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2019-10-30

Bettina von Arnim: Briefwechsel mit Goethe Seite 3 (10)



An Bettine
Weimar, den 2. Januar 1808

Sie haben, liebe kleine Freundin, die sehr grandiose Manier, uns Ihre Gaben recht in Masse zu senden. So hat mich Ihr letztes Paket gewissermaßen erschreckt, denn wenn ich nicht recht haushälterisch mit dem Inhalt umgehe, so erwürgt meine kleine Hauskapelle eher daran, als daß sie Vorteil davon ziehen sollte. Sie sehen also, meine Beste, wie man sich durch Großmut selbst dem Vorwurf aussetzen könne; lassen Sie sich aber nicht irre machen. Zunächst soll Ihre Gesundheit von der ganzen Gesellschaft recht ernstlich getrunken und darauf das Confirma hoc Deus von Jomelli angestimmt werden, so herzlich und wohlgemeint, als nur jemals ein salvum fac Regem.

Und nun gleich wieder eine Bitte, damir wir nicht aus der Übung kommen. Senden Sie mir doch die jüdischen Broschüren. Ich möchte doch sehen, wie sich die modernen Israeliten gegen die neue Städtigkeit gebärden, in der man sie freilich als wahre Juden und ehemalige kaiserliche Kammerknechte traktiert. Mögen Sie etwas von den christlichen Erziehungsplänen beilegen, so soll auch das unsern Dank vermehren. Ich sage nicht, wie es bei solchen Gelegenheiten gewöhnlich ist, daß ich zu allen gefälligen Gegendiensten bereit sei, doch wenn etwas bei uns einmal reif wird, was Sie freuen könnte, so soll es auch zu Ihnen gelangen.

Liebstes Kind, verzeih, daß ich mit fremder Hand schreiben mußte. Über Dein musikalisches Evangelium und über alles, was Du mir Liebes und Schönes schreibst, hätte ich Dir so heute nichts sagen können, aber laß Dich nicht stören in Deinem Eigensinn und in Deinen Launen, es ist mir viel wert, Dich zu haben, wie Du bist, und in meinem Herzen findest Du immer eine warme Aufnahme. Du bist ein wunderliches Kind, und bei Deiner Ansiedlung in Kirchen könntest Du leicht zu einer wunderlichen Heiligen werden, ich gebe Dir's zu bedenken.

Goethe

An Goethe

Wer draußen auf der Taunusspitze wär und die Gegend und ganze liebe Natur von Schönheit zu Schönheit steigen und sinken sähe abends und morgens, während sein Herz so mit Dir beschäftigt wär wie meins, der würde freilich auch besser sagen können, was er zu sagen hat. Ich möchte so gern vertraulich mit Dir sprechen, und Du verlangst ja auch, ich soll Eigensinn und Laune Dir preisgeben.

Du kennst mein Herz, Du weißt, daß alles Sehnsucht ist, Wille, Gedanke und Ahnung; Du wohnst unter Geistern, sie geben Dir göttliche Wahrheit. Du mußt mich ernähren, Du gibst alles zum Voraus, was ich nicht zu fordern verstehe. Mein Geist hat einen kleinen Umfang, meine Liebe einen großen, Du mußt sie ins Gleichgewicht bringen. Die Liebe kann nicht ruhig werden, als wenn der Geist ihr gewachsen ist; Du bist meiner Liebe gewachsen; Du bist mild, freundlich, nachsichtig; lasse mich's fühlen, wenn mein Herz sich nicht im Takt wiegt, ich versteh Deine leisen Winke.

Ein Blick von Deinen Augen in die meinen, ein Kuß von Dir auf meinen Mund belehrt mich über alles; was könnte dem auch wohl noch erfreulich scheinen zu lernen, der wie ich, hiervon Erfahrung hat. Ich bin entfernt von Dir, die Meinen sind mir fremd geworden, da muß ich immer in Gedanken auf jene Stunde zurückkehren, wo Du mich in den sanften Schlingen Deiner Arme hieltest, da fang ich an zu weinen; aber die Tränen trocknen mir unversehens wieder: er liebt ja herüber in diese verborgene Stille, denke ich, und sollte ich mit meinem ewigen ungestörten Sehnen nach ihm nicht in die Ferne reichen? Ach vernimm es doch, was Dir mein Herz zu sagen hat, es fließt über von leisen Seufzern, alle flüstern Dir zu: mein einzig Glück auf Erden sei Dein freundlicher Wille zu mir. O lieber Freund, gib mir doch ein Zeichen2, Du seist meiner gewärtig. Du schreibst, daß Du meine Gesundheit trinken willst, ach ich gönne sie Dir, lasse keinen Tropfen übrig, möchte ich mich selber doch so in Dich ergießen und Dir wohl bekommen.

