> Gedichte und Zitate für alle: Bettina Arnim: Goethes Briefwechsel mit einem Kinde-Briefwechsel mit Goethes Mutter Seite 2 (4)

2019-10-28

Bettina Arnim: Goethes Briefwechsel mit einem Kinde-Briefwechsel mit Goethes Mutter Seite 2 (4)




September 1807

Frau Rat, so oft mir was Komisches begegnet, so denk ich an Sie, und was das für ein Jubel und für eine Erzählung sein würde, wenn Sie es selbst erlebt hätte. Hier, in dem traubenreichen Mildeberg, sitze ich bei meinem Herrn Schwab, der ehmals bei unserm Vater Schreiber war und uns Kinder alle mit seinen Märchen großgezogen hat. Er kann zum wenigsten so gut erzählen wie Sie, aber er schneidet auf und verbraucht Juden- und Heidentum, die entdeckte und unentdeckte Welt zur Dekoration seiner Abenteuer; Sie aber bleibt bei der Wahrheit, aber mit so freudigen Ausrufungszeichen, daß man wunder denkt, was passiert ist. Ich habe das Eichhörnchen, was Sie mir mitgab, im großen Eichenwald ins Freie gesetzt, es war Zeit die fünf Meilen, die es im Wagen fuhr, hat es großen Schaden gemacht, und im Wirtshaus hat es über Nacht dem Bürgermeister die Pantoffel zerfressen. Ich weiß gar nicht, wie Sie es gemacht hat, daß es Ihr nicht alle Gläser umgeworfen, alle Möbel angenagt und alle Hauben und Tocken beschmutzt hat. Mich hat's gebissen, aber im Andenken an den schönen stolzen Franzosen, der es auf seinem Helm vom südlichen Frankreich bis nach Frankfurt in Ihr Haus gebracht hat, hab ich ihm verziehen. Im Wald setzte ich's auf die Erde, wie ich wegging, sprang es wieder auf meine Schulter und wollte von der Freiheit nichts profitieren, und ich hätt's gern wieder mitgenommen, weil mich's lieber hatte als die schönen grünen Eichbäume. Wie ich aber in den Wagen kam, machten die andern so großen Lärm und schimpften so sehr auf unsern lieben Stubenkameraden, daß ich's in den Wald tragen mußte. Ich ließ dafür auch lange warten; ich suchte mir den schönsten Eichbaum im ganzen Wald und kletterte hinauf. Da oben ließ ich's aus seinem Beutel, es sprang gleich lustig von Ast zu Ast und machte sich an die Eicheln, unterdessen kletterte ich hinunter. Wie ich unten ankam, hatte ich die Richtung nach dem Wagen verloren, und obschon ich nach mir rufen hörte, konnte ich gar nicht unterscheiden, wo die Stimmen herkamen. Ich blieb stehen, bis sie herbeikamen, um mich zu holen; sie zankten alle auf mich, ich schwieg still, legte mich im Wagen auf drei Selterskrüge unten am Boden und schlief einen herrlichen Schlaf, bis bei Mondschein, wo der Wagen umfiel, ganz sanft, daß niemand beschädigt ward. Eine nußbraune Kammerjungfer flog vom Bock und legte sich am flachen Mainufer in romantischer Unordnung grade vor das Mondantlitz in Ohnmacht; zwei Schachteln mit Blonden und Bändern flogen etwas weiter und schwammen ganz anständig den Main hinab; ich lief nach, immer im Wasser, das jetzt bei der großen Hitze sehr flach ist, alles rief mir nach, ob ich toll sei, ich hörte nicht, und ich glaub, ich wär in Frankfurt wieder mitsamt den Schachteln angeschwommen, wenn nicht ein Nachen hervorgeragt hätte, an dem sie haltmachten. Ich packte sie unter beide Ärme und spazierte in den klaren Wellen wieder zurück. Der Bruder Franz sagte: »Du bist unsinnig, Mädchen,« und wollte mit seiner sanften Stimme immer zanken; ich zog die nassen Kleider aus, wurde in einen weichen Mantel gewickelt und in den zugemachten Wagen gepackt.

