichts Zusammenhängendes verstehen, aber was ich hörte, war mir nicht recht, er spricht von ihrer Tapferkeit, ihrer Ausdauer und Treue, von den abtrünnigen, verräterischen Tirolern, daß er sie, vereint mit ihnen, zum Gehorsam zurückführen werde, und daß er seine eigne Ehre mit der ihrigen verflechte und verpfände usw. Wie ich nach Hause komme, wühlt das alles in mir, ich sehe schon im Geist, wie der Kronprinz, seinen Generalen überlassen, alles tut, wogegen sein Herz spricht, und dann ist's um ihn geschehen. So ein bayrischer General ist ein wahrer Rumpelbaß, aus ihm hervor brummt nichts als Bayerns Ehrgeiz; das ist die grobe, rauhe Stimme, mit der er alle besseren Gefühle übertönt.

Das alles wogte in meinem Herzen, da ich von dieser öffentlichen Rede zurückkam, und daß kein Mensch in der Welt einem Herrscher die Wahrheit sagt, im Gegenteil nur Schmeichler ihnen immerdar recht geben, und je tiefer sich ein solcher irrt, je gewaltiger ist in jenen die Furcht, er möge an ihrer Übereinstimmung zweifeln; sie haben nie das Wohl der Menschheit, sie haben nur immer die Gunst des Herrn im Auge. Ich mußte also einen verzweifelten Schritt tun, um den Tumult der eignen Lebensgeister zu beschwichtigen, und ich bitte Dich im voraus um Verzeihung, wenn Du es nicht gutheißen solltest.

Erst nachdem ich dem Kronprinzen meine Liebe zu ihm, meine Begeisterung für seinen Genius, Gott weiß in welchen Schwingungen, ans Herz getrieben habe, vertraue ich ihm meine Anschauung von dem Tirolervolk, das sich die Heldenkrone erwirbt, meine Zuversicht, er werde Milde und Schonung da verbreiten, wo seine Leute jetzt nur rohe Wut und Rachgierde walten lassen, ich frage ihn, ob der Name »Herzog von Tirol« nicht herrlicher klinge, als die Namen der vier Könige, die ihre Macht vereint haben, um diese Helden zu würgen? Und es möge nun ausgehen wie es wolle, so hoffe ich, daß er sich von jenen den Beinamen der Menschliche erwerben werde; dies ungefähr ist der Inhalt eines vier Seiten langen Briefs, den ich, nachdem ich ihn in heftigster Wallung geschrieben (da ich denn auch nicht davor stehen kann, was alles noch mit untergelaufen), mit der größten Kaltblütigkeit siegelte und ganz getrost in des Klaviermeisters Hände gab, mit der Bedeutung: es seien wichtige Sachen über die Tiroler, die dem Kronprinz von großem Nutzen sein würden.

Wie gern macht man sich wichtig, mein Bopp purzelte fast die Stiegen herab, vor übergroßer Eile dem Kronprinzen den interessanten Brief zu überbringen, und wie leichtsinnig bin ich, ich vergaß alles. Ich ging zu Winter, Psalmen singen, zu Tieck, zu Jacobi, nirgends stimmt man mit mir ein, ja alles fürchtet sich, und wenn sie wüßten, was ich angerichtet habe, sie würden mir aus Furcht das Haus verbieten, da seh ich denn ganz ironisch drein und denke: seid ihr nur bayrisch und französisch, ich und der Kronprinz wir sind deutsch und tirolisch, oder er läßt mich ins Gefängnis setzen, dann bin ich mit einem Male frei und selbständig, dann wird mein Mut schon wachsen, und wenn man mich wieder losläßt, dann geh ich über zu den Tirolern und begegne dem Kronprinzen im Feld, und trotze ihm ab, was er so mir nicht zugesteht.

