> Gedichte und Zitate für alle: Dr. H. Doering: Goethes Leben Seite 3

2019-10-23

Dr. H. Doering: Goethes Leben Seite 3



In solcher Stimmung verschmerzte Goethe den Verdruß und Unmuth, den ihm ein gewinnsüchtiger Buchhändler, Himburg in Berlin, bereitet hatte, als er ohne Goethe's Mitwissen eine Sammlung seiner bisherigen Schriften in zwei Octavbänden veranstaltete. Goethe erhielt von ihm einen Brief, in welchem er dem Publikum einen großen Dienst erwiesen zu haben meinte, und sich erbot, dem Dichter als einen Beweis seiner Erkenntlichkeit einiges Berliner Porcellan zu schicken. Empört über die Anmaßung des unberufenen Verlegers seiner Schriften, ließ Goethe das an ihn gerichtete Schreiben unbeantwortet, und rächte sich im Stillen durch einige satyrische Verse.

Wissenschaftliche Forschungen der verschiedensten Art behielten für ihn ein lebhaftes Interesse. Immer neuen Genuß schöpfte er aus der Betrachtung der Natur, auch der anorganischen, auf seinen öftern Reisen in die Umgegend, besonders nach Franken, als Begleiter des Herzogs von Weimar. In Bezug auf seine mineralogischen Studien bemerkte Goethe in einem Briefe an Merk vom 11. October 1780: "Ich habe mich diesen Wissenschaften mit völliger Leidenschaft ergeben, und habe eine sehr große Freude daran. Dabei schränke ich mich aber nicht, wie die neuesten Chursachsen, philisterhaft darauf ein, ob jener Berg dem Herzog von Weimar gehört oder nicht. Wie ein Hirsch, der ohne Rücksicht des Territoriums sich äset, so denk' ich, muß der Mineralog auch seyn. Und so hab' ich vom Gipfel des Inselbergs, des höchsten vom Thüringerwalde, bis in's Würzburgische, Fuldaische, Hessische, Chursächsische, bis über die Saale hinüber, und wieder so weiter bis Saalfeld und Coburg herum, meine schnellen Ausflüge getrieben; habe die meisten Stein- und Gebirgsarten von allen diesen Gegenden beisammen, und finde in meiner Art zu sehen, das bischen Metallische, das den mühseligen Menschen in die Tiefen hineinlockt, immer das Geringste. Durch dieses alles zusammen und durch die Kramereien meiner Vorgänger bin ich im Stande, einen kleinen Aufsatz zu liefern, der gewiß interessant seyn soll. Ich habe jetzt die allgemeinsten Ideen und gewiß einen reinen Begriff, wie alles auf einander steht und liegt, ohne Prätension auszuführen, wie es auf einander gekommen ist. Da ich einmal nichts aus Büchern lernen kann, so fang' ich erst jetzt an, nachdem ich die meilenlangen Blätter unserer Gegenden umgeschlagen habe, auch die Erfahrungen Anderer zu studiren und zu nutzen. Dies Feld ist, wie ich jetzt erst sehe, kurze Zeit her mit großem Fleiße bebaut worden, und ich bin überzeugt, daß bei so viel Versuchen und Hülfsmitteln ein einziger großer Mensch, der mit den Füßen oder dem Geist die Welt umlaufen könnte, diesen seltsam zusammengebauten Ball ein- für allemal erkennen und beschreiben könnte, was vielleicht schon Büffon im höchsten Sinne gethan hat, weßhalb auch Franzosen und Deutschfranzosen sagen, er habe einen Roman geschrieben, welches sehr wohl gesagt ist, weil das ehrsame Publikum alles Außerordentliche nur durch den Roman kennt."

Durch diese Studien und andere Lieblingsneigungen ward Goethe nicht der Amtsthätigkeit entzogen, die seine Stellung als Geheimer Rath mit Sitz und Stimme in mehreren Collegien von ihm forderte. Die Huld seines Fürsten hatte ihn von manchen lästigen Geschäften befreit. Auch ward ihm, nach einem früher mitgetheilten Geständnisse, "sein Tagewerk leicht." Gleichwohl beklagte er sich in einem im Februar 1781 an Lavater geschriebenen Briefe, daß er fast zu viel auf sich lade. Er fügte hinzu: "Staatssachen sollte der Mensch, der darein versetzt ist, sich ganz widmen, und ich möchte doch auch so vieles Andere nicht fallen lassen."

In gleichem Sinne hatte er schon in einem frühern Briefe an Lavater geäußert: "Den guten Landes- und Hausvater würdest du näher nur bedauern. Was da auszustehen ist, spricht keine Zunge aus. Herrschaft wird Niemand angeboren, und der sie ererbte, muß sie so bitter gewinnen, wie der Eroberer, wenn er sie haben will, und bitterer. Es versteht dieß kein Mensch, der seinen Wirkungskreis aus sich geschaffen und ausgetrieben hat." Dann tröstete er sich wieder mit dem behaglichen Gefühl der Gesundheit. In einem Briefe an Lavater vom 18. März 1781 sprach er den Wunsch aus, daß Gott ihn noch lange auf dieser schönen Welt erhalten und ihm Kraft verleihen möchte, ihr zu dienen und sie zu nutzen. "Mit mir steht's gut," schrieb er, "besonders innerlich. In weltlichen Dingen erwerb' ich täglich mehr Gewandtheit, und vom Geiste fallen mir täglich Schuppen und Nebel, daß ich denke, er müßte ganz nackt dastehen, und doch bleiben ihm noch Hüllen genug."

Was ihn besonders über den Druck und Wechsel äußerer Lebensverhältnisse erhob, war Goethe's Sinn für die Schönheiten der Natur. Mannigfachen Genuß bot ihm sein am Weimarischen Park gelegener Garten. "Die nächsten Wochen des Frühlings," schrieb er den 9. April 1781 an Lavater, "sind mir gesegnet. Jeden Morgen empfängt mich eine neue Blume oder Knospe. Die stille, reine, immer wiederkehrende, leidenlose Vegetation tröstet mich oft über der Menschen Noth, ihre moralischen und noch mehr physischen Uebel." Aehnliche Aeußerungen enthielt ein späterer Brief an Lavater vom 22. Juni 1781. "Glaube mir," schrieb Goethe, "unsere moralische und politische Welt ist mit unterirdischen Gängen, Kellern und Kloaken minirt, wie eine große Stadt zu seyn pflegt, an deren Zusammenhang und ihrer Bewohner Verhältnisse wohl Niemand denkt und sinnt. Nun wird es dem, der davon einige Kundschaft hat, viel begreiflicher, wenn da einmal der Erdboden einstürzt, und dort einmal ein Rauch aufgeht aus einer Schlucht."

Von solchen Betrachtungen wandte sich Goethe, wie er es schon in seiner Jugend gethan, zum Uebersinnlichen. "Ich bin," schrieb er an Lavater, "geneigter als Jemand, noch an eine Welt, außer der sichtbaren, zu glauben, und ich habe Dichtungs- und Lebenskraft genug, sogar mein eignes beschränktes Selbst zu einem Swedenborgischen Geister-Universum erweitert zu fühlen. Alsdann mag ich aber gern, daß das Alberne und Ekelhafte menschlicher Excremente durch eine feine Gährung abgesondert, und der reinlichste Zustand, in den wir versetzt werden können, empfunden werde."

Unter mannigfachen Arbeiten und Zerstreuungen war Goethe, nach seinen eignen Worten, wieder zur Poesie zurückgekehrt. Neben der noch unvollendeten "Iphigenie" beschäftigte ihn
die Idee, Torquato Tasso, den Dichter des befreiten Jerusalems, zum Helden eines Drama's zu wählen. Den Stoff zu den Umgebungen seines Schauspiels fand er an dem Hofe der Herzogin Amalie von Weimar. Dort lernte er den Ton kennen, der solchen Umgebungen ziemte. Seinem Freunde Lavater berichtete Goethe den 14. November 1781, er habe den ersten Act seines "Tasso" vollendet. "Ich wünsche," fügte er hinzu, "daß er auch für dich geschrieben seyn möchte." Goethe befand sich übrigens in einer Stimmung und in Verhältnissen, die der raschen Förderung seines Werks nicht günstig schienen. "Die Unruhe, in der ich lebe," schrieb er, ["]läßt mich nicht über dergleichen vergnügliche Arbeiten bleiben, und so sehe ich auch noch nicht den Raum vor mir, die übrigen Acte zu enden. Es geht mir, wie es den Verschwendern geht, die in dem Augenblicke, wenn über Mangel an Einnahme, überspannte Schulden und Ausgaben geklagt wird, gleichsam von einem Geiste des Widerspruchs außer sich gesetzt, sich in neue Verbindungen und Unkosten zu stürzen pflegen."

Treffend hatte Goethe in diesem Briefe sich selbst und die Beweglichkeit seines Geistes geschildert, die ihn nicht lange bei einem und demselben Gegenstande verweilen ließ. Auch das dramatische Interesse vermochte ihn nicht ausschließlich zu fesseln. In dem eben erwähnten Briefe meldete Goethe: "Auf unserer Zeichnungsakademie hab' ich mir diesen Winter vorgenommen, mit den Lehrern und Schülern den Knochenbau des menschlichen Körpers durchzugehen, sowohl um ihnen als mir zu nützen, sie auf das Merkwürdige dieser einzigen Gestalt zu führen, und sie dadurch auf die erste Stufe zu stellen, das Bedeutende in der Nachahmung sichtlicher Dinge zu erkennen und zu suchen. Zugleich behandle ich die Knochen als einen Text, woran sich alles Leben und alles Menschliche anhängen läßt; habe dabei den Vortheil, zweimal die Woche öffentlich zu reden, und über Dinge, die mir werth sind, mich mit aufmerksamen Menschen zu unterhalten.["] Das sei, meinte er, ein Vergnügen, dem er in dem gewöhnlichen Welt-, Geschäfts- und Hofleben entsagen müßte. Seine Jahre spornten ihn zu verdoppelter Thätigkeit. "Mit meinem Leben," schrieb er, "rückt es stark vor, und ich fange nun bald an zu begreifen, warum wir, sobald wir uns hienieden einzurichten angefangen haben, wieder weiter müssen."

Ueberhäufte Amtsgeschäfte nahmen damals Goethe's Kräfte fast übermäßig in Anspruch. Den 16. Juli 1782 schrieb er an Merk: "Es geht mir, wie dem Treufreund in meinen Vögeln. Mir wird ein Stück des Reichs nach dem andern auf einem Spaziergange übertragen. Diesmal muß mir's nun freilich Ernst, sehr Ernst seyn, denn mein Herr Vorgänger hat mir viel Arbeit gemacht. Manchmal wird mir's sauer, denn ich stehe redlich aus. Dann denk' ich wieder: Hic est aut nusquam, quod quaerimus." Auf ähnliche Weise äußerte sich Goethe in einem spätern Briefe vom 29. Juli 1782: "Von mir hab' ich nichts zu sagen, als daß ich mich meinem Beruf aufopfere, in dem ich nichts weiter suche, als wenn es das Ziel meiner Begriffe wäre."

Von den irdischen Angelegenheiten wandte sich Goethe wieder zu dem Uebersinnlichen. Sein Interesse daran ward durch den Briefwechsel mit Lavater lebendig erhalten. "Daß du", schrieb er den 4. October 1782, "mir noch einmal den innern Zusammenhang deiner Religion vorlegen wolltest, war mir sehr willkommen. Wir werden ja nun wohl bald einmal einander über diesen Punkt kennen und in Ruhe lassen. Großen Dank verdient die Natur, daß sie in die Existenz eines jeden lebenden Wesens auch so viel Handlungskraft gelegt hat, daß es sich, wenn es an einem oder dem andern Ende zerrissen wird, selbst wieder zusammenflicken kann; und was sind tausendfältige Religionen anders, als tausendfache Aeußerungen dieser Heilungskraft? Mein Pflaster schlägt bei dir nicht an, deins nicht bei mir; in unsres Vaters Apotheke sind viel Recepte. So hab' ich auf deinen Brief nichts zu antworten, nichts zu widerlegen; aber dagegen zu stellen hab' ich vieles. Wir sollten einmal unsere Glaubensbekenntnisse in zwei Columnen neben einander setzen, und darauf einen Friedens- und Toleranzbund errichten."

Näher, als diese religiösen Betrachtungen, lagen Goethe's Liebe zur Natur und seinem heitern Weltsinn seine geognostischen und mineralogischen Studien. Auch die Osteologie hatte er, wie
bereits erwähnt, in den Kreis seiner Forschungen gezogen. "Ich freue mich", schrieb er den 23. April 1784 an Merk, "daß du so frisch fort arbeitest in deinem Knochenwesen. Ich habe die Zeit über auch Verschiedenes in anatomicis, wie es die Zeit erlauben wollte, gepfuscht, wovon ich vielleicht ehestens etwas werde produciren können." In einem spätern Briefe an Merk, vom 6. August 1784, schrieb Goethe: "Schicke mir den Schädel deiner Myrmecophaga sobald als möglich; du erzeigst mir dadurch einen außerordentlichen Gefallen. Ich brauche ihn zu meiner Inauguraldisputation, durch welche ich mich in eurem docto corpore zu legitimiren gesonnen bin. Das eigentliche Thema halte ich noch geheim, um euch eine angenehme Ueberraschung zu machen. Ich komme nunmehr wieder auf den Harz, und werde meine mineralogischen und oryktologischen Beobachtungen, in denen ich bisher unermüdet fortgefahren, immer weiter treiben. Ich fange an, auf Resultate zu kommen, die ich aber bis jetzt noch für mich behalte." Diese Resultate theilte Goethe bald nachher in einer in seinen Werken aufbewahrten Abhandlung mit, in welcher er zu beweisen suchte, "daß den Menschen, wie den Thieren, ein Zwischenknochen der obern Kinnlade zuzuschreiben sei."

Goethe's Dichtertalent schien unter so heterogenen Beschäftigungen zu schlummern. Die früher erwähnten Anfänge des "Wilhelm Meister" hatten lange geruht. Eine ganz neue Richtung erhielten Goethes Lebensverhältnisse und seine Thätigkeit, als die Huld seines Fürsten ihm vergönnte, das Land zu sehen, das von frühester Jugend an ein Gegenstand seiner Sehnsucht gewesen. Im September 1786 reiste er nach Italien. Dort fand sein reiches Gemüth die gleiche Empfänglichkeit für das Hohe und kindlich Liebliche, sein tiefer Sinn für Natur und Kunst die vollste Befriedigung.

