> Gedichte und Zitate für alle: Dr. H. Doering: Goethes Leben Seite 2

2019-10-23

Dr. H. Doering: Goethes Leben Seite 2



Das früh in Goethe erwachte Gefühl für Naturschönheiten lockte ihn in die anmuthige Umgegend Straßburgs. Mit einigen dortigen Freunden besuchte er Zabern, Buchsweiler, Lützelstein, Saarbrück und andere Städte und Flecken im Elsaß. Auf diesen Excursionen lernte er mehrere Familien kennen, bei denen er eine gastfreie Aufnahme fand. Vorzüglich war dieß der Fall bei dem Pfarrer Brion in dem etwa sechs Stunden von Straßburg entfernten Dorfe Sesenheim. Ein besonderes Interesse erhielt diese Bekanntschaft für Goethe durch ein Liebesverhältnis zur dritten Tochter jenes Geistlichen. Nach übereinstimmenden Zeugnissen war Friederike Brion ein Mädchen von schönem Wuchs, blondem Haar und blauen Augen. Was ihr an äußern Reizen abging, ersetzte sie durch Anmuth in ihrem Wesen und durch das Talent geselliger Unterhaltung. Sie hatte ihren Geist durch das Lesen der besten Schrifsteller [Schriftsteller] gebildet, und war musikalisch. Oft durchwanderte Goethe mit ihr die anmuthige Gegend. Ein Buchenwäldchen war sein Lieblingsplatz. Gesellige Zerstreuungen, mitunter Pfänderspiele, bei denen Goethe durch seinen Witz und Humor glänzte, erheiterten den Kreis von Freunden und Verwandten in des Pfarrers Brion Wohnung zu Sesenheim, wenn Goethe, nach Straßburg zurückgekehrt, dort wieder erschien. Er verweilte mitunter mehrere Wochen in Sesenheim. Den Taumel von Zerstreuungen, in denen er sich befand, schilderten einzelne Stellen in seinen Briefen an den Actuar Salzmann in Straßburg.

"Getanzt hab' ich," schrieb er unter andern, "am Pfingstmontage von 2 Uhr nach Tisch bis zwölf Uhr in der Nacht, in einem fort, außer einigen Intermezzo's von Essen und Trinken. Wir hatten brave Schnurranten erwischt, da ging's wie Wetter. Das ganze Ich war in das Tanzen versunken." Er schadete durch das Uebermaß seiner Gesundheit. Geplagt von einem hartnäckigen Husten, schrieb er einige Tage später: "Man lebt doch nur halb, wenn man nicht Athem schöpfen kann. Und doch mag ich nicht in die Stadt zurück. Die Bewegung und freie Luft hilft wenigstens, was zu helfen ist." Nicht ohne einen Anflug von Trübsinn schloß er seinen Brief mit den Worten: "Die Welt ist schön, so schön! Wer's genießen könnte! Ich bin manchmal ärgerlich darüber, und manchmal halte ich mir erbauliche Erbauungsstunden über das Heute, über diese Idee, die unserer Glückseligkeit so unentbehrlich ist, und die mancher Professor der Ethik nicht faßt, und keiner gut verträgt."

Sein immer leidenschaftlicher gewordenes Verhältniß zu Friederiken fing an ihn zu beunruhigen. Goethe fühlte, daß es sich bald, vielleicht für immer auflösen mußte, da die Zeit seiner Abreise von Straßburg nahe war. Seine Besuche in Sesenheim wurden Seltener, aber sein Briefwechsel mit Friederiken dauerte fort. Goethes Zeit war freilich beschränkt. Er mußte an die Ausarbeitung seiner Dissertation denken, die ihm die juristische Doctorwürde verschaffen sollte. Das von ihm gewählte Thema war nach seiner eignen Aeußerung in spätern Jahren: "der Gesetzgeber sei nicht allein berechtigt, sondern verpflichtet, einen gewissen Cultus festzusetzen, von welchem weder die Geistlichkeit, noch die Laien sich lossagen dürften." Unter dem Vorsitz der Straßburger Professoren Koch und Oberlin fand die Disputation am 6. August 1771 statt. Einige von Goethes akademischen Freunden waren die Opponenten.

Mit Thränen nahm Friederike von ihm Abschied, als er ihr vom Pferde herab nochmals die Hand reichte. Sie hatte ihn wahrhaft geliebt. Sie soll später mehrere Heirathsanträge mit der Aeußerung zurückgewiesen haben: "wer einmal Goethe'n geliebt, könne keinen Andern lieben." Ein sonderbarer Zufall begegnete ihm nach jenem schmerzlichen Abschiede auf seinem Ritt nach Drusenheim. Seine eigene Gestalt glaubte er zu erblicken, die ihm zu Pferde entgegenkam, in einem hechtgrauen, mit Gold verbrämten Kleide, wie er es wirklich nach acht Jahren trug, als er noch einmal in Sesenheim einen Besuch machte. Friederike sah ihn seitdem nicht wieder. Sie soll jedoch, nach seinen brieflichen Aeußerungen, schon damals sich mit dem Gedanken vertraut gemacht haben, auf seinen Besitz zu verzichten.

Goethe's Empfang im elterlichen Hause übertraf seine Erwartungen. Erfreut, seinen Sohn durch die erlangte Doctorwürde seinem künftigen Beruf um einen Schritt näher gerückt zu sehen, ließ Goethe's Vater den Beifall, den er der Dissertation gezollt, auch auf mehrere Gedichte, Aufsätze und Skizzen übergehen, die Goethe während seines Aufenthalts in Straßburg entworfen hatte. Von seinen Leipziger Bekannten fand Goethe in Frankfurt, außer seinem Landsmann und nachherigen Schwager Schlosser, auch dessen Bruder, einen tüchtigen Juristen, der nebenher der Poesie huldigte, und die Hochzeit von Goethe's Schwester Cornelia durch ein zu Frankfurt 1773 in Folio gedrucktes Gedicht verherrlichte.

Wichtig und einflußreich ward für Goethe die Bekanntschaft mit Merk, der damals als Kriegszahlmeister in Darmstadt lebte, und mit mannigfachen Kenntnissen und einer vielseitigen Bildung, unerschütterliche Redlichkeit und einen offenen, geraden Charakter verband. Lebhaft interessirte er sich in mehrfacher Hinsicht für Goethe und dessen Talente, und väterlich warnte
er ihn, seine Thätigkeit nicht nach den verschiedenartigsten Richtungen zu zersplittern. Er ermunterte ihn, seine Fähigkeiten und Kräfte zu concentriren, und tadelte ihn, wenn er eine begonnene literarische Arbeit wieder aufgab, und immer nur Skizzen und Fragmente lieferte. Unter solchen Aufmunterungen entwarf Goethe die ersten Umrisse zum "Faust" und "Götz von Berlichingen."

