> Gedichte und Zitate für alle: Bettina von Arnim: Briefwechsel mit Goethe Seite 3 (9)

2019-10-30

Bettina von Arnim: Briefwechsel mit Goethe Seite 3 (9)



An Bettine
Am 5. September

Du hast Dich, liebe Bettine, als ein wahrer kleiner Christgott erwiesen, wissend und mächtig, eines jeden Bedürfnisse kennend und ausfüllend; und soll ich Dich schelten oder loben, daß Du mich wieder zum Kinde machst? Denn mit kindischer Freude hab ich Deine Bescherung verteilt und mir selbst zugeeignet. Deine Schachtel kam kurz vor Tische; verdeckt trug ich sie dahin, wo Du auch einmal gesessen, und trank zuerst August aus dem schönen Glase zu. Wie verwundert war er, als ich es ihm schenkte! Darauf wurde Riemer mit Kreuz und Beutel beliehen; niemand erriet, woher? Auch zeigte ich das künstliche und zierliche Besteck; da wurde die Hausfrau verdrießlich, daß sie leer ausgehen sollte. Nach einer Pause, um ihre Geduld zu prüfen, zog ich endlich den schönen Gewandstoff hervor; das Rätsel war aufgelöst und jedermann in Deinem Lobe eifrig und fröhlich.

Wenn ich also das Blatt noch umwende, so hab ich immer nur Lob und Dank da capo vorzutragen; das ausgesuchte zierliche der Gaben war überraschend. Kunstkenner wurden herbeigerufen, die artigen Balgenden zu bewundern genug, es entstand ein Fest, als wenn Du eben selbst wiedergekommen wärst. Du kommst mir auch wieder in jedem Deiner lieben Briefe und doch immer neu und überraschend, so daß man glauben sollte, von dieser Seite habe man Dich noch nicht gekannt; und Deine kleinen Abenteuer weißt Du so allerliebst zu drehen, daß man gern der eifersüchtigen Grillen sich begibt, die einem denn auch zuweilen anwandeln; bloß um das artige Ende des Spaßes mit zu erleben. So war es mit der launigen Episode des Engländers, dessen ungeziemendes Wagnis den Beweis für sein schönes sittliches Gefühl herbeiführen mußte. Ich bin Dir sehr dankbar für solche Mitteilungen, die freilich nicht jedem recht sein mögen; möge Dein Vertrauen wachsen, das mir so viel zubringt, was ich jetzt nicht mehr gerne entbehren mag; auch ein belobendes Wort muß ich Dir hier sagen für die Art, wie Du Dich mit meinem gnädigsten Herrn verständigt hast. Er konnte nicht umhin, auch Dein diplomatisches Talent zu bewundern; Du bist allerliebst, meine kleine Tänzerin, die einem mit jeder Wendung unvermutet den Kranz zuwirft. Und nun hoffe ich bald Nachricht, wie Du mit der guten Mutter lebst, wie Du ihrer pflegst, und welche schöne vergangne Zeiten zwischen Euch beiden wieder auferstehen.

Der lieben Meline Mützchen ist auch angekommen. Ich darf's nicht laut sagen, es steht aber niemand so gut als ihr. Freund Stollens Attention auf dem blauen Papier hat Dir doch Freude gemacht. Adieu, mein artig Kind! Schreibe bald, daß ich wieder was zu übersetzen habe.