Das unvollendete Manuscript seiner "Iphigenie" hatte Goethe nach Italien mitgenommen. Dieser erste Entwurf, völlig abweichend in der Form, die jenes Schauspiel später erhielt, ist von A. Stahr (Oldenburg 1839) veröffentlicht worden. Goethe schrieb darüber den 8. September 1786: "Das Stück, wie es gegenwärtig da steht, ist mehr Entwurf, als Ausführung; es ist in poetischer Prosa geschrieben, die sich manchmal in einen jambischen Rhythmus verliert, auch wohl andern Sylbenmaßen ähnelt. Dies thut freilich der Wirkung großen Eintrag, wenn man es nicht sehr gut liest und durch gewisse Kunstgriffe diese Mängel zu verbergen weiß. Herder legte mir dies so dringend an's Herz, und da ich meinen größern Reiseplan ihm, wie Allen, verborgen hatte, so glaubte er, es sei nur wieder von einer Bergwandrung die Rede, und weil er sich gegen Mineralogie und Geologie immer spöttisch äußerte, meinte er, ich sollte, statt taubes Gestein zu klopfen, meine Werkzeuge an diese Arbeit wenden. Jetzt sondere ich die Iphigenie aus dem Packet, und nehme sie mit mir in das schöne warme Land als Begleiterin. Der Tag ist so lang, das Nachdenken ungestört, und die herrlichen Bilder der Urwelt verdrängen keineswegs den poetischen Sinn; sie rufen ihn vielmehr, von Bewegung und freier Luft begleitet, nur desto schneller hervor."

Am [Am] 28. September 1786 war Goethe in Venedig angekommen. "Ich bin hier," schrieb er, "gut logirt in der Königin von England, nicht weit vom Marcusplatze. Meine Fenster gehen auf einen schmalen Canal zwischen hohen Häusern. Gleich unter mir befindet sich eine einbogige Brücke, und gegenüber ein schmales, belebtes Gäßchen. So wohn' ich, und die Einsamkeit, nach der ich oft so sehnsuchtsvoll geseufzt, kann ich nun recht genießen; denn nirgends fühlt man sich einsamer, als im Gewimmel, wo man sich, Allen ganz unbekannt, durchdrängt."

Ermüdet von einer Wandrung durch die Stadt mit ihren Canälen, Brücken und Brückchen, setzte sich Goethe am Michaelisfeste, wo eine ungeheuere Menschenmasse über den Rialto nach der Kirche zog, in eine Gondel. Durch den nördlichen Theil des großen Canals fuhr er in die Lagunen bis gegen den Marcusplatz. Er überließ sich seinen einsamen Betrachtungen. "So war ich nun," schrieb er, "auf einmal ein Mitherr des adriatischen Meeres, wie jeder Venetianer sich fühlt, wenn er sich in seine Gondel legt. Ich gedachte dabei meines Vaters, der nichts Besseres wußte, als von diesen Dingen zu erzählen. Wird mir's nicht auch so gehen? Alles, was mich umgiebt, ist würdig, ein großes Werk versammelter Menschenkraft, ein herrliches Monument, nicht eines Gebieters sondern eines Volkes. Und wenn auch ihre Lagunen sich nach und nach ausfüllen, böse Dünste über dem Sumpfe schweben, ihr Handel geschwächt, ihre Macht gesunken ist, so wird die ganze Anlage der Republik und ihr Wesen nicht einen Augenblick dem Beobachter unehrwürdig seyn. Sie unterliegt der Zeit, wie Alles, was ein erscheinendes Daseyn hat."

Einen genußreichen Abend versprach sich Goethe im Theater St. Chrysostomo. Die Vorstellung von Crebillon's Electra befriedigte ihn nicht, ungeachtet des im Allgemeinen braven Spiels. "Indessen," schrieb er, "hab' ich doch wieder gelernt. Der italienische, immer einsylbige Jambe hat für die Deklamation große Unbequemlichkeit, weil die letzte Sylbe durchaus kurz ist, und wider den Willen des Declamators in die Höhe schlägt."

Lebhafter, als für die italienische Bühne, interessirte sich Goethe für die Baukunst, die, nach seinen eignen Worten, "wie ein Geist aus dem Grabe hervorstieg." Fleißig studirte er den Vitruv, Palladio und andere Schriftsteller, um so zu einer klaren Vorstellung von jenen werthvollen Ueberresten vergangner Zeit zu gelangen. Als er nach einem vierzehntägigen Aufenthalt in Venedig am 14. October 1786 die Stadt wieder verließ, und über Ferrara, Cento, Bologna, Lugano, Perugia, Terni und Citta nach Rom reiste, glaubte er sich das Zeugniß geben zu können: "Ich bin nur kurze Zeit in Venedig gewesen, aber ich habe mir die dortige Existenz genugsam zugeeignet, und weiß, daß ich, wenn auch einen unvollständigen, doch einen ganz klaren und wahren Begriff mit wegnehme."

Begeistert von dem Eindruck mehrerer Gemälde Raphael's, die er in Bologna betrachtet hatte, besonders einer heiligen Agathe, schrieb Goethe den 19. October 1786: "Ich habe mir die Gestalt wohl gemerkt, und werde ihr im Geist meine Iphigenie vorlesen, und meine Heldin nichts sagen lassen, was diese Heilige nicht aussprechen möchte.—Da ich einmal dieser süßen Bürde gedenke, die ich auf meinen Wandrungen mit mir führe, so kann ich nicht verschweigen, daß zu den großen Kunst- und Naturgegenständen, durch die ich mich durcharbeiten muß, noch eine wundersame Folge von poetischen Gestalten hindurchzieht, die mich beunruhigen. Von Cento herüber wollte ich meine Arbeit an Iphigenie fortsetzen; aber was geschah? Der Geist führte mir das Argument der Iphigenie von Tauris vor die Seele, und ich mußte es ausbilden. So kurz als möglich sei es hier verzeichnet: Electra, in gewisser Hoffnung, daß Orest das Bild der Taurischen Diana nach Delphi bringen werde, erscheint in dem Tempel des Apoll, und widmet die grausame Axt, die so viel Unheil in Pelops Hause angerichtet, als schließliches Sühnopfer dem Gotte. Zu ihr tritt leider einer der Griechen, und erzählt, wie er Orest und Pylades nach Tauris begleitet, die beiden Freunde zum Tode führen sehen, und sich glücklich gerettet habe. Die leidenschaftliche Electra kennt sich selbst nicht, und weiß nicht, ob sie gegen Götter oder Menschen ihre Wuth richten soll. Indessen sind Iphigenie, Orest und Pylades gleichfalls in Delphi angekommen. Iphigenie'ns heilige Ruhe contrastirt gar merkwürdig mit Electra's irdischer Leidenschaft, als die beiden Gestalten, wechselseitig unerkannt, zusammentreffen. Der entflohene Grieche erblickt Iphigenie'n, erkennt die Priesterin, welche die Freunde geopfert, und er entdeckt es Electra. Diese ist im Begriff, mit demselben Beil, welches sie dem Altar wieder entreißt, Iphigenie'n zu ermorden, als eine glückliche Wendung dieses letzte schreckliche Uebel von den Geschwistern abwendet." Wenn diese Scene gelänge, meinte Goethe, dürfte nicht leicht etwas Größeres und Rührenderes auf der Bühne gesehen worden seyn. "Aber," fügte er hinzu, "wo soll man Hände und Zeit hernehmen, wenn auch der Geist willig wäre?"

Groß und gewaltig war der Eindruck, den die "Hauptstadt der Welt" auf Goethe's Gemüth machte. So nannte er Rom in einem Briefe vom 1. November 1786. In lebhafter Erinnerung an die römischen Prospecte im elterlichen Hause, schrieb Goethe: "Alle Träume meiner Jugend seh' ich nun erfüllt, ich sehe die ersten Kupferbilder wieder. Was ich in Gemälden, Zeichnungen und Holzschnitten schon lange gekannt, steht nun beisammen vor mir. Wohin ich gehe, finde ich eine Bekanntschaft in einer neuen Welt. Es ist Alles, wie ich mir's dachte, und Alles neu. Eben dies kann ich von meinen Betrachtungen, von meinen Ideen sagen. Ich habe keinen ganz neuen Gedanken gehabt, nichts ganz fremd gefunden; aber die alten Ideen sind so bestimmt, so lebendig, so zusammenhängend geworden, daß sie für neu gelten können."

Zu Goethe's vorzüglichsten Bekanntschaften in Rom gehörte der Fürst Lichtenstein, der italienische Dichter Monti, der besonders durch seine mythologischen Forschungen bekannte Schriftsteller Moritz und der Historienmaler Tischbein. Mit dem Letztern hatte Goethe schon früher in Briefwechsel gestanden. Durch Tischbein gelangte er zu einem klaren Verständniß und einer richtigen Würdigung der zahlreichen und unschätzbaren Gemälde Raphael's, Michel Angelo's u.A. in der Peterskirche und besonders in der Sixtinischen Capelle.

Eine treuere Anhänglichkeit und eine an Schwärmerei grenzende Vorliebe für seine literarischen Erzeugnisse, besonders für den Werther, zeigte keiner von Goethe's Freunden in solchem Grade, als Moritz. Goethe interessirte sich lebhaft für ihn, und nahm innigen Antheil an seinem Schicksal, als Moritz durch einen unglücklichen Fall den Arm brach. Goethe schrieb darüber: "Was ich bei diesem Leidenden als Wärter, Beichtvater und Vertrauter, als Finanzminister und geheimer Secretär erfahren und gelernt, mag mir in der Folge zu Gute kommen. Die fatalsten Leiden und die edelsten Genüsse gingen diese Zeit über immer einander zur Seite."

Charakteristisch in mehrfacher Hinsicht war ein Schreiben, welches Goethe im November 1786 an den Herzog von Weimar richtete. "Wie dank' ich Ihnen," schrieb er aus Rom, "daß Sie mir diese köstliche Muße geben und gönnen. Da doch einmal von Jugend auf mein Geist diese Richtung genommen, so hätt' ich nie ruhig werden können, ohne dies Ziel zu erreichen. Mein Verhältniß zu den Geschäften ist aus meinem persönlichen zu Ihnen entstanden; lassen Sie nun ein neues Verhältniß zu Ihnen nach so manchen Jahren aus dem bisherigen hervorgehen. Ich darf wohl sagen, ich habe mich in dieser Einsamkeit selbst wiedergefunden. Aber als was? Als Künstler! Was ich sonst noch bin, werden Sie beurtheilen und nutzen. Sie haben durch Ihr fortdauerndes wirkendes Leben jene fürstliche Kenntniß, wozu die Menschen zu benutzen sind, immer mehr erweitert und geschärft, wie mir jeder Ihrer Briefe deutlich sehen läßt. Dieser Beurtheilung unterwerfe ich mich gern. Fragen Sie mich über die Symphonie, die Sie zu spielen gedenken; ich will gern und ehrlich jederzeit meine Meinung sagen. Lassen Sie mich an Ihrer Seite das ganze Maß meiner Existenz ausfüllen, so wird meine Kraft, wie eine neu geöffnete, gesammelte, gereinigte Quelle, von einer Höhe nach Ihrem Willen leicht da oder dorthin zu leiten seyn. Schon sehe ich, was mir die Reise genützt, wie sie mich aufgeklärt und meine Existenz erheitert hat. Wie Sie mich bisher getragen, sorgen Sie ferner für mich. Sie thun mir mehr wohl, als ich selbst kann, als ich wünschen und verlangen darf. Ich habe so ein großes und schönes Stück Welt gesehen, und das Resultat ist, daß ich nur mit Ihnen und den Ihrigen leben mag. Ja, ich würde Ihnen noch mehr werden, als ich oft bisher war, wenn Sie mich nur das thun lassen, was Niemand als ich thun kann, und das Uebrige Andern auftragen. Ihre Gesinnungen, die Sie mir in Ihrem Briefe zu erkennen gaben, sind so schön, für mich bis zur Beschämung ehrenvoll, daß ich nur sagen kann: Herr, hier bin ich, mache aus deinem Knechte, was du willst."

In einem spätern Schreiben an den Herzog von Weimar sprach Goethe den Wunsch aus, das Land seines Fürsten nach seiner Rückkehr "als Fremder durchreisen zu dürfen." Mit ganz frischem Auge, meinte er, würde ihn dann die Gewohnheit, Land und Welt zu sehen, jede Provinz betrachten lassen. "Ich würde," fügte er hinzu, "mir nach meiner Art ein neues Bild machen, einen vollständigen Begriff erlangen, und mich zu jeder Art von Dienst gleichsam auf's neue qualificiren, zu dem mich Ihre Güte, Ihr Zutrauen bestimmen will. Bei Ihnen und den Ihrigen ist mein Herz und Sinn, wenn sich gleich die Träume einer Welt in die Wagschale legen. Der Mensch bedarf wenig; Liebe und Sicherheit seines Verhältnisses zu dem einmal Gewählten und Gegebenen kann er nicht entbehren." So bewahrte Goethe mit reiner Pietät die treue Anhänglichkeit und innige Verehrung für einen Fürsten, dem er sein Lebensglück und die Muße zu seiner literarischen Thätigkeit verdankte.

Fleißig beschäftigte sich Goethe in Rom mit der Fortsetzung und Vollendung der Iphigenie. Zu Anfange des Jahres 1787 war er damit fertig geworden. In einem Briefe vom 6. Januar machte er die Orte namhaft, wo er sich vorzugsweise mit seiner dramatischen Dichtung beschäftigt hatte. Er schrieb darüber: "Am Garda-See, als der gewaltige Mittagswind die Wellen an's Ufer trieb, und wo ich wenigstens so allein war, als meine Heldin am Gestade von Tauris, zog ich die ersten Linien der neuen Bearbeitung, die ich in Verona, Vicenza, Padua, am fleißigsten aber in Venedig fortsetzte. Dann aber gerieth die Arbeit in Stocken. Ich ward auf eine neue Erfindung geführt, nämlich Iphigenie auf Delphi zu schreiben, was ich auch sogleich gethan hätte, wenn nicht die Zerstreuung und ein Pflichtgefühl gegen das ältere Stück mich davon abgehalten hätten."

Was ihn dazu bewog, seine Iphigenie ursprünglich in Prosa zu schreiben, war, nach seinen eignen Worten "die Unsicherheit, in der die deutsche Prosodie schwebe." "Es ist auffallend," schrieb er, "daß wir in unserer Sprache nur wenige Sylben finden, die entschieden kurz oder lang sind; mit den übrigen verfährt man nach Geschmack und Willkühr." Ungeachtet dieser Bemerkungen gab er späterhin seinem Schauspiel eine metrische Form. Das vollendete Manuscript hatte er nach Weimar gesandt, um das Urtheil seiner Freunde zu vernehmen. In den ruhigen Gang des Stücks konnten sie sich nicht sogleich finden. Sie hatten mehr leidenschaftliche Bewegung erwartet, "etwas Berlichingisches", wie Goethe sich darüber äußerte. Immer dachten sie sich den Dichter noch in seiner poetischen Sturm- und Drangperiode, die längst für ihn vorüber war.

In einem Briefe vom 21. Februar 1787 beklagte sich Goethe, noch kein gründliches und erschöpfendes Urtheil über die Iphigenie gehört zu haben. Das könnte ihm, meinte er, zur Leitung dienen bei seinem "Tasso", denn das sei doch eine ähnliche Arbeit. Von diesem Schauspiel hatte er damals die ersten Scenen entworfen. "Der Gegenstand," schrieb er, "ist fast noch beschränkter, als in der Iphigenie, und will daher im Einzelnen noch mehr ausgearbeitet seyn. Doch weiß ich noch nicht, was es werden wird. Das Vorhandene muß ich ganz zerstören. Es hat zu lange gelegen, und weder die Personen, noch der Plan, noch der Ton haben mit meiner jetzigen Ansicht die geringste Verwandtschaft."