Durch die Beschäftigung mit dem zuletzt genannten dramatischen Werk war Goethe in das fünfzehnte und sechszehnte Jahrhundert zurückgeführt worden. Luthers Leben und Thaten, die in jenem Zeitraum so herrlich hervorglänzten, näherten ihn wieder der heiligen Schrift und der Betrachtung religiöser Gefühle und Meinungen. Er übte seinen Scharfsinn an dem Alten und Neuen Testament in exegetisch kritischen Untersuchungen. Zu einem besondern Studium machte er das Dogma von der Erbsünde. Ausführlich erörterte er diese Lehre in einem dem Druck übergebenen Briefe, den er unter der Maske eines Landgeistlichen an seinen Amtsbruder richtete. Ebenfalls angeblich von einem Landpfarrer in Schwaben verfaßt, war der von Goethe herausgegebene "Versuch einer gründlichen Beantwortung einiger bisher unerörterten biblischen Fragen." Ueber den Inhalt der zuletzt genannten Schrift legte Goethe selbst in spätern Jahren das offene Bekenntniß ab: "Ich gerieth damals auf die wunderlichsten Einfälle. Ich glaubte gefunden zu haben, daß nicht unsere zehn Gebote auf den Tafeln Moses gestanden, daß die Israeliten keine vierzig Jahre, sondern nur kurze Zeit durch die Wüste gewandert wären u.s.w. Auch das Neue Testament war vor meinen Untersuchungen nicht sicher. Ich verschonte es nicht mit meiner Sonderungslust, und glaubte auch in dieser Region allerlei Entdeckungen zu machen. Die Gabe der Sprachen am Pfingstfest in Glanz und Klarheit ertheilt, deutete ich mir auf eine etwas abstruse Weise, nicht geeignet, sich viele Theilnahme zu verschaffen." Die erwähnten kleinen Schriften, ein Verlagsartikel des Buchhändlers Eichenberg in Frankfurt am Main, erschienen 1773 ohne Angabe des Druckorts und Verlegers, und wurden in die neuesten Ausgaben von Goethe's Werken aufgenommen. Aus diesem Ideenkreise ward er wieder entfernt durch das wachsende Interesse an seinem Ritterschauspiel "Götz von Berlichingen." Manche historische Studien waren ihm dabei unerläßlich. Dem Werke von Datt: de pace publica verdankte er manche Aufklärung der dunkeln Zeitperiode, in der sein Stück spielte. Seine Stimmung, während er mit seinem dramatischen Werke beschäftigt war, schilderte er den 28. November 1771 in einem Briefe an seinen Freund, den Actuar Salzmann in Straßburg. "Sie kennen mich so gut," schrieb er, "und dennoch wett' ich, Sie errathen nicht, warum ich nicht schreibe. Es ist eine Leidenschaft, eine ganz unerwartete Leidenschaft; Sie wissen, daß mich dergleichen in ein Cirkelchen werfen kann, daß ich Sonne, Mond und die lieben Sterne darüber vergesse. Ich kann nicht ohne das seyn, Sie wissen es lange, und koste es was es wolle, ich stürze mich drein. Dießmal sind keine Folgen zu befürchten. Mein ganzer Genius liegt auf einem Unternehmen, worüber Homer und Shakspeare und Alles vergessen werden. Ich dramatisire die Geschichte eines der edelsten Deutschen, rette das Andenken eines braven Mannes, und die viele Arbeit, die mich's kostet, macht mir einen wahren Zeitvertreib, den ich so nöthig habe. Es ist traurig, an einem Orte zu leben, wo unsere ganze Wirksamkeit in sich selbst summen muß. Ich ziehe mit mir selbst auf dem Felde und auf dem Papier herum. Es wäre aber eine traurige Gesellschaft, wenn ich nicht alle Stärke die ich in mir fühle, auf ein Object würfe, und das zu packen und zu tragen suchte, so viel mir möglich, und was nicht geht, das schleppe ich. Ich hoffe Sie nicht wenig zu vergnügen, wenn ich Ihnen einen edlen Vorfahren, die wir leider nur von ihren Grabsteinen kennen, im Leben darstelle. Wie oft wünsche ich Sie hierher, um Ihnen ein Stückchen Arbeit zu lesen und Urtheil und Beifall von Ihnen zu hören. Hier ist Alles um mich herum todt. Frankfurt bieibt [bleibt] das Nest, Nidus, wenn Sie wollen, wohl um Vögel auszubrüten, sonst auch figürlich Spelunca. Gott helfe aus diesem Elend, Amen." In einem spätern Briefe an Salzmann vom 3. Februar 1772 dankte Goethe dem Freunde für den Beifall, den er den ihm mitgetheilten Proben des Götz von Berlichingen zollte, und fügte hinzu. "Das Diarium meiner Umstände ist, wie Sie wissen, für den geschwindesten Schreiber unmöglich. Inzwischen haben Sie aus dem Drama gesehen, daß die Intentionen meiner Seele dauernder werden, und ich hoffe, sie soll sich nach und nach bestimmen. Aussichten erweitern sich täglich, und Hindernisse räumen sich weg. Ein Tag mag bei dem andern in die Schule gehen; denn einmal für allemal, die Minorennität läßt sich doch nicht überspringen."

So stark auch das Interesse an seinem dramatischen Werke seyn mochte, ließ sich doch der andere Eindruck auf Goethe's Gefühl dadurch nicht beschwichtigen. Tief ergriffen hatte ihn ein Brief aus Sesenheim. Er fühlte Friederikens Schmerz, ohne ihn lindern zu können. Losreißen mußte er sich von der düstern Stimmung, die sich seiner bemächtigte und seine ganze Thätigkeit zu lähmen drohte. Er bedurfte der Zerstreuung. Erst in der freien Natur fühlte er sich wieder wohler. Seine Freunde nannten ihn den Wanderer, weil er oft mehrere Tage in der Umgegend von Frankfurt umherstrich, und bisweilen selbst den Weg nach Darmstadt und Homburg einschlug. Auf diesen einsamen Wanderungen entstanden mehrere seiner lyrischen Poesieen, unter denen sich nur das Gedicht: "Wanderers Sturmlied", das er, während er einem furchtbaren Wetter entgegenging, vor sich hin recitirte, in seinen Werken erhalten hat. Bisweilen beschränkte er seine Streifzüge blos auf Frankfurt und die Vorstädte dieses Orts. Er kam dadurch mit den verschiedenen Ständen und Volksklassen in Berührung. In einem Briefe vom ersten Juni 1773 erzählte Goethe, wie er rüstig Wasser herbeigeschleppt, um ein Nachts in der Judengasse ausgebrochenes Feuer löschen zu helfen. "Die wundersamsten, innigsten, mannigfachsten Empfindungen", schrieb er, "haben mir meine Mühe auf der Stelle belohnt. Ich habe bei dieser Gelegenheit das gemeine Volk wieder kennen gelernt und bin überzeugt worden, daß es doch die besten Menschen sind."

Durch seine scheinbar zerstreute Lebensweise ward Goethe's Thätigkeit nicht unterbrochen. Wenigstens entging ihm keine der neuern literarischen Erscheinungen in dem Gebiete der Literatur. Von dem Eindruck, den Herders "älteste Urkunde des Menschengeschlechts" auf ihn gemacht, konnte er sich selbst kaum Rechenschaft geben. In einem Briefe an einen Freund des elterlichen Hauses, an den damals in Algier lebenden dänischen Consul Schönborn, vom 8. Juni 1773, nannte er Herder's Werk "ein so mystisch weitstrahlsinniges Ganze, eine in der Fülle verschlungener Aeste lebende Welt, daß weder eine Zeichnung nach verjüngtem Maßstabe einigen Ausdruck der Riesengestalt nachäffen, noch eine treue Silhouette einiger Theile melodisch und mit sympatethischem Klang in der Seele anschlagen könnte. Herder", fügte er hinzu, "ist in die Tiefen seiner Empfindung hinabgestiegen, hat darin alle die hohe heilige Kraft der simpeln Natur aufgewühlt, und führt sie nun in dämmerndem, wetterleuchtendem, hie und da morgenfreundlich lächelnden orphischem Gesange vom Aufgange herauf über die neue Welt, nachdem er vorher die Lasterbrut der neuern Geister, Deisten, Atheisten, Philologen, Textverbesserer, Orientalisten u. s. w. mit Feuer und Schwert und Fluthsturm ausgetilgt."

Mit dieser glühenden Begeisterung für Herder contrastirte ein in diesem Briefe enthaltener heftiger Ausfall gegen Wieland, der durch eine nicht sonderlich günstige Beurtheilung des Götz von Berlichingen im deutschen Merkur Goethe's Autoreitelkeit gekränkt hatte und dadurch in seiner frühern Achtung sehr gesunken war. Klopstock ward Goethe's Lieblingsdichter. Die Messiade hatte ihn schon in seiner Jugend begeistert. Sorgfältig schrieb er sich aber auch die einzelnen Oden und Elegien jenes Sängers ab, und freute sich sehr, als die Landgräfin Caroline von Hessen-Darmstadt die erste Sammlung von Klopstocks Gedichten veranstaltete. Auch für die von diesem Schriftsteller damals herausgegebene "Deutsche Gelehrtenrepublik" interessirte sich Goethe lebhaft. "Dies herrliche Werk", schrieb er, "hat mir neues Leben in die Seele gegossen. Die einzige Poetik aller Zeiten und Völker, die einzigen Regeln, die möglich sind! Das heißt Geschichte des Gefühls, wie es sich nach und nach festigt und läutert, und wie mit ihm Ausdruck und Sprache sich bilden. Und die biedersten Aldermans-Wahrheiten von dem, was edel und menschlich ist am Dichter, alles das aus dem tiefsten Herzen, eigenster Erfahrung, mit einer bezaubernden Simplicität hingeschrieben. Der unter den Jünglingen, den das Unglück unter die Recensentenschaar geführt hat, und der nun, wenn er dies Werk liest, nicht seine Feder wegwirft, alle Kritik und Kritelei verschwört, sich nicht wie ein Quietist zur Contemplation seiner selbst niedersetzt, aus dem wird nichts; denn hier fließen die beiden Quellen bildender Empfindung lauter aus dem Thron der Natur."

Eine der eigenthümlichsten Erscheinungen in der damaligen literarischen Welt war Lavater. Es hieß, er werde nach Frankfurt kommen. Diesen merkwürdigen Mann kennen zu lernen, war für Goethe von hohem Interesse. In einem Briefe an Schönborn vom 8. Juni 1773 beklagte er Lavater's "Mangel an selbstständigem Gefühl," und entwarf von ihm eine Art von Charakteristik in den Worten: "Die beste Seele wird von dem Menschenschicksal so innig gepeinigt, weil ein kranker Körper und ein schweifender Geist ihm die collective Kraft entzogen und so der besten Freude des Wohnens in sich selbst, beraubt hat. Es ist unglaublich, wie schwach er ist, und wie man ihm, der doch den schönsten, schlichtesten Menschenverstand hat, sogleich Räthsel und Mysterien spricht, wenn man aus dem in sich und durch sich lebenden und wirkenden Herzen redet."

Sein Urtheil über Lavater änderte Goethe, als er ihn bald nachher persönlich kennen lernte. "Er war", schrieb er den 4. Juli 1773, "vier Tage bei uns, und ich habe wieder gelernt, daß man über Niemand reden soll, wenn man ihn noch nicht gesehen hat. Wie ganz anders ward doch Alles! Lavater sagt so oft, daß er schwach sei, und ich habe noch Niemand gekannt, der schönere Stärken gehabt hätte, als er. In seinem Element ist er unermüdet thätig, fertig, entschlossen, und eine Seele voll der herrlichste Liebe und Unschuld. Ich habe ihn nie für einen Schwärmer gehalten, und er hat noch weniger Einbildungskraft, als ich mir vorstellte. Aber weil seine Empfindungen ihm die wahrsten, so sehr verkannten Verhältnisse der Natur in seine Seele prägen, er daher jede Terminologie wegwirft, aus vollem Herzen spricht und handelt, und seine Zuhörer in eine fremde Welt zu versetzen scheint, indem er sie in die ihnen unbekannten Winkel ihres eignen Herzens führt,—kann er dem Vorwurf eines Phantasten nicht entgehen.—Seine Physiognomik giebt ein weitläufiges Werk mit vielen Kupfern. Es wird große Beiträge zur bildenden Kunst enthalten, und dem Historien- und Portraitmaler unentbehrlich seyn."