O Goethe, wenn ich sollte ins Tirol wandern und zur rechten Zeit kommen, daß ich den Heldentod sterbe! Es muß doch ein ander Wesen sein, es muß doch eine Belohnung sein für solche lorbeergekrönten Häupter; der glänzende Triumph im Augenblick des Übergangs ist ja Zeugnis genug, daß die Begeisterung, die der Heldentod uns einflößt, nur Widerschein himmlischer Glorie ist. Wenn ich sterbe, ich freue mich schon darauf, so gaukle ich als Schmetterling aus dem Sarg meines Leibes hervor, und dann treffe ich Dich in dieser herrlichen Sommerzeit unter Blumen, wenn ein Schmetterling Dich unter Blumen vorzieht und lieber auf Deiner Stirn sich niederläßt und auf Deinen Lippen als auf den blühenden Rosen umher, dann glaube sicher, es ist mein Geist, der auf dem Tiroler Schlachtfeld freigemacht ist von irdischen Banden, daß er hin kann, wo die Liebe ihn ruft.

Ja, wenn alles wahr würde, was ich schon in der Phantasie erlebt habe, wenn alle glanzvollen Ereignisse meines innern Lebens auch im äußern sich spiegelten, dann hättest Du schon große und gewaltige Dinge von Deinem Kind erfahren, ich kann Dir nicht sagen, was ich träumend schon getan habe, wie das Blut in mir tobt, daß ich wohl sagen kann, ich hab eine Sehnsucht, es zu verspritzen.

Mein alter Klaviermeister kam zurück, zitternd und bleich: »Was hat in den Papieren gestanden, die Sie mir für den Kronprinzen anvertrauten«, sagte er, »wenn es mich nur nicht auf ewig unglücklich macht, der Kronprinz schien aufgeregt, ja erzürnt während dem Lesen, und wie er mich gewahr wurde, hieß er mich gehen, ohne wie sonst mir auch nur ein gnädiges Wort zu sagen.« Ich mußte lachen, der Klaviermeister wurde immer ängstlicher, ich immer lustiger, ich freute mich schon auf meine Gefangenschaft, und wie ich da in der Einsamkeit meinen philosophischen Gedanken nachhängen würde, ich dachte: dann fängt mein Geschick doch einmal an, Leben zu gewinnen, es muß doch einmal was draus entstehen; aber so kam es wieder nicht, ein einzigmal sah ich den Kronprinz im Theater, er winkte mir freundlich; nun gut: acht Tage hatte ich meinen Stadion nicht gesehen, am 10. April, wo ich die gewisse Nachricht erhielt, er sei in der Nacht abgereist, da war ich doch sehr betrübt, daß ich ihn sollte zum letztenmal gesehen haben, es war mir eine wunderliche Bedeutung, daß er am Karfreitag seine letzte Messe gelesen hatte; die vielen zurückgehaltenen und verleugneten Gefühle brachen endlich in Tränen aus. In der Einsamkeit da lernt man kennen, was man will, und was einem versagt wird. Ich fand keine Lage für mein ringendes Herz, müde geworden vom Weinen, schlief ich ein, bist Du schon eingeschlafen, müde vom Weinen? Männer weinen wohl so nicht? Du hast wohl nie geweint, daß die Seufzer noch selbst im Schlaf die Brust beschweren. So schluchzend im Traum hör ich meinen Namen rufen; es war dunkel, bei dem schwachen Dämmerschein der Laternen von der Straße erkenne ich einen Mann neben mir in fremder Soldatenkleidung, Säbel, Patrontasche, schwarzes Haar, sonst würde ich glauben, den schwarzen Fritz zu erkennen. »Nein, du irrst nicht, es ist der schwarze Fritz, der Abschied von dir nimmt, mein Wagen steht an der Tür, ich gehe eben als Soldat zur österreichischen Armee, und was deine Freunde, die Tiroler, anbelangt, so sollst du mir keine Vorwürfe machen oder du siehst mich nie wieder, denn ich gebe dir mein Ehrenwort, ich werde nicht erleben, daß man sie verrate, es geht gewiß alles gut, eben war ich beim Kronprinzen, der hat mit mir die Gesundheit der Tiroler getrunken und dem Napoleon ein Pereat gebracht, er hat mich bei der Hand gefaßt und gesagt: ›Erinnern Sie sich dran, daß im Jahr Neune im April, während der Tiroler Revolution, der Kronprinz von Bayern dem Napoleon widersagt hat,‹ und so hat er sein Glas mit mir angestoßen, daß der Fuß zerschellte«; ich sagte zu Stadion: »Nun bin ich allein und hab keinen Freund mehr«, er lächelte und sagte: »Du schreibst an Goethe, schreib ihm auch von mir, daß der katholische Priester auf dem Tiroler Schlachtfeld sich Lorbeern holen will«, ich sagte: »Nun werde ich keine Messe so bald mehr hören«; »und ich werde so bald auch keine mehr lesen«, sagte er. Da stieß er sein Gewehr auf und reichte mir die Hand zum Abschied. Den werd ich gewiß nicht wiedersehen. Kaum war er fort, klopfte es schon wieder, der alte Bopp kommt herein, es war finster im Zimmer, an seiner Stimme erkenne ich, daß er freudig ist, er reicht mir feierlich ein zerbrochnes Glas und sagt: »Das schickt Ihnen der Kronprinz und läßt Ihnen sagen, daß er die Gesundheit derjenigen daraus getrunken hat, die Sie protegieren, und hier schickt er Ihnen seine Kokarde als Ehrenpfand, daß er Ihnen sein Wort lösen werde, jeder Ungerechtigkeit, jeder Grausamkeit zu steuern.« Ich war froh, herzlich froh, daß ich nicht kleinlich und zaghaft gewesen war, dem Zutrauen zu folgen, was der Kronprinz und alles, ja auch selbst das Widersprechendste, was ich von ihm erfahren habe, mir einflößte; es war sehr freundlich von ihm, daß er mich so grüßen ließ, und daß er nicht meine Voreiligkeit von sich wies; ich werd es ihm nicht vergessen, mag ich auch noch manches Verkehrte von ihm hören; denn unter allen, die ihn beurteilen, hat gewiß keiner ein so gutes Herz als er, der es sich ganz ruhig gefallen läßt. Ich weiß auch, daß er eine feierliche Hochachtung vor Dir hat und nicht wie andere Prinzen, die nur im Vorüberstreifen einen solchen Geist berühren wie Du, nein, es geht ihm von Herzen, wenn er Dich einmal sieht und Dir sagt, daß er sich's zum größten Glück schätze.