In Aschaffenburg legte man mich mit Gewalt ins Bett und kochte mir Kamillentee. Um ihn nicht zu trinken, tat ich, als ob ich fest schlafe. Da wurde von meinen Verdiensten verhandelt, wie ich doch gar ein zu gutes Herz habe, daß ich voll Gefälligkeit sei und mich selber nie bedenke, wie ich gleich den Schachteln nachgeschwommen, und wenn ich die nicht wiedergefischt hätte, so würde man morgen nicht haben mit der Toilette fertig werden können, um beim Fürst Primas zu Mittag zu essen. Ach! sie wußten nicht, was ich wußte, daß nämlich unter dem Wust von falschen Locken, von goldnen Kämmen, Blonden, in rotsamtner Tasche ein Schatz verborgen war, um den ich beide Schachteln ins Wasser geworfen haben würde mit allem, was mein und nicht mein gehörte, und daß, wenn diese nicht drin gewesen wär, so würde ich mich über die Rückfahrt der Schachteln gefreut haben. In dieser Tasche liegt verborgen ein Veilchenstrauß, den Ihr Herr Sohn, in Weimar in Gesellschaft bei Wieland, mir heimlich im Vorübergehen zuwarf. Frau Mutter, damals war ich eifersüchtig auf den Wolfgang und glaubte, die Veilchen seien ihm von Frauenhand geschenkt; er aber sagte: kannst du nicht zufrieden sein, daß ich sie dir gebe? Ich nahm heimlich seine Hand und zog sie an mein Herz, er trank aus seinem Glas und stellte es vor mich, daß ich auch draus trinken sollte; ich nahm es mit der linken Hand und trank und lachte ihn aus, denn ich wußte, daß er es hier hingestellt hatte, damit ich seine Hand loslassen sollte. Er sagte: »Hast du solche List, so wirst du auch wohl mich zu fesseln wissen mein Leben lang.« Ich sag Ihr, mach Sie sich nicht breit, daß ich Ihr mein heimlichstes Herz vertraue; ich muß wohl jemand haben, dem ich's mitteile. Wer ein schön Gesicht hat, der will es im Spiegel sehen, Sie ist der Spiegel meines Glücks, und das ist grade jetzt in seiner schönsten Blüte, und da muß es denn der Spiegel oft in sich aufnehmen. Ich bitte Sie, klatsch Sie ihrem Herrn Sohn im nächsten Brief, den Sie gleich morgen schreiben kann und nicht erst eine Gelegenheit abzuwarten braucht, daß ich dem Veilchenstrauß in der Schachtel in kühler Mondnacht nachgeschwommen bin, wohl eine Viertelstunde lang, so lang war es aber nicht, und daß die Wellen mich wie eine Wassergöttin dahingetragen haben, es waren aber keine Wellen, es war nur seichtes Wasser, das kaum die leichten Schachteln hob; und daß mein Gewand aufgebauscht war um mich her wir ein Ballon. Was sind denn die Reifröcke seiner Jugendliebschaften alle gegen mein dahinschwimmendes Gewand! Sag Sie doch nicht, Ihr Herr Sohn sei zu gut für mich, um einen Veilchenstrauß solche Lebensgefahr zu laufen! Ich schließ mich an die Epoche der empfindsamen Romane und komme glücklich im Werther an, wo ich denn gleich die Lotte zur Tür hinauswerfen möchte. Ihr Herr Sohn hat einen schlechten Geschmack an dem weißen Kleide mit Rosaschleifen. Ich will gewiß in meinem Leben kein weißes Gewand anziehen; grün, grün sind alle meine Kleider.

Apropos, guck Sie doch einmal hinter Ihren Ofenschirm, wo Sie immer die schön bemalte Seite gegen die Wand stellt, damit die Sonne ihn nicht ausbleicht; da wird Sie entdecken, daß das Eichhörnchen der Ofengöttin großen Schaden getan hat, und daß es ihr das ganze Angesicht blaß gemacht hat. Ich wollt Ihr nichts sagen, weil ich doch das Eichhörnchen gegen Ihren Befehl an den Ofenschirm gebunden hatte, und da fürchtete ich, Sie könnte bös werden, drum hab ich's Ihr schreiben wollen, damit Sie in meiner Abwesenheit Ihren Zorn kann austoben lassen. Morgen geht's nach Aschaffenburg, da schreib ich Ihr mehr. Mein Schawellchen soll die Lieschen ausklopfen, damit die Motten nicht hineinkommen, lasse Sie ja keinen andern drauf sitzen, adje, Fr. Rat, ich bin Ihre untertänige Magd.