Bestärkt ward Goethe in diesem Entschluß durch den Beifall, der von einsichtsvollen Freunden seiner Umarbeitung der Iphigenie gezollt ward. Ihn selbst ließ sein Schauspiel auch in der veränderten Form unbefriedigt.

Indeß tröstete er sich darüber in einem Briefe vom 16. März 1787. Eine solche Arbeit, meinte er, werde eigentlich nie fertig; man müsse sie für fertig erklären, wenn man nach Zeit und Umständen das Möglichste gethan habe. "Das soll mich aber," fügte er hinzu, "nicht abschrecken, mit dem Tasso eine ähnliche Operation vorzunehmen. Lieber würfe ich ihn in's Feuer. Aber ich will bei meinem Entschluß beharren, und da es einmal nicht anders ist, so wollen wir ein wunderlich Werk daraus machen."

Beschäftigt mit seiner dramatischen Dichtung, blieb Goethe, wenn man den Umgang mit dem Landschaftsmaler Hackert ausnimmt, dessen Leben er später so anziehend beschrieb, auch in Neapel "dem eigensinnigen Einsiedlersinn" treu, der ihm schon in Rom von seinen Freunden zum Vorwurf gemacht worden war. "Freilich scheint es," schrieb er, "ein wunderliches Beginnen, daß man in die Welt geht, um allein bleiben zu wollen." Während Goethe sich aber dem geselligen Leben entzog, streifte er in der Umgegend umher. "Neapel ist ein Paradies," äußerte er in dem vorhin mitgetheilten Briefe. "Jedermann lebt in einer Art von trunkener Selbstvergessenheit. Mir geht es eben so. Ich erkenne mich kaum, ich scheine mir ein ganz anderer Mensch."

Längere Zeit schwankte Goethe in dem Entschluß, auch Sicilien zu besuchen. "Eine Seereise," schrieb er, "fehlt mir ganz in meinen Begriffen. Die kleine Ueberfahrt, vielleicht eine Küstenumschiffung, wird meiner Einbildungskraft nachhelfen und mir die Welt erweitern. Und so geh' ich denn Donnerstag den 29sten mit der Corvette, die ich, des Seewesens unkundig, in meinem vorigen Briefe zum Rang einer Fregatte erhob, nach Palermo."

Von der Seekrankheit befallen, wagte sich Goethe längere Zeit nicht wieder auf's Verdeck, und mußte so den herrlichen Anblick der Küsten und Inseln entbehren. "Abgeschlossen von der äußern Welt," schrieb er, "ließ ich die innere walten, und da eine langsame Fahrt vorauszusehen war, gab ich mir gleich zu bedeutender Unterhaltung ein starkes Pensum auf. Die zwei ersten Acte des Tasso, in poetischer Prosa geschrieben, habe ich von allen Papieren allein mit über See genommen. Diese beiden Acte, schon vor mehreren Jahren geschrieben, hatten etwas Weichliches, Nebelhaftes, welches sich jedoch bald verlor, als ich, nach neueren Ansichten, die Form vorwalten und den Rhythmus eintreten ließ."

Einen begeisternden Eindruck machte auf Goethe der majestätische Anblick des Meeres mit seinen zahllosen Inseln. In dieser lebendigen Umgebung glaubte er, nach seinen eignen Worten, den besten Commentar zu Homers Odyssee zu finden, deren Lectüre ihn damals beschäftigte. "Was den Homer betrifft," schrieb er an Herder, "so ist mir eine Decke von den Augen gefallen. Die Beschreibungen, die Gleichnisse u.s.w. kommen uns poetisch vor, und sind doch unsäglich natürlich, aber freilich mit einer Reinheit und Innigkeit bezeichnet, vor der man erschrickt. Selbst die sonderbarsten erlogensten Begebenheiten haben eine Natürlichkeit, die ich nie so gefühlt habe, als in der Nähe der betriebenen Gegenstände. Ich möchte den Gedanken kurz so ausdrücken: sie stellen die Existenz dar; wir gewähren den Effect; sie schildern das Fürchterliche; wir schildern fürchterlich; sie das Angenehme, wir angenehm. Daher kommt alles Uebertriebene, alle falsche Grazie, aller Schwulst. Wenn das, was ich sage, nicht neu ist, so hab' ich es doch bei neuem Anlaß recht lebhaft gefühlt. Nun ich alle diese Küsten und Vorgebirge, Golfe und Buchten, Inseln und Erdzungen, Felsen und Sandstreifen, buschige Hügel, sanfte Wälder, fruchtbare Felder, geschmückte Gärten, gepflegte Bäume, hängende Reben, Wolkenberge und immer heitere Ebenen, Klippen und Bänke und das alles umgebende Meer mit so vielen Abwechselungen und Mannigfaltigkeiten vor mir habe—nun ist mir erst die Odyssee ein lebendiges Wort."

Ergriffen von diesen Ideen, wollte Goethe in der Heldin einer Tragödie, "Nausikaa" betitelt, von welcher sich jedoch nur die zwei ersten Scenen des ersten Acts in Goethe's Werken erhalten haben, nach seinen eignen Aeußerungen, "eine treffliche, von Vielen umworbene Jungfrau darstellen, die keiner Neigung sich bewußt, alle Freier bisher ablehnend behandelt, durch einen sittsamen Fremdling aber gerührt, aus ihrem Zustande herausträte und durch eine voreilige Aeußerung ihrer Neigung sich compromittirte." Von dieser Situation versprach sich Goethe eine große tragische Wirkung. Der Reichthum der subordinirten Motive und besonders das Meer- und Inselhafte der Ausführung sollte, nach Goethe's Ansicht, jener einfachen Fabel ein besonderes Interesse geben. Er war so ergriffen von seinem Gegenstande, daß er darüber, wie er äußerte, "seinen Aufenthalt zu Palermo, ja den größten Theil seiner übrigen sicilianischen Reise verträumte."

Der lebendige Antheil an jenem Süjet verlor sich jedoch bald wieder. In einem Briefe vom 17. April 1787 beklagte sich Goethe "über das wahrhafte Unglück, von vielerlei Geistern verfolgt und versucht zu werden." In einem öffentlichen Garten weckte die Betrachtung mehrerer dort blühender Gewächse in ihm eine alte Lieblingsidee. Er wollte, wo möglich, unter dieser Schaar die Urpflanze entdecken. Eine poetische Form gab Goethe dieser Idee in seinem Gedicht. "die Metamorphose der Pflanzen." Wissenschaftlich erörterte er jenen Gegenstand in seinem 1790 gedruckten "Versuch, die Metamorphose der Pflanzen zu erklären.

Wie Goethe die Natur überhaupt, besonders aber im

Gegensatze zur Kunst betrachtete, zeigten die nachfolgenden Aeußerungen in einem Schreiben an die Herzogin Luise von Sachsen-Weimar: "Das geringste Product der Natur hat den Kreis seiner Vollkommenheit in sich, und ich darf nur Augen haben, um zu sehen, so kann ich die Verhältnisse entdecken; ich bin sicher, daß innerhalb eines kleinen Cirkels eine ganze wahre Existenz beschlossen ist. Ein Kunstwerk hingegen hat seine Vollkommenheit außer sich; das Beste liegt in der Idee des Künstlers, die er selten oder nie erreicht; alles Folgende in gewissen angenommenen Gesetzen, welche zwar aus der Natur der Kunst und des Handwerks hergeleitet, aber doch nicht so leicht zu verstehen und zu entziffern sind, als die Gesetze der lebendigen Natur. Bei den Kunstwerken ist viel Tradition, die Naturwerke sind immer wie ein frisch ausgesprochenes Wort Gottes."

Ueber die vorhin erwähnte Idee einer Metamorphose der Pflanzen erklärte sich Goethe näher in einem Briefe an Herder vom März 1787. Er äußerte darin, daß er dem Geheimniß der Pflanzenerzeugung und Organisation ganz nahe gekommen sei, und meinte, daß es nichts Einfacheres gehen könnte. Unter dem italienischen Himmel ließen sich darüber die herrlichsten Beobachtungen anstellen. "Den Hauptpunkt, wo der Keim steckt," schrieb Goethe, "hab' ich ganz klar und zweifellos gefunden. Alles Uebrige sah ich schon im Ganzen, und nur noch einige Punkte müssen bestimmter werden. Die Urpflanze wird das wunderlichste Geschöpf von der Welt, um welches die Natur selbst mich beneiden soll. Mit diesem Modell und dem Schlüssel dazu, kann man alsdann Pflanzen in's Unendliche erfinden, die consequent seyn müssen, d. h. die, wenn sie auch nicht existiren, doch existiren können, und nicht etwa malerische und dichterische Schatten und Scheine sind, sondern innerliche Wahrheit und Nothwendigkeit haben." Dasselbe Gesetz, meinte Goethe, werde sich auf alles übrige Lebende anwenden lassen.

In mehreren von Goethe's damaligen Briefen regte sich die Sehnsucht, wieder in seine Heimath zurückzukehren. Besonders freute er sich auf das Wiedersehen Herders, mit dem er stets in innigen Verhältnissen gelebt hatte. An ihn schrieb er den 17. März 1787. "Wir sind so nahe in unserer Vorstellungsweise, als es möglich ist, ohne eins zu seyn, und in den Hauptquellen am nächsten. Wenn du diese Zeit her viel aus dir selbst geschöpft hast, so hab' ich viel erworben, und ich kann einen guten Tausch machen. Ich bin freilich mit meiner Vorstellung sehr an's Gegenwärtige geheftet, und je mehr ich die Welt sehe, desto weniger kann ich hoffen, daß die Menschheit je Eine weise, kluge, glückliche Masse werden könne. Vielleicht ist unter den Millionen eine, die sich des Vorzugs rühmen kann; bei der Constitution der unsrigen bleibt mir so wenig für sie, als für Sicilien bei der seinigen zu hoffen."

In dieser Stimmung versprach sich Goethe viel von dem damals noch ungedruckten dritten Theil von Herders Ideen zu einer Geschichte der Philosophie der Menschheit. "Ich glaube selbst," schrieb Goethe, "daß die Humanität endlich siegen wird. Nur fürcht' ich, daß zu gleicher Zeit die Welt ein großes Hospital, und Einer des Andern humaner Krankenwärter seyn werde." Als ihn nun das sehnlich erwartete Buch begrüßte, schrieb er den 12. Oktober 1787 an Herder: "Den lebhaftesten Dank für die Ideen. Sie sind mir als das liebwertheste Evangelium gekommen. Die interessantesten Studien meines Lebens laufen da zusammen."

Lockerer ward nach Goethe's Rückkehr aus Italien das Band zwischen ihm und Herder. Was beide von einander trennte, war ihre verschiedenartige Stellung zu der Kantischen Philosophie, die damals ihren sich immer weiter ausbreitenden Einfluß geltend machte, und für die Wissenschaft, wie für Poesie und Kunst, ganz neue Principien aufstellte. Als Kant mit seiner "Kritik der reinen Vernunft" hervorgetreten war, erklärte sich Herder, obgleich er ein Schüler Kant's gewesen war, für einen seiner entschiedensten Gegner. Goethe aber, obgleich er für Philosophie im strengsten Sinne des Worts eigentlich kein Organ hatte, hielt sich doch zur Parthei derjenigen, die mit Kant behaupteten: wenn auch alle menschliche Erkenntniß mit der Erfahrung beginne, so entspränge sie darum doch nicht immer unbedingt aus der Erfahrung.

Während seines Aufenthalts in Rom hatte Goethe mit Moritz viel über Kunst und Kunsttheorie gesprochen. Immer hatte ihm eine feste Basis gefehlt. Diese glaubte er in einem spätern Werke Kant's, in der "Kritik der Urtheilskraft" zu finden. Daraus entsprang seine Vorliebe für dieß Buch und seine Abneigung gegen Herder, der es ihm zu verleiden suchte. Goethe glaubte diesen philosophischen Studien mannigfache Belehrung zu verdanken. Wenn er auch im Einzelnen nicht immer mit der Vorstellungsart und Ansichten Kant's übereinstimmen konnte, so schienen doch die Hauptideen in der "Kritik der Urtheilskraft" seiner Denk- und Empfindungsweise im Allgemeinen analog. Das innere Leben der Kunst, wie der Natur, ihr beiderseitiges Wirken von innen heraus schien ihm klar ausgesprochen in jenem Werke Kant's, das kurze Zeit jene andere Lectüre verdrängte. Seine innere Ueberzeugung mußte ihm jedoch bald sagen, daß er für abstracte Philosophie und ihre metaphysischen Träume nicht geschaffen sei.

Ein höheres Interesse gewann für Goethe, bald nach seiner Ankunft in Weimar, das frische Naturleben, besonders als seine Vorliebe für Botanik durch Batsch, Göttling u.a. ausgezeichnete Männer in der benachbarten Universitätsstadt Jena aufs Neue angeregt ward. Die Aufsicht über die dortigen wissenschaftlichen Anstalten, die Einrichtung und Anordnung der Museen, die Pflege des botanischen Gartens gaben ihm eine ebenso angenehme, als lehrreiche Beschäftigung. Die Betrachtung der Natur, verbunden mit dem Studium der Botanik, entschädigte ihn für den Mangel eines Kunstlebens, wie er es in Italien genossen hatte. Immer kehrte Goethe, auch wenn er sich eine Zeit lang daraus entfernte, wieder in dieß Gebiet zurück. Ihm blieb ein lebendiges Interesse, der Bildung und Umbildung organischer Naturen nachzuforschen. Die von ihm selbst in seiner "Metamorphose der Pflanzen" aufgestellte Theorie diente ihm dabei zum Wegweiser. Aber die Natur schien ihm zugleich synthetisch zu handeln, indem sie völlig fremdartig scheinende Verhältnisse einander näherte und sie zusammen in Eins verknüpfte.

Unter diesen Forschungen wandte sich Goethes Thätigkeit abwechselnd wieder zu anderweitigen Beschäftigungen. Sein poetisches Talent übte sich, nach der Vollendung der "Iphigenie" und des "Tasso" an dem Trauerspiel "Egmont." Merkwürdig war ihm der Umstand, daß nach den Zeitungen die von ihm geschilderten Scenen sich in Brüssel fast wörtlich erneuert hatten. Noch vor dem Ausbruch der französischen Revolution hatte die berüchtigte Halsbandgeschichte, während seines Aufenthalts in Italien einen tiefen Eindruck auf ihn gemacht. Er hatte die über jenen Vorfall erschienenen Proceßacten mit Aufmerksamkeit gelesen. Die in Sicilien von ihm gesammelten "Nachrichten über Cagliostro und seine Familie" benutzte Goethe zu seinem Lustspiel: "Der Großcophta." Nach einzelnen, von dem Capellmeister Reichardt componirten Liedern zu schließen, hätte sich jener Stoff vielleicht noch besser zu einer Oper geeignet. Goethe versuchte sich indeß auch in der eben genannten Gattung der Poesie. Unvollendet blieb jedoch sein Singspiel: "die ungleichen Hausgenossen." Nachklänge seines Aufenthalts in Italien waren die "römischen Elegien" und die "venetianischen Epigramme." Sie wurden jedoch erst gedichtet nach einem abermaligen längern Aufenthalt Goethe's in Rom und Venedig (1790) im Gefolge der Herzogin Amalie von Sachsen-Weimar.