Während Goethe die deutsche Literatur und ihre Vertreter mit scharfem Blick beobachtete, ruhte nicht seine eigene literarische Thätigkeit. Einige Auskunft über mehrere schriftstellerische Arbeiten gab er in einem Briefe an Schönborn vom 1. Juni 1773. "Allerlei Neues," schrieb er, "hab' ich gemacht. Eine Geschichte des Titels: Die Leiden des jungen Werthers, darin ich einen jungen Menschen darstelle, der mit einer tiefen reinen Empfindung und wahrer Penetration begabt, sich in schwärmende Träume verliert, sich durch Speculation untergräbt, bis er zuletzt durch dazu tretende Leidenschaften, besonders eine endlose Liebe zerrüttet, sich eine Kugel vor den Kopf schießt. Dann hab' ich ein Trauerspiel gearbeitet: Clavigo, eine moderne Anecdote dramatisirt, mit möglichster Simplicität und Herzenswahrheit. Mein Held ist ein unbestimmter, halb groß, halb kleiner Mensch, der Pendant zum Weislinger im Götz, vielmehr Weislinger selbst in der ganzen Rundung einer Hauptperson. Auch finden sich hier Scenen, die ich im Götz, um das Hauptinteresse nicht zu schwächen, nur andeuten konnte. Noch einige Pläne zu großen Dramen hab' ich gefunden und in meinem Herzen."

In diesem Briefe gestand Goethe, daß er "zwar nicht aus Frankfurt gekommen, doch ein so verworrenes Leben geführt habe, daß es ihm an neuen Empfindungen und Ideen nie gemangelt." Der Zeitpunkt war indeß nahe, wo er, nach seines Vaters Wunsch, Frankfurt wieder verlassen, und sich nach Wetzlar begeben sollte, um sich in dem dortigen Reichskammergericht in der juridischen Praxis zu üben. Dieser Ortswechsel hatte wenig Lockendes für ihn. Er fürchtete, daß in Wetzlar, außer dem Civil- und Staatsrecht, ihm nichts Wissenschaftliches entgegen treten, und daß besonders seine Liebe zur Poesie dort wenig Nahrung finden möchte. In letzterer Hinsicht sorgte das Schicksal für ihn, indem es ihm in Wetzlar zur Bekanntschaft Gotter's verhalf. Die entschiedene Vorliebe dieses Dichters für die französischen Dramatiker konnte Goethe zwar nicht theilen. Gleichwohl fand zwischen ihm und Gotter ein lebhafter Ideenaustausch statt. Durch seinen neuen Freund ward Goethe zu mehreren lyrischen Gedichten angeregt, die zum Theil, wie unter andern das treffliche Gedicht: "der Wanderer," in dem Göttinger Musenalmanach aufgenommen wurden. Dadurch kam Goethe in nähere Berührung mit dem Göttinger Dichterbunde, zu welchem die Grafen Stolberg, Voß, Bürger, Hölty u.A. gehörten. Die hohe Verehrung, welche die genannten Dichter Klopstock zollten, konnte Goethe nicht in gleichem Maße theilen. Seine frühere Begeisterung für den Sänger des Messias hatte eine Grenze gefunden, seit Klopstock in seinen Oden, statt der griechischen Mythologie, die Nomenclatur der nordischen Götterlehre eingeführt hatte.

Unter seinen mannigfachen poetischen Beschäftigungen, besonders einem eifrigen Studium des Homer, ward Goethe durch täglich wiederkehrende Gespräche über den Zustand des Visitationsgerichts und über so manche dabei obwaltende Hindernisse und Mängel auf unangenehme Weise daran erinnert, daß er sich in Wetzlar befand. Das kleinliche Detail von Nachlässigkeiten, Versäumnissen, Ungerechtigkeiten, Bestechungen u.s.w. ermüdete ihn. Zerstreut durch öffentliche Amtsgeschäfte, wollte ihm keine ästhetische Arbeit gelingen. Erwünscht kam ihm die durch Merk in Darmstadt an ihn ergangene Aufforderung zu Beiträgen für die Frankfurter gelehrten Anzeigen. Goethe's Schwager, Schlosser, war der Herausgeber jenes Blattes. Die von Goethe für die Frankfurter gelehrten Anzeigen gelieferten Recensionen waren großentheils Nachklänge seiner akademischen Jahre. Ueberall zeigte sich darin die frisch hervorbrechende Naturkraft des Dichters, die allem trocknen Theorieenwesen abhold, sich in jeder Weise Luft zu machen suchte. Heftig bekämpfte er alles Falsche, Schiefe und Unnatürliche in jenen Recensionen, die kaum eine Spur enthielten von der in spätern Jahren ihm eignen Ruhe und Besonnenheit.

Willkommene Zerstreuung fand er auf einer Rheinreise, zu der ihn Merk in Darmstadt aufgefordert hatte. In Coblenz lernte er Wielands Jugendfreundin Sophie la Roche, und außer ihr besonders den durch seine anziehende Unterhaltungsgabe bekannten Schriftsteller Leuchsenring kennen, dessen Charakter Goethe später mit vielem Humor in seinem Fastnachtsspiel "Pater Brey" schilderte. Manche Ausflüge unternahm Goethe in die Umgegend, unter andern nach Ehrenbreitstein.

Seine schriftstellerische Thätigkeit hatte eine Zeit lang geruht. Erst als er Wetzlar verlassen und wieder nach Frankfurt zurückgekehrt war, gestaltete sich der Stoff zum "Götz von Berlichingen", den er lange mit sich herumgetragen, zu einem eigentlichen Ganzen. Dies Sujet hatte sich vor seiner Einbildungskraft so weit ausgedehnt, daß es die Grenzen der dramatischen Form völlig zu überschreiten drohte. Seine Schwester Cornelia konnte die Vollendung des Werks kaum erwarten. Sie äußerte oft ihre Zweifel an Goethe's Beharrlichkeit. Wie er in spätern Jahren erzählte, war er mit seiner Arbeit in sechs Wochen fertig. Weder Merk's, noch Herder's Urtheil, denen er sein Manuscript mittheilte, befriedigte ihn. Wie er selbst über sein dramatisches Product dachte, schilderte Goethe in spätern Jahren. Mit den ersten Acten seines Schauspiels war er im Allgemeinen zufrieden; in den folgenden aber, besonders gegen das Ende, habe ihn, meinte er, eine wunderbare Leidenschaft unbewußt hingerissen.

"Ich hatte," gestand Goethe, "indem ich mich bemühte, Adelheid liebenswürdig zu schildern, mich selbst in sie verliebt. Unwillkürlich war meine Feder nur ihr gewidmet. Das Interesse an ihrem Schicksal nahm überhand, und wie ohnehin gegen das Ende des Stücks Götz außer aller Thätigkeit gesetzt, nur zu einer unglücklichen Theilnahme am Bauernkriege zurückkehrte, so war nichts natürlicher, als daß eine reizende Frau ihn bei mir ausstach. Diesen Mangel, oder vielmehr diesen tadelhaften Ueberfluß erkannt' ich bald. Ich suchte daher meinem Werke immer mehr historischen und nationalen Gehalt zu geben, und das, was daran fabelhaft oder blos leidenschaftlich war, auszulöschen, wobei ich freilich manches aufopferte. So hatte ich mir z. B. etwas Rechtes zu Gute gethan, indem ich in einer grausen nächtlichen Zigeunerscene Adelheid auftreten, und ihre schöne Gegenwart Wunder thun ließ. Eine nähere Prüfung verbannte diese Scene, so wie auch der im vierten und fünften Act umständlich ausgeführte Liebeshandel zwischen Franz und seiner gnädigen Frau sich in's Enge zog, und nur in seinen Hauptmomenten hervorleuchtete."

Goethe entschloß sich zu einer Umarbeitung seines Schauspiels, die er in einigen Wochen vollendete. In seinen gesammelten Werken findet man auch den "Götz von Berlichingen" in seiner ursprünglichen Gestalt und eine spätere Theaterbearbeitung jenes Schauspiels vom Jahr 1804. Niemand war jedoch unzufriedener mit dieser Umformung seines Stücks, als Merk. Er drang auf die Herausgabe des Schauspiels, und erbot sich, als Goethe, wie schon früher bei den "Mitschuldigen," keinen Verleger finden konnte, die Druckkosten zu übernehmen, wenn Goethe für die Anschaffung des Papiers sorgen wollte. So ward der "Götz von Berlichingen" 1773 zu Hamburg gedruckt und bereits im nächsten Jahre neu aufgelegt in der Vaterstadt des Dichters, der sich, nach seinem eignen Geständnisse aus späterer Zeit, "bei sehr erschöpfter Casse in großer Verlegenheit befand, wie er das Papier bezahlen sollte, auf welchem er die Welt mit seinem Talent bekannt gemacht hatte."