An Frau Rat Goethe

Frau Rat, Sie hat eine recht garstige Hand, eine wahre Katzenpfote, nicht die, mit der Sie im Theater klatscht, wenn der Schauspieler Werdi wie ein Mülleresel dahertrappst und tragisches Schicksal spielen will, nein, sondern die geschriebene Hand ist häßlich und unleserlich. Mir kann Sie zwar immer so undeutlich, wie Sie will, schreiben, daß ich ein albernes Ding bin; ich kann's doch lesen, gleich am ersten großen A. Denn was sollte es sonst heißen? Sie hat mir's ja oft genug gesagt; aber wenn Sie an Ihren Herrn Sohn schreibt von mir, befleißige Sie sich der Deutlichkeit; die Mildeberger Trauben hab ich noch herausgekriegt, die Sie in chaldäischen und hebräischen Buchstaben verzeichnet hat, ich werde Ihr eine ganze Schachtel voll bestellen, das hätt ich auch ohnedem getan. Der Herr Schlosser hat mir übrigens nichts Besondres in Ihrem Brief geschrieben. Ich kann das auch nicht leiden, daß Sie sich die Zeit von ihm vertreiben läßt, wenn ich nicht da bin, und ich sag Ihr: lasse Sie ihn nicht auf meiner Schawelle sitzen, er ist auch so einer, der Laute spielen will und glaubt, er könne auf meiner Schawelle sitzen, und Sie auch, wenn Sie ihn so oft sieht, so bild't Sie sich ein, er wär besser als ich; Sie hat so schon einmal geglaubt, er wär ein wahrer Apoll von Schönheit, bis ich Ihr die Augen aufgetan habe, und die Fr. Rat Schlosser hat gesagt, daß, wie er neugeboren war, so habe man ihn auf ein grünes Billard gelegt, da habe er so schön abgestochen und habe ausgesehen wie ein glänzender Engel; ist denn Abstechen eine so große Schönheit? Adieu, ich sitze in einer Raufe, wo die Kuh den Klee herausfrißt, und schreibe; schreib Sie das nicht an Ihren Sohn; das könnte ihm zu toll vorkommen, denn ich selbst, wenn ich denke: ich fände meinen Schatz im Kuhstall sitzen und zärtliche Briefe an mich schreiben, ich weiß auch nicht, wie ich mich benehmen sollte. Doch sitze ich hier oben aus lauter Verzweiflung, und weil ich mich versteckt habe, und weil ich allein sein möchte, um an ihn zu denken. Adieu Fr. Rat.

Wir haben gestern beim Primas zu Mittag gegessen, es war Fasttag; da waren wunderliche Speisen, die Fleisch vorstellten und doch keins waren. Da wir ihm vorgestellt wurden, faßte er mich am Kinn und nannte mich kleiner Engel, liebliches Kind; ich fragte, wie alt er denn glaubt, daß ich sei? »Nun, zwölf Jahre allenfalls.« »Nein, dreizehn«, sagte ich. »Ja«, sagte er, »das ist schon alt, da müssen Sie bald regieren.«

(Die Antwort fehlt)

Winckel

Liebe Frau Rat! Alles, was ich aufgeschrieben habe, das will ich Ihr vorlesen; Sie kann selbst sich überzeugen, daß ich nichts hinzugesetzt habe und das bloß geschrieben, was meine Augen Ihr aus dem Mund gesogen haben, nur das kann ich nicht begreifen, daß es aus Ihrem Mund so gescheit lautet, und daß meine Feder es so dumm wiedergibt; daß ich nicht sehr klug bin, davon geb ich häufige Beweise. Also das kann ich wohl zugeben, daß Sie zu den Leuten sagt, Sie wünscht, sie wären alle so närrisch wie ich; aber sag Sie ja nicht, ich sei klug, sonst kompromittiert Sie sich, und der Wirt in Kassel an der großen Rheinbrücke kann den Gegenbeweis führen. Es war so langweilig, bis unsere ganze Bagage an der Douane untersucht war, ich nahm den Mückenplätscher
und verfolgte ein paar Mücken, sie setzten sich an die Fensterscheiben, ich schlug zu, die Scheibe flog hinaus und mit ihr die Mücken in die goldne Freiheit, über den großen stolzen Rhein hinüber; der Wirt sagte, das war dumm; und ich war sehr beschämt.

Ach Fr. Mutter! Was ist hier in dem Langenwinkel für ein wunderlich Leben; das soll schöne Natur sein und ist es auch gewiß, ich hab nur keinen Verstand, es zu erkennen. Eh meine Augen hinüber auf den Johannisberg schweifen, werden sie von ein paar schmutzigen Gassen in Beschlag genommen und von einem langen Feld raupenfräßiger Zwetschen- und Birnbäume. Aus jedem Gaubloch hängen Perlenschnüre von getrockneten Schnitzeln und Hutzeln; der Lohgerber gegen uns über durchdampft alle Wohlgerüche der Luft; alle fünf Sinne gehören dazu, um etwas in seiner Schönheit zu empfinden, und wenn auch die ganze Natur noch so sehr entzückend wär und ihr Duft führte nicht auch den Beweis, so wär der Prozeß verloren.

Die Orgel klingt auch ganz falsch hier in der Kirche. Man mußte von Fr. bis Winckel reisen, um eine so grobe Disharmonie zu Ehren Gottes aufführen zu hören.

Leb Sie recht wohl.