Ich habe noch viel auf dem Herzen, denn ich habe Dich allein, dem ich's mitteilen kann. Jeder Augenblick erregt mich aufs neue, es ist als ob das Schicksal dicht vor meiner Türe seinen Markt aufgeschlagen hätte; so wie ich den Kopf hinausstecke, bietet es Plunder, Verrat und Falschheit feil, außer die Tiroler, deren Siegesjubel durch alle Verleumdung und Erbitterung der Feinde durchklingt, aus deren frisch vergoßnem Blut schon neue Frühlingsblumen sprießen, und die Jünglinge frisch jeden Morgen von den nebelverhüllten Felszacken dem gewissen Sieg entgegentanzen.

Adieu, Adieu, auf meine Liebe weise ich Dich an, die hier in diesen Blättern nur im Vorüberstreifen den Staub ihrer üppigen Blüte aus den vollen Kelchen schüttelt.

Bettine

Friedrich Tieck macht jetzt Schellings Büste, sie wird nicht schöner als er, mithin ganz garstig, und doch ist es ein schönes Werk.

Da ich in Tiecks Werkstätte kam und sah, wie der große, breite, prächtige, viereckige Schellingskopf unter seinen fixen Fingern zum Vorschein kam, dacht ich, er habe unserm Herrgott abgelernt, wie er die Menschen machte, und er werde ihm gleich den Atem einblasen, und der Kopf werde lernen A B sagen, womit ein Philosoph so vieles sagen kann.