Der Stoff, den Goethe gewählt, war zu einer weit verbreiteten Wirkung geeignet. Indem er seinem eignen Freiheitsgefühl Luft machte, hatte er den deutschen Patriotismus genährt, der durch Klopstocks "Hermannsschlacht" und die Bardenlieder geweckt worden war. Der Antheil des Publikums an jener "wilden dramatischen Skizze," wie Goethe sein Schauspiel in spätern Jahren nannte, war um so größer, je edler und einnehmender die poetische Gestalt des historischen Götz von ihm gezeichnet worden war, der in einer wilden, gesetzlosen Zeit kein Bedenken trug, zur Selbsthülfe zu greifen. Unter dem Lobe, das dem Dichter sowohl der Schilderung der einzelnen Charaktere, als auch des Styls wegen gespendet ward, traf ihn auch mancher bittere Tadel, besonders der Vorwurf, das Faustrecht mit zu glänzenden Farben geschildert, und der gesetzlosen Willkühr dadurch das Wort geredet zu haben. Goethe schien sich um die über sein dramatisches Product gefällten Urtheile wenig zu kümmern. Belustigend aber war für ihn die Idee eines Buchhändlers, der ihn aufforderte, ein Dutzend solcher Stücke zu schreiben, und sie gut zu honoriren versprach.

Mit Goethe's mannigfachen poetischen Entwürfen harmonirten nicht die völlig heterogenen Geschäfte, denen er sich in Wetzlar widmen mußte. Die kalte Wirklichkeit, die seine Ideale zerstörte, erzeugte in ihm einen tiefen Unmuth und beinahe völligen Lebensüberdruß, der noch verstärkt ward durch die leidenschaftliche Neigung zu einem ihm versagten Gegenstande. Durch den vertrauten Umgang mit Charlotte Buff, der Tochter eines Amtmanns in Wetzlar, die mit dem dort sich aufhaltenden Bremischen Gesandschaftssecretär Kestner verlobt war, suchte Goethe die Leere auszufüllen, die das aufgelöste Verhältniß mit der Pfarrerstochter in Sesenheim in seinem Herzen zurückgelassen hatte. Oft allein mit dem Gegenstande seiner Neigung, im Garten und auf einsamen Spaziergängen, fühlte er das Verderbliche seiner wachsenden Leidenschaft. Das Leben ward ihm gleichgültig, da seine hochfliegende Phantasie überall an die Schranken einer bürgerlichen Existenz im gewöhnlichsten Sinne des Worts stieß, die ihm keinen heitern Blick in die Zukunft gewährte. In seiner unmuthigen Stimmung kam ihm sogar einige Mal der Gedanke, sich selbst das Leben zu nehmen. Um so erschütternder wirkte auf ihn der Selbstmord eines seiner Bekannten. Es war Karl Wilhelm Jerusalem, ein Sohn des bekannten Braunschweiger Theologen. Gepeinigt von einer unbefriedigten Leidenschaft zu eben dem Gegenstande, welchem Goethe nicht ohne harten Kampf entsagt, hatte jener unglückliche junge Mann sein Leben durch eine Kugel geendet.

Tief ergriffen von der genauen Schilderung jenes tragischen Ereignisses, unternahm es Goethe, in seinem "Werther" den qualvollen Zustand zu schildern, den er aus eigner Erfahrung kannte. Was er selbst empfunden, setzte sein Gemüth in eine leidenschaftliche Bewegung, und so geschah es, daß er seinem Roman das Feuer und die Gluth einhauchte, die keinen Unterschied zuläßt zwischen der Dichtung und der Wirklichkeit. Nach Goethe's eignem Geständniß in späterer Zeit schrieb er, jede äußere Störung so viel als möglich vermeidend, den "Werther" in vier Wochen, ohne zuvor einen eigentlichen Plan entworfen oder einzelne Theile seines Romans ausgeführt zu haben. Er ward beinahe vergöttert wegen seines Werks, fand aber auf der andern Seite auch zahlreiche Gegner, besonders als das unglückliche Ende seines schwärmerischen Helden manche zu gleicher That reizte.

Dem vielfachen Unheil, daß man jenem Roman mit und ohne Grund beimaß, wäre zufälliger Weise beinahe vorgebeugt worden, wenn Goethe, verstimmt durch die Gleichgültigkeit Merk's bei der Mittheilung seines Romans, den Entschluß ausgeführt hätte, ihn sofort zu verbrennen. Mit dem Buchhändler Weygand in Leipzig war Goethe über den Verlag seines Romans einig geworden. Gerade an dem Hochzeitstage seiner Schwester Cornelia kam der Brief Weygands an, der ihn aufforderte, das Manuscript nach Leipzig zu senden. Der "Werther" erschien 1774, und bereits im nächsten Jahre eine neue Ausgabe mit einigen Zusätzen und mit einigen späterhin weggelassenen Versen auf dem Titelblatte der beiden Theile des Romans.

Goethe war, als er sein Werk vollendet, wieder heiterer geworden. Er hatte sich, nach seinem eignen Geständniß in spätern Jahren, "aus einem stürmischen Element gerettet auf dem er durch eigene und fremde Schuld, durch zufällige und gewählte Lebensweise, durch Vorsatz und Uebereilung umhergetrieben worden war."

In Bezug auf die zahllosen Nachahmungen, Kritiken und Parodien seines Werks äußerte er sich unmuthig in einem Briefe vom 6. März 1775 mit den Worten: "Ich bin des Ausgrabens und Secirens meines Werther herzlich satt. Der Eine schilt, der Andere lobt, der Dritte sagt, es gehe doch noch an, und so hetzt mich Einer wie der Andere. Nimmt mir's doch," fügte er hinzu, "nichts von meinem Ganzen, rührt's und rückt mich's doch nicht in meinen Arbeiten, die immer nur die aufbewahrten Freuden und Leiden meines Lebens sind." An einer von dem Berliner Buchhändler Friedrich Nicolai herausgegebenen Schrift, "die Freuden des jungen Werther" betitelt, rächte sich Goethe durch ein satyrisches Gedicht: "Nicolai an Werthers Grabe" und durch einen in Prosa geschriebenen Dialog zwischen Lotte und Werther. Beide Producte blieben ungedruckt.

Den mannigfachen Fragen, die über das Leben und den Charakter des unglücklichen Jünglings, den er in seinem Roman geschildert, an ihn gerichtet wurden, suchte Goethevergebens auszuweichen. Die Neugier des Publikums befriedigte einigermaßen der unbekannte Verfasser einer damals (1775) erschienenen Schrift: "Berichtigung der Geschichte des jungen Werthers." Ungeachtet der ihm lästigen Zudringlichkeit fühlte sich Goethe doch als Autor geschmeichelt, daß mehrere talentvolle junge Männer seine Bekanntschaft suchten oder den Umgang mit ihm erneuerten. Am innigsten schloß sich, als er wieder nach Frankfurt zurückgekehrt war, der Dichter Lenz an ihn an, den er schon, wie früher erwähnt, in Straßburg kennen gelernt hatte. Er zeigte ihm mehrere seiner dramatischen Produkte, den "Hofmeister," den "neuen Mendoza" u.a.m. Auch Wagner, der als Doctor der Rechte und Advokat in Frankfurt, gleichfalls der Poesie huldigte, kam dem Verfasser des Götz und Werther mit treuherziger Offenheit entgegen. Er täuschte jedoch Goethe's Vertrauen, der ihm mehrere seiner dramatischen Pläne mitgetheilt hatte. Gretchens Katastrophe im Faust benutzte Wagner unter andern für ein von ihm geschriebenes Trauerspiel, "die Kindesmörderin" betitelt. Reiner und inniger war das Verhältniß Goethe's zu seinem Landsmann, dem Dichter Klinger.

Mit Lavater hatte Goethe schon längere Zeit in Briefwechsel gestanden, und ihm, außer mehreren literarischen Entwürfen, den "Werther" im Manuscript mitgetheilt. Den 20. August 1774 schrieb er an Lavater: "Du wirst großen Antheil nehmen an den Leiden des lieben Jungen, den ich darstelle. Wir gingen neben einander, an die sechs Jahre, ohne uns zu nähern; und nun hab' ich seiner Geschichte meine Empfindungen geliehen, und so macht's ein wunderliches Ganze." In Bezug auf seine Thätigkeit bemerkte er in diesem Briefe: "Ich bin nicht laß; so lange ich auf der Erde bin, erobere ich gewiß meinen Schritt Landes täglich." Ueber seine Beschäftigungen ertheilte er einige Auskunft in einem spätern Schreiben vom 18. October 1774. "Meine Arbeit," äußerte er, "hat bisher in Portraits im Großen und in kleinen Liebesliedern bestanden. Ich habe seit drei Tagen mit dem mir möglichsten Fleiße gearbeitet, und bin noch nicht fertig. Es ist gut, daß man einmal Alles thue, was man thun kann." Lavaters Vorwürfe über die Zersplitterung seiner Zeit und Kräfte fertigte Goethe mit den Worten ab: "Was neckst Du mich wegen meiner Amüsements? Ich wollte, ich hätte eine höhere Bestimmung, so wollte ich weder meine Handlungen Amüsements nennen, noch mich, statt zu handeln, amüsiren."