Bettine

Unser Kutscher wird Ihr eine Schachtel mit Pfirsich bringen, verderb Sie sich nicht den Magen, denn der ist nicht göttlich und läßt sich leicht verführen.

Wir waren am letzten Donnerstag mit den beiden Schlossers bis Lorch. Man fuhr auf dem Wasser, Christian Schlosser glaubte die Wasserfahrt nicht vertragen zu können und ging den Weg zu Fuß; ich ging mit ihm, um ihm die Zeit zu vertreiben, aber ich hab's bereut. Zum erstenmal hab ich über den Wolfgang mit einem andern gesprochen wie mit Ihr, und das war eine Sünde. Alles kann ich wohl vertragen von ihm zu hören, aber kein Lob und keine Liebe; Sie hat Ihren Sohn lieb und hat ihn geboren, das ist keine Sünde, und ich lasse mir's gefallen: aber mehr nicht; die andern sollen nur keine weitere Prätensionen machen. Sie frägt zwar, ob ich ihn allein gepachtet habe? Ja, Fr. Rat, darauf kann ich Ihr antworten. Ich glaub, daß es eine Art und Weise gibt, jemand zu besitzen, die niemand streitig machen kann; diese üb ich an Wolfgang, keiner hat es vor mir gekonnt, das weiß ich, trotz allen seinen Liebschaften, von denen sie mir erzählt. Vor ihm tu ich zwar sehr demütig, aber hinter seinem Rücken halte ich ihn fest, und da müßte er stark zappeln, wenn er los will. Fr. Rat! Ich kenne die Prinzen und Prinzessinnen nur aus der Zauberwelt der Feenmärchen und aus Ihren Beschreibungen, und die geben einander nichts nach; dort sind zwar die schönsten Prinzessinnen in Katzen verwandelt, und gewöhnlich werden sie durch einen Schneider erlöst und geheiratet. Das überleg Sie doch auch, wenn Sie wieder ein Märchen erfindet, und geb Sie diesem Umstand eine moralische Erläuterung.

Bettine

(Die Antwort fehlt)

Ich habe freilich einen Brief vom Wolfgang hier im Rheingau erhalten, er schreibt: »Halte meine Mutter warm und behalte mich lieb.« Diese lieben Zeilen sind in mich eingedrungen wie ein erster Frühlingsregen; ich bin sehr vergnügt, daß er verlangt, ich soll ihn lieb behalten; ich weiß es wohl, daß er die ganze Welt umfaßt; ich weiß, daß ihn die Menschen sehen wollen und sprechen, daß ganz Deutschland sagt: unser Goethe. Ich aber kann Ihr sagen, daß mir bis heute die allgemeine Begeistrung für seine Größe, für seinen Namen noch nicht aufgegangen ist. Meine Liebe zu ihm beschränkt sich auf das Stübchen mit weißen Wänden, wo ich ihn zuerst gesehen, wo am Fenster der Weinstock, von seiner Hand geordnet hinaufwächst, wo er auf dem Strohsessel sitzt und mich in seinen Armen hält; da läßt er keinen Fremden ein, und da weiß er auch von nichts als nur von mir allein. Frau Rat! Sie ist seine Mutter, und Ihr sag ich's: wie ich ihn zum erstenmal gesehen hatte, und ich kam nach Haus, da fand ich, daß ein Haar von seinem Haupt auf meine Schulter gefallen war. Ich verbrannte es am Licht, und mein Herz war ergriffen, daß es auch in Flammen ausschlug, aber so heiter, so lustig wie die Flammen in blauer, sonnenheller Luft, die man kaum gewahr wird, und die ohne Rauch ihr Opfer verzehrt. So wird mir's auch gehen: mein Leben lang werde ich lustig in die Lüfte flackern, und die Leute werden nicht wissen, woher sich diese Lust schreibt; es ist nur, weil ich weiß, daß, wenn ich zu ihm komme, er allein mit mir sein will und alle Lorbeerkränze vergißt.


Leb Sie wohl und schreib Sie ihm von mir.

Goethes Mutter an Bettine
Frankfurt, am 12. Mai 1808

Liebe Bettine! Deine Briefe machen mir Freude, und die Jungfer Lieschen, die sie schon an der Adresse erkennt, sagt: »Fr. Rat, da bringt der Briefträger ein Pläsier.« Sei aber nicht gar zu toll mit meinem Sohn, alles muß in seiner Ordnung bleiben. Das braune Zimmer ist neu tapeziert mit der Tapete, die Du ausgesucht hast, die Farbe mischt sich besonders schön mit dem Morgenrot, das überm Katharinenturm heraufsteigt und mir bis in die Stube scheint. Gestern sah unsre Stadt recht wie ein Feiertag aus in dem unbefleckten Licht der Alba.