An Bettine

Man möchte mit Worten so gerne wie mit Gedanken Dir entgegenkommen, liebste Bettine; aber die Kriegszeiten, die so großen Einfluß auf das Lesen haben, erstrecken ihn nicht minder streng auf das Schreiben, und so muß man sich's versagen. Deinen romantisch-charakteristischen Erzählungen gleichlautende Gesinnungen deutlich auszusprechen. Ich muß daher erwarten, was Du durch eine Reihe von Briefen mich hoffen läßt, nämlich Dich selbst, um Dir alles mit Dank für Deine nie versiegende Liebe zu beantworten.

Erst in voriger Woche erhielt ich Dein Paket, was der Kurier in meiner Abwesenheit dem Herzog übergab, der es mir selbst brachte. Seine Neugierde war nicht wenig gespannt, ich mußte, um nur durchzukommen, Deine wohlgelungenen politischen Verhandlungen ihm mitteilen, die denn auch so allerliebst sind, daß es einem schwer wird, sie für sich allein zu bewahren. Der Herzog bedauert sehr, daß Du im Interesse anderer Mächte bist.

Ich habe mich nun hier in Jena in einen Roman eingesponnen, um weniger von allem Übel der Zeit ergriffen zu werden, ich hoffe, der Schmetterling, der da herausfliegt, wird Dich noch als Bewohner dieses Erdenrunds begrüßen und Dir beweisen, wie die Psychen auch auf scheinbar verschiednen Bahnen einander begegnen.

Auch Deine lyrischen Aufforderungen an eine frühere Epoche des Autors haben mir in manchem Sinne zugesagt, und wüchse der Mensch nicht aus der Zeit mehr noch wie aus Seelenepochen heraus, so würd ich nicht noch einmal erleben, wie schmerzlich es ist, solchen Bitten kein Gehör zu geben.

Deine interessanten Ereignisse mit dem hohen Protektor eigner feindlicher Widersacher macht mich begierig, noch mehr und auch von andrer Seite von ihm zu wissen, zum Beispiel könntest Du mir die Versuche und Bruchstücke seiner Gedichte, in deren Besitz Du bist, mitteilen, mit Vergnügen würde ich ihn in dem unbefangnen Spiel mit seiner jungen Muse beobachten.

Die Gelegenheiten, mir sicher Deine Briefe zu schicken, versäume ja nicht, sie sind mir in dieser armen Zeit äußerst willkommen. Auch was der Tag sonst noch mit sich bringt, berichte, von Freunden und merkwürdigen Leuten, Künsten und philosophischen Erscheinungen; da Du in einem Kreis vielfach aufgeregter Geister bist, so kann Dir der Stoff hier nicht ausgehen.

Möchten doch auch die versprochnen Mitteilungen über die letzten Tage meiner Mutter in diesen verschlingenden Ereignissen nicht untergehen, mir ist zwar mancherlei von Freunden über sie berichtet, wie sie mit großer Besonnenheit alle irdischen Anordnungen getroffen; von Dir aber erwarte ich noch etwas anders, daß Dein liebender Sinn ihr ein Denkmal setze, in der Erinnerung ihrer letzten Augenblicke. Ich bin sehr in Deiner Schuld, liebes Kind, mit diesen wenigen Zeilen, ich kann Dir nur mit Dank bezahlen für alles, was Du mir gibst, geben möchte ich Dir das Beste, wenn Du es nicht schon unwiderstehlich an Dich gerissen hättest.

Der schwarze Fritz ist mir auch unter diesem Namen ein guter Bekannter, und die schönen Züge, die Du von ihm berichtest, bilden ein vollkommnes Ganze mit dem, was eine befreundete Erinnerung hinzubringt. Du hast wohl recht zu sagen, daß, wo der Boden mit Heldenblut getränkt wird, es in jeder Blume neu hervorsprieße, Deinem Helden gönne ich, daß Mars und Minerva ihm alles Glück zuwenden mögen, da er so schönem an Deiner Seite entrissen zu sein scheint.