Kaum wieder aus Italien zurückgekehrt, begleitete Goethe den Herzog von Weimar nach Schlesien, wo die preußischen und österreichischen Gesandten sich auf dem Congreß zu Reichenbach versammelten. In Breslau, mitten unter der allgemeinen Bewegung, welche die Truppenmärsche und Manöver der verschiedenen Regimenter veranlaßten, ward Goethe wieder von der alten Lieblingsidee ergriffen, sich völlig zu isoliren, und mit Naturstudien, besonders aber mit der vergleichenden Anatomie sich zu beschäftigen. Zur festen Ueberzeugung ward ihm die Idee, daß ein allgemeiner, durch Metamorphose erzeugter Typus durch die sämmtlichen organischen Geschöpfe hindurchgehe und in allen seinen Abstufungen sich beobachten lasse. In mehreren, zum Theil ungedruckt gebliebenen Abhandlungen zergliederte Goethe dieß Thema. Er fand jedoch bald, daß die Aufgabe zu groß war, um genügend gelöst zu werden. Auf andere wissenschaftliche Gegenstände lenkte sich daher, als er wieder nach Weimar zurückgekehrt war, Goethe's Thätigkeit. Eine geräumige dunkle Kammer in seinem freigelegnen Wohnhause mit dem daran stoßenden Garten begünstigte seine chromatischen Untersuchungen, die damals ein lebhaftes Interesse für ihn gewonnen hatten. Zu einem besondern Gegenstande seiner Aufmerksamkeit machte er die prismatischen Erscheinungen. Die Resultate seiner Forschungen veröffentlichte Goethe in seinen "optischen Beiträgen," von denen 1791 das erste Stück erschien.

Seinem Dichtergenius und der Liebe zur dramatischen Poesie ward er wieder zurückgegeben, als er um diese Zeit die Leitung des Weimarischen Hoftheaters übernahm. Diese Bühne hatte sich aus den in Weimar zurückgebliebenen Mitgliedern der Bellomo'schen Schauspielertruppe gebildet, welche seit 1784 nicht ohne Beifall in der genannten Residenz gespielt hatte. Die unermüdliche Thätigkeit des Concertmeisters Cranz verschaffte besonders den italienischen und französischen Opern, welche Vulpius für das Theater bearbeitete, dort längere Zeit Aufnahme und Beifall. Beschäftigung und Unterhaltung zugleich fand Goethe, der die Leitung des Ganzen übernommen hatte, in den mannigfachen Versuchen, das Talent der Schauspieler zu wecken, und ihrem Spiel, wie der technischen Einrichtung der Bühne, eine immer höhere Vollkommenheit zu geben. In diesen Bemühungen unterstützte ihn besonders Einsiedel, der, mit gleicher Vorliebe für die Oper, im Gefolge der Herzogin Amalie aus Italien nach Weimar zurückgekehrt war. In diesem heitern Lebenskreise erhielt Goethe's Geist eine ernstere Richtung durch den Blick auf die damaligen Zeitereignisse nach dem Ausbruch der französischen Revolution. In den "Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten," in den Lustspielen "der Bürgergeneral" und "die Aufgeregten", von denen das zuletzt genannte Stück unvollendet blieb, beschäftigte sich Goethe's Phantasie, einzelne Scenen des damaligen Kriegstheaters darzustellen, das er bald aus eigner Anschauung kennen lernen sollte. Es war um diese Zeit, als er den Herzog von Weimar auf dem Feldzuge in die Champagne begleitete. Ueber Frankfurt, Mainz, Trier und Luxemburg begab sich Goethe 1792 nach Longwi, welches er den 26. August schon eingenommen fand, von da nach Valmy und von Trier die Mosel hinab nach Coblenz.

Auch in diesem vielfach bewegten und zerstreuten Leben verlor Goethe seine wissenschaftlichen Forschungen nicht völlig aus den Augen. Manche Naturbeobachtungen und die fortgesetzte Beschäftigung mit seinen chromatischen Arbeiten lenkten seinen Blick von den Kriegsereignissen hinweg. Der Entwurf zu einer allgemeinen "Farbenlehre" fiel in diese Zeit. Aber auch Goethe's Dichtertalent regte sich wieder auf mannigfache Weise, unter andern in einer freien Umarbeitung des altdeutschen Gedichts "Reinecke Fuchs," für welches er statt der Jamben Hexameter wählte, um sich in diesem, ihm noch wenig geläufigen Versmaß auch einmal zu versuchen.

In dem allgemeinen Kriegstumult, der ihn umgab, als er der Belagerung von Mainz beiwohnte, ward Goethe an die ruhigen bürgerlichen Verhältnisse seiner Vaterstadt Frankfurt erinnert durch einen Brief seiner Mutter, die ihm Aussichten eröffnete zu einer durch den Tod seines Oheims Textor erledigten Rathsherrnstelle. Viel Lockendes hatte die Aussicht für ihn, in seiner Vaterstadt rasch empor zu steigen von einer Ehrenstufe zur andern, und auf die reichsstädtische Verfassung Frankfurts einen bedeutenden Einfluß zu gewinnen. Aber das unumschränkte Vertrauen, das der Herzog von Weimar in ihn gesetzt, die mannigfachen Beweise der Huld seines Fürsten und ein nicht zu unterdrückendes Gefühl der Dankbarkeit waren für ihn mehr als hinreichend, jenen Antrag abzulehnen. Auch täuschte er sich wohl nicht, wenn er den neuen Wirkungskreis, in den er treten sollte, weder seinen Fähigkeiten, noch seinen Neigungen angemessen hielt.

Genußreiche Tage verlebte Goethe damals mit seinem Jugendfreunde Jacobi in Pempelfort, wo ihn eine geräumige und geschmackvoll decorirte Wohnung mit einem daran stoßenden Garten empfing. Der Tag ward meistens in der freien Natur zugebracht. Die Abende waren größtentheils der geselligen Unterhaltung über die neusten Erscheinungen im Gebiet der schönen Literatur gewidmet. Auch hier erlebte Goethe ein ähnliches Schicksal, wie bei der ersten Mittheilung des Manuscripts seiner "Iphigenie". Seine Freunde konnten sich nicht sogleich finden in den Ton und Charakter seiner neusten poetischen Producte, ungeachtet er in denselben doch mit seinem Lebensgange immer gleichen Schritt gehalten zu haben glaubte. Das Verhältniß zu seinen Freunden ward dadurch nicht gestört. Er schied von ihnen mit den wohlthuenden Eindrücken, welche die Betrachtung der Gemäldegallerie in dem benachbarten Düsseldorf auf ihn gemacht hatte.

In Duisburg fand Goethe einen alten Bekannten wieder, den Sohn des Professors Plessing, den er vor sechzehn Jahren, wie früher erwähnt, auf seiner damaligen Harzreise in dem Gasthofe zu Wernigerode kennen gelernt hatte. Plessing hatte sich seitdem zu einem geachteten Schriftsteller erhoben. Aber sein früherer Trübsinn war nicht von ihm gewichen. Noch immer schien er nach einem Unerreichbaren zu streben. Das Gespräch zwischen ihm und Goethe gerieth bald in Stocken, als die Erinnerung an frühere Verhältnisse, auf die er immer wieder zurückkam, erschöpft war.

Freundlich und zuvorkommend war die Aufnahme, welche Goethe im November 1792 bei der vielseitig gebildeten Fürstin Amalie von Gallizin in Münster fand. Die Betrachtung einer kostbaren Sammlung von geschnittenen Steinen veranlaßte den Dichter zu der Bemerkung, daß die christliche Religion sich mit der bildenden Kunst von jeher in einer Art von Zwiespalt befunden habe, da jene sich von der Sinnlichkeit zu entfernen strebe, diese dagegen das sinnliche Element für ihren eigentlichen Wirkungskreis erkenne und darin verharre. Diese Idee legte Goethe dem sinnigen Gedicht: "der neue Amor" zum Grunde, welches man in der Sammlung seiner Werke findet.

Das vielfach bewegte Reiseleben hatte Goethe wieder mit den ruhigen Verhältnissen in Weimar vertauscht. Von den politischen Ereignissen, welche die Welt bedrohten, war er zum Theil ein Zeuge gewesen. Den Bürger, den Bauer, den Soldaten hatte er mit mannigfachen Drangsalen kämpfen sehen. Noch immer dauerten die ungeheuern Bewegungen fort, die die Revolution im Innern Frankreichs hervorgerufen hatte. Der Tod Ludwigs XVI. und seiner Gemahlin, die Greulthaten Robespierre's, Danton's und anderer damaliger Machthaber erfüllten die Welt mit Schrecken, und bei den raschen Kriegsschritten der aufgeregten französischen Nation schien eine Veränderung, wo nicht ein völliger Umsturz aller bestehenden Verhältnisse zu fürchten. Ueberall hörte man von Kriegsrüstungen und von Flüchtlingen, die in ihrer Heimath bedroht, anderswo ein Asyl suchten. Vergebens bot Goethe seiner Mutter einen ruhigen Aufenthalt in Weimar an. Sie fühlte keine Besorgniß für ihre eigne Person, tröstete sich durch Bibelstellen, und wollte sich durchaus nicht trennen von ihrer Vaterstadt Frankfurt, mit der sie, wie Goethe sich ausdrückte, "ganz eigentlich zusammengewachsen war."

Von dem bewegten Treiben der Außenwelt wandte sich Goethe, seiner Gewohnheit nach, wieder zu mannigfachen literarischen Beschäftigungen. Das Gedicht "Reinecke Fuchs" ward um diese Zeit vollendet. Auch der Druck des ersten Bandes von "Wilhelm Meisters Lehrjahren" hatte begonnen. Seinen botanischen und mineralogischen Studien widmete sich Goethe ebenfalls wieder mit großem Eifer. Erfreulich war für ihn in dieser Hinsicht der unterhaltende und belehrende Umgang mit Göttling, Batsch, Voigt und andern Professoren der Universität Jena. Ein besonderer Gegenstand seiner Aufmerksamkeit war das Bergwesen in Ilmenau, und mancher Ausflug in jene Gegend ward von ihm unternommen. Goethe freute sich über die Fortschritte jenes Unternehmens, die bei beschränkten Mitteln freilich nur mäßig seyn konnten.

Unstreitig das wichtigste Ereignis in Goethe's Leben war das um diese Zeit (1794) sich entwickelnde nähere Verhältniß zu Schiller. Aus entschiedener Abneigung gegen die frühern Producte dieses Dichters, die ihn an die poetische Sturm- und Drangperiode erinnerten, der er längst entwachsen war, hatte er sich bisher von Schiller entfernt gehalten. Zwar war er ihm 1789 behülflich gewesen zu einer Professur in Jena, aber an ein näheres Verhältniß schienen beide nicht zu denken. Ein philosophisches Gespräch in einer Sitzung der von dem Professor Batsch in Jena gegründeten naturforschenden Gesellschaft bewirkte die erste Annäherung der beiden Dichter. Das von Schiller damals herausgegebene Journal: "die Horen" ward das vermittelnde Band zwischen ihm und Goethe, der ebenfalls Beiträge zu jener Zeitschrift lieferte.

Das Verhältniß zwischen beiden Dichtern ward bald immer inniger. An Schillers Arbeiten nahm Goethe das lebhafteste Interesse, das durch die Uebereinstimmung ihrer Ideen immer wieder aufs neue angeregt ward. Ueber eine damals noch ungedruckte Abhandlung Schillers schrieb Goethe den 4. September 1794: "Ich habe Ihre Entwickelung des Erhabenen mit vielem Vergnügen gelesen, und mich daraus aufs neue überzeugt, daß uns nicht allein dieselben Gegenstände interessiren, sondern daß wir auch in der Art, sie anzusehen, meistens übereinkommen. Ueber alle Hauptpunkte, seh' ich, sind wir eins, und was die Abweichungen, die Standpunkte, die Verbindungen des Ausdrucks betrifft, so zeugen diese von dem Reichthum des Objects und der ihm correspondirenden Mannigfaltigkeit der Subjecte." Dieser Brief enthielt zugleich eine an Schiller gerichtete Einladung, nach Weimar zu kommen, und in Goethe's Hause zu wohnen. "Wir unterhielten uns", schrieb Goethe, "sähen Freunde, die uns am ähnlichsten gesinnt wären, und würden nicht ohne Nutzen von einander scheiden." Schillers Individualität berücksichtigend fügte Goethe noch hinzu: "Sie sollen ganz nach ihrer Art und Weise leben, und sich ganz wie zu Hause einrichten." Schiller folgte jener Einladung, und Goethe schrieb den 1. October 1794: "Nach unserer vierzehntägigen Conferenz wissen wir nun, daß wir in Prinzipien einig sind, und die Kreise unsers Empfindens, Denkens und Wirkens theils coincidiren, theils sich berühren."

Zur Aufnahme in die von Schiller herausgegebenen "Horen" sandte Goethe, seine "römischen Elegien", zwei "Episteln", denen noch eine dritte folgen sollte, und andere poetische Beiträge. Auch zu einigen Aufsätzen hoffte er noch Muße zu finden unter der fortwährenden Beschäftigung mit seinem "Wilhelm Meister." "Zu kleinen Erzählungen", schrieb er den 27. November 1794, "hab' ich große Lust, nach der Last, die einem so ein Pseudo-Epos, wie der Roman, auferlegt. Ich denke dabei wie die Erzählerin in der Tausend und Einen Nacht zu verfahren."

Lebhaft interessirte sich Goethe für Schillers "Briefe über ästhetische Erziehung." Diese Abhandlung harmonirte im Wesentlichen mit seinen eignen Ansichten und Ideen. Er schrieb darüber den 26. October 1794: "Wie uns ein köstlicher, unserer Natur analoger Trank willig hinunterschleicht und auf der Zunge schon durch gute Stimmung des Nervensystems seine heilsame Wirkung zeigt, so waren mir diese Briefe angenehm und wohlthätig, und wie sollte es anders seyn, da ich das, was ich für recht seit langer Zeit erkannt, auf eine so zusammenhängende und edle Weise vorgetragen fand. In diesem behaglichen Zustande hätte mich ein Billet Herders beinahe gestört, der uns, die wir an dieser Vorstellungsart Freude haben, gern einer Einseitigkeit beschuldigen möchte. Da man aber im Reiche der Erscheinungen es überhaupt nicht so genau nehmen darf, und es immer schon tröstlich genug ist, mit einer Anzahl geprüfter Menschen eher zum Nutzen als Schaden seiner selbst und seiner Zeitgenossen zu irren, so wollen wir getrost und unverrückt so fortleben, und wirklich und in unserm Seyn und Wollen ein Ganzes denken, um unser Stückwerk nur einigermaßen vollständig zu machen."

Treffend bezeichnete Goethe so seine unvollendeten literarischen Arbeiten. Der "Faust", zu dessen Fortsetzung ihn Schiller ermuntert hatte, ruhte längst. "Ich wage nicht," schrieb Goethe, "das Packet aufzuschnüren, das ihn gefangen hält." Seine Thätigkeit zersplitterte sich in mannigfachen Plänen und Entwürfen, die er großentheils für die "Horen" auszuführen gedachte. Einer seiner gehaltvollsten Beiträge für dieses Journal waren die bisher ungedruckt gebliebenen "Unterhaltungen deutscher Ausgewanderter." Den Werth und Gehalt seiner Producte machte Goethe fast ohne Ausnahme von Schillers Urtheil abhängig. Durch ihn gewann er auch das fast verlorene Vertrauen zu seinem Roman wieder. Er glaubte, als er denselben begann, das Publikum zu Anforderungen berechtigt zu haben, die er sich nicht zu erfüllen getraute.