Sonst ist noch alles auf dem alten Fleck. Um Deinen Schemmel habe keine Not, die Liese leidet's nicht, daß jemand drauf sitzt.

Schreib recht viel, und wenn's alle Tag wär, Deiner wohlgeneigten Freundin

Goethe

Frau Rat!
Schlangenbad

Wir sind gestern auf Müllereseln geritten, weit ins Land hinaus über Rauenthal hinweg. Da geht's durch bewaldete Felswege, links die Aussicht in die Talschlucht und rechts die waldige emporsteigende Felswand. Da haben mich dann die Erdbeeren sehr verlockt, daß ich schier um meinen Posten gekommen wär, denn mein Esel ist der Leitesel. Weil ich aber immer Halt machte, um die Erdbeeren zu pflücken, so drängte die ganze Gesellschaft auf mich ein und ich mußte tausend rote Beeren am Wege stehen lassen. Heute sind's acht Tage, aber ich schmachte noch danach, die gespeisten sind vergessen, die ungepflückten brennen mich noch auf der Seele. Eben drum würde ich's ewig bereuen, wenn ich versäumte, was ich das Recht habe zu genießen, und da braucht Sie nicht zu fürchten, daß ich die Ordnung umstoße. Ich häng mich nicht wie Blei an meinen Schatz, ich bin wie der Mond, der ihm ins Zimmer scheint, wenn die geputzten Leute da sind und die vielen Lichter angezünd't, dann wird er wenig bemerkt, wenn die aber weg sind und das Geräusch ist vorüber, dann hat die Seele um so größere Sehnsucht, sein Licht zu trinken. So wird auch er sich zu mir wenden und meiner gedenken, wenn er allein ist. Ich bin erzürnt über alle Menschen, die mit ihm zu tun haben, doch ist mir keiner gefährlich bei ihm, aber das geht Sie alles nichts an. Ich werde doch nicht die Mutter fürchten sollen, wenn ich den Sohn lieb hab?

An Bettine
Frankfurt, am 25. Mai

Ei Mädchen, Du bist ja ganz toll, was bild'st Du Dir ein? Ei, wer ist denn Dein Schatz, der an Dich denken soll bei Nacht im Mondschein? Meinst Du, der hätt nichts Bessers zu tun? Ja proste Mahlzeit. Ich sag Dir noch einmal: alles in der Ordnung, und schreib ordentliche Briefe, in denen was zu lesen steht. Dummes Zeug nach Weimar schreiben; schreib, was Euch begegnet, alles ordentlich hinter einander. Erst wer da ist, und wie Dir jeder gefällt, und was jeder an hat, und ob die Sonne scheint, oder ob's regnet, das gehört auch zur Sach.

Mein Sohn hat mir's wieder geschrieben, ich soll Dir sagen, daß Du ihm schreibst. Schreib ihm aber ordentlich, Du wirst Dir sonst das ganze Spiel verderben.

Am Freitag war ich im Konzert, da wurde Violoncell gespielt, da dacht ich an Dich, es klang so recht wie Deine braune Augen. Adieu, Mädchen, Du fehlst überall Deiner Frau Rat.

Frau Rat!

Ich will Ihr gern den Gefallen tun und einmal einen recht langen deutlichen Brief schreiben, meinen ganzen Lebensaufenthalt in Winckel.

Erst ein ganzes Haus voll Frauen, kein einziger Mann, nicht einmal ein Bedienter. Alle Läden im Haus sind zu, damit uns die Sonne nicht wie unreife Weinstöcke behandelt und garkocht. Das Stockwerk, in dem wir wohnen, besteht aus einem großen Saal, an das lauter kleine Kabinette stoßen, die auf den Rhein sehen, in deren jedem ein Pärchen von unserer Gesellschaft wohnt. Die liebe Marie mit den blonden Haaren ist Hausfrau und läßt für uns backen und sieden. Morgens kommen wir alle aus unseren Gemächern im Saal zusammen. Es ist ein besondres Pläsier zu sehen, wie einer nach dem andern griechisch drapiert hervorkommt. Der Tag geht vorüber in launigem Geschwätz, dazwischen kommen Bruchstücke von Gesang und Harpegge auf der Gitarre. Am Abend spazieren wir an den Ufern des Rheins entlang, da lagern wir uns auf dem Zimmerplatz; ich lese den Homer vor, die Bauern kommen alle heran und hören zu; der Mond steigt zwischen den Bergen herauf und leuchtet statt der Sonne. In der Ferne liegt das schwarze Schiff, da brennt ein Feuer, der kleine Spitzhund auf dem Verdeck schlägt von Zeit zu Zeit an. Wenn wir das Buch zumachen, so ist ein wahres politisches Verhandeln; die Götter gelten nicht mehr und nicht weniger als andre Staatsmächte, und die Meinungen werden so hitzig behauptet, daß man denken sollte, alles wär gestern geschehen, und es wär manches noch zu ändern. Einen Vorteil hab ich davon: hätt ich den Bauern nicht den Homer vorgelesen, so wüßte ich heut noch nicht, was drin steht, die haben mir's durch ihre Bemerkungen und Fragen erst beigebracht. Wenn wir nach Hause kommen, so steigt einer nach dem andern, wenn er müde ist, zu Bette. Ich sitze dann noch am Klavier, und da fallen mir Melodien ein, auf denen ich die Lieder, die mir lieb sind, gen Himmel trage. Wie ist Natur so hold und gut. Im Bett richte ich meine Gedanken dahin, wo mir's lieb ist, und so schlafe ich ein. Sollte das Leben immer so fortgehen? Gewiß nicht.