An Goethe
G., 17. September

Freundlicher Mann! Du bist zu gut, Du nimmst alles, was ich Dir im heiteren Übermut biete, als wenn es noch so viel Wert habe; aber ich fühl's recht in Deinem freundlichen Herabneigen, daß Du mir gut bist wie dem Kind, das Gras und Kräuter bringt und meint, es habe einen auserlesenen Strauß zusammengesucht; dem lächelt man auch so zu und sagt: »Wie schön ist dein Strauß, wie angenehm duftet er, er soll mir blühen in meinem Garten, hier unter mein Fenster will ich ihn pflanzen;« und doch sind es nur wurzellose Feldblumen, die bald welken. Ich aber sehe mit Lust, wie Du mich in Dich aufnimmst, wie Du diese einfachen Blumen, die am Abend schon welken müßten, ins Feuer der Unsterblichkeit hältst und mir zurückgibst. Nennst Du das auch übersetzen, wenn der göttliche Genius die idealische Natur vom irdischen Menschen scheidet, sie läutert, sie enthüllt, sie sich selbst wieder anvertraut, und so die Aufgabe, selig zu werden, löst? Ja, Goethe, so machst Du die Seufzer, die meine sehnende Liebe aushaucht zu Geistern, die mich auf der Straße der Seligkeit umschweben; ach, und wohl auch meiner Unsterblichkeit weit voraneilen.

Welch heiliges Abenteuer, das unter dem Schutze des Eros sich kühn und stolz aufschwingt, kann ein herrlicher Ziel erreichen, als ich in Dir erreicht habe! Wo Du mir zugibst mit Lust: Gehemmt sei nun zum Vater hin das Streben. O glaub es: nimmer trink ich mich satt an diesen Liebesergießungen; ewig fühl ich von brausenden Stürmen mich zu Deinen Füßen getragen, und in diesem neuen Leben, in dem meine Glückssterne sich spiegeln, vor Wonne untergehn.

Diese Tränen, die meine Schrift verblassen, die möcht ich wie Perlen aufreihen und geschmückt vor Dir erscheinen und Dir sagen: vergleiche ihr reines Wasser mit Deinen andern Schätzen, und dann solltest Du mein Herz schlagen hören wie am Abend, wo ich vor Dir kniete.

Geheimnisse umschweben Liebende, sie hüllen sie in ihre Zauberschleier, aus denen sich schöne Träume entfalten. Du sitzest mit mir auf grünem Rasen und trinkst dunklen Wein aus goldnem Becher und gießest die Neige auf meine Stirn. Aus diesem Traum erwachte ich heut voll Freude, daß Du mir geneigt bist. Ich glaube, daß du teil an solchen Träumen hast; daß Du liebst in solchen Augenblicken; wem sollte ich sonst dies selige Sein verdanken, wenn Du mir's nicht gäbst! Und wenn ich denn zum gewöhnlichen Tag erwache, dann ist mir alles so gleichgültig, und was mir auch geboten wird, ich entbehre es gern; ja ich möchte von allem geschieden sein, was man Glück nennt, und nur innerlich das Geheimnis, daß Dein Geist meine Liebe genießt, so wie meine Seele von Deiner Güte sich nährt. Ich soll Dir von der Mutter schreiben; nun, es ist wunderlich zwischen uns beschaffen, wir sind nicht mehr so gesprächig wie sonst, aber doch vergeht kein Tag, ohne daß ich die Mutter seh. Wie ich von der Reise kam, da mußt ich die Rolle des Erzählens übernehmen, und obschon ich lieber geschwiegen hätte, so war doch ihres Fragens kein Ende, und ihrer Begierde mir zuzuhören auch nicht. Es reizt mich unwiderstehlich, wenn sie mit großen Kinderaugen mich ansieht, in denen der genügendste Genuß funkelt. So löste sich meine Zunge und nach und nach manches vom Herzen, was man sonst nicht leicht wieder ausspricht.