Deine Mutter erzählte mir, wie Du kurz, nachdem Du den Werther geschrieben, im Schauspiel gesessen und wie Dir da anonym ein Billet sei in die Hand gedrückt worden, darin geschrieben war: »Ils ne te comprendront point, Jean Jacques.« Sie behauptet, ich aber könne immer zu jedem sagen: »Tu ne me comprendras point, Jean Jacques«, denn welcher Hans Jacob wird Dich nicht mißverstehen, oder Dich gelten lassen wollen? Sie sagt aber, Du Goethe, verstündest mich, und ich gelte alles bei Dir.

Die Erziehungsplane und Judenbroschüren werd ich mit nächstem Posttag senden. Obschon Du nicht zu allen gefälligen Gegendiensten bereit bist, aber doch mir schicken willst, was reif ist; so denke doch, daß meine Liebe Dir brennende Strahlen zusendet, um jede Regung für mich zu süßer Reife zu bringen.

Bettine

An Goethe

Was soll ich Dir denn schreiben, da ich traurig bin und nichts neues Freundliches zu sagen weiß? Lieber möcht ich Dir gleich das weiße Blatt schicken, statt daß ich's erst mit Buchstaben beschreibe, die doch immer nicht sagen, was ich will, Du fülltest es zu Deinem Zeitvertreib aus, machtest mich überglücklich und schicktest es an mich zurück, wenn ich denn den blauen Umschlag sehe und riß ihn auf: neugierig eilig, wie die Sehnsucht immer der Seligkeit gewärtig ist, und ich lese nun, was mich aus Deinem Mund einst entzückte: Lieb Kind, mein artig Herz, mein einzig Liebchen, klein Mäuschen, die süßen Worte, mit denen Du mich verwöhntest, so freundlich mich beschwichtigend; ach! mehr wollt ich nicht, alles hätt ich wieder, sogar Dein Lispeln würde ich mitlesen, mit dem Du mir leise das Lieblichste in die Seele ergossen und mich auf ewig vor mir selbst verherrlicht hast3. Da ich noch an Deinem Arm durch die Straßen ging, ach wie eine geraume Zeit dünkt mir's, da war ich zufrieden, alle Wünsche waren schlafen gegangen, hatten wie die Berge Gestalt und Farbe in Nebel eingehüllt; ich dachte, so ging es, und weiter, ohne große Mühseligkeit vom Land in die hohe See, kühn und stolz, mit gelösten Flaggen und frischem Wind. Aber Goethe, feurige Jugend will die Sitten der heißen Jahreszeit, wenn die Abendschatten sich übers Land ziehen, dann sollen die Nachtigallen nicht schweigen: singen soll alles, oder sich freudig aussprechen; die Welt soll ein üppiger Fruchtkranz sein, alles soll sich drängen im Genuß, und aller Genuß soll sich mächtig ausbreiten, er soll sich ergießen wie gärender Most, der brausend arbeitet, bis er zur Ruhe kommt, untergehen sollen wir in ihm wie die Sonne unter die Meereswellen, aber auch wiederkommen wie sie. So ist Dir's geworden, Goethe, keiner weiß, wie Du mit Gott vertraut warst und was für Reichtum von ihm erlangt hast, wenn Du untergegangen wärst im Genuß.

Das seh ich gerne, wenn die Sonne untergeht, wenn die Erde ihre Glut in sich saugt und ihr die feurigen Flügel leise zusammenfaltet und die Nacht durch gefangen hält, da wird es still auf der Welt, die Sehnsucht steigt so heimlich aus den Finsternissen empor; ihr leuchten die Sterne so unerreichbar überm Haupt, so unerreichbar, Goethe!