Beruhigt über das im Allgemeinen günstig lautende Urtheil Schillers, dem er einen Theil des Manuscripts gesandt hatte, schrieb Goethe an ihn den 10. December 1794: "Sie haben mir sehr wohl gethan durch das gute Zeugniß, daß sie dem ersten Buche meines Romans geben. Nach den sonderbaren Schicksalen, welche diese Production von innen und außen gehabt hat, wäre es kein Wunder, wenn ich ganz und gar confus darüber würde. Ich habe mich zuletzt blos an meine Idee gehalten, und will mich freuen, wenn sie mich aus diesem Labyrinth herausleitet." Schiller war ihm hierzu durch seinen Rath behülflich, und dankbar erkannte er des Freundes Bemühungen. Er gewann dadurch wieder Muth zur Fortsetzung seines Werks. Ein Brief vom 11. März 1795 enthielt das Geständniß, daß er den größten Theil des vierten Buchs vom "Wilhelm Meister" zum Druck abgesandt, und außerdem noch eine Novelle, "der Procurator", geschrieben habe.

Aus dem Carlsbade zurückgekehrt, wohin ihn im Juni 1795 seine Kränklichkeit, besonders katarrhalische Zufälle genöthigt hatten, unternahm Goethe häufige Ausflüge nach Jena. Außer Schiller fand er dort auch Alexander und Wilhelm von Humboldt. Er verlebte in Jena genußreiche Tage. Naturwissenschaftliche Betrachtungen wechselten mit Gesprächen über Poesie und Kunst. Zur Fortsetzung des "Wilhelm Meister" und zu Beiträgen für die "Horen" ermunterte ihn Schiller, so wenig auch dessen Erwartungen die genannte Zeitschrift entsprach. Schiller hatte von jenem Journal eine allgemein verbreitete großartige Wirkung gehofft, und stieß dagegen von Seiten des Publikums überall auf Mangel an Empfänglichkeit und auf kleinliche Ansichten. Goethe theilte seines Freundes Begeistrung für alles Treffliche, den lebendigen Haß gegen falschen Geschmack und gegen jede Beschränkung der Wissenschaft und Kunst. Entrüstet über die kalte Aufnahme der "Horen" und über die einseitige Beurtheilung dieser Zeitschrift in mehreren kritischen Blättern, schrieb Goethe: "Ueberall spukt doch dieser Geist anmaßlicher Halbheit. Welch eine sonderbare Mischung von Selbstbetrug und Klarheit diese Personen zu ihrer Existenz brauchen, und was dieser Cirkel sich für eine Terminologie gemacht hat, um das zu beseitigen, was ihnen nicht ansteht, und das, was sie besitzen, als die Schlange Mosis aufzustellen, ist in der That merkwürdig."

In solcher Stimmung vereinigte sich Goethe mit Schiller zur Abfassung der unter dem Namen "Xenien" bekannten Epigramme. Ein damaliger Brief Schillers bezeichnete sie als "wilde Satyre, besonders gegen Schriftsteller und schriftstellerische Producte gerichtet, untermischt mit einzelnen poetischen und philosophischen Gedankenblitzen." Lebhaft ergriff Goethe diese von ihm ausgegangene Idee. Er schrieb darüber an Schiller den 23. December 1795: "Den Einfall, auf alle Zeitschriften Epigramme zu machen, wie die Xenien des Martial sind, der mir diese Tage zugekommen ist, müssen wir cultiviren, und eine solche Sammlung in Ihren Musenalmanach des nächsten Jahres bringen."

Nur auf wenige subordinirte Geister hatte sich anfangs der Witz in den erwähnten Epigrammen beschränkt. Der Stoff breitete sich jedoch immer mehr aus, und die Pfeile der Satyre verschonten auch nicht Namen, die der deutschen Literatur zur Ehre gereichten. Die bedeutendsten unter den zahlreichen Gegenschriften, welche die Xenien veranlaßten, waren von Gleim, Claudius, Jenisch, Dyk, Manso u.A. Mit vielem Scharfsinn und mit der feinsten Ironie suchte Wieland, der ebenfalls in den Xenien nicht geschont worden war, in einem gedruckten Briefe einen Freund zu überzeugen, daß Schiller und Goethe, nach ihren bisherigen ausgezeichneten Producten, unmöglich die Verfasser der Xenien seyn könnten. Ueber die Gewissensscrupel, durch die das in jenen Producten mitunter verletzte Zartgefühl sich an seinem Freunde Schiller rächte, setzte sich Goethe's heiterer Weltsinn hinweg. "Daß man," schrieb er, "nicht überall mit uns zufrieden seyn sollte, war ja unsere Absicht, und da das literarische Faustrecht noch nicht abgeschafft ist, so bedienen wir uns der reinen Befugniß, uns selbst Recht zu verschaffen. Ich erwarte nur, daß mir Jemand etwas merken läßt, wo ich mich denn so lustig und artig als möglich expectoriren werde."

Neben den "Xenien" entstanden damals mehrere Gedichte Goethe's, die zu dem Trefflichsten gehören, was die deutsche Poesie aufzuweisen hat, so unter andern die Elegie "Alexis und Dora", und, durch einen Wetteifer mit Schiller veranlaßt, mehrere Balladen: "die Braut von Corinth, der Gott und die Bajadere, das Blümlein Wunderschön, der Junggesell und der Mühlbach, der Müllerin Verrath" u.a.m. Auch mehrere humoristische Gedichte fielen in diese Zeit, wie unter andern das bekannte Tischlied: "Mich ergreift, ich nicht wie u.s.w." Für die "Horen" lieferte Goethe, außer andern Beiträgen, einzelne Fragmente aus seiner damals noch unvollendeten Biographie des Florentinischen Goldschmids "Benvenuto Cellini." Immer aber blieb der "Wilhelm Meister" seine Hauptbeschäftigung.

In Bezug auf Schillers kritische Bemerkungen über das ihm mitgetheilte Manuscript seines Romans, bemerkte Goethe treffend: "Der Fehler, den Sie mit Recht bemerken, kommt aus meiner innersten Natur, aus einem gewissen realistischen Tic, durch den ich meine Existenz, meine Handlungen, meine Schriften den Menschen aus den Augen zu rücken behaglich finde. So werde ich immer gern incognito reisen, das geringere Kleid vor dem bessern wählen, den unbedeutenden Gegenstand oder doch den weniger bedeutenden Ausdruck vorziehen, mich leichtsinniger betragen, als ich bin, und mich so, ich möchte sagen, zwischen mich selbst und meine eigene Erscheinung stellen. Nach dieser allgemeinen Beichte will ich gern zur besondern übergehen, daß ich ohne Ihren Antrieb und Anstoß wider besser Wissen und Gewissen, mir auch diese Eigenheit bei einem Roman hätte hingehen lassen, welches denn doch bei dem ungeheuren Aufwande, der darauf gemacht ist, unverzeihlich gewesen wäre, da alles das, was gefordert werden kann, theils so leicht zu erkennen, theils so bequem zu machen ist. Es ist keine Frage, daß die scheinbaren, von mir ausgesprochenen Resultate viel beschränkter sind, als der Inhalt des Werks, und ich komme mir vor, wie einer, der, nachdem er viele und große Zahlen über einander gestellt, endlich muthwillig selbst Additionsfehler macht, um die letzte Summe, Gott weiß, aus was für einer Grille, zu verringern. Ich bin Ihnen den lebhaftesten Dank schuldig, daß Sie noch zur rechten Zeit, auf eine so entschiedene Art, diese perverse Manier zur Sprache bringen, und ich werde gewiß, in wiefern es mir möglich ist, Ihren gerechten Wünschen entgegen gehen."

Ueber die einseitigen Urtheile, welche seinen Roman, den er 1796 vollendet hatte, von mehreren Seiten trafen, machte sich Goethe in den unmuthigen Worten Luft: "Möchte bei solchen Aeußerungen nicht die Hippokrene zu Eis erstarren, und Pegasus sich mausern! Doch das war vor fünf und zwanzig Jahren, als ich anfing, eben so, und wird so seyn, wenn ich lange geendigt habe. Indeß ist es nicht zu leugnen, daß es doch aussieht, als wenn gewisse Einsichten und Grundsätze, ohne die man sich eigentlich keinem Kunstwerke nähern sollte, nach und nach allgemeiner werden müßten."

Den Eindruck, den die mannigfachen, gegen die "Xenien" gerichteten Broschüren auf ihn gemacht hatten, schilderte Goethe in einem Briefe an Schiller vom 7. December 1796. "Wenn ich aufrichtig seyn soll," schrieb er, "so ist das Betragen des Volks ganz nach meinem Wunsch. Es ist eine nicht genug gekannte und geübte Politik, daß Jeder, der auf einigen Nachruhm Anspruch macht, seine Zeitgenossen zwingen soll, alles, was sie gegen ihn in petto haben, von sich zu geben. Den Eindruck davon vertilgt er durch die Gegenwart, Leben und Wirken jederzeit wieder. Was half es manchem bescheidenen, verdienstvollen und klugen Manne, den ich überlebt habe, daß er durch unglaubliche Nachgiebigkeit, Unthätigkeit, Schmeichelei, Rücken und Zurechtlegen einen leidlichen Ruf zeitlebens erhielt? Gleich nach dem Tode sitzt der Advokat des Teufels neben dem Leichnam, und der Engel, der ihm Widerpart halten soll, macht gewöhnlich eine klägliche Gebehrde. Ich hoffe, daß die Xenien auch eine ganze Weile wirken, und den bösen Geist gegen uns in Thätigkeit erhalten werden. Wir wollen indeß unsere positiven Arbeiten fortsetzen, und ihm die Negation überlassen. Nicht eher, als bis sie ganz ruhig sind und sicher zu seyn glauben, müssen wir, wenn der Humor frisch bleibt, sie noch einmal recht aus dem Fundament ärgern."

Dieser Vorsatz unterblieb. Einen würdigern Gebrauch machte Goethe von seinem poetischen Talent in dem epischen Gedicht "Hermann und Dorothea," das er um diese Zeit entworfen hatte. Er schrieb darüber den 18. Januar 1797 an Schiller, die wunderbare Epoche, in der er eingetreten, sei ihm höchst merkwürdig. "Ich schleppe von der analytischen Zeit noch so vieles mit, das [daß] ich es nicht loswerden und kaum verarbeiten kann. Indessen bleibt mir nichts übrig, als auf diesem Strom mein Fahrzeug so gut zu lenken, als es nur gehen will. In's Ferne und Ganze läßt sich nichts voraussagen, da diese regulirte Naturkraft, wie alle unregulirten, durch nichts in der Welt geleitet werden kann, sondern sich selbst bilden muß, auch aus sich selbst und auf ihre Weise wirkt.["]

Goethe blieb seiner Natur und schnell wechselnden Geistesrichtung treu. Schon eilf Tage später, am 29. Januar, beklagte er sich, "daß für ihn an keine ästhetische Stimmung zu denken sei." Seine Thätigkeit wandte sich wieder zu wissenschaftlichen Gegenständen. "Die Farbentafeln," schrieb er, "schließen sich immer fester an einander, und in Betrachtung organischer Naturen bin ich auch nicht müßig gewesen. Es leuchten mir in diesen langen Nächten ganz wundersame Lichter. Ich hoffe, es sollen keine Irrlichter seyn." In einem spätern Briefe an Schiller vom 8. Februar 1797 gestand Goethe, er sei wie ein Ball, den eine Stunde der andern zuwerfe. "In den Frühstunden," schrieb er, "suche ich die letzte Lieferung des Benvenuto Cellini zu bearbeiten. Ueber die Metamorphose der Insekten gelingen mir allerlei gute Bemerkungen. Die Raupen, die ich im Winter in der warmen Stube hielt, erscheinen schon nach und nach als Schmetterlinge, und ich suche sie auf dem Wege zu dieser neuen Verwandlung zu ertappen."

In diese stillen Beschäftigungen griffen die damaligen politischen Ereignisse störend ein. Die mannigfachen Truppenmärsche der europäischen Mächte ließen auf den nahen Ausbruch eines allgemeinen Kriegs schließen. Erst als die Besorgnisse allmälig verschwanden, gewann Goethe wieder Muth zur Fortsetzung seines noch unvollendeten Gedichts "Hermann und Dorothea." Unterbrochen ward er jedoch darin durch physische Leiden, besonders durch einen hartnäckigen Katarrh, der ihn während seines Aufenthalts in Jena heimsuchte. An Schiller schrieb er den 27. Februar 1797: "Ich bin wirklich mit Hausarrest belegt, sitze am warmen Ofen, und friere von innen heraus. Der Kopf ist mir eingenommen, und meine ganze Intelligenz wäre nicht im Stande, durch einen freien Denkactus den einfachsten Wurm zu produciren; vielmehr muß sie dem Salmiak und dem Liquiriziensaft, als Dingen, die an sich den häßlichsten Geschmack haben, wider ihren Willen die Existenz zugestehen. Wir wollen hoffen, daß wir aus der Erniedrigung dieser realen Bedrängnisse zur Herrlichkeit poetischer Darstellungen nächstens gelangen werden, und glauben dies um so sicherer, als uns die Wunder der stetigen Naturwirkungen bekannt sind."

Am 1. März 1797 meldete Goethe, daß "der Katarrh zwar im Abmarsch sei," er aber noch das Zimmer hüten müßte. "Die Gewohnheit", schrieb er, "fängt an, mir diesen Aufenthalt erträglich zu machen." Er äußerte in diesem Briefe die Hoffnung, sein Gedicht "Hermann und Dorothea," wovon er den vierten Gesang vollendet habe, glücklich zu Ende zu bringen. "So verschmähen also," schrieb er, "die Musen den asthenischen Zustand nicht, in welchem ich mich durch das Uebel versetzt fühle. Vielleicht ist es gar ihren Einflüssen günstig." Bereits am 4. März meldete Goethe, daß die Arbeit fortrücke, und schon anfange, Masse zu machen. "Nur auf zwei Tage," schrieb er, "kommt es noch an, so ist der Schatz gehoben, und ist er erst einmal über der Erde, so findet sich alsdann das Poliren von selbst." Merkwürdig sei es, fügte Goethe hinzu, wie das Gedicht gegen das Ende sich ganz zu seinem idyllischen Ursprung hinneige.

Die Erfindung, die Wahl des Stoffs hielt Goethe bei jedem poetischen Werke für die Hauptsache. Form und Darstellung, meinte er, seien nur Nebendinge. Er schrieb darüber an Schiller den 5. April 1797: "Sie haben ganz Recht, daß in den Gestalten der alten Dichtkunst, wie in der Bildhauerkunst, ein Abstractum erscheint, das seine Höhe nur durch das, was man Styl nennt, erreichen kann. Es giebt auch Abstracta durch Manier, wie bei den Franzosen. Auf dem Glück der Fabel beruht freilich alles; man ist wegen des Hauptaufwandes sicher, die meisten Leser und Zuschauer nehmen dann doch nichts weiter davon, und dem Dichter bleibt doch das ganze Verdienst einer lebendigen Ausführung, die desto fleißiger seyn kann, je besser die Fabel ist."