Am 2. Oktober

Die Mutter ist listig, wie sie mich zum Erzählen bringt, so sagt sie: »Heute ist ein schöner Tag, heut geht der Wolfgang gewiß nach seinem Gartenhaus, es muß noch recht schön da sein, nicht wahr, es liegt im Tal?« »Nein, es liegt am Berg, und der Garten geht auch bergauf, hinter dem Haus da sind große Bäume von schönem Wuchs und reich belaubt.« »So! Und da bist Du abends mit ihm hingeschlendert aus dem römischen Haus?« »Ja, ich hab's Ihr ja schon zwanzigmal erzählt;« »so erzähl's noch einmal. Hattet ihr denn Licht im Haus?« »Nein, wir saßen vor der Tür auf der Bank, und der Mond schien hell.« »Nun! Und da ging ein kalter Wind?« »Nein, es war gar nicht kalt, es war warm, und die Luft ganz still und wir waren auch still. Die reifen Früchte fielen von den Bäumen, er sagte: da fällt schon wieder ein Apfel und rollt den Berg hinab; da überflog mich ein Frostschauer; der Wolfgang sagte: ›Mäuschen, du frierst', und schlug mir seinen Mantel um, den zog ich dicht um mich, seine Hand hielt ich fest, und so verging die Zeit; wir standen beide zugleich auf und gingen Hand in Hand durch den einsamen Wiesengrund; jeder Schritt klang mir wieder im Herzen, in der lautlosen Stille, der Mond kam hinter jedem Busch hervor und beleuchtete uns, da blieb der Wolfgang stehen, lachte mich an im Mondglanz und sagte zu mir: ›Du bist mein süßes Herz', so führte er mich bis zu seiner Wohnung und das war alles.« »Das waren goldne Minuten, die keiner mit Gold aufwiegen kann«, sagte die Mutter, »die sind nur dir beschert, und unter Tausenden wird's keiner begreifen, was dir für ein Glückslos zugefallen ist; ich aber versteh es und genieße es, als wenn ich zwei schöne Stimmen sich singend Red und Antwort geben hörte über ihr verschwiegenstes Glück.«

Da holte mir die Mutter Deinen Brief und ließ mich lesen, was Du über mich geschrieben hast, daß es Dir ein großer Genuß sei, meine Mitteilungen über Dich zu hören; die Mutter meint, sie könne es nicht, es läg in meiner Art, zu erzählen, das Beste.

Da hab ich Dir nun diesen schönen Abend beschrieben.

Ich weiß ein Geheimnis: wenn zwei miteinander sind und der göttliche

Genius waltet zwischen ihnen, das ist das höchste Glück.

Adieu, mein lieber Freund.

An Goethe

Ach frage nur nicht, warum ich schon wieder ein neues Blatt vornehme, da ich Dir doch eigentlich nichts zu sagen habe? Ich weiß freilich noch nicht, womit ich's ausfüllen soll, aber das weiß ich, daß es doch zuletzt in Deine lieben Hände kommt. Drum hauch ich's an mit allem, was ich Dir aussprechen würde, ständ ich selbst vor Dir. Ich kann nicht kommen, drum soll der Brief mein ungeteiltes Herz zu Dir hinübertragen, erfüllt mit Genuß vergangner Tage, mit Hoffnung auf neue, mit Sehnsucht und Schmerz um Dich; da weiß ich nun keinen Anfang und kein Ende.

Von heute mag ich Dir nun gar nichts vertrauen, wie soll ich loskommen vom Wünschen, Sinnen und Wähnen; wie soll ich Dir mein treues Herz, das sich von allem zu Dir allein hinüberwendet, aussprechen? Ich muß schweigen wie damals, als ich vor Dir stand, um Dich anzusehen. Ach, was hätt ich auch sagen sollen? Ich hatte nichts mehr zu verlangen1.