Am Samstag waren die Brüder hier, bis zum Montag. Da haben wir die Nächte am Rhein verschwärmt. George mit der Flöte, wir sangen dazu, so ging's von Dorf zu Dorf, bis uns der aufgehende Tag nach Hause trieb. Fr. Mutter, auf dem prächtigen Rheinspiegel in Mondnächten dahingleiten und singen, wie das Herz eben aufjauchzt, allerlei lustige Abenteuer bestehen in freundlicher Gesellschaft, ohne Sorge aufstehen, ohne Harm zu Bette gehen, das ist so eine Lebensperiode, in der ich mitten inne stehe. Warum lasse ich mir das gefallen? weiß ich's nicht besser? und ist die Welt nicht groß und mancherlei in ihr, was bloß des Menschengeistes harrt, um in ihm lebendig zu werden? Und soll das alles mich unberührt lassen? Ach Gott das Philistertum ist eine harte Nuß, nicht leicht aufzubeißen, und mancher Kern vertrocknet unter dieser harten Schale. Ja, der Mensch hat ein Gewissen, es mahnt ihn, er soll nichts fürchten, und soll nichts versäumen, was das Herz von ihm fordert. Die Leidenschaft ist ja der einzige Schlüssel zur Welt, durch die lernt der Geist alles kennen und fühlen, wie soll er denn sonst in sie hineinkommen? Und da fühl ich, daß ich durch die Liebe zu Ihm erst in den Geist geboren bin, daß durch Ihn die Welt sich mir erst aufschließt, da mir die Sonne scheint, und der Tag sich von der Nacht scheidet. Was ich durch diese Liebe nicht lerne, das werde ich nie begreifen. Ich wollt, ich säß an seiner Tür ein armes Bettelkind, und nähm ein Stückchen Brot von ihm, und er erkennte dann an meinem Blick, wes Geistes Kind ich bin, da zög er mich an sich und hüllte mich in seinen Mantel, damit ich warm würde. Gewiß er hieß mich nicht wieder gehen, ich dürfte fort und fort im Haus herumwandeln, und so vergingen die Jahre und keiner wüßte, wer ich wäre, und niemand wüßte, wo ich hingekommen wär, und so vergingen die Jahre und das Leben, und in seinem Antlitz spiegelte sich mir die ganze Welt, ich brauchte nichts andres mehr zu lernen. Warum tu ich's denn nicht? Es kommt ja nur darauf an, daß ich Mut fasse, so kann ich in den Hafen meines Glückes einlaufen.

Weiß Sie noch, wie ich den Winter durch Schnee und Regen gesprungen kam, und Sie fragt: »Wie läufst Du doch über die Gasse?« Und ich sagte, wenn ich die alte Stadt Frankfurt nicht wie einen Hühnerhof traktieren sollte, so würd ich nicht weit in der Welt kommen, und da meinte Sie, mir sei gewiß kein Wasser zu tief und kein Berg zu hoch; und ich dachte damals schon: ja, wenn Weimar der höchste Berg und das tiefste Wasser ist. Jetzt kann ich's Ihr noch besser sagen, daß mein Herz schwer ist und bleiben wird, so lang ich nicht bei ihm bin, und das mag Sie nun in der Ordnung finden oder nicht.

Adieu leb Sie recht wohl. Ich werd nächstens bei Ihr angerutscht kommen.