Eine fortwährende Anregung gab dem Briefwechsel Goethe's mit Lavater, außer den Artikeln, die jener für dessen Physiognomik lieferte, besonders Lavaters Lieblingsthema, der Streit zwischen Wissen und Glauben. Ein Brief Goethe's, vom 24. November 1774, an Lavater und dessen Freund, den Diakonus Pfenninger in Zürich zugleich gerichtet, enthielt in dieser Hinsicht einige charakteristische Bemerkungen. Mit Herzlichkeit und in dem vertraulichen Tone schrieb Goethe: "Glaube mir, lieber Bruder, es wird die Zeit kommen, da wir uns verstehen werden. Du redest mit mir, wie mit einem Ungläubigen, der begreifen will, der bewiesen haben will, der nicht erfahren hat; und von alle dem ist gerade das Gegentheil in meinem Herzen.—Bin ich nicht resignirter im Begreifen und Beweisen, als ihr? Ich bin vielleicht ein Thor, daß ich euch nicht den Gefallen thue, mich mit euren Worten auszudrücken, und daß ich nicht einmal durch eine reine Experimental-Psychologie meines Innern euch darlege, daß ich ein Mensch bin, daher nicht anders sentiren kann, als andere Menschen, und daß Alles, was unter uns Widerspruch scheint, nur Wortstreit ist, der daraus entsteht, weil ich die Sachen unter andern Combinationen sentire, und darum, ihre Relativität ausdrückend, sie anders benennen muß, welches aller Controversen Quelle ewig war und ewig bleiben wird.—Und daß du mich ewig mit Zeugnissen quälen willst! Wozu das? Brauch ich Zeugniß, daß ich bin? Zeugniß, daß ich fühle? Nur so schätze, liebe, bete ich die Zeugnisse an, die mir darlegen, wie Tausend oder Einer vor mir eben das gefühlt haben, was mich kräftigt und stärkt. Und so ist das Wort der Menschen mir Wort Gottes, mögen's Pfaffen oder Huren gesammelt, und es zum Kanon gerollt oder als Fragmente hingestreut haben. Und mit inniger Seele fall' ich dem Bruder um den Hals— Moses! Prophet! Evangelist! Apostel! Spinoza oder Macchiavell! Darf aber auch zu Jedem sagen: Lieber Freund, geht dir's doch wie mir. Im Einzelnen sentirst Du kräftig und herrlich; das Ganze aber ging in deinen Kopf so wenig, als in den meinigen."

Der briefliche Ideenaustausch Goethe's mit Lavater verwandelte sich, als dieser 1774 wieder nach Frankfurt kam, in mündliche Ueberlieferung. Das Phantastische in Lavaters Natur verkannte Goethe nicht, aber er fand es, wie er in einem früher erwähnten Briefe sich ausgedrückt hatte, "mit dem schönsten, schlichtesten Menschenverstande gepaart." Ihn fesselte damals jede Natur, mochte sie auch von der seinigen noch so verschieden seyn. Nach Ems, wohin sich Lavater begab, begleitete ihn Goethe. Kaum wieder nach Frankfurt zurückgekehrt, traf er dort mit Basedow zusammen, der damals in der Pädagogik ein helleres Licht angezündet hatte, doch in allerlei seltsamen religiösen Ansichten befangen war, die er aufs Lebhafteste vertheidigte. Durch das Cynische in seinem Aeußern und ganzen Wesen fühlte sich Goethe zurückgestoßen, besonders durch den Geruch des schlechten Tabaks, den Basedow auf der Reise nach Ems, wohin ihn Goethe begleitete, fortwährend in die Luft blies. In mehrfacher Weise störte Basedow die gesellige Unterhaltung in dem Hause der Frau v. Stein zu Nassau. Als Goethe mit Lavater und Basedow wieder nach Frankfurt zurückkehrte, und, wie er in einem noch erhaltenen Gedicht sagt: "als das Weltkind zwischen zwei Propheten saß," benutzte er Basedows entschiedene Abneigung gegen die Trinitatslehre zu einer lustigen Rache. Er hieß den Kutscher schnell vorüberfahren bei einem Wirthshause, in welchem Basedow seinen brennenden Durst stillen wollte. Indem Goethe auf das mit zwei verschränkten Triangeln versehene Gasthofsschild hinwieß, äußerte er schalkhaft, daß Basedow, der schon über Einen Triangel außer Fassung gerathe, bei diesem Anblick geradezu verrückt hätte werden müssen.

Unbefriedigt und verletzt durch die ungleichartigen Naturen Lavaters und Basedows, schloß sich Goethe mit größerer Innigkeit den Gebrüdern Jacobi an, die er in Cöln kennen gelernt hatte.
Der Dichter I.G. Jacobi verzieh ihm den Spott, den er sich über seine mit Gleim gewechselten Briefe und Gedichte, die damals im Druck erschienen waren, erlaubt hatte. Das offene Vertrauen, mit welchem ihm besonders F.H. Jacobi entgegenkam, gewann Goethe's Herz. Aber auch sein Geist fand Befriedigung in mannigfachen philosophischen Gesprächen, besonders über das System und die Lehre Spinoza's. Im wechselseitigen Austausch ihrer Ideen fühlten sich die Freunde sehr glücklich. Jacobi schrieb damals, den 27. August 1774, an Wieland: "Was Goethe und ich einander seyn sollten, seyn mußten, war, sobald wir vom Himmel herunter neben einander gefallen waren, sogleich entschieden. Jeder glaubte von dem Andern mehr zu empfangen, als er ihm geben konnte; Mangel und Reichthum auf beiden Seiten umarmten einander; so ward die Liebe unter uns."

In der Gemäldegallerie zu Düsseldorf, wohin Goethe mit den Gebrüdern Jacobi gereist war, fand sein Kunstsinn volle Befriedigung. Mit einem seiner Straßburger Bekannten, mit Jung-Stilling, traf Goethe in Elberfeld zusammen. Heinse, der Verfasser des Ardinghello, den er dort kennen lernte, bewunderte, nach einer brieflichen Aeußerung, an dem damals fünf und zwanzigjährigen Goethe "das Genie, vom Wirbel bis zur Zehe, den Geist mit Adlersflügeln."

Nach den verschiedenartigsten Richtungen verlor sich, als er wieder nach Frankfurt zurückgekehrt war, Goethe's literarische Thätigkeit. Er äußerte sich darüber in einem damaligen Briefe: "Geschrieben hab' ich allerlei, gewissermaßen wenig, im Grunde nichts. Wir schöpfen den Schaum von dem großen Strom der Menschheit mit unsern Kielen, und bilden uns ein, wenigstens schwimmende Inseln gefangen zu haben." So bezeichnete Goethe seine mannigfachen literarischen Entwürfe, von denen fast keiner ausgeführt ward. Längere Zeit beschäftigte ihn die Idee, das Leben Mahomet's dramatisch zu behandeln. Mehrere Scenen wurden theils skizzirt, theils vollendet. Erhalten hat sich jedoch von jenem Stück nichts weiter, als das in Goethe's Werken aufbewahrte Gedicht: "Mahomet's Gesang." Die bekannte Geschichte von dem ewigen Juden, die sich ihm schon früh durch die Volksbücher eingeprägt hatte, wollte er zu einem Epos benutzen. Auch die Fabel vom Prometheus hielt er für eine dramatische Bearbeitung geeigenet, von der sich jedoch nichts weiter erhalten hat, als das in Goethe's Werken aufbewahrte Gedicht "Prometheus." Vollendet ward von Goethe um diese Zeit (1774) nur das Trauerspiel "Clavigo", wozu ihm die von Beaumarchais geschriebenen Memoiren die nächste Veranlassung gegeben hatten. Gleichzeitig veröffentlichte Goethe aber auch unter dem Titel einer Farçe seine dramatische Dichtung: "Götter, Helden und Wieland." In den Anmerkungen zu seiner Uebersetzung Shakspeare's hatte Wieland den großen Britten scharf getadelt. Durch diesen Tadel und die zu moderne Behandlung der griechischen Götter in dem von Wieland geschriebenen Singspiel "Alceste" gereizt und aufgeregt, schrieb Goethe jenes satyrische Product, das seinen bisherigen Verhältnissen unvermuthet eine ganz andere und für sein späteres Leben einflußreiche Wendung gab.

Durch jene Posse hatte Goethe die Aufmerksamkeit eines jungen Fürsten erregt, der sich für den Verfasser des Götz und Werther bereits lebhaft interessirt hatte. Es war der damalige Erbprinz und nachheriger Großherzog Carl August von Sachsen-Weimar, der begleitet von seinem jüngern Bruder, dem Prinzen Constantin und dessen Erzieher v. Knebel, auf einer damalichen Reise Frankfurt berührte. Goethe ward den beiden Fürsten auf deren Wunsch, vorgestellt und bald nachher, im November 1775, als geheimer Legationsrath nach Weimar gerufen, wo er im damaligen geheimen Consilium Sitz und Stimme erhielt. Sein neues Verhältniß schilderte er in einem Briefe an Lavater vom 21. December 1775 mit den Worten: "Ich bin hier in Weimar wie unter den Meinigen. Der Herzog wird mir immer werther, und ich ihm immer verbundener." In einem spätern Briefe vom 22. Januar 1778 meldete Goethe seinem Freunde Merk: "Ich bin nun ganz in alle Hof- und politische Händel verwickelt. Meine Lage ist vorteilhaft genug, und die Herzogthümer Weimar und Eisenach sind immer ein Schauplatz, um zu versuchen, wie einem die Weltrolle zu Gesichte steht."