Gestern waren viele witzige Köpfe im Haus Brentano beisammen, da wurden unter andern gymnastischen Geistesübungen auch Rätsel aufgegeben, da waren sehr geschickte Einfälle, und wie die Reihe an mich kam, da wußt ich nichts. Wie ich in der Verlegenheit mich umsah, und kein Gesicht, das mir einen befreundeten, verständlichen Ausdruck hatte, da erfand ich dies Rätsel. »Warum die Menschen keine Geister sehen?« Keiner konnte es raten, ich sagte: »Weil sie sich vor Gespenster fürchten.« »Wer? Die Menschen?« »Nein, die Geister.« Ja, so grausamlich kamen mir diese Gesichter vor und so fremd und unverständlich, aus denen nichts zu mir sprach wie aus Deinen geliebten Zügen, vor denen sich die Geister gewiß nicht fürchten; nein, es ist Deine Schönheit, daß die Geister mit Deinen Mienen spielen, und dies ist der unwiderstehliche Reiz für den Liebenden, daß der Geist ewig Dein Gesicht umströmt. Sonntag, ganz allein im einsamen großen Haus, alles ist ausgefahren, geritten und gegangen, Deine Mutter ist vor dem Bockenheimer Tor im Garten, weil heute die Birnen geschüttelt werden von dem Baum, der bei Deiner Geburt gepflanzt wurde.

Bettine

An Bettine

Du bist ein feines Kind, ich lese Deine lieben Briefe mit innigem Vergnügen und werde sie gewiß immer wieder lesen mit demselben Genuß. Dein Malen des Erlebten samt aller innern Empfindung von Zärtlichkeit und dem, was Dir Dein witziger Dämon eingibt, sind wahre Originalskizzen, die auch neben den ernsteren Beschäftigungen ihr hohes Interesse nicht verleugnen, nimm es daher als eine herzliche Wahrheit auf, wenn ich Dir danke. Bewahre mir Dein Vertrauen und lasse es womöglich noch zunehmen. Du wirst mir immer sein und bleiben, was Du bist. Mit was kann man Dir auch vergelten als nur, daß man sich willig von allen Deinen guten Gaben bereichern läßt. Wieviel Du meiner Mutter bist, weißt Du selbst, ihre Briefe fließen in Lob und Liebe über. Fährst Du so fort, den flüchtigen Momenten guten Glückes lieblicher Denkmale der Erinnerung zu widmen: ich stehe Dir nicht dafür, daß ich mir's anmaßen könnte, solche geniale lebensvolle Entwürfe zur Ausführung zu benützen, wenn sie dann nur auch so warm und wahr ans Herz sprechen.

Die Trauben an meinem Fenster, die schon vor ihrer Blüte und nun ein zweites Mal Zeugen Deiner freundlichen Erscheinung waren, schwellen ihrer vollen Reife entgegen, ich werde sie nicht brechen, ohne Deiner dabei zu gedenken, schreibe mir bald und liebe mich.

G.

An Goethe
Am 11. November

Mit nächstem Postwagen wirst Du einen Pack Musik erhalten, beinah alles vierstimmig, also für Dein Hausorchester eingerichtet. Ich hoffe, daß Du sie nicht schon besitzest; bis jetzt ist es alles, was ich in dieser Art habhaft werden konnte. Gefällt sie Dir, so schick ich nach, was ich noch auftreiben kann; auf meine Wahl mußt Du Dich nicht dabei verlassen, ich richte mich nur nach dem Ruf dieser Werke und kenne das wenigste. Musik imponiert mir nicht, auch kann ich sie nicht beurteilen; ich verstehe den Eindruck nicht, den sie auf mich macht, ob sie mich rührt, ob sie mich begeistert; nur das weiß ich, daß ich keine Antwort darauf habe, wenn ich gefragt werde, ob sie mir gefalle. Da könnte einer sagen, ich habe keinen Verstand davon, das muß ich zugeben, allein ich ahne in ihr das Unermeßliche. Wie in den andern Künsten das Geheimnis der Dreifaltigkeit sich offenbart, wo die Natur einen Leib annimmt, den der Geist durchdringt und der mit dem Göttlichen in Verbindung ist; so ist es in der Musik, als wenn die Natur sich hier nicht ins sinnlich Wahrnehmbare herabneige, sondern daß sie die Sinne reizt, daß sie sich mitempfinden ins Überirdische.