17. Mai 1809 G.

An Goethe
18. Mai

Der Kronprinz von Bayern ist die angenehmste unbefangenste Jugend, ist so edler Natur, daß ihn Betrug nie verletzt, so wie den gehörnten Siegfried nie die Lanzenstiche verletzten. Er ist eine Blüte, auf welcher der Morgentau noch ruht, er schwimmt noch in seiner eignen Atmosphäre, das heißt: seine besten Kräfte sind noch in ihm. Wenn es so fort ginge und daß keine bösen Mächte seiner Meister würden? Wie gut hatten's doch jene Ritter, die von geneigten Feen mit kräftigen Talismanen versehen wurden, wenn sie zwischen feurigen Drachen und ungeschlachten Riesen nach dem tanzenden Wasser des Lebens oder nach goldnen Liebesäpfeln ausgesandt waren und eine in Marmor verwünschte Prinzessin, so rot wie Blut, so weiß wie Schnee, schön wie das ausgespannte Himmelszelt über dem Frühlingsgarten, als ihrer Erlösung Lohn ihnen zuteil wurde. Jetzt ist die Aufgabe anders: die unbewachten Apfelbäume hängen ihre fruchtbeladenen Zweige über den Weg, und Liebchen lauscht hinter der Hecke, um den Ritter selbst zu fangen, und diesem allem soll er entgehen und sein Herz der Tugend weihen, die keine Jugend hat, sondern eine gräuliche Larve, so daß man vor ihr Reißaus nehmen möchte; la belle et la bête, la bête ist die Tugend und la belle ist die Jugend, die sich von ihr soll fressen lassen; da ist's denn kein Wunder, wenn die Jugend vor der Tugend Reißaus nimmt, und man kann ohne geheime parteiliche Wünsche nicht Zeuge von diesem Wettrennen sein. Armer Kronprinz! Ich bin ihm gut, weil er mit so schönem Willen hinübergeht zu meinen Tirolern, und wenn er auch nichts tut, als der Grausamkeit wehrt, ich verlasse mich auf ihn.

Gestern bin ich zum erstenmal wieder eine Strecke weit ins Freie gelaufen, mit einem kapriziösen Liebhaber der Wissenschaften und Künste, mit einem sehr guten gehorsamen Kinde seiner eignen Launen, eine warme lebendige Natur, breit und schmal, wie Du ihn willst, dreht sich schwindellos über einem Abgrund herum, steigt mit Vergnügen auf die kahlen Spitzen der Alpen, um nach Belieben in den Ozean oder ins Mittelländische Meer zu speien, macht übrigens wenig Lärm. Wenn Du ihn je siehst und nach dieser Beschreibung erkennst, so ruf ihn nur Rumohr, ich vermute, er wird sich nach Dir umsehen. Mit diesem also hat meine unbefangne Jugend gewagt, sich das Ziel einer anderthalb Stunden weiten Reise zu setzen, der Ort unserer Wallfahrt heißt Harlachingen, auf französisch Arlequin. Ein heißer Nachmittag, recht um melancholische Blicke in Brand zu stecken.