Wenn man selig sein soll, da wird man so zaghaft, das Herz scheidet zitternd vom Glück, noch ehe es den Willkommen gewagt; auch ich fühl's, daß ich meinem Glück nicht gewachsen bin. Welche Allbefähigung, um Dich zu fassen! Liebe muß eine Meisterschaft erwerben, das Geliebte besitzen wollen, wie es der gemeine Menschenverstand nimmt, ist nicht der ewigen Liebe würdig und scheitert jeden Augenblick am kleinsten Ereignis. Das ist meine erste Aufgabe, daß ich mich Dir aneigne, nicht aber Dich besitzen wolle, Du Allbegehrlichster!

Ich bin doch noch so jung, daß es sich leicht entschuldigen läßt, wenn ich unwissend bin. Ach, für Wissenschaft hab ich keinen Boden, ich fühl's, ich kann's nicht lernen, was ich nicht weiß, ich muß es erwarten, wie der Prophet in der Wüste die Raben erwartet, daß sie ihm Speise bringen. Der Vergleich ist so uneben nicht: durch die Lüfte wird meinem Geist Nahrung zugetragen, oft grade, wenn er im Verschmachten ist.

Seitdem ich Dich liebe, schwebt ein Unerreichbares mir im Geist; ein Geheimnis, das mich nährt. Wie vom Baum die reifen Früchte fallen, so fallen hier mir Gedanken zu, die mich erquicken und reizen. O Goethe, hätte der Springquell eine Seele, er könnte sich nicht erwartungsvoller ans Licht drängen, um wieder emporzusteigen, als ich mit ahnender Gewißheit mich diesem neuen Leben entgegendränge, das mir durch Dich gegeben ist, und das mir zu erkennen gibt, daß ein höherer Lebenstrieb den Kerker sprengen will, der nicht schont der Ruhe und Gemächlichkeit gewohnter Tage, die er in brausender Begeisterung zertrümmert. Diesem erhabenen Geschick entgeht der liebende Geist nicht, so wenig der Same der Blüte entgeht, wenn er einmal in frischer Erde liegt. So fühl ich mich in Dir, Du fruchtbarer gesegneter Boden! Ich kann sagen, wie das ist, wenn der Keim die harte Rinde sprengt, es ist schmerzlich; die lächelnden Frühlingskinder sind unter Tränen erzeugt.

O Goethe, was geht mit dem Menschen vor? Was erfährt er, was erlebt er in dem innersten Flammenkelch seines Herzens? Ich wollte Dir meine Fehler gern bekennen, allein die Liebe macht mich ganz zum idealischen Menschen. Viel hast Du für mich getan, noch eh Du von mir wußtest, über vieles, was ich begehrte und nicht erlangte, hast Du mich hinweggehoben.