An Goethes Mutter
Winckel, am 12. Juni

Ein Brief von Ihr macht immer groß Aufsehen unter den Leuten; die möchten gern wissen, was wir uns zu sagen haben, da ich ihnen so unklug vorkomme. Sie kann getrost glauben, ich werd auch nie klug werden. Wie soll ich Klugheit erwerben, mein einsamer Lebenslauf führt nicht dazu. Was hab ich dies Jahr erlebt? Im Winter war ich krank; dann macht ich ein Schattenspiel von Pappendeckel, da hatten die Katze und der Ritter die Hauptrollen, da hab ich nah an sechs Wochen die Rolle der Katze studiert, sie war keine Philosophin, sonst hätt ich vielleicht profitiert. Im Frühjahr blühte der Orangenbaum in meinem Zimmer; ich ließ mir einen Tisch drum zimmern und eine Bank, und in seinem duftenden Schatten hab ich an meinen Freund geschrieben. Das war eine Lust, die keine Weisheit mir ersetzen konnte. Im Spiegel gegenüber sah ich den Baum noch einmal und wie die Sonnenstrahlen durch sein Laub brachen; ich sah sie drüben sitzen die Braune, Vermessene; an den größten Dichter, an den Erhabenen über alle zu schreiben. Im April bin ich früh drauß gewesen auf dem Wall und hab die ersten Veilchen gesucht und botanisiert, im Mai hab ich fahren gelernt mit zwei Pferd, morgens mit Sonnenaufgang fuhr ich hinaus nach Oberrad, ich spaziert in die Gemüsfelder und half dem Gärtner alles nach der Schnur pflanzen, bei der Milchfrau hab ich mir einen Nelkenflor angelegt, die dunkelroten Nelken sind meine Lieblingsblumen. Bei solcher Lebensweise, was soll ich da lernen, woher soll ich klug werden? Was ich Ihrem Sohn schreib, das gefällt ihm, er verlangt immer mehr, und mich macht das selig, denn ich schwelge in einem Überfluß von Gedanken, die meine Liebe, mein Glück ausdrücken, wie es Ihm erquicklich ist. Was ist nun Geist und Klugheit, da der seligste Mensch, wie ich, ihrer nicht bedarf?

Es war voriges Jahr im Eingang Mai, da ich ihn sah zum erstenmal, da brach er ein junges Blatt von den Reben, die an seinem Fenster hinaufwachsen, und legt's an meine Wange und sagte: »Das Blatt und deine Wange sind beide wollig«; ich saß auf dem Schemel zu seinen Füßen und lehnte mich an ihn, und die Zeit verging im stillen. Nun, was hätten wir Kluges einander sagen können, was diesem verborgnen Glück nicht Eintrag getan hätte; welch Geisterwort hätte diesen stillen Frieden ersetzt, der in uns blühte? O wie oft hab ich an dieses Blatt gedacht, und wie er damit mir die Stirne und das Gesicht streichelte, und wie er meine Haare durch die Finger zog und sagte: »Ich bin nicht klug; man kann mich leicht betrügen, du hast keine Ehre davon, wenn du mir was weismachst mit deiner Liebe.« Da fiel ich ihm um den Hals. Das alles war kein Geist, und doch hab ich's tausendmal in Gedanken durchlebt und werde mein Leben lang dran trinken wie das Aug das Licht trinkt; es war kein Geist, und doch überstrahlt es mir alle Weisheit der Welt; was kann mir sein freundliches Spielen ersetzen? was den feinen durchdringenden Strahl seines Blicks, der in mein Auge leuchtet? Ich achte die Klugheit nichts, ich habe das Glück unter anderer Gestalt kennen lernen, und auch was andern weh tut, das kann mir nicht Leid tun, und meine Schmerzen, das wird keiner verstehen.

So hell wie diese Nacht ist! Glanzverhüllt liegen die Berg da mit ihren Rebstöcken und saugen schlaftrunken das nahrhafte Mondlicht. Schreib Sie bald; ich hab keinen Menschen, dem ich so gern vertraue, denn weil ich weiß, daß Sie mit keinem andern mehr anbindet und abgeschlossen für mich da ist, und daß Sie mit niemand über mich spricht. Wenn Sie wüßt, wie tief es schon
in der Nacht ist! Der Mond geht unter, das betrübt mich. Schreib Sie mir recht bald.

Bettine

Winckel, am 25. Juni

Frau Rat, ich war mit dem Franz auf einer Eisenschmelze, zwei Tag mußt ich in der engen Talschlucht aushalten, es regnete oder vielmehr näßte fortwährend, die Leute sagten: »Ja das sind wir gewohnt, wir leben wie die Fisch, immer naß, und wenn einmal ein paar trockne Tage sind, so juckt einem die Haut, man möchte wieder naß sein.« Ich muß mich besinnen, wie ich Ihr das wunderliche Erdloch beschreibe, wo unter dunklen gewaltigen Eichen die Glut hervorleuchtet, wo an den Bergwänden hinan einzelne Hütten hängen und wo im Dunkel die einzelnen Lichter herüberleuchten und der lange Abend durch eine ferne Schalmei, die immer dasselbe Stückchen hören läßt, recht an den Tag gibt, daß die Einsamkeit hier zu Haus ist, die durch keine Geselligkeit unterbrochen wird. Warum ist denn der Ton einer einsamen Hausflöte, die so vor sich hinbläst, so melancholisch langweilig, daß einem das Herz zerspringen möcht vor Grimm, daß man nicht weiß, wo aus noch ein; ach wie gern möcht man da das Erdenkleid abstreifen und hochfliegen weit in die Lüfte; ja, so eine Schwalbe in den Lüften, die mit ihren Flügeln wie mit einem scharfen Bogen den Äther durchschneidet, die hebt sich weit über die Sklavenkette der Gedanken, ins Unendliche, das der Gedanke nicht faßt.

Wir wurden in gewaltig große Betten logiert, ich und der Bruder Franz, ich hab viel mit ihm gescherzt und geplaudert, er ist mein liebster Bruder. Am Morgen sagte er ganz mystisch: »Geb einmal acht, der Herr vom Eisenhammer hat ein Hochgericht im Ohr«; ich konnt's nicht erraten; wie sich aber Gelegenheit ergab ins Ohr zu sehen, da entdeckt ich's gleich, eine Spinne hatte ihr Netz ins Ohr aufgestellt, eine Fliege war drin gefangen und verzehrt, und ihre Reste hingen noch im unverletzten Gewebe; daraus wollte der Franz das versteinerte langweilige Leben recht deutlich erkennen, ich aber erkannte es auch am Tintefaß, das so pelzig war und so wenig Flüssiges enthielt. Das ist aber nur die eine Hälfte dieses Lochs der Einsamkeit. Man sollt's nicht meinen, aber geht man langsam in die Runde, so kommt man an eine Schlucht. Am Morgen, wie eben die Sonne aufgegangen war, entdeckte ich sie, ich ging hindurch, da befand ich mich plötzlich auf dem steilen höchsten Rand eines noch tieferen und weiteren Talkessels, sein samtner Boden schmiegt sich sanft an die ebenmäßigen Bergwände, die es rund umgeben und ganz besäet sind mit Lämmer und Schafen; in der Mitte steht das Schäferhaus und dabei die Mühle, die vom Bach, der mitten durchbraust, getrieben wird. Die Gebäude sind hinter uralten himmelhohen Linden versteckt, die grade jetzt blühen, und deren Duft zu mir heraufdampfte und zwischen deren dichtem Laub der Rauch des Schornsteins sich durchdrängte. Der reine blaue Himmel, der goldne Sonnenschein hatte das ganze Tal erfüllt. Ach lieber Gott, säß ich hier und hütete die Schafe und wüßte, daß am Abend einer käm, der meiner eingedenk ist, und ich wartete den ganzen Tag, und die sonneglänzenden Stunden gingen vorüber, und die Schattenstunden mit der silbernen Mondsichel und dem Stern brächten den Freund, der fänd mich an Bergesrand ihm entgegenstürzend in die offne Arme, daß er mich plötzlich am Herzen fühlte mit der heißen Liebe, was wär dann nachher noch zu erleben? Grüß Sie Ihren Sohn und sag Sie ihm, daß zwar mein Leben friedlich und von Sonnenglanz erleuchtet ist, daß ich aber der goldnen Zeit nicht achte, weil ich mich immer nach der Zukunft sehne, wo ich den Freund erwarte. Adieu leb Sie wohl. Bei Ihr ist Mitternacht eine Stunde der Geister, in der Sie es für eine Sünde hält, die Augen offen zu haben, damit Sie keine sieht; ich aber ging eben noch allein in den Garten durch die langen Traubengänge, wo Traube an Traube hängt vom Mondlicht beschienen, und über die Mauer hab ich mich gelehnt und hab hinausgesehen in den Rhein, da war alles still. Aber weiße Schaumwellen zischten, und es patschte immer ans Ufer, und die Wellen lallten wie Kinder. Wenn man so einsam nachts in der freien Natur steht, da ist's, als ob sie ein Geist wär, die den Menschen um Erlösung bäte. Soll vielleicht der Mensch die Natur erlösen? Ich muß einmal darüber nachdenken; schon gar zu oft hab ich diese Empfindung gehabt, als ob die Natur mich jammernd wehmütig um etwas bäte, daß es mir das Herz durchschnitt, nicht zu verstehen, was sie verlangte. Ich muß einmal recht lang dran denken, vielleicht entdeck ich etwas, was über das ganze Erdenleben hinaushebt. Adieu, Fr. Rat, und wenn Sie mich nicht versteht, so denk Sie nur, wie Ihr noch immer in Ihren jetzigen Tagen ein Posthorn, das Sie in der Ferne hört, einen wunderlichen Eindruck macht, ungefähr so ist mir's auch heute.

Bettine

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