Wir verlassen den grünen Teppich, schreiten über einen schmalen Balken auf die andere Seite des Ufers, wandern zwischen Weiden, Mühlen, Bächen weiter; wie nimmt sich da ein Bauer in roter Jacke aus, gelehnt an den hohen Stamm des edlen populus alba, dessen feine Äste mit kaum entsproßnen Blättern einen sanften grünen Schleier, gleichsam ein Frühlingsnetz niederspinnen, in welchem sich die tausend Käfer und sonstige Bestien fangen, scherzen und ganz lieblich haushalten. Jetzt! Warum nicht? Da unter dem Baum ist genugsam Platz, seinen Gedanken Audienz zu geben, der launige Naturliebhaber läßt sich da nieder, das Dolce farniente summt ihm ein Wiegenliedchen in die Ohren, die Augenlider sinken, Rumohr schläft. Natur hält Wache, lispelt, flüstert, lallt, zwitschert. Das tut ihm so gut; träumend senkt er sein Haupt auf die Brust; jetzt möcht ich dich fragen, Rumohr, was ich nie fragen mag, wenn du wach bist. Wie kommt's, daß du ein so großes Erbarmen hast und freundlich bist mit allen Tieren, und dich nicht kümmerst um das gewaltige Geschick jenes Bergvolks? Vor wenig Wochen, wie das Eis brach und der Fluß überschwoll, da setztest Du alles dran, eine Katze aus der Wassersnot zu retten. Vorgestern hast du einen totgeschlagnen Hund, der am Wege lag, mit eignen Händen eine Grube gemacht und mit Erde bedeckt, obschon Du in seidnen Strümpfen warst und einen Klaque in Händen hattest. Heute morgen hast du mit Tränen geklagt, daß die Nachbarn ein Schwalbennest zerstörten trotz deinen Bitten und Einreden. Warum gefällt dir's nicht, deine Langeweile, deine melancholische Laune zu verkaufen um einen Stutzen, du bist so leicht und schlank wie eine Birke, du könntest Sätze tun über die Abgründe, von einem Fels zum andern, aber faul bist du und furchtbar krank an Neutralität. Da steh ich allein auf der Wiese, Rumohr schnarcht, daß die Blumen erzittern, und ich denk an die Sturmglocke, deren Geläut so fürchterlich in den Ohren der Feinde erklingt, und auf deren Ruf alle mit Trommeln und Pfeifen ausziehen, ob auch die Stürme brausen, ob Nacht oder Tag, und Rumohr, im Schatten eines jungbelaubten Baumes, eingewiegt von scherzenden Lüftchen und singenden Mückchen, schläft fest; was geht den Edelmann das Schicksal derer an, denen keine Strapaze zu hart, kein Marsch zu weit ist, die nur fragen: »Wo ist der Feind? Dran, dran, für Gott, unsern lieben Kaiser und Vaterland!!« Das muß ich Dir sagen, wenn ich je einen Kaiser, einen Landesherrn lieben könnte, so wär's im Augenblick, wo ein solches Volk im Enthusiasmus sein Blut für ihn verspritzt; ja, dann wollt ich auch rufen: »Wer mir meinen Kaiser nehmen will, der muß mich erst totschlagen«, aber so sag ich mit dem Apostel: »Ein jeder ist geboren, König zu sein und Priester der eignen göttlichen Natur, wie Rumohr.«

Die Isar ist ein wunderlicher Fluß. Pfeilschnell stürzen die jungen Quellen von den Bergklippen herab, sammeln sich unten im felsigen Bett in einen reißenden Strom. Wie ein schäumender Drache mit aufgesperrtem Rachen braust er hüben und drüben, über hervorragende Felsstücke verschlingend her, seine grünen, dunklen Wellen brechen sich tausendfach am Gestein, und schäumend jagen sie hinab, sie seufzen, sie lallen, sie stöhnen, sie brausen gewaltig. Die Möven fliegen zu Tausenden über den Wassersturz und netzen die Spitzen ihrer scharfen Flügel; und in so karger Gegend, schauderhaft anzusehen, ein schmaler Steg von zwei Brettern, eine Viertelstunde lang, schräg in die Länge des Flusses. Nun, wir gingen, keine Gefahr ahnend, drüber hin, die Wellen brachen sich in schwindelnder Eile auf dem Wehr unter dem zitternden Steg. Außer daß die Bretter mit meiner Leichtigkeit hin- und herschwankten und Rumohrs Fuß zweimal durchbrach, waren wir schon ziemlich weit gekommen, ein dicker Bürger mit der Verdienstmedaille auf der Brust kam von der andern Seite, keiner hatte den andern bemerkt, aneinander vorbeizukommen war nicht, einer mußte umdrehen. Rumohr sagt: »Wir müssen erst erfahren, für was er die Medaille hat, darauf soll's ankommen, wer umkehrt.« Wahrhaftig ich fürchtete mich, mir war schon schwindlig, hätten wir umkehren müssen, so war ich voran, während die losen Bretter unter meinen Füßen schwankten. Wir erkundigten uns ehrerbietigst nach der Ursache seines Verdienstes: er hatte einen Dieb gefangen. Rumohr sagte: »Dies Verdienst weiß ich nicht zu schätzen, denn ich bin kein Dieb, also bitt ich umzukehren«, der verwunderte dicke Mann ließ sich mit Rumohrs Beihilfe umkehren und machte den Weg zurück.