Bettine

An Goethe
Am 5. März

Hier in Frankfurt ist es naß, kalt, verrucht, abscheulich; kein guter Christ bleibt gerne hier; wenn die Mutter nicht wär, der Winter wär unerträglich, so ganz ohne Hältnis, nur ewig schmelzender Schnee! Ich habe jetzt einen Nebenbuhler bei ihr, ein Eichhörnchen, was ein schöner französischer Soldat als Einquartierung hier ließ, von dem läßt sie sich alles gefallen, sie nennt es Hänschen, und Hänschen darf Tische und Stühle zernagen, ja es hat selbst schon gewagt, sich auf ihre Staatshaube zu setzen und dort die Blumen und Federn anzubeißen. Vor ein paar Tagen ging ich abends noch hin, die Jungfer ließ mich ein mit dem Bedeuten, sie sei noch nicht zu Hause, müsse aber gleich kommen. Im Zimmer war's dunkel, ich setzte mich ans Fenster und sah hinaus auf den Platz. Da war's, als wenn was knisterte, ich lauschte und glaubte atmen zu hören, mir ward unheimlich, ich hörte wieder etwas sich bewegen und fragte, weil ich's gern aufs Eichhörnchen geschoben hätte: »Hänschen bist du es?« Sehr unerwartet und für meinen Mut sehr niederschlagend antwortete eine sonore Baßstimme aus dem Hintergrund: »Hänschen ist's nicht, es ist Hans«, und dabei räuspert sich der ubique malus Spiritus. Voll Ehrfurcht wag ich mich nicht aus der Stelle, der Geist läßt sich auch nur noch durch Atmen und einmaliges Niesen vernehmen; da hör ich die Mutter, sie schreitet voran, die kaum angebrannte, noch nicht volleuchtende Kerze hinterdrein, von Jungfer Lieschen getragen. »Bist du da?« fragte die Mutter, indem sie ihre Haube abnimmt, um sie auf ihren nächtlichen Stammhalter, eine grüne Bouteille, zu hängen. »Ja«, rufen wir beide, und aus dem Dunkel tritt ein besternter Mann hervor und fragt: »Frau Rat, werd ich heut abend mit Ihnen einen Specksalat mit Eierkuchen essen?« Daraus schloß ich denn ganz richtig, daß Hans ein Prinz von Mecklenburg sei; denn wer hätte die schöne Geschichte nicht von Deiner Mutter gehört, wie auf der Kaiserkrönung die jetzige Königin von Preußen, damals als junges Prinzessinnenkind und ihr Bruder der Frau Rat zusahen, wie sie ein solches Gericht zu speisen im Begriff war, und daß dies ihren Appetit so reizte, daß sie es beide verzehrten, ohne ein Blatt zu lassen. Auch diesmal wurde die Geschichte mit vielem Genuß vorgetragen und noch manche andre, z.B. wie sie den Prinzessinnen den Genuß verschaffte, sich im Hof am Brunnen recht satt Wasser zu pumpen, und die Hofmeisterin durch alle mögliche Argumente abhält, die Prinzessinnen abzurufen, und endlich, da diese nicht darauf Rücksicht nimmt, Gewalt braucht und sie im Zimmer einschließt. »Denn«, sagte die Mutter, »ich hätte mir eher den ärgsten Verdruß über den Hals kommen lassen, als daß man sie in den unschuldigen Vergnügungen gestört hätte, das ihnen nirgendwo gegönnt war als in meinem Hause; auch haben sie mir's beim Abschied gesagt, daß sie nie vergessen würden, wie glücklich und vergnügt sie bei mir waren.« So könnte ich Dir noch ein Paar Bogen voll schreiben von allen Rückerinnerungen!

Adieu, lieber Herr! Die Frau grüß ich, Riemers Sonett kracht wie neue Sohlen; er soll meiner Geschäfte gewärtig sein und seinen Diensteifer nicht umsonst gehabt haben.

Gelt, ich mach's grade wie Dein Liebchen, schreibe, kritzele, mach Tintenkleckse und Orthographiefehler und denk, es schadet nichts, weil er weiß, daß ich ihn liebe, und der Brief, den Du mir geschrieben, war doch so artig und zierlich abgefaßt, das Papier mit goldnem Schnitt! Aber, Goethe, erst ganz zuletzt denkst Du an mich! Erlaub, daß ich so frei bin, Dir einen Verweis
zu geben für diesen Brief, fasse alles kurz ab, was Du verlangst, und schreib's mit eigner Hand, ich weiß nicht, warum Du einen Sekretär anstellst, um das Überflüssige zu melden, ich kann's nicht vertragen, es beleidigt mich, es macht mich krank; im Anfang glaubt ich, der Brief sei gar nicht an mich, nun trag ich doch gern solch einen Brief auf dem Herzen, solange bis der neue kommt, wie kann ich aber mit einer solchen fremden Sekretärhand verfahren? Nein, diesmal hab ich Dich in meinem Zorn verdammt, daß Du gleich mit dem Sekretär in die alte Schublade eingeklemmt wurdest, und der Mutter hab ich gar nicht gesagt, daß Du geschrieben hattest, ich hätte mich geschämt, wenn ich ihr diesen Perückenstil hätte vortragen müssen. Adieu, schreibe mir das einzige, was Du zu sagen hast, und nicht mehr.