Abgelenkt ward Goethe wieder von der Beschäftigung mit seinem Epos durch eine jugendliche Lieblingsidee, die in ihm auftauchte. Die Bibel ward für ihn ein Gegenstand mannigfacher Forschungen. "Indem ich den patriarchalischen Ueberresten nachspürte," schrieb er den 12. April 1797, "bin ich in das Alte Testament gerathen, und habe mich auf's Neue nicht genug verwundern können über die Confusion und die Widersprüche der fünf Bücher Mosis, die freilich, wie bekannt, aus hunderterlei schriftlichen und mündlichen Traditionen zusammengestellt seyn mögen. Ueber den Zug der Kinder Israel in der Wüste hab' ich einige artige Bemerkungen gemacht, und es ist der verwegene Gedanke in mir entstanden, ob nicht die große Zeit, welche sie darin zugebracht haben, erst eine spätere Erfindung sei."

Näher erklärte sich Goethe hierüber in einem Briefe vom 15. April 1797. "Noch immer," schrieb er, "hab' ich die Kinder Israel in der Wüste begleitet. Meine kritisch-historisch-poetische Arbeit geht davon aus, daß die vorhandenen Bücher sich selbst widersprechen und sich selbst verrathen; und der ganze Spaß, den ich mir mache, läuft dahin hinaus, das menschlich Wahrscheinliche von dem Absichtlichen und blos Imaginirten zu sondern, und doch für meine Meinung überall Belege aufzufinden. Alle Hypothesen dieser Art bestehen blos durch das Natürliche des Gedankens und durch die Mannigfaltigkeit der Phänomene, auf die er sich gründet." Es sei ihm, fügte Goethe hinzu, "recht wohl zu Muthe, wieder einmal etwas auf kurze Zeit zu haben, bei dem er mit Interesse im eigentlichen Sinne des Worts spielen könne, denn die Poesie, wie er sie seit einiger Zeit treibe, sei doch eine gar zu ernste Beschäftigung."

Neben diesen Bibelstudien, bei denen ihm Eichhorn's Einleitung in das Alte Testament wesentliche Dienste leistete, hatten sich die einzelnen Gesänge von "Hermann und Dorothea" nach und nach zu einem Ganzen gerundet. An Schiller schrieb Goethe den 28. April 1797: "Mein Gedicht ist fertig. Es besteht aus zweitausend Hexametern, und ist in neun Gesänge getheilt, und ich sehe darin wenigstens einen Theil meiner Wünsche erfüllt. Die höchste Instanz, vor der es gerichtet werden kann, ist die, vor welche der Menschenmaler seine Compositionen bringt, und es wird die Frage seyn, ob man unter dem modernen Costüm meines Gedichts die wahren ächten Menschenproportionen anerkennen werde. Der Gegenstand selbst ist äußerst glücklich, ein Süjet, wie man es in seinem Leben nicht zweimal findet; wie denn überhaupt die Gegenstände zu wahren Kunstwerken seltener gefunden werden, als man denkt, woher auch die Alten sich nur beständig in einem gewissen Kreise bewegen. In der Lage, in der ich mich befinde, habe ich mir zugeschworen, an nichts mehr Theil zu nehmen, als an dem, was ich so in meiner Gewalt habe, wie ein Gedicht, wo man weiß, daß man zuletzt nur sich zu tadeln oder zu loben hat; an einem Werke, an dem man, wenn der Plan einmal gut ist, nicht das Schicksal des Penelopeischen Schleiers erlebt. Leider lösen in allen übrigen Dingen einem die Menschen gewöhnlich wieder auf, was man mit großer Sorgfalt gewoben hat, und das Leben gleicht jener beschwerlichen Art zu wallfahrten, wo man drei Schritte vor, und zwei zurück thun muß."

So wenig auch Goethe's individuelle Natur, die Vielseitigkeit seines Geistes ihm erlaubte, bei dem in diesem Briefe ausgesprochenen Entschlusse ernstlich zu beharren, so schien er doch diesmal demselben treu bleiben zu wollen. "Ich habe," schrieb er den 22. Juni 1797, "mich entschlossen, an meinen Faust zu gehen, und ihn, wo nicht zu vollenden, doch wenigstens um ein gutes Theil weiter zu bringen, indem ich das, was gedruckt ist, wieder auflöse, und es mit dem, was schon fertig oder erfunden ist, in große Massen disponire, und so die Ausführung des Plans, der eigentlich nur eine Idee ist, näher vorbereite. Nun hab' ich eben diese Idee und deren Darstellung wieder vorgenommen, und bin mit mir selbst ziemlich einig. Da die verschiedenen Theile dieses Gedichts in Absicht auf die Stimmung verschieden behandelt werden können, wenn sie sich nur dem Geist und Ton des Ganzen subordiniren, und da übrigens die ganze Arbeit subjectiv ist, so kann ich in einzelnen Momenten mich damit beschäftigen, und so bin ich auch jetzt etwas zu leisten im Stande. Ich werde vorerst die großen erfundenen und halb bearbeiteten Massen zu enden, und mit dem, was gedruckt ist, zusammen zu stellen suchen, und so lange treiben, bis sich der Kreis selbst erschöpft."

Unterbrochen ward Goethe's Beschäftigung mit dem "Faust", so wie seine ganze literarische Thätigkeit durch eine Reise nach der Schweiz. Den 30. Juli 1797 verließ er Weimar. Unterwegs beschäftigte ihn die genaue Betrachtung der Gegenden, besonders in Bezug auf Geognosie und die darauf gegründete Cultur des Bodens. Genußreiche Tage verlebte er in seiner Vaterstadt Frankfurt. Unter mehreren Bekanntschaften, die er dort theils anknüpfte, theils erneuerte, war besonders Sömmering für ihn belehrend durch seine geistreiche Unterhaltung, durch Präparate und Zeichnungen. Zur Ausführung einiger poetischen Entwürfe fehlte ihm die nöthige Stimmung, die er erst nach der Rückkehr von einem ruhigen Zustande erwartete. Von Frankfurt a.M. ging er über Heidelberg, Heilbronn und Ludwigsburg nach Stuttgart, wo er den kunstliebenden Kaufmann Rapp und die Bildhauer Dannecker und Scheffauer kennen lernte. In der Schweiz, wohin er sich im September 1797 begab, fand sein poetisches Talent mannigfache Anregung durch die Betrachtung der schönen Natur. "Herrliche Stoffe zu Idyllen und Elegien," schrieb er, "habe ich aufgefunden, und Einiges schon wirklich gemacht." Am längsten verweilte er bei der Idee, den Befreier der Schweiz zum Helden eines epischen Gedichts zu wählen. Er schrieb darüber den 14. October 1797: "Ich bin fest überzeugt, daß die Fabel vom Tell sich werde episch behandeln lassen, und es würde daher, wenn es mir, wie ich vorhabe, gelingt, der sonderbare Fall eintreten, daß das Mährchen durch die Poesie erst zu seiner vollkommnen Wahrheit gelangte, anstatt daß man sonst, um etwas zu leisten, die Geschichte zur Fabel machen muß. Das beschränkte, höchst bedeutende Local, worauf die Begebenheit spielt, hab' ich mir wieder recht genau vergegenwärtigt, so wie die Charaktere, Sitten und Gebräuche der Menschen in diesen Gegenden, so gut in der kurzen Zeit möglich, beobachtet, und es kommt nun auf gut Glück an, ob aus diesem Unternehmen etwas werden kann."

Andere Gegenstände verdrängten die Ausführung dieser Idee. Indeß meinte Goethe doch, daß nur ein wenig Gewohnheit dazu gehöre, die literarische Thätigkeit, an die man daheim gewöhnt sei, auch auswärts fortzusetzen. "Wenn die Reise," schrieb er, "zu gewissen Zeiten zerstreut, so führt sie uns zu andern Zeiten desto schneller auf uns selbst zurück. Der Mangel an äußeren Verhältnissen und Verbindungen, ja die lange Weile ist demjenigen günstig, der manches zu verarbeiten hat. Die Reise gleicht einem Spiel; man empfängt mehr oder weniger, als man hofft, man kann ungestört eine Weile hinschlendern, und dann ist man wieder genöthigt, sich einen Augenblick zusammenzunehmen. Für Naturen, wie die meinige, die sich gern festsetzen und die Dinge festhalten, ist eine Reise unschätzbar; sie belebt, berichtigt, belehrt und bildet."

Bei seiner Rückkehr nach Weimar widmete Goethe vorzugsweise seine Aufmerksamkeit dem Theater. Sein Interesse an der Bühne, durch die schriftliche und mündliche Unterhaltung mit Schiller immer auf's neue belebt, ward noch höher gesteigert, als Iffland im April 1798 eine Reihe von glänzenden Darstellungen gab. Vielfach thätig war Goethe bei dem neuen Theatergebäude,
das damals durch den Architekten Thouret aus Stuttgart in Weimar errichtet und mit einem Prolog Schillers eröffnet ward, welchem eine Vorstellung von Wallensteins Lager folgte. Goethe fühlte sich der dramatischen Gattung seit längerer Zeit entfremdet. Er gestand dies in einem Briefe an Schiller vom 9. December 1797. "Ohne ein lebhaftes pathologisches Interesse," schrieb er, "ist es mir nie gelungen, irgend eine tragische Situation zu bearbeiten, und ich habe sie daher eher vermieden, als aufgesucht. Sollte es wohl auch einer von den Vorzügen der Alten gewesen seyn, da bei uns die Naturwahrheit mitwirken muß, um ein solches Wesen hervorzubringen? Ich kenne mich zwar nicht selbst genug, um zu wissen, ob ich eine wahre Tragödie schreiben könnte; ich erschrecke aber blos vor dem Unternehmen, und bin überzeugt, daß ich mich durch den bloßen Versuch zerstören könnte."

In der Beilage zu einem an Schiller gerichteten Briefe hatte Goethe den Unterschied zwischen epischer und dramatischer Dichtung scharf bezeichnet. Doch blieb er der erstern treu, weil sie mit seinen Naturanlagen mehr harmonirte. Das fortgesetzte Studium des Homer führte ihn zu dem Entwurf eines epischen Gedichts unter dem Titel "Achilleis", das jedoch unvollendet blieb. Den 6. December 1797 schrieb Goethe: "Ich habe diese Tage fortgefahren, die Ilias zu studiren, und zu überlegen, ob zwischen ihr und der Odyssee nicht noch eine Epopöe inne liege. Ich finde aber eigentlich nur tragische Stoffe, es sei nun, daß es wirklich so ist, oder daß ich nur den epischen nicht finden kann. Das Lebensende des Achill mit seinen Umgebungen ließe eine epische Behandlung zu, und forderte sie gewissermaßen wegen der Breite des zu bearbeitenden Stoffs. Nun würde die Frage entstehen, ob man wohl thue, einen tragischen Stoff ebenfalls episch zu behandeln. Es läßt sich allerlei dafür und dagegen sagen. Was den Effect betrifft, so würde ein Neuer, der für Neue arbeitet, immer dabei im Vortheil seyn, weil man ohne pathologisches Interesse sich wohl schwerlich den Beifall der Zeit erwerben wird."

Noch in mehreren seiner Briefe kam Goethe wieder auf diese Idee zurück, die er jedoch, der Ermunterungen Schillers ungeachtet, nicht realisirte. Dankbar erkannte er jedoch des Freundes wohlthätigen Einfluß auf seine poetische Thätigkeit. Er schrieb darüber den 6. Januar 1798 an Schiller: "Das günstige Zusammentreffen unsrer beiden Naturen hat uns schon manchen Vortheil verschafft. Wenn ich Ihnen zum Repräsentanten mancher Objecte diente, so haben Sie mich von der allzustrengen Beobachtung der äußern Dinge und ihrer Verhältnisse auf mich selbst zurückgeführt. Sie haben mich die Vielseitigkeit des innern Menschen mit mehr Billigkeit anzuschauen gelehrt, Sie haben mir eine zweite Jugend verschafft, und mich zum Dichter gemacht, welches zu seyn ich so gut als aufgehört hatte."

Seine poetische Unfruchtbarkeit erklärte sich Goethe aus den noch immer fortdauernden Nachwirkungen seines zerstreuten Reiselebens. "Das Material, das ich erbeute," schrieb er, "kann ich zu nichts brauchen, und ich bin außer aller Stimmung gekommen, irgend etwas zu thun. Ich erinnere mich aus früherer Zeit eben solcher Wirkungen, und es ist mir aus manchen Fällen und Umständen wohl bekannt, daß Eindrücke bei mir sehr lange wirken müssen, bis sie zum poetischen Gebrauch sich willig finden lassen. Ich habe auch deshalb ganz pausirt, und erwarte nun, was mir mein erster Aufenthalt in Jena bringen wird."

Die erwartete poetische Ausbeute bestand jedoch nur in einzelnen kleinen Gedichten, unter denen die "Weissagungen des Bakis" vielleicht die bedeutendsten waren. Goethe wandte sich zur bildenden Kunst. Ihn beschäftigten die Vorarbeiten zur Herausgabe einer Zeitschrift, "die Propyläen" betitelt. Gleichzeitig setzte er die Biographie des "Benvenuto Cellini" fort, als Anhaltspunkt der Geschichte des sechzehnten Jahrhunderts. Daran reihten sich mannigfache andere Beschäftigungen, die in der rauhen und unfreundlichen Witterung des Januar ihm die Zeit verkürzten. Er nahm unter andern seine "Farbenlehre" wieder zur Hand.

Seinem Freunde Schiller kam er aufmunternd entgegen durch das lebhafte Interesse an dem "Wallenstein." Gemeinschaftlich mit Schiller entwarf er die Idee, mehrere ältere Schauspiele
dem Geschmack der neuern Zeit zu nähern, und sie in einer Umbildung auf die Bühne zu bringen. Dem deutschen Theater sollte dadurch zu einem soliden Repertoir verholfen werden. Goethe machte hiezu den Anfang mit seiner Uebersetzung des Mahomet und Tancred von Voltaire, Schiller mit der Umarbeitung von Shakespeare's [Shakspeare's] Macbeth.

Durch den Beifall, mit welchem Schillers "Wallenstein," seine "Maria Stuart" u.a. seiner spätern dramatischen Werke bei der Vorstellung auf der Bühne aufgenommen wurden, fühlte sich Goethe ermuntert, in einer ihm seit mehrern Jahren beinahe fremd gewordenen Gattung sich wieder zu versuchen. Die Memoiren der Stephanie von Bourbon boten ihm den Stoff zu einer Tragödie, die er später unter dem Titel "die natürliche Tochter" herausgab. Nach seinem eignen Geständniß wollte er darin "wie in einem Gefäß alles niederlegen, was er über die französische Revolution und ihre Folgen theils gedacht, theils niedergeschrieben hatte." Während der Beschäftigung mit diesem Werke blieb er thätig für die "Propyläen." Manche Mußestunde widmete er auch, durch Schelling's Naturphilosophie angeregt, verschiedenen damit zusammenhängenden Studien. Aus seiner Gartenwohnung am sogenannten Stern, einem Theil des Weimarischen Parks, beobachtete er durch ein Spiegeltelescop den Mondwechsel mit seinen wunderbaren Erscheinungen. Daneben beschäftigte ihn die Lectüre von Herder's "Fragmenten zur Geschichte der Literatur", von "Winkelmanns Briefen" und von Milton's "verlorenem Paradiese", um, nach seinem eignen Geständniß, "die mannigfachsten Zustände, Denk- und Dichtweisen sich zu vergegenwärtigen."