Unter einem Kastanienbaum ließ ich mich nieder, träumend grub ich mit einem Reis in die Erde. Rumohr jagt mit Stock und Hut die Maikäfer auseinander, die wie viele Flintenkugeln uns umschwirrten beim Nachhausegehen in der Dämmerung. Nah an der Stadt auf einem grünen Platz am Ufer steht die Statue des heiligen Johann von Nepomuk, der Wassergott; vier Laternen werfen einen frommen Glanz auf ihn, die Leute knien da nacheinander hin, verrichten ihr Gebet, stört keiner den andern, gehen ab und zu. Die Mondsichel stand oben; in der Ferne hörten wir Pauken und Trompeten, Signal der Freude über die Rückkunft des Königs; er war geflohen vor einer Handvoll waghalsiger Tiroler, die wollten ihn gefangen haben, warum ließ er sich nicht fangen, da war er mitten unter Helden, keine bessere Gesellschaft für einen König; umsonst wär's nicht gewesen, der Jubel würde nicht gering gewesen sein, von Angesicht zu Angesicht hätte er vielleicht bessere Geschäfte gemacht, er ist gut, der König, der muß sich auch fügen ins eiserne Geschick der falschen Politik. Die Stadt war illuminiert, als wir hineinkamen, und mein Herz war bei dem allen schwer, sehr schwer, wollte gern mit jenen Felssteinen in die Tiefe hinabrollen, denn weil ich alles geschehen lassen muß. Heut haben wir den 18. Mai, die Bäume blühen, was wird noch alles vorgehen, bis die Früchte reifen. Vorgestern glühte der Himmel über jenen Alpen, nicht vom Feuer der untertauchenden Sonne, nein, vom Mordbrand; da kamen sie in den Flammen um, die Mütter mit den Säuglingen, hier lag alles im schweigenden Frieden der Nacht, und der Tau tränkte die Kräuter, und dort verkohlte die Flamme den mit Heldenblut getränkten Boden.

Ich stand die halbe Nacht auf dem Turm im Hofgarten und betrachtete den roten Schein und wußte nicht, was ich davon denken sollte, und konnte nicht beten, weil es doch nichts hilft, und weil ein göttlich Geschick größer ist als alle Not, und allen Jammer aufwiegt.

Ach, wenn sehnsüchtiger Jammer beten ist, warum hat dann Gott mein heißes Gebet nicht erhört? Warum hat er mir nicht einen Führer geschickt, der mich die Wege hinübergeleitet hätte? Ich zittere zwar vor Furcht und Schrecken über allen Greuel, den man nimmer ahnen könnte, wenn er nicht geschehen wär, aber die Stimme aus meinem Herzen hinüber zu ihnen übertäubt alles. Das Schloß der blinden Tannenberge haben sie verräterisch abgebrennt; Schwatz, Greise, Kinder, Heiligtümer; ach, was soll ich Dir schreiben, was ich nimmermehr selbst wissen möchte, und doch haben die Bayern selbst jubelnd sich dessen gerühmt, so was muß man tragen lernen mit kaltem Blut und muß denken, daß Unsterblichkeit ein ewiger Lohn ist, der alles Geschick überbietet.

Der König fuhr, da wir eben in die Stadt kamen, durch die erleuchteten Straßen, das Volk jauchzte, und Freudentränen rollten über die Wangen der harten Nation; ich warf ihm auch Kußhände zu, und ich gönn ihm, daß er geliebt ist. Adieu, hab Dein treues Kind lieb, sag ihm bald ein paar Worte.

Bettine

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