Wenn man von einem Satz in der Musik spricht und wie der durchgeführt ist, oder von der Begleitung eines Instruments und von dem Verstand, mit dem es behandelt ist, da meine ich grade das Gegenteil, nämlich, daß der Satz den Musiker durchführt, daß der Satz sich so oft aufstellt, sich entwickelt, sich konzentriert, bis der Geist sich ganz in ihn gefügt hat. Und das tut wohl in der Musik; ja alles, was den Erdenleib verleugnet, das tut wohl. Ich habe einen sehr ausgezeichneten Musiker zum Lehrer, wenn ich den frage, warum? so hat er nie ein »Weil« zur Antwort, und er muß gestehen, alles in der Musik ist himmlisches Gesetz, und dies überzeugt mich noch mehr, daß in der Berührung zwischen dem Göttlichen und Menschlichen keine Erläuterung stattfinde. Ich habe hier eine freundliche Bekanntschaft mit einer sehr musikalischen Natur; wir sind oft zusammen in der Oper, da macht sie mich aufmerksam auf die einzelnen Teile, auf das Durchführen eines Satzes, auf das Einwirken der Instrumente; da bin ich denn ganz perplex, wenn ich solchen Bemerkungen nachgehe; das Element der Musik, in dem ich mich aufgenommen fühlte, stößt mich aus, und dafür erkenne ich ein gemachtes, dekoriertes, mit Geschmack behandeltes Thema. Ich bin nicht in einer Welt, die mich aus der Finsternis ins Licht geboren werden läßt, wie damals in Offenbach, wo ich in der Großmutter Garten auf grünem Rasen lag und in den sonnigen blauen Himmel sah, während im Nachbarsgarten Onkel Bernhards Kapelle die ganze Luft durchströmte und ich nichts wußte, nichts wollte, als meine Sinne der Musik vertrauen. Damals hatte ich kein Urteil, ich hörte keine Melodien heraus, es war kein Schmachten, kein Begeistern für Musik, ich fühlte mich in ihr, wie der Fisch sich im Wasser fühlt. Wenn ich gefragt würde, ob ich damals zugehört habe, so könnte ich's nicht eigentlich wissen, es war nicht Zuhören, es war Sein in der Musik; ich war viel zu tief versunken, als daß ich gehört hätte auf das, was ich vernahm.

Ich hin dumm, Freund, ich kann nicht sagen, was ich weiß. Gewiß, Du würdest mir Recht geben, wenn ich mich deutlich aussprechen könnte, und auf andre Weise wirst Du am wenigsten sie verstehen lernen. Verstehen, wie der Philister verstehet, der seinen Verstand mit Konsequenz anwendet und es so weit bringt, daß man Talent nicht vom Genie unterscheidet. Talent überzeugt, aber Genie überzeugt nicht; dem, dem es sich mitteilt, gibt es die Ahnung vom Ungemessenen, Unendlichen, während Talent eine genaue Grenze absteckt und so, weil es begriffen ist, auch behauptet wird.

Das Unendliche im Endlichen, das Genie in jeder Kunst ist Musik. In sich selbst aber ist sie die Seele, indem sie zärtlich rührt; indem sie aber sich dieser Rührung bemächtigt, da ist sie Geist, der seine eigne Seele wärmt, nährt, trägt, wiedergebärt; und darum vernehmen wir Musik, sonst würde das sinnliche Ohr sie nicht hören, sondern nur der Geist; und so ist jede Kunst der Leib der Musik, die die Seele jeder Kunst ist; und so ist Musik auch die Seele der Liebe, die auch in ihrem Wirken keine Rechenschaft gibt; denn sie ist das Berühren des Göttlichen mit dem Menschlichen, und auf jeden Fall ist das Göttliche die Leidenschaft, die das Menschliche verzehrt. Liebe spricht nichts für sich aus, als daß sie in Harmonie versunken ist; Liebe ist flüssig, sie verfliegt in ihrem eignen Element; Harmonie ist ihr Element.