Mit vielem Humor charakterisirte Goethe seinen heterogenen Geschäftskreis in einem Briefe an Merk vom 5. August 1778. "Im Innern", schrieb er, "geht mir alles nach Wunsch. Das Element, in dem ich schwebe, hat alle Aehnlichkeit mit dem Wasser; es zieht Jeden an, und doch versagt dem, der auch nur bis an die Brust hineinspringt, im Anfange der Athem. Muß er nun gar gleich tauchen, so verschwinden ihm Himmel und Erde. Hält man's dann eine Weile aus, und kriegt das Gefühl, das einem das Element trägt, und daß man doch nicht untersinkt, wenn man gleich nur mit der Nase hervor guckt, nun so findet sich im Menschen auch Glied und Geschick zum Froschwesen, und man lernt mit wenig Bewegung viel thun."

Dieser Brief Goethe's enthielt auch eine Schilderung seiner durch ein bekanntes Gedicht verewigten Harzreise. "Letzten Winter", schrieb er, "hat mir eine Reise auf den Harz das reinste Vergnügen gegeben. Du weißt, so sehr ich's hasse, wenn man das Natürliche abentheuerlich machen will, so wohl ist mir's, wenn das Abenteuerliche natürlich zugeht. Ich machte mich ganz allein auf, etwa den letzten November, zu Pferde, mit einem Mantelsack, und ritt durch Schloßen, Frost und Koth aus Nordhausen den Harz hinein in die Baumannshöhle, über Wernigerode, Goßlar, auf den hohen Harz, das Detail erzähl' ich dir einmal, und überwand alle Schwierigkeiten, und stand am 8. December, glaub' ich, Mittags um Eins auf dem Brocken, oben in der heitersten, brennendsten Sonne, über dem anderthalb Ellen hohen Schnee, und sah die Gegend von Deutschland unter mir, Alles von Wolken bedeckt, daß der Förster, den ich mit Mühe persuadirt hatte, mich zu führen, selbst vor Verwunderung außer sich kam, sich da zu sehen, da er viele Jahre am Fuße wohnend, das immer für unmöglich gehalten hatte. Da war ich vierzehn Tage allein, daß kein Mensch wußte, wo ich war. Von dem Gedanken der Einsamkeit findest du auf dem beiliegenden Blatt fliegende Streifen." Dies Blatt enthielt das bekannte Gedicht: "Harzreise im Winter." Mehrere Stellen darin bezogen sich auf den Sohn des Superintendenten Plessing in Wernigerode, einen talentvollen, doch zum Theil durch das Lesen des "Werther" in eine unheilbare Schwermuth versunkenen jungen Mann, den Goethe im Gasthofe zu Wernigerode kennen gelernt hatte.

Was Goethe selbst in spätern Jahren sich zum Vorwurf machte, daß er durch sein zerstreutes und vielfach bewegtes Leben die Wirksamkeit seines poetischen Talents beschränkt und beinahe zerstört habe, rügte schon damals sein Freund Merk mit den Worten: "Was Teufel fällt dem Wolfgang ein, am Hofe herumzuschranzen und zu scherwenzeln? Giebt es nichts Besseres für ihn zu thun?" Die Wahrheit dieser auch von Andern ihm gemachten Vorwürfe fühlte Goethe. Aber er erkannte und schätzte auch das Wohlwollen und die Freundschaft seines Fürsten, und bemühte sich dem ihm geschenkten Vertrauen auf jede Weise zu entsprechen. Mit seinem Beruf, wenn ihm derselbe vielleicht auch nicht völlig klar war, meinte er es jedenfalls redlich. In einem seiner damaligen Briefe gestand er: das ihm aufgetragene Tagwerk, das ihm täglich leichter und schwerer werde, erfordere wachend und träumend seine Gegenwart.

"Diese Pflicht", schrieb er, "wird mir täglich theurer, und darin wünschte ich's den größten Menschen gleich zu thun, und in nichts Größerem. Diese Begierde, die Pyramide meines Daseyns, deren Basis mir angegeben und gegründet ist, so hoch als möglich in die Luft zu spitzen, überwiegt alles Andere, und läßt kaum augenblickliches Vergessen zu. Ich darf nicht säumen, ich bin schon weit in Jahren vor, und vielleicht bricht mich das Schicksal in der Mitte, und der babylonische Thurm bleibt stumpf unvollendet. Wenigstens soll man sagen, er war kühn entworfen, und wenn ich lebe, sollen, will's Gott, die Kräfte hinaufreichen."

Begrenzt ward dieser weit aussehende Lebensplan Goethe's durch das in ihm erwachte lebhafte Interesse an theatralischen Vorstellungen. Zu Ettersburg und Tiefurt waren mehrere kleine Stücke und Operetten in den Buchenwäldern an der Ilm aufgeführt worden. Einsiedel, Seckendorf, Musäus u.A. hatten jenem Bedürfniß durch dramatische Producte gehuldigt, und Goethe selbst hatte zu diesem Zweck seine "Fischerin", und die Singspiele "Erwin und Elmire" und "Claudine von Villa Bella" gedichtet. Später übernahm er die Leitung eines in Weimar errichteten Liebhabertheaters, bei welchem der Hof die Kosten der Garderobe, Musik, Beleuchtung u.s.w. bestritt. Eine Hauptzierde jener Bühne war die talentvolle Carona Schröter, damals Hofsängerin, welcher Goethe später in seinem Gedicht: "Miedings Tod" ein unvergängliches Denkmal setzte. Auch Goethe trat in jenem Lieblingstheater auf, als Alcest in den "Mitschuldigen", später als Orest in seiner "Iphigenie" auf. Sein Spiel in ernsten Rollen soll zu leidenschaftlich und ungestüm gewesen seyn. Besser gelang ihm die Darstellung humoristischer Charaktere, vorzüglich in den von ihm gedichteten Fastnachtsspielen, als Hamann, als Marktschreier in dem "Jahrmarkt von Plundersweilern" u.a.m. Für theatralische Zwecke schrieb Goethe, außer seinen größern Werken, noch das dramatisch vorgestellte Gedicht "Epiphanias."

Ueber einen kurzen Aufenthalt in Berlin, wohin er 1778 den Herzog von Weimar begleitete, schrieb Goethe an Merk: "Ich war nur wenige Tage in Berlin, und guckte nur drein, wie das Kind in den Schön-Raritäten-Kasten. Aber du weißt, wie ich im Anschauen lebe; es sind mir tausend Lichter aufgegangen. Und dem alten Fritz bin ich recht nahe worden; da hab' ich sein Wesen gesehen, sein Gold, Silber, Marmor, Affen, Papageien und zerrissene Vorhänge, und habe über den großen Menschen seine eignen Lumpenhunde räsonniren hören. Die Generäle, die ich halbdutzendweise bei Tisch mir gegenüber gehabt, machen mir den jetzigen König gegenwärtiger. Mit Menschen hab' ich sonst gar nichts zu verkehren gehabt, und habe in preußischen Staaten kein laut Wort hervorgebracht, daß sie nicht könnten drucken lassen, dafür ich gelegentlich als stolz u.s.w. ausgeschrieen worden bin."

Einen weitern Ausflug unternahm Goethe 1779 nach der Schweiz. Er machte diese Reise in Gesellschaft seines von ihm hochverehrten Fürsten, der ihn kurz zuvor zum Geheimen Rath ernannt hatte. Die glückliche Heimkehr wünschte Goethe durch ein Denkmal zu verewigen, das er dem Herzog im Weimarischen Park errichten lassen wollte. Sehr ausführlich äußerte er sich in einem im November 1779 geschriebenen Briefe an Lavater über diese Idee, bei der er auf die Mitwirkung des rühmlich bekannten Malers Füßli in Zürich rechnete. "Mein erster Gedanke," schrieb Goethe, "war so. Ich wollte dem Monument eine viereckige Form geben. Von drei Seiten sollte jede eine einzelne bedeutende Figur, und die vierte eine Inschrift haben. Zuförderst sollte das gute heilsame Glück stehen, durch das die Schlachten gewonnen und die Schiffe regiert werden, günstigen Wind im Nacken, die launische Freundin und Belohnerin kecker Unternehmungen mit Steuerruder und Kranz. Im Felde zur Rechten hatte ich mir den Genius, den Antreiber, Wegmacher, Wegweiser, Fackelträger muthigen Schrittes gedacht. In dem Felde zur Linken sollte Terminus, der ruhige Grenzbeschreiber, der bedächtige, mäßige Rathgeber stillstehend mit dem Schlangenstabe einen Grenzstein bezeichnen, jener lebend rührig vordringend, dieser ruhig, sanft in sich gekehrt, zwei Söhne, eine Mutter—der ältere jener, der jüngere dieser. Das hintere Feld hatte die Inschrift: Fortunae Duci Reduci Natisque Genio Et Termino Ex Voto. Du siehst, was ich für Ideen damit zusammenbinden wollte. Sowohl auf dieser Reise als im ganzen Lande, als im ganzen Leben, sind wir diesen Gottheiten sehr zu Schuldnern geworden. Das erste Mal, wo wir nach einer langen, nicht immer fröhlichen Zeit, in die freie Welt kommen, zusammen den ersten bedeutenden Schritt wagen, gleich mit dem schönsten Hauche des Glücks fortgetrieben zu werden, in der spätern Jahreszeit, Alles mit günstiger Sonne und Gestirnen. Den ganzen Weg, den wir machen, begleitet von einem guten Geiste, der überall die Fackel vorträgt, hierhin ladet, dorthin treibt, daß, wenn ich zurück sehe, wir zu so manchem, das unsere Reise ganz macht, nicht durch unsere Wege und Wollen geleitet worden sind, und dann am Ende, daß wir auch durch den schönen Glückssohn bedeutet wurden, wo wir aufhören, wo wir einen Grenzbogen beschreiben und wieder zurückkehren sollten, was wieder einen unglaublichen Einfluß auf unsere Zurückgelassenen hat und haben wird. Das alles zusammen giebt mir die Empfindung, die ich nicht schöner zu ehren weiß, als womit alle Zeiten durch die Menschen Gott verehrt haben." Das in diesem Briefe ausführlich beschriebene Denkmal, das aus einem "lichtgrauen Stein" bestehen sollte, "der an den Marmor grenze," kam nicht zu Stande. Die Ausführung dieser Idee mochte ihre Schwierigkeiten haben. Ob der Maler Füßli die von ihm gewünschte Zeichnung wirklich lieferte, ist zweifelhaft. So viel ist gewiß, daß sie im Frühjahr 1780 noch nicht vorhanden war.

Mit Lavater, der sich darüber in einem seiner Briefe bitter beklagte, hatte Goethe in der Schweiz genußreiche Tage verlebt. Er freute sich sehr, ihn wieder zu sehen, und seine Gedanken mit ihm austauschen zu können, so wenig beide auch, besonders in ihren Ansichten über religiöse Gegenstände, mit einander übereinstimmten. "Nicht allein vergnüglich", schrieb Goethe den 28. October 1779, "sondern gesegnet uns beiden, soll unsere Zusammenkunft seyn. Für ein Paar Leute, die Gott auf so verschiedene Art dienen, sind wir vielleicht die einzigen, und ich denke, wir wollen mehr zusammen überlegen und ausmachen, als ein ganzes Concilium mit seinen Pfaffen, Huren und Mauleseln. Eins aber werden wir doch wohl thun, daß wir einander unsere Particular-Religionen ungehudelt lassen. Du bist gut darin, aber ich bin manchmal hart und unhold. Da bitt' ich dich im Voraus um Geduld. So hat mir z. B. Tobler deine Offenbarung Johannis gegeben. An der ist mir nun nichts, als deine Handschrift, darum hab' ich sie auch zu lesen angefangen. Es hilft nichts, ich kann das Göttliche nirgends, und das Poetische nur hie und da finden. Das Ganze ist mir fatal; mir ist's, als röche ich überall einen Menschen durch, der gar keinen Geruch von dem gehabt, der da ist A. und O.—Ich bin ein sehr irdischer Mensch; mir ist das Gleichniß vom ungerechten Haushalter, vom verlornen Sohn, vom Säemann, von der Perle u. s. w. göttlicher—wenn je was Göttliches da seyn soll—als die sieben Botschafter, Leuchter, Hörner, Siegel, Sterne und Wehe. Ich denke auch aus der Wahrheit zu seyn, aber aus der Wahrheit der fünf Sinne, und Gott habe Geduld mit mir, wie bisher.—Gegen deine Messiade hab' ich nichts; sie liest sich gut, wenn man einmal das Buch mag, und was in der Apokalypse enthalten ist, drückt sich durch deinen Mund rein und gut in die Seele. Das willst du da; wozu denn aber die ewigen Trümpfe, mit denen man nicht sticht, und kein Spiel gewinnt, weil sie kein Mensch gelten läßt? Du siehst, ich bin noch immer der Alte, und falle dir wieder von eben der Seite, wie vormals, zur Last. Ich war schon in Versuchung, das Blatt zu zerreißen; doch da wir uns sehen werden, so mag es gehen."

Die in diesem Briefe enthaltenen Aeußerungen zeigten, wie Goethe den nüchternen gesunden Menschenverstand den schwärmerischen Ansichten Lavaters gegenüber geltend machte. Im mündlichen Austausch ihrer Ideen, im traulichen Gespräch hatten sie sich wenigstens so weit genähert, als ihre individuelle Denk- und Empfindungsweise erlaubte. Selbst das mißbilligende Urtheil über manche Schriften Lavaters nahm Goethe zurück. "Deine Offenbarung Johannis," schrieb er den 2. November 1779, "hat mir viel Vergnügen gemacht. Ich habe sie recht und vieles davon mehr als einmal gelesen. Da ich hörte, du habest darüber von Amtswegen gepredigt, gab es mir ein ganz neues Interesse, denn ich konnte nun mehr begreifen, wie du dich mit diesem Buche so lange beschäftigt, es ganz in dich hinüber empfunden hast, und es in einem so fremden vehiculo ohne fremden, vielleicht eigentlich heterogenen Zusatz wieder aus dir herausquellen lassen konntest; denn nach meiner Empfindung macht deine Ausmalung keinen andern Eindruck, als die Originalskizze macht, wenigstens einer Seele aus diesem Jahrhundert, wo man die Ideen, die du hineinlegst, selbst von Kindheit an hineinzulegen pflegt. Die Arbeit selbst ist dir glücklich von statten gegangen; einige treffliche Züge der Auslegung und Empfindung sind darin. Ausgemalt sind viele Stellen ganz trefflich, besonders alle, die der innern Empfindung von Zärtlichkeit und Kraft, wie z. B. die Verheißung des ewigen Lebens, das Weiden der Schafe unter Palmen u. s. w. In einigen Gestalten und Gleichnissen hast du dich auch gut gehalten; nur schwinden deine Ungeheuer für mich zu schnell in allegorischen Dampf. Doch ist auch dieß, wenn ich's recht bedenke, das klügste Theil, das du ergreifen kannst." Der Brief schließt mit den herzlichen Worten: "Laß uns ja einander bleiben, einander mehr werden. Neue Freunde und Lieben mag ich nicht. Leider fühl' ich meine dreißig Jahre und Weltwesen. Schon einige Ferne von dem werdenden, sich entfaltenden, ich erkenn' es noch mit Vergnügen, mein Geist ist ihm nah, aber mein Herz ist fremd. Große Gedanken, die dem Jüngling ganz fremd, füllen jetzt meine Seele."

In einem Briefe an Merk, vom 7. April 1780, meldete Goethe seine Genesung von einer langwierigen Krankheit, die ihn bald nach der Rückkehr aus der Schweiz befallen. "Schon in Frankfurt," schrieb er, "und als wir in der Kälte an den Höfen herumzogen, war mir's nicht just. Die Bewegung der Reise ließ es nicht zum Ausbruch kommen. Doch hatte ich eine böse Zusammengezogenheit, eine Kälte, und Untheilnehmung, die Jedermann auffiel und gar nicht natürlich war. Jetzt geht Alles wieder ganz gut."

Dieser Brief Goethe's enthielt zugleich flüchtige Andeutungen über manche literärische Entwürfe, die jedoch größtentheils unausgeführt blieben. "Der wichtigste Theil meiner Schweizerreise," schrieb er, "ist aus einzelnen, im Moment geschriebenen Blättchen und Briefchen durch eine lebhafte Erinnerung componirt. Wieland declarirte es für ein Poema. Ich habe aber noch weit mehr damit vor, und wenn es mir glückt, so will ich mit diesem Garn viele Vögel fangen. Zur Geschichte Herzog Bernhards von Weimar hab' ich viele Documente und Collectaneen zusammengebracht, kann sie schon ziemlich erzählen, und will, wenn ich erst den Scheiterhaufen gedruckter und ungedruckter Nachrichten, Urkunden und Anecdoten recht zierlich zusammengelegt, ausgeschmückt, und eine Menge schönen Räucherwerks und Wohlgeruchs darauf herumgestreut habe, ihn einmal bei schöner trockner Nachtzeit anzünden, und auch dieses Kunst- und Lustfeuer zum Vergnügen des Publici brennen lassen."

Auch in einem spätern Briefe an Lavater, vom 5. Juni 1780, nahm Goethe die Idee einer Biographie des Herzogs Bernhard wieder auf. "Ich scharre", schrieb er, "nach meiner Art, Vorrath zu einer Lebensbeschreibung dieses als Helden und Herrscher wirklich sehr merkwürdigen Mannes, der in seiner kurzen Laufbahn ein Liebling der Menschen gewesen ist, allmählich zusammen, und erwarte die Zeit, wo mir's vielleicht glücken wird, ein Feuerwerk daraus zu machen. Seine Jahre fallen in den dreißigjährigen Krieg. Sein und seiner Brüder Familiengemälde interessirt mich noch am meisten, da ich ihren Urenkeln, in denen so manche Züge leibhaftig wiederkommen, so nahe bin. Uebrigens versuche ich allerlei Beschwörungen und Hocus pocus, um die Gestalten gleichzeitiger Helden und Lumpen in Nachahmung der Hexe zu Endor wenigstens bis an den Gürtel aus dem Grabe steigen zu lassen, und allenfalls irgend einen König, der an Zeichen und Wunder glaubt, in's Bockshorn zu jagen."

Ueber jene Idee, die er wieder aufgab, äußerte sich Goethe in späteren Jahren mit den Worten: "Manche Zeit und Mühe ward auf den Vorsatz, das Leben Herzog Bernhards zu schreiben, vergebens aufgewendet. Nach vielfachem Sammeln und mehrmaligem Schematisiren ward zuletzt nur allzu klar, daß die Ereignisse des Helden kein Bild machten. In der jammervollen Ilias des dreißigjährigen Krieges spielte er eine würdige Rolle, ließ sich aber von jener Gesellschaft nicht absondern. Einen Ausweg glaubte ich jedoch gefunden zu haben. Ich wollte das Leben schreiben wie einen ersten Band, der den zweiten nothwendig machte. Ueberall sollten Verzahnungen stehen bleiben, damit Jedermann bedauerte, daß ein frühzeitiger Tod den Baumeister verhindert habe, sein Werk zu vollenden. Für mich war diese Bemühung nicht unfruchtbar; denn wie das Studium zu Götz von Berlichingen mir tiefere Einsicht in das funfzehnte und sechszehnte Jahrhundert gewährte, so mußte mir diesmal die Verworfenheit des siebzehnten sich mehr entwickeln, als sonst vielleicht geschehen wäre."

Auch durch anderweitige Beschäftigungen mochte Goethe jener historischen Arbeit entzogen worden seyn. Noch immer betrieb er mit lebhaftem Interesse die seit frühester Jugend ihm liebgewordenen Kunststudien. Seine Briefe an Merk und Lavater enthielten mannigfache Aeußerungen über den Entwurf und die Ausführung werthvoller Landschaften, Blätter und Skizzen, die er theils besaß, theils zu erhalten wünschte, um seine Sammlung zu vervollständigen. Ueber Albrecht Dürer schrieb er den 6. März 1780 an Lavater: "Ich verehre täglich mehr die mit Gold und Silber nicht zu bezahlende Arbeit des Mannes, der, wenn man ihn recht im Innersten erkennen lernt, an Wahrheit, Erhabenheit, und selbst Grazie nur die ersten Italiener zu seines Gleichen hat. Dieses wollen wir laut sagen." In diesem Briefe erwähnte er den Besitz einer Sammlung von "geistigen Handrissen, besonders in Landschaften", die er zu vermehren wünschte. Er schrieb darüber an Lavater: "Passe doch auf, dir geht so vieles durch die Hände. Wenn du so ein Blatt findest, worauf die erste, schnellste, unmittelbarste Aeußerung des Künstlergeistes gedruckt ist, so lasse es dir nicht entwischen, wenn du's um leidliches Geld haben kannst. Mir macht's ein besonderes Vergnügen."

Genährt ward Goethe's Kunstinteresse durch einen vierzehntägigen Aufenthalt Oeser's in Ettersburg. Nichts konnte ihm erfreulicher seyn, als das Wiedersehen seines alten Leipziger Freundes und Lehrers, dem er, nach seinem eignen Geständniß in früher mitgetheilten Briefen, einen großen Theil seiner Bildung verdankte. Oeser war vielfach beschäftigt mit der Einrichtung und Anordnung des Liebhabertheaters in Ettersburg, auf welchem das von Goethe nach Aristophanes bearbeitete Lustspiel: "die Vögel" vorgestellt werden sollte. Goethe schrieb über Oeser: "Der Alte hatte den ganzen Tag etwas zu kramen, anzugeben, zu verändern, zu zeichnen, zu deuten, zu besprechen, zu lehren u.s.w., daß keine Minute leer war. Seitdem er fort ist, gehts freilich ein wenig stiller und einfacher zu."

Durch Oeser's Abreise wich Goethe's Neigung zur Kunst allmählich dem in späteren Jahren wachsenden Interesse an mannigfachen Naturgegenständen. Seinem Freunde Merk hatte er in einem Briefe vom 3. Juli 1780 die Nachricht mitgetheilt, daß der Bildhauer Klauer Oeser's Kopf "allerliebst bossirt", und daß derselbe in Gyps gegossen und in grauen Stein gehauen werden solle. "A propops", fügte er hinzu, "von Steinen hab' ich jetzt etwas sehr Angenehmes und Unterhaltendes angefangen. Durch einen jungen Menschen, den wir zum Bergwesen herbeiziehen, lasse ich eine mineralogische Beschreibung von Weimar, Eisenach und Jena machen. Er bringt alle Steinarten mit seiner Beschreibung überein, und numerirt mit, woraus ein sehr einfaches aber für uns interessantes Cabinet entsteht. Wir finden auch mancherlei, was gut und nützlich, ich will aber nicht sagen, einträglich ist." Seinen Brief schloß Goethe mit der an Merk gerichteten Bitte: "Du thust mir einen großen Gefallen, wenn du mir gelegentlich ein Stück von den Graniten schicktest, die nicht weit von euch im Gebirge liegen, wo große abgesägte Stücke davon glauben machen, daß die Römer ihre Obelisken daher geholt haben. Wenn du einmal Gelegenheit findest zu erforschen, was der Felsberg auf seiner höchsten Höhe für Steine hat, wird es mir auch sehr angenehm seyn."

Während Goethe das Gebiet der Wissenschaft und Kunst nach den mannigfachsten Richtungen durchstreifte, schien seine poetische Thätigkeit zu schlummern. Geweckt ward sie wieder durch die Erscheinung von Wielands Oberon. Er schrieb darüber an Merk den 7. April 1780: "Du wirst den Oberon gelesen und dich daran erfreut haben. Ich habe Wielandn' dafür einen Lorbeerkranz geschickt, der ihn sehr erfreut hat." Nach einem spätern Briefe an Lavater vom 3. Juli 1780 war Goethe überzeugt: "so lange Poesie Poesie, Gold Gold und Crystall Crystall bleibe, werde auch Wieland's Oberon als ein Meisterstück poetischer Kunst geliebt und bewundert werden."

Von dem genannten Epos begeistert, warnte er in einem Briefe vom 24. Juni 1780 vor der seichten und anmaßenden Kritik, die auch das Trefflichste nicht verschone. "Bei Gelegenheit von Wieland's Oberon", schrieb er an Lavater, "brauchst du das Wort Talent, als wenn es der Gegensatz von Genie wäre, wo nicht ganz, doch wenigstens etwas Subordinirtes. Wir sollten aber bedenken, daß das eigentliche Talent nichts weiter seyn kann, als die Sprache des Genies. Ich will nicht chikaniren, denn ich weiß wohl, was du im Durchschnitt damit sagen willst, und ich zupfe dich nur beim Aermel. Wir sind oft gar zu freigebig mit allgemeinen Worten, und schneiden, wenn wir ein Buch gelesen haben, das uns von Seite zu Seite Freude gemacht, und aller Ehren werth vorgekommen ist, endlich gern mit der Scheere so gerade durch, wie durch einen weißen Bogen Papier. Wenn ich ein solches Werk auch blos als ein Schnitzbildchen ansehe, so wird es doch der feinsten Scheere unmöglich, alle kleinen Formenzüge und Linien, worin der Werth liegt, herauszusondern. Es ist nachher noch eins, was man nicht so leicht an einem solchen Werke schätzt, weil es so selten ist: daß nämlich der Autor nichts hat machen wollen und gemacht hat, als was eben da steht. Für das Gefühl, die Kunst und Freiheit, vieles wegzulassen, gebührt ihm freilich der größte Dank, den ihm aber auch nur der Künstler und Mitgenosse giebt."
Damit beruhigte sich Goethe bei dem einseitigen Urtheil, das von mehreren Seiten seinen "Triumph der Empfindsamkeit" traf, eine harmlose Satyre auf das damalige Weimarische Theaterpersonal, mit Anspielungen auf mancherlei Vorfälle und Tagesereignisse. Manchen Tadel mußte er auch vernehmen über die vorherrschende Sentimentalität in dem von ihm geschriebenen Schauspiel "Lila", in dem Drama "die Geschwister," und in andern seiner damaligen Producte. In eine dramatische Form kleidete Goethe auch mehrere theils ernste, theils scherzhafte Gedichte, zu denen er durch Festlichkeiten des Weimarischen Hofes veranlaßt ward.

Eine höhere poetische Idee lag seiner "Iphigenie" zum Grunde. Der erste Entwurf dieses Schauspiels und seines erst mehrere Jahre später vollendeten Romans: "Wilhelm Meisters Lehrjahre" fällt in diese Periode von Goethe's Leben. Das Urtheil seiner Freunde, denen er mehrere von seinen damaligen Producten handschriftlich mittheilte, war ihm nicht gleichgültig. Den 24. Juli 1780 schrieb er an Lavater: "Daß du Freude gehabt hast an meiner Iphigenie, ist mir ein außerordentliches Geschenk. Da wir mit unsern Existenzen so nahe stehen, und mit unsern Gedanken und Imaginationen so weit auseinander gehen wie zwei Schützen, die mit dem Rücken aneinander lehnend, nach ganz verschiedenen Zielen schießen, so erlaube ich mir niemals den Wunsch, daß meine Sachen dir etwas werden könnten. Ich freue mich deswegen recht herzlich, daß ich auch mit diesem Product wieder an's Herz gekommen bin."

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