Bettine

An Goethe
Am 15. März

Nun sind's beinahe sechs Wochen, daß ich auch nur ein Wort von Dir gehört habe, weder durch die Frau Mutter noch durch irgendeine andre Gelegenheit. Ich glaube nicht, daß, wie viele andere sind, Du auch bist, und Dir durch Geschäfte und andere Wichtigkeiten den Weg zum Herzen versperrst; aber ich muß fürchten, daß meine Briefe Dir zu häufig kommen, und muß mich zurückhalten, was mich doch selig machen könnte, wenn es nicht so wär und ich glauben dürfte, daß meine Liebe, die so anspruchslos ist, daß sie selbst Deinen Ruhm vergißt und zu Dir wie zu einem Zwillingsbruder spricht, Dich erfreut. Wie ein Löwe möcht ich für Dich fechten, möcht alles verderben und in die Flucht jagen, was nicht wert ist, Dich zu berühren; muß um deinetwillen die ganze Welt verachten, muß ihr um deinetwillen Gnade widerfahren lassen, weil Du sie verherrlichst, und weiß nichts von Dir! Sag nur, ob Du's zufrieden bist, daß ich Dir schreibe? Sag nur: »Ja, du darfst!« Wenn ich nun in etlichen Wochen, denn da haben wir schon Frühling hier, ins Rheingau gehe, dann schreib ich Dir von jedem Berg aus; bin Dir so immer viel näher, wenn ich außer den Stadtmauern bin, da glaub ich manchmal, mit jedem Atemzug Dich zu fühlen, wie Du im Herzen regierst, wenn es recht schön ist draußen, wenn die Luft schmeichelt, ja wenn die Natur gut und freundlich ist wie Du, da fühl ich Dich so deutlich. Aber was soll ich mit Dir? Du selbst hast mir nichts zu sagen; in dem Brief, den Du mir schriebst, den ich zwar so lieb habe wie meinen Augapfel, da nennst Du mich nicht einmal, wie Du gewohnt warst, grad als ob ich Deiner Vertraulichkeiten nicht wert wäre. Ach, es geht ja von Mund zu Herzen bei mir! Ich würde nichts von Schatz und Herz und Kuß veräußern, und wenn ich auch am Hungertuch nagen müßte. In der Karmeliterkirche hab ich im Herbst allerlei geschrieben, Erinnerungen aus der Kindheit, sie fielen mir immer ein, wenn ich dahin kam, und doch war ich bloß hingekommen, um ungestört an Dich zu denken! Jede Lebenszeit geht mir in Dir auf, ich denke mir die Kinderjahre, als ob ich sie mit Dir verspiele, und wachs empor und wähne mich geborgen in Deinem Schutz und fühle stolz mich in Deinem Vertrauen, und da regt sich's im Herzen vor heißer Liebe, da such ich Dich, wie soll ich Ruhe finden? An Deiner Brust nur, umschränkt von Deinen Armen. Und wärst Du es nicht, so wär ich bei Dir; aber so muß ich mich fürchten vor aller Augen, die sind auf Dich gerichtet, ach, und vor dem stechenden Blick, der unter Deinem Kranz hervorleuchtet!

Außer Dir erscheinen mir alle Menschen wie einer und derselbe, ich unterscheide sie nicht, ich begehr nicht nach dem ungeheuren allseitigen Meer der Ereignisse. Der Lebensstrom trägt Dich, Du mich, in Deinen Armen durchschiff ich ihn, Du trägst mich bis zum Ende, nicht wahr? Und wenn es auch noch tausendfache Existenzen gibt, ich kann mich nicht hinüberschwingen, bei Dir bin ich zu Hause, so sei doch auch zu Hause mit mir, oder weißt Du etwas Besseres als mich und Dich im magischen Kreis des Lebens?

Unlängst hatten wir ein kleines Fest im Hause wegen Savignys Geburtstag. Deine Mutter kam mittags um zwölf und blieb bis nachts um ein Uhr, sie befand sich auch den andern Tag ganz wohl darauf. Bei der Tafel war große Musik von Blase-Instrumenten, auch wurden Verse zu Savignys Lob gesungen, wo sie so tapfer einstimmte, daß man sie durch den ganzen Chor durchhörte. Da wir nun auch Deine und ihre Gesundheit tranken, wobei Trompeten und Pauken schmetterten, so ward sie feierlich vergnügt. Nach Tische erzählte sie der Gesellschaft ein Märchen, alles hatte sich in feierlicher Stille um sie versammelt. Im Anfang holte sie weit aus, das große Auditorium mochte ihr doch ein wenig bange machen; bald aber tanzten alle rollefähigen Personen in der grotesken Weise aus ihrem großen Gedächtniskasten auf das phantastischste geschmückt, es wurden noch allerlei kleine Szenen aufgeführt, dann trat eine junge spanische Tänzerin auf, die mit Kastagnetten sehr schön tanzte. Dieses graziöse Kind gibt hier beim Theater Vorstellungen, ich hab Dir von ihr noch nicht gesagt, daß sie mich seit Wochen in einem stillen Enthusiasmus erhält, und daß ich oft denke, ob denn Gott was anders will, als daß sich die Tugend in die reine Kunst verwandle, daß man nämlich nach den Gesetzen einer himmlischen Harmonie die Glieder des Geistes mit leichtem Enthusiasmus rege und so mit anmutigen Gebärden die Tugend ausdrücke, wie jene den Takt und den Sinn der Musik. Nach dem Souper tanzte man, ich saß etwas schläfrig an der Seite Deiner Mutter, sie hielt mich umhalst und hatte mich lieb wie den Joseph; ich hatte dazu auch einen roten Rock an. Man hat einstimmig beschlossen, es solle nie ein Familienfest gegeben werden ohne die Mutter, so sehr hat man ihren guten Einfluß empfunden; ich hab mich gewundert, wie schnell sie die Herzen gewinnen kann, bloß weil sie mit Kraft genießt und dadurch die ganze Umgebung auch zur Freude bewegt.

Die Deinen grüße ich herzlich, ich habe nicht vergessen, was ich für Deine Frau versprach; nächstens wird alles fertig sein, nur die Frau von Sch. mußte ich schändlicherweise vergessen mit dem Tuch! Nun was ist zu tun? Mein Minister, denk ich, bekommt hier eine schöne Negotiation. Gelt, ich mißbrauch Deine Geduld? Guter! Bester! Dem mein Herz ewig dient.

Dein Sohn wird sein Bündel bald schnüren; nur nicht zu fest! Denn ich will ihm bei der Durchreise noch einen Pack guter Lehren mitgeben, die er auch noch mit einschnüren muß. Mein Bruder George hat ein kleines Landhaus in Rödelheim gekauft, Du mußt es kennen, da Du selbst den Plan dazu gemacht und mit Basset, der jetzt in Amerika wohnt, den Bau besorgtest. Ich freu mich gar sehr über seine schönen Verhältnisse, ich meine, Dein Charakter, Deine Gestalt und Deine Bewegungen spiegeln sich in ihnen. Wir fahren beinah alle Tage hinaus, gestern stieg ich aufs Dach; die Sonne schien so warm, es war so hell, man konnte so recht die Berge im Schoß der Täler liegen sehen. O Jammer, daß ich nicht fliegen kann! Was nützt es all, daß ich Dich so lieb hab? Jung, kräftig und stolz bin ich in Dir; ich mag's nicht auslegen, die Welt schiebt doch alles Gefühl in ihr einmal gemachtes Register, Du bist über alles gut, daß Du meine Liebe duldest, in der ich überglücklich bin. Wie das Weltmeer ohne Ufer ist mein Gemüt, seine Wellen tragen, was schwimmen kann; Dich aber hab ich mit Gewalt ins tiefste Geheimnis meines Lebens gezogen und walle freudebrausend dahin über der Gewißheit Deines Besitzes.

Wenn ich mich sonst im Spiegel betrachtete und meine Augen sich selbst so feurig anschauten und ich fühlte, daß sie in diesem Augenblick hätten durchdringen müssen, und ich hatte niemand, dem ich einen Blick gegönnt hätte, da war mir's leid, daß alle Jugend verloren ging, jetzt aber denk ich an Dich.

Bettine

An Goethe
Am 30. März

Kleine unvorhergesehene Reisen in die nächsten Gegenden, um den Winter vor seinem Scheiden noch einmal in seiner Pracht zu bewundern, haben mich abgehalten, sogleich meines einzigen und liebsten Freundes in der ganzen Welt Wunsch zu befriedigen. Hierbei sende ich alles, was bis jetzt erschienen, außer ein Journal, welches die Juden unter dem Namen Sulamith herausgeben. Es ist sehr weitläufig; begehrst Du es, so send ich's, da die Juden es mir als ihrem Protektor und kleinen Nothelfer verehren. Es enthält die verschiedensten Dinge, kreuz und quer; besonders zeichnen sich die Oden, die sie dem Fürstprimas widmen, darin aus; ein großes Gedicht, was sie ihm am Neujahrstag brachten, schickte er mir und schrieb: »Ich verstehe kein Hebräisch, sonst würde ich eine Danksagung schreiben, aber da für die kleine Freundin der Hebräer nichts zu verkehrt und undeutsch ist, so trage ich ihr auf, in meinem Namen ein Gegengedicht zu machen.« Der boshafte Primas! Ich hab ihn aber gestraft! Und gestern im Konzert sagte er mir: »Es ist gut, daß die Juden nicht ebensoviel Heldengeist als Handelsgeist haben, ich wär am End' nicht sicher, daß sie mich in meinem taxischen Haus blockierten.«

Währenddem bin ich im Odenwald gewesen und bin auf des Götz altem Schloß herumgeklettert, ganz oben auf den Mauern, wo beinah kein menschlicher Fuß mehr sich stützen kann; über Mauerspalten, die mich doch zuweilen schwindeln machten, als immer im Gedanken an Dich, an Deine Jugend, an Dein Leben bis jetzt, das wie ein lebendig Wasser fortbraust.

Weißt Du? Es tut so wohl, wenn einem das Herz so ganz ergriffen ist. Wie ich mich drehe und wende, so spiegelt sich mir im Gemüt, was ich im Hinterhalt habe und was mir wie ein seliger Traum nachgeht, und das bist Du!

Dort war es wunderschön! Ein ungeheurer Turm, worauf ehemals die Wächter saßen, um die Frankenschiffe in dem kleinen Mildeberg zu verkünden mit Trompetenstoß. Tannen und Fichten wachsen oben, die beinah halb über seine Höhe hervorragen.

Zum Teil waren die Weinberge noch mit Schnee bedeckt; ich saß auf einem abgebrochenen Fensterbalken und fror, und doch durchdrang mich heiße Liebe zu Dir, ich zitterte vor Angst hinunterzustürzen, und kletterte doch noch höher, weil mir's einfiel, Dir zu lieb wollt ich's wagen. So machst Du mich oft kühn; es ist ein Glück, daß die wilden Wölfe aus dem Odenwalde nicht herbeikamen, ich hätte mich mit ihnen balgen müssen, hätte ich Deiner Ehre dabei gedacht; es scheint Unsinn, aber so ist's. Die Mitternacht, die böse Stunde der Geister, weckt mich; ich leg mich im kalten Winterwind ans Fenster; ganz Frankfurt ist tot, der Docht in den Straßenlaternen ist im Verglimmen, die alten rostigen Wetterfahnen greinen mir was vor, und da denk ich: ist das die ewige Leier? Und da fühl ich, daß dies Leben ein Gefängnis ist, wo ein jeder nur eine kümmerliche Aussicht hat in die Freiheit: das ist die eigne Seele. Siehst Du, da rast es in mir; ich möchte hinauf über die alten spitzen Giebeldächer, die mir den Himmel abschneiden; ich verlasse das Zimmer, eile über die weiten Gänge unseres Hauses, suche mir einen Weg über die alten Böden, und hinter dem Sparrwerk ahne ich Gespenster, aber ich achte ihrer nicht; da suche ich die Treppe zum kleinen Türmchen, wenn ich endlich oben bin, da seh ich aus der Turmluke den weiten Himmel und friere gar nicht; da ist mir's, als müsse ich die gesammelten Tränen abladen, und dann bin ich am andern Tag so heiter und so neugeboren, ich suche mit List nach einem Scherz, den ich ausführen möchte; und kannst Du mir glauben? Das alles bist Du.

Bettine

Die Mutter kommt oft zu uns, wir machen ihr Maskeraden und alle mögliche Ergötzlichkeit; sie hat unsere ganze Familie in ihren Schutz genommen, ist frisch und gesund.

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