Wie Goethe die Literatur überhaupt, insonderheit aber die Poesie betrachtete, zeigte folgende Stelle in einem Briefe vom 6. März 1800: "Was die großen Anforderungen betrifft, die man jetzt an den Dichter macht, so glaube ich, daß sie nicht leicht einen Dichter hervorbringen werden. Die Dichtkunst verlangt ein Subject, das sie ausüben soll, eine gewisse gutmüthige, in's Reale verliebte Beschränktheit, hinter welcher das Absolute verborgen liegt. Die Forderungen von oben herein zerstören jenen unschuldigen productiven Zustand, und setzen vor lauter Poesie an die Stelle der Poesie etwas, das nun ein für allemal nicht Poesie ist, wie wir in unsern Tagen leider gewahr werden, und so verhält es sich mit den verwandten Künsten, ja mit der Kunst im weitesten Sinne. Dies ist mein Glaubensbekenntnis welches übrigens keine weitern Ansprüche macht."

Unter den mannigfachen Beschäftigungen, auf die sich die Vielseitigkeit seines Geistes lenkte, überraschte ihn eins der trübsten Ereignisse, der Tod Schillers am 9. Mai 1805. Mit seiner eigenen Kränklichkeit hatte Goethe den Freund unter seinen physischen Leiden zu trösten gesucht. Scherzend schrieb er ihm den 24. Januar 1805: "Ob nach der alten Lehre die humores peccantis im Körper herumspazieren, oder ob nach der neuern die verhältnißmäßig schwächern Theile in désavantage sind, genug, bei mir hinkt es bald hier, bald dort, und sind die Unbequemlichkeiten in den Gedärmen in's Diaphragma, von da in die Brust, ferner in den Hals und so weiter in's Auge gefahren, wo sie mir denn am allerwenigsten willkommen sind."

Die scherzhafte Stimmung in diesem Briefe wich bald dem Gefühl der Wehmuth und Trauer bei dem lange gefürchteten Verlust seines Freundes. Als Goethe, mehrere Wochen an sein Zimmer gefesselt, zu Anfange Mai sich zum ersten Mal aus dem Hause wagte, traf er Schiller, der eben im Begriff war, in's Theater zu gehen. "Ein Mißbehagen," erzählt Goethe selbst, "hinderte mich, ihn zu begleiten, und so schieden wir vor seiner Hausthür, um uns nie wiederzusehen. Bei dem Zustande meines Körpers und Geistes wagte Niemand, die Nachricht von seinem Scheiden in meine Einsamkeit zu bringen. Schiller war am neunten Mai verschieden, und ich nun von allen meinen Uebeln doppelt und dreifach angefallen." Seine Stimmung schilderte folgende Stelle in einem Briefe vom 1. Juni 1805. "Ich dachte mich selbst zu verlieren, und verliere einen Freund, und in demselben die Hälfte meines Daseyns. Eigentlich", fügte er hinzu, "sollte ich eine neue Lebensweise anfangen. Aber dazu ist in meinen Jahren auch kein Weg mehr. Ich sehe also jetzt jeden Tag unmittelbar vor mich hin, ohne an eine weitere Folge zu denken."

Mehr als jemals, fühlte Goethe das Bedürfnis einer anhaltenden Thätigkeit. Manche Hindernisse stellten sich der Ausführung des Plans entgegen, das von Schiller unvollendet zurückgelassene Trauerspiel "Demetrius" zu beenden. Unterstützt durch mehrere schätzbare Beiträge F.A. Wolfs gab Goethe damals (1805) das für die Kunstgeschichte wichtige Werk: "Winkelmann und sein Jahrhundert" heraus, und gleichzeitig einen aus dem Französischen übersetzten Dialog Diderots, unter dem Titel: "Rameau's Neffe."

Trübe Tage brachte ihm die Schlacht bei Jena am 14. October 1806 und die allgemeine Plünderung, welche die Stadt Weimar traf. Mitten unter jenen Kriegsstürmen reichte Goethe, in bereits vorgerücktem Alter einer vieljährigen Freundin am Altar die Hand. Es war Christiane Vulpius, eine Schwester des bekannten Romanschriftstellers und nachherigen Oberbibliothekars in Weimar.

Neben einer genauen Durchsicht seiner bisherigen Schriften, die in einer zwölfbändigen Gesammtausgabe 1806 erschienen, beschäftigte sich Goethe mit seinen wissenschaftlichen Forschungen, vor allen mit seiner "Farbenlehre," die 1808 mit einer Zueignung an die Herzogin Louise von Sachsen-Weimar ans Licht trat. Jene Forschungen weckten in ihm die Idee zu einem Roman, in welchem er unter dem Titel "die Wahlverwandtschaften" nach seinem eignen Geständniß, "das Leben von seiner täglichen Licht- und Schattenseite darstellen, und zugleich die Macht begreiflich machen wollte, die das Spiel geheimer Naturgesetze über menschliche Verhältnisse ausübt." Die von ihm begonnene Biographie des Landschaftsmalers Philipp Hackert, mit dem er in Rom genußreiche Tage verlebt hatte, trat in den Hintergrund durch Goethe's Beschäftigung mit seiner Selbstbiographie, die er unter dem Titel: "Dichtung und Wahrheit aus meinem Leben" in mehrern Bänden herausgab. Ungeachtet seiner Abneigung gegen alle politischen Tendenzen, verewigte Goethe die Befreiung seines Vaterlandes von französischer Botmäßigkeit durch das Festspiel: "Des Epimenides Erwachen", das zuerst in Berlin vorgestellt ward. Die Stimmung, in welcher er dies Stück, welchem eine alte griechische Mythe zum Grunde lag, gedichtet hatte, kehrte ihm wieder, und er verfaßte die Inschrift für das dem Fürsten Blücher in seiner Vaterstadt Rostock errichtete Denkmal.

Das Interesse an botanischen und mineralogischen Studien ward in Goethe erhalten durch seine jährlich nach Carlsbad und Töplitz unternommenen Badereisen, zu denen ihn sein Gesundheitszustand nöthigte. Einer seiner Freunde erzählte, wie er unterwegs aus dem Wagen gestiegen sei und mit einem Hammer Steine zerklopft habe. Seine Vaterstadt Frankfurt, die er nach siebzehn Jahren (1814) zum ersten mal wieder besuchte, ehrte ihn durch eine Vorstellung seines "Tasso", und feierte auf eine noch glänzendere Weise (1818) seinen siebzigsten Geburtstag durch Ueberreichung eines goldenen Lorbeerkranzes, der an Werth die Summe von 1500 Fl. überstiegen haben soll. Goethe dankte seinen Verehrern durch das in seinen Werken aufbewahrte Gedicht: "Die Feier des 28. August dankbar zu erwiedern."

Das von ihm unter dem Titel: "Kunst und Alterthum" 1816 herausgegebene Journal, welches kurze Reiseberichte, und Recensionen über neuere Werke der Dichtkunst, Malerei und Plastik enthielt, war eine Art von Fortsetzung der Aufsätze, die Goethe früher in Verbindung mit den Weimarischen Kunstfreunden in den "Propyläen" und in der Allgemeinen Literaturzeitung mitgetheilt hatte. Für den Theil seiner Studien, dem er seit früher Jugend unverändert treu geblieben war, gründete er eine, in einzelnen Heften fortlaufende Zeitschrift: "Zur Morphologie und Naturwissenschaft überhaupt" betitelt. Das Gebiet der Poesie, aus dem er sich längere Zeit entfernt hatte, betrat er wieder in einer Art von Fortsetzung seines Romans "Wilhelm Meister", die er unter dem Titel "Wilhelm Meisters Wanderjahre" herausgab. In eigentümlicher Weise suchte er in seinem "Westöstlichen Divan" die orientalische Poesie auf den deutschen Boden zu verpflanzen. An der Bühne und ihren Vorstellungen nahm er wenig Antheil mehr. Das Auftreten eines Thieres in dem bekannten Drama. "Der Hund des Aubry" hielt er für eine so tiefe Herabwürdigung der Bühne, daß er sich dadurch bewogen fand, 1817 die bisher von ihm geführte Theaterdirection niederzulegen.

Die ruhige Besonnenheit und Klarheit, die seinem Geiste stets eigen war und die sich im höhern Alter noch steigerte, vermißte Goethe in der neuern Literatur. Mit der Richtung, die sie genommen, konnte er sich eben so wenig befreunden, als mit den eigenthümlichen Fortschritten der Cultur überhaupt. Nicht ohne Bitterkeit äußerte er sich darüber in einem Briefe vom 9. Juni 1825 mit den Worten: "Alles ist jetzt ultra, alles transcendirt unaufhaltsam, im Denken, wie im Thun. Niemand kennt sich mehr. Niemand begreift das Element, worin er schwebt und wirkt, Niemand den Stoff, den er bearbeitet. Von reiner Einfalt kann die Rede nicht seyn; einfältiges Zeug giebt es genug. Junge Leute werden viel zu früh aufgeregt, und dann im Zeitstrom fortgerissen. Reichthum und Schnelligkeit ist es, was die Welt bewundert. Eisenbahnen, Schnellposten, Dampfschiffe und alle möglichen Facilitäten der Communication sind es, worauf die gebildete Welt ausgeht, sich zu überbilden, und dadurch in der Mittelmäßigkeit zu verharren. Eigentlich ist es das Jahrhundert für die fähigen Köpfe, für leichtfassende, practische Menschen, die, mit einer gewissen Gewandtheit ausgestattet, ihre Superiorität über die Menge fühlen, wenn sie gleich selbst nicht zum Höchsten begabt sind."

Eine ruhigere Stimmung herrschte in einem Briefe Goethe's vom 3. November 1825. "Von mir," schrieb er, "kann ich so viel sagen, daß ich, meinem Alter und Umständen nach, wohl zufrieden seyn darf. Die Verhandlungen wegen einer neuen Ausgabe meiner Werke geben mir mehr als billig zu thun; sie sind nun ein ganzes Jahr im Gange. Alles läßt sich aber so gut an, und verspricht den Meinigen unerwartete Vortheile, um derentwillen es wohl der Mühe werth ist, sich zu bemühen. Auch fehlt es nicht mitunter an guten Gedanken und neuen Ansichten, zu denen man auf der Höhe des Lebens gelangt."

Erhalten ward Goethe in dieser heitern Stimmung durch seinen lebhaften Antheil an zwei Dichtern des Auslandes, mit denen er um diese Zeit in schriftliche Berührung kam. Den Italiener Manzoni, für dessen Tragödie: "Der Graf von Carmagnola," sich Goethe lebhaft interessirte, nannte er in einem seiner Briefe "einen Dichter, der verdiene, daß man ihn studire." Durch die eigentümliche Art und Weise, wie der Lord Byron die dem "Faust" zu Grunde liegende Idee des unbefriedigten Strebens eines reichen, aber in sich zerfallenen Gemüths für das Drama: "Manfred" benutzt hatte, lenkte sich Goethe's Aufmerksamkeit auf diesen Dichter, dessen großes poetisches Talent er zwar anerkannte, doch zugleich sich wieder von ihm zurückgestoßen fühlte durch Byron's an Verzweiflung grenzende Unzufriedenheit mit der Welt und ihren Verhältnissen.

Zu den erfreulichsten Erscheinungen für Goethe in seinem höheren Alter gehörte die durch zahlreiche Gedichte seiner Freunde und Verehrer und durch sonstige werthvolle Gaben gefeierte Wiederkehr seines Geburtstages. Innig freute er sich, daß sein Talent noch immer eine Anerkennung fand zu einer Zeit, wo eine einseitige und befangene Kritik ihm seinen wohlverdienten Dichterruhm zu schmälern suchte. Zu einer allgemeinen und würdigen Feier, nicht blos in Weimar, sondern auch in mehreren andern Städten Deutschlands ward Goethe's Jubelfest im Jahr 1825. Die funfzigste Wiederkehr des Tages, an welchem Goethe in den Weimarischen Lebenskreis eingetreten war, sollte zugleich als sein Dienstjubiläum gefeiert werden. Dies geschah auf den Wunsch seines Fürsten, dem er ein halbes Jahrhundert hindurch seine treue Gesinnung als Staatsmann, Dichter, Rathgeber und Freund im höchsten Sinne des Worts in mannigfacher Weise bethätigt hatte. Aehnliche Festlichkeiten, von denen eine in Weimar erschienene Schrift eine ausführliche Beschreibung lieferte, hatten einige Monate früher, den 5. November 1825 bei dem durch Goethe mehrfach verherrlichten Regierungsjubiläum seines Fürsten statt gefunden.

Goethe war dadurch seiner gewohnten stillen Thätigkeit entzogen worden. Die Nachwirkungen jener geräuschvollen Tage schien er noch lange zu empfinden. Er schrieb darüber den 16. November 1825: "Wie der Eindruck des Unglücks durch die Zeit gemildert wird, so bedarf das Glück auch dieses wohlthätigen Einflusses. Erst nach und nach erhole ich mich vom 7. November. Solchen Tagen sucht man sich im Augenblick möglichst gleich zu stellen, fühlt aber erst hinterher, daß eine solche Anstrengung nothwendig einen abgespannten Zustand zur Folge hat. Ich bin höchst bedrängt, zwar nicht von Sorgen, aber doch von Besorgungen, und das kann sich zuletzt zu einem Grade steigern, daß es fast dasselbe wird."

Den Standpunkt, aus welchem Goethe im höheren Alter das Leben mit seinen mannigfach wechselnden Erscheinungen betrachtete, zeigte folgende Stelle in einem Briefe vom 19ten März 1827: "Mir erscheint der zunächst mich berührende Personenkreis wie ein Convolut sibyllinischer Bücher, deren eins nach dem andern, von Lebensflammen aufgezehrt, in der Luft zerstiebt, und dabei den übrig bleibenden von Augenblick zu Augenblick höhern Werth verleiht. Wirken wir fort, bis wir, vor oder nach einander, vom Weltgeist berufen in den Aether zurückkehren. Möge dann der ewig Lebendige uns neue Thätigkeiten, denen analog, in welchem wir uns schon erprobt, nicht versagen. Fügt er sodann Erinnerung und Nachgefühl des Rechten und Guten, was wir hier schon gewollt und geleistet, väterlich hinzu, so werden wir gewiß um desto rascher in die Kämme des Weltgetriebes eingreifen. Die entelechische Monade muß sich nur in rastloser Thätigkeit erhalten; wird ihr diese zur andern Natur, so kann es ihr in Ewigkeit nicht an Beschäftigung fehlen. Man verzeihe mir diese obstrusen Ausdrücke. Hat der Mensch sich doch von jeher in solche Regionen verloren, in solchen Spracharten sich mitzutheilen versucht, da, wo die Vernunft nicht hinreichte, und wo man doch die Unvernunft nicht wollte walten lassen."

Unter Goethe's poetischen Entwürfen beschäftigte ihn vorzüglich eine Fortsetzung seines "Faust." Diese Tragödie, zu welcher er ein Zwischenspiel, "Helena" betitelt, gedichtet hatte, sollte einen zweiten Theil erhalten. Mit dieser poetischen Arbeit beschäftigte er sich größtentheils in seiner am Park gelegenen Gartenwohnung. Heiter gestimmt ward er durch den Anblick der freien Natur. "Die Vegetation," schrieb er, "hat sich dieses Jahr in der ganzen Umgegend auch an alten Bäumen bemerklich gemacht, und so freue ich mich des lange Versäumten und Vernachlässigten noch mehr, als eines Vermißten und Ersehnten. Ich fühle mich genöthigt, jeden Tag wenigstens einige Stunden in meinem Garten zuzubringen." Den 21. November 1827 meldete Goethe, der zweite Theil des Faust rücke rasch fort. "Die Aufgabe," schrieb er, "ist hier, wie bei der Helena, das Vorhandene so zu bilden und zu richten, daß es zum Neuen passe und klappe, wobei manches zu verwerfen, manches umzuarbeiten ist."

Sein selten wankender Gesundheitszustand gönnte ihm eine rastlose Thätigkeit. Er hatte daher auch seit einigen Jahren seine gewöhnlichen Sommerreisen nach Carlsbad und Töplitz aufgegeben. Hinsichtlich seiner Arbeiten meinte er in einem Briefe vom 22. April 1828: "Wenn der Mensch nicht von Natur zu seinem Talent verdammt wäre, so müßte man sich als thöricht schelten, daß man in einem langen Leben immer neue Pein und wiederholtes Mühsal sich aufläde."

Den Eindruck, den der Tod seines von ihm innig verehrten Fürsten, des Großherzogs Carl August von Sachsen-Weimar, der den 14. Juni 1828 zu Graditz bei Torgau gestorben war, auf Goethe machte, schilderte ein aus Dornburg vom 10. Juli datirter Brief. "Bei dem schmerzlichsten Zustande meines Innern," schrieb Goethe, "mußte ich wenigstens meine äußern Sinne schonen. Ich begab mich daher den 7. Juli hieher, um den düstern Functionen zu entgehen, wodurch man, wie billig und schicklich, der Menge symbolisch darstellt, was sie im Augenblicke verloren hat, und was sie diesmal gewiß auch in jedem Sinne empfindet."

Linderung für seinen Schmerz fand Goethe in der schönen Natur Dornburgs und der Umgegend, wo er längere Zeit verweilte. "Ein reich ausgestatteter Blumengarten," schrieb er, "vollhängende Weingelände sind mir überall zur Seite, und da thut sich dann die alte wohlfundirte Liebschaft wieder auf. Gründliche Gedanken sind ein Schatz, der im Stillen wächst, und Interessen zu Interessen schlägt. Davon zehre ich denn auch gegenwärtig, ohne den kleinsten Theil aufzehren zu können. Denn das ächte Lebendige wächst nach, wie das Bösartige der Hydra auch nicht zu tilgen ist." Diese Aeußerung entlockten dem greisen Dichter die mannichfachen Versuche seiner Gegner, seine poetischen und wissenschaftlichen Bestrebungen in einem falschen Lichte zu zeigen, und ihn dadurch in der Achtung des Publikums herabzusetzen. Goethe äußerte sich darüber mit den Worten: "Von allem, was gegen mich geschieht, keine Notiz zu nehmen, wird mir im Alter, wie in der Jugend erlaubt seyn. Ich habe Breite genug, mich in der Welt zu bewegen, und es darf mich nicht kümmern, ob sich irgend einer da oder dort in den Weg stellt, den ich gegangen bin."

Ueber die ungenügenden und fehlerhaften Geisteserzeugnisse mancher neueren

Schriftsteller, vorzüglich auf dem wissenschaftlichen Felde, äußerte sich Goethe unmuthig in einem Briefe vom 2. Januar 1829. "Es giebt," schrieb er, "sehr vorzügliche Leute, aber die Hansnarren wollen alle von vorn anfangen, und unabhängig, selbstständig, original, eigenmächtig, uneingreifend, gerade vor sich hin, und wie man die Thorheiten alle nennen möchte, wirken, und dem Unerreichbaren genug thun. Ich sehe diesem Gange seit 1789 zu, und weiß, was hätte geschehen können, wenn irgend Einer rein eingegriffen, und nicht jeder ein Peculium für sich behalten hätte. Mir ziemt jetzt 1829 über das Vorliegende klar zu werden, es vielleicht auszusprechen. Doch wenn mir das auch gelingt, wird's doch nichts helfen; denn das Wahre ist einfach und giebt wenig zu thun; das Falsche giebt Gelegenheit, Zeit und Kräfte zu zersplittern."

Wissenschaftliche Forschungen behielten für Goethe noch immer ein sehr lebhaftes Interesse. "Ich suche," schrieb er, "meine Stellung gegen Geologie, Geognosie und Oryktognosie klar zu machen, weder polemisch, noch conciliarisch, sondern positiv und individuell. Das ist das Klügste, was man in alten Tagen thun kann. Die Wissenschaften, mit denen wir uns beschäftigen, rücken unverhältnißmäßig vor, manchmal gründlich, oft übereilt und modisch. Da dürfen wir denn nicht unmittelbar nachrücken, weil wir keine Zeit mehr haben, auf irgend eine Weise leichtsinnig in der Irre zu gehen. Um aber nicht zu stocken und allzuweit zurück zu bleiben, sind Prüfungen unserer Zustände nöthig. Mich bringt nichts ab von meinem alten erprobten Wege: die Probleme sacht wie Zwiebelhäute zu enthüllen, und Respect zu behalten vor allen wahrhaft stilllebenden Knospen. Je älter ich werde, desto mehr vertrau' ich auf das Gesetz, wonach die Rose und Lilie blüht."

Manche erfreuliche Anerkennung ward Goethe's Talenten im In- und Auslande gezollt. Mehrere seiner Freunde und Verehrer in England und Schottland überraschte ihn bei der Wiederkehr seines Geburtstages am 28. August durch das Geschenk eines kostbaren, mit großer Kunstfertigkeit gearbeiteten Petschafts. Fast gleichzeitig erhielt er seine von dem französischen Bildhauer David gefertigte Colossalbüste, anderer werthvollen Geschenke und Auszeichnungen nicht zu gedenken. Sein Leben war in mehrfacher Hinsicht ein glückliches zu nennen. Gleichwohl blieb er nicht verschont von bittern Erfahrungen. Seinen einzigen Sohn, den Kammerrath August v. Goethe, entriß ihm der Tod zu Rom in der Blüthe seiner Jahre, am 28. October 1830. Goethe's Fassung bei diesem Verlust schilderte folgende Stelle in einem seiner damaligen Briefe. "Hier kann allein der große Begriff der Pflicht uns aufrecht erhalten. Ich habe keine Sorge, als mich im Gleichgewicht zu erhalten. Der Körper muß, der Geist will, und wer seinem Wollen die nothwendige Bahn vorgeschrieben sieht, der braucht sich nicht viel zu besinnen."

So ward eine verdoppelte Thätigkeit, die seiner Natur ein dringendes Bedürfniß war, für Goethe zugleich das wirksamste Mittel, schmerzhaften Eindrücken kräftig zu begegnen. Beschäftigte ihn irgend eine große Idee, so entsagte er oft ganze Monate jeder Lectüre, um sich nicht durch andere Gegenstände zu zerstreuen. "Es ist doch," schrieb er, "genau betrachtet, nur eine Philisterei, wenn wir demjenigen zu viel Antheil schenken, worin wir nicht wirken können. Und dann darf ich wohl sagen: ich erfahre das Glück, daß mir in meinem hohen Alter Gedanken aufgehen, welche zu verfolgen und in Ausübung zu bringen, eine Wiederholung des Lebens gar wohl werth wäre. Daher wollen wir uns, so lange es Tag ist, nicht mit Allotrien beschäftigen."

Eine gewisse Begrenzung der Thätigkeit hielt Goethe für nothwendig. "Es ist ganz eins," schrieb er, "in welchem Kreise ein edler Mensch wirkt, wenn er nur diesen Kreis genau kennen zu lernen und völlig auszufüllen weiß. Wofür aber der Mensch nicht wirken kann, dafür sollte er auch nicht ängstlich sorgen, nicht über Bedürfniß und Empfänglichkeit des Kreises hinaus, in den ihn Gott und die Natur gestellt, anmaßlich weiter wirken wollen. Alles Voreilige schadet; die Mittelstraße zu überspringen, ist nicht heilsam. Thue nur jeder an seiner Stelle das Rechte, ohne sich um den Wirrwarr zu bekümmern, der fern oder nah die Stunden auf die unseligste Weise verdirbt, so werden Gleichgesinnte sich bald ihm anschließen, und Vertrauen und wachsende Einsicht von selbst immer größere Kreise bilden."

Diesen Lebensregeln und seiner rastlosen Thätigkeit auch in höherem Alter treu zu bleiben, war ihm durch die fast ununterbrochene Dauer seiner Gesundheit gegönnt. Er genas bald wieder von einem Blutsturz, der ihn 1831 befiel, als er sich mit dem Ordnen seines literarischen Nachlasses und mit dem zweiten Theil des "Faust" beschäftigte. Im August des genannten Jahres ging er nach Ilmenau. Nach seinem eignen Geständniß hatte er sich dorthin begeben, um den persönlichen Huldigungen auszuweichen, die ihn bei der Wiederkehr seines Geburtstages zu überraschen pflegten.

Sichtbar gestärkt kehrte er wieder nach Weimar zurück. Die Kraft und Munterkeit des Geistes im Gespräch mit seinen Freunden ließ kaum ahnen, daß ihm sein Lebensende sehr nahe war. Ein Engländer, der ihn besuchte, schilderte ihn noch so jung und kräftig wie einen Vierziger. Dem kalten Luftzug, der ihn auf dem Gange aus seiner Studirstube nach den vordern Zimmern angeweht habe, schrieb Goethe ein heftiges Bruststechen zu, das nach einer unruhigen Nacht noch am Morgen fortdauerte. Er ahnte keine Gefahr, als ärztliche Mittel jenes Uebel und den fieberhaften Zustand beseitigt hatten. Sein Athem war jedoch noch immer beengt, und in Gegenwart seines Arztes, des Dr. Vogel, den er den 20. März 1832 hatte rufen lassen, preßte ihm der Schmerz schneidende Töne aus. Von einer innern Angst bald in das Bette, bald in den daneben stehenden Lehnstuhl getrieben, fürchtete er eine Wiederkehr des Blutsturzes, der ihn das Jahr zuvor befallen. Seine Gesichtszüge waren verzerrt, das Antlitz graublau, der ganze Körper kalt, und von triefendem Schweiß bedeckt. Er fühlte sich sehr matt, und es traten Augenblicke völliger Bewußtlosigkeit ein. Mitunter phantasirte er, indem er ruhig in seinem Lehnstuhl saß. "Seht," sprach er unter andern, "seht den schönen weiblichen Kopf mit schwarzen Locken, in prächtigem Colorit, mit dunkelm Hintergrunde!" Unter solchen und ähnlichen Phantasieen und Rückerinnerungen an seinen ihm vorangegangenen Freund Schiller, rief er seinem Diener zu, doch den zweiten Fensterladen zu öffnen, damit mehr Licht in's Zimmer komme. Es sollen seine letzten Worte gewesen seyn. Immer schwerer athmend, drückte er sich in die linke Seite seines Lehnsessels. Es war am 22. März 1832, als er wie es schien, schmerzlos verschied.

Jenen Tag, an welchem sieben Jahre früher ein unglücklicher Brand das Weimarische Theater vernichtet, hatte Goethe, dem Glauben an Ahnungen von jeher geneigt, immer für einen tragischen und unglücksschwangern Tag gehalten. Mehrmals hatte er gefragt, der wievielste Tag im März heute sei, und der Zufall wollte, daß er an demselben Tage, in derselben Stunde starb, wo vor dreizehn Jahren sein vieljähriger Freund und Amtscollege, der Minister v. Voigt, verschieden war.

"Am Morgen nach Goethe's Tode," erzählt einer seiner jüngern Freunde, "ergriff mich eine tiefe Sehnsucht, seine irdische Hülle noch einmal zu sehen. Sein treuer Diener Friedrich schloß mir das Zimmer auf, wo man ihn hingelegt hatte. Auf den Rücken ausgestreckt, ruhte er wie ein Schlafender. Tiefer Friede und Festigkeit waltete auf den Zügen seines erhabenen edeln Gesichts. Die mächtige Stirn schien noch Gedanken zu hegen. Ich hatte das Verlangen nach einer Locke von seinen Haaren, doch die Ehrfurcht hinderte mich, sie ihm abzuschneiden. Der Körper lag nackend in ein weißes Betttuch gehüllt. Große Eisstücke hatte man in einiger Nähe umhergestellt, um ihn selbst frisch zu erhalten so lange als möglich. Friedrich schlug das Tuch auseinander, und ich erstaunte über die göttliche Pracht dieser Glieder. Die Brust überaus mächtig, breit und gewölbt; Arme und Schenkel voll und sanft muskulös; die Füße zierlich und von der reinsten Form, und nirgends am ganzen Körper eine Spur von Fettigkeit oder Abmagerung und Verfall. Ein vollkommener Mensch lag in großer Schönheit vor mir, und das Entzücken, das ich darüber empfand, ließ mich auf Augenblicke vergessen, daß der unsterbliche Geist eine solche Hülle verlassen. Ich legte meine Hand auf sein Herz—es war eine tiefe Stille—und ich wendete mich abwärts, um meinen verhaltenen Thränen freien Lauf zu lassen."

Die allgemeine Liebe und Verehrung, die er im Leben genossen, zeigte Goethe's glänzende Begräbnißfeier am 26. März 1832. Eine öffentliche Ausstellung seiner Leiche war der Beerdigung vorangegangen. Seine irdischen Ueberreste empfing die fürstliche Gruft. Die Weimarische Bühne blieb an Goethe's Begräbnißtage geschlossen, und ward am 27. März mit einer Vorstellung seines "Tasso" eröffnet. Am Schlusse des Stücks sprach der Schauspieler Durand einen von dem Geh. Rath und Kanzler v. Müller gedichteten, alle Gemüther tief ergreifenden Epilog. Auch mehrere Gedichte von Goethes Freunden und Verehrern sagten seinen Zeitgenossen, was sie an ihm verloren. In mehrfacher Hinsicht paßten auf ihn selbst die Worte, die er einst am Grabe der Herzogin Amalia von Sachsen-Weimar gesprochen: "Das ist der Vorzug edler Naturen, daß ihr Hinscheiden in höhere Regionen segnend wirkt, wie ihr Verweilen auf der Erde, daß sie uns von dorther, gleich Sternen, entgegen leuchten, als Richtpunkte, wohin wir unsern Lauf bei einer nur zu oft durch Stürme unterbrochenen Fahrt zu lenken haben; daß diejenigen, zu denen wir uns oft als zu Wohlwollenden und Hülfreichen im Leben hinwendeten, nun die sehnsuchtsvollen Blicke nach sich ziehen, als Vollendete, Selige."

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