Am 17. November

Lieber Goethe, halte meine wunderlichen Gedanken dem wunderlichen Platz zu gut, wo ich mich befinde; ich bin in der Karmeliterkirche, in einem verborgnen Winkel hinter einem großen Pfeiler; da geh ich alle Tage her in der Mittagsstunde, da scheint die Herbstsonne durchs Kirchenfenster und malt den Schatten der Weinblätter hier auf die Erde und an die weiße Wand, da seh ich, wie der Wind die bewegt und wie eins nach dem andern abfällt; hier ist tiefe Einsamkeit, und die Menschen, die ich hier zur ungewöhnlichen Stunde treffe, die sind gewiß da, um an ihre Toten zu denken, die hier begraben sein mögen. Hier am Eingang ist die Gruft, wo Vater und Mutter begraben liegen und sieben Geschwister; da steht ein Sarg über dem andern. Ich weiß nicht was mich in diese große düstre Kirche lockt; für die Toten beten? Soll ich sagen: »Lieber Gott im Himmel, heb doch diese Verstorbenen zu dir in den Himmel?« Die Liebe ist ein flüssig Element, sie löst Seele und Geist in sich auf, und das ist Seligkeit. Wenn ich hier in die Kirche gehe, an der Gruft vorbei, die meine Eltern und Geschwister deckt, da falte ich die Hände, und das ist mein ganzes Gebet.

Der Vater hat mich zärtlich geliebt, ich hatte eine große Gewalt über ihn; oft schickte mich die Mutter mit einer schriftlichen Bitte an ihn und sagte: »Laß den Vater nicht los, bis er Ja sagt«, da hing ich mich an seinen Hals und umklammerte ihn, da sagte er: »Du bist mein liebstes Kind, ich kann nicht versagen.«

Der Mutter erinnere ich mich auch noch, ihrer großen Schönheit; sie war so fein und doch so erhaben und glich nicht den gewöhnlichen Gesichtern; Du sagtest von ihr, sie sei für die Engel geschaffen, die sollten mit ihr spielen. Deine Mutter hat mir erzählt, wie Du sie zum letztenmal gesehen, daß Du die Hände zusammenschlugst über ihre Schönheit, das war ein Jahr vor ihrem Tod; da lag der General Brentano in unserm Haus an schweren Wunden; die Mutter pflegte ihn, und er hatte sie so lieb, daß sie ihn nicht verlassen durfte. Sie spielte Schach mit ihm, er sagte: »Matt!« Und sank zurück ins Bett; sie ließ mich holen, weil er nach den Kindern verlangt hatte ich trat mit ihr ans Bett, da lag er blaß und still; die Mutter rief ihn: »Mein General!« Da öffnete er die Augen, reichte ihr lächelnd die Hand und sagte: »Meine Königin!« Und so war er gestorben.

Ich seh die Mutter noch wie im Traum, daß sie vor dem Bett steht, die Hand dieses erblaßten Helden festhält und ihre Tränen leise aus den großen schwarzen Augen über ihr stilles Antlitz rollen. Damals hast Du sie zum letztenmal gesehen, und Du sagtest voraus, daß Du sie nicht wiedersehen
würdest. Deine Mutter hat mir's erzählt, wie Du tief bewegt über sie warst. Wie ich Dich zum erstenmal sah, da sagtest Du: »Du gleichst deinem Vater, aber der Mutter gleichst du auch«, und dabei hast Du mich ans Herz gedrückt und warst tief gerührt, das war doch lange Jahre nachher.

Adieu.

Bettine

Von den Juden und den neuen Gesetzen ihrer Städtigkeit hat Dir die Mutter schon Meldung getan; alle Juden schreiben seitdem; der Primas hat viel Vergnügen an ihrem Witz. Alle Christen schreiben über Erziehung; es kommt beinah alle Woche ein neuer Plan von einem neuverheirateten Erzieher heraus. Mich interessieren die neuen Schulen nicht so sehr als das Judeninstitut, in das ich oft gehe.

weiter

Goethe Romane


Bühnenstücke

Inhalt

Keine Kommentare: