> Gedichte und Zitate für alle: Hermann Türck: Goethe und sein Faust - 11. Kapitel Seite 1

2019-10-25

Hermann Türck: Goethe und sein Faust - 11. Kapitel Seite 1





11 . Eckermanns Gespräche mit Goethe. Die Förderung des zweiten-Teils von ,,Faust': Faust am Hofe des Kaisers. Die Helena-Tragödie.

Bei der Vollendung des ersten Teiles des „Faust" in den Jahren 1797 bis 1806 mußte Goethe auch gleich auf die Vollendung des ganzen Werkes Bedacht nehmen und den zweiten Teil gleichzeitig soweit im Entwurf fertigstellen, daß sich bei der späteren Vollendung des ganzen Werkes kein Widerspruch zwischen dem ersten und zweiten Teile ergeben konnte. Er schreibt an Schiller am 1. Juli 1797: „Meinen Faust habe ich, in Absicht auf Schema und Übersicht, in der Geschwindigkeit recht vorgeschoben." Am 5. Juli: ,,Ich habe das Ganze als Schema und Übersicht sehr umständlich durchgeführt." Am 4. Mai 1798: ,,Meinen Faust habe ich um ein Gutes weiter gebracht. Das alte noch vorrätige, höchst konfuse Manuskript ist abgeschrieben und die Teile sind in abgesonderten Lagen, nach den Nummern eines ausführlichen Schemas hinter einander gelegt." Zu diesem ausführlichen Schema gehörten aber nach Pniower Stücke, die sich bereits auf den Schluß des zweiten Teiles beziehen. Im September 1800 teilt Goethe Schiller mit, daß seine Helena aufgetreten sei, das heißt, daß er die Dichtung der Helena-Tragödie des zweiten Tels begonnen habe. Im August 1815 gesteht er seinem Freunde Boisseree, daß vom zweiten Teil vieles auch schon fertig ist. Als Boisseree nach dem Ende des zweiten Teiles fragt, antwortet Goethe: ,,Das sage ich nicht, darf es nicht sagen, aber es ist auch schon fertig und sehr gut und grandios geraten, aus der besten Zeit." Die wirkliche Fortarbeit aber ruhte seit dem Jahre 1808, und Ende des Jahres 1816 dachte Goethe sogar daran, in seiner Biographie in einem kurzen Überblick seinen Lesern den Inhalt des geplanten und in einzelnen verstreuten Stellen ausgearbeiteten zweiten Teiles zu erzählen, für den Fall, daß es ihm nicht mehr vergönnt sein sollte, den zweiten Teil zu vollenden. Da seit dem Erscheinen des ersten Teiles im Jahre 1808 immer mehr Zeit verstrich, ohne daß der Dichter der Vollendung des zweiten Teiles näher getreten wäre, so gewöhnte man sich schließlich an den Gedanken, daß der „Faust" unvollendet bleiben würde, und im Jahre 1821 unternahm es infolgedessen Herr Hofrat Schöne in Stralsund seinerseits, diese Fortsetzung des ,,Faust" zu liefern; er sandte das Manuskript seines zweiten Teils von ,,Faust" an Goethe, der es mit einigen höflichen ausweichenden Worten zurückschickte. Im April 1825 schrieb, wie Eckermann erzählt, ein junger Student an Goethe, er bitte ihn um den Plan zum zweiten Teil, da er den Vorsatz habe, dieses Werk seinerseits zu vollenden. Endlich war aber Goethe doch dazu gelangt, die Dichtung weiter fortzuführen. Sein Tagebuch vom 26. Februar 1826 vermerkt: ,,An ,Faust' einiges gedacht und geschrieben." Von da an bricht die Arbeit nicht mehr ab, bis das ganze Werk im Jahre 1831, kurz vor dem Tode des Dichters, vollendet war. Das große Verdienst aber, den Dichter zur Wiederaufnahme der Arbeit angeregt und ihn jahrelang bis zur Vollendung durch stete, rege, verständnisvolle Teilnahme im Feuer erhalten zu haben, so daß der Stoff nicht wieder zum Gerinnen kam, ehe er die vollendete Form angenommen hatte, dieses große Verdienst gebührt Goethes Freund und Sekretär Johann Peter Eckermann. Aus einfachstem Stande sich durch Fleiß und Intelligenz emporarbeitend, hatte er sich zu einer Zeit Goethe genähert, als dieser sich nach jüngeren studierten Hilfskräften umsah, die ihm bei der Herausgabe seiner Werke zur Seite stehen konnten. Eckermanns bescheidenes, gediegenes, tüchtiges Wesen, seine anschmiegende, weiche Natur, seine große Liebe für Goethe und seine hohe Bewunderung von dessen Werken, machten ihn ganz ausnehmend dafür geeignet, so daß Goethe, als Eckermann sich ihm am 10. Juni 1823 in Weimar vorstellte, nachdem er schon vorher mit ihm Briefe gewechselt hatte, ihn sehr freundlich aufnahm und schon am anderen Tage damit beauftragte, in den Frankfurter gelehrten Anzeigen aus den Jahren 1772 und 1773 alles das auszuwählen, was nach seiner Meinung von Goethe stammte und in einer Gesamtausgabe der Werke abgedruckt zu werden verdiente. Von da an blieb Eckermann bis zu des großen Dichters Tode in beständigem Verkehr mit ihm als einer seiner getreuesten Freunde und Helfer. Aus ihrem sehr regen Gedankenaustausch aber entstanden die berühmten „Gespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens" von Johann Peter Eckermann, die umsomehr Anspruch auf Treue und Zuverlässigkeit besitzen, als Eckermann die Aufzeichnungen seiner mit Goethe geführten Gespräche diesem vorlegte und sie von ihm billigen und richtigstellen ließ. Diese Gespräche sind eine Fundgrube der interessantesten Mitteilungen über ,,Faust", wobei man allerdings die tiefsten Aufschlüsse nicht erwarten darf, denn damit hielt Goethe allen, auch Eckermann gegenüber, zurück.

Über den Beginn des zweiten Teiles ist erst neuerdings aus dem Nachlaß Eckermanns eine interessante Bemerkung Goethes bekannt geworden, die uns die Absicht des Dichters deutlich
kundgibt. Goethe sagt da zu Eckermann: ,,Hier ist also der Anfang des zweiten Teiles; da Sie mich kennen, so werden Sie nicht überrascht sein. Ganz in meiner bisherigen müden Art. Es ist, als wäre alles in den Mantel der Versöhnung eingehüllt. Wenn man bedenkt, welche Greuel beim Schluß des ersten Teils auf Gretchen einstürmten und rückwirkend Fausts ganze Seele erschüttern mußten, so könnt ich mir nicht anders helfen, als den Helden, wie ich's getan, völlig zu paralysieren und als vernichtet zu betrachten, und aus solchem scheinbaren Tode ein neues Leben anzuzünden. Ich mußte hierbei eine Zuflucht zu wohltätigen mächtigen Geistern nehmen, wie sie uns in der Gestalt und im Wesen von Elfen überliefert sind. Es ist alles Mitleid und das tiefste Erbarmen. Da wird kein Gericht gehalten, und da ist keine Frage, ob er es verdient oder nicht verdient habe, wie es etwa von Menschenrichtern geschehen könnte. Bei den Elfen kommen solche Dinge nicht in Erwägung. Denen ist es gleich, ob er ein Heiliger oder ein Böser, in Sünde Versunkener ist, ,ob er heilig, ob er böse, jammert sie der Unglücksmann, und so fahren sie in versöhnender Weise beschwichtigend fort und haben nichts Höheres im Sinne, als ihn durch einen kräftigen tiefen Schlummer die Greuel der erlebten Vergangenheit vergessen zu machen: ,Erst badet ihn in Tau von Lethes Flut'." Soweit Goethe zu Eckermann. Nach der Absicht des Dichters erwacht also Faust aus seinem tiefen Schlummer als ein neuer Mensch, aber mit dem alten „Streben zum höchsten Dasein"; doch Faust wird nicht mehr „des Lebens Fackel entzünden" in wonniger Liebesglut ,,mit Schmerzen und Freuden wechselnd ungeheuer"; er hat genug davon gekostet; sondern dem farbigen Abglanz des rein Schönen in der Kunst wendet er sich jetzt zu, um auch auf dieser dritten Station der großen Lebensreise alles das in sich aufzunehmen, was auf ihr genossen und erlebt werden kann, um auch hier, in der Sphäre des rein Schönen, schließlich nur einen Abglanz des ewigen Gutes, nicht das ewige Gut selber zu finden. „Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis" des Unvergänglichen ; auch das Vergängliche des schönen Scheins in Natur und Kunst ist nur ein Abglanz, ein Gleichnis der unvergänglichen Schönheit des höchsten Gutes:

„Des Lebens Pulse schlagen frisch lebendig,
Ätherische Dämmerung milde zu begrüßen;
Du, Erde, warst auch diese Nacht beständig
Und atmest neu erquickt zu meinen Füßen,
Beginnest schon mit Lust mich zu umgeben,
Du regst und rührst ein kräftiges Beschließen,
Zum höchsten Dasein immerfort zu streben . .
.Sie tritt hervor! — und, leider schon geblendet.
Kehr' ich mich weg, vom Augenschmerz durchdrungen . .
Des Lebens Fackel wollten wir entzünden.
Ein Feuermeer umschlingt uns, welch ein Feuer
 Ist's Lieb'? Ist's Haß? die glühend uns umwinden.
Mit Schmerz und Freuden wechselnd ungeheuer.
So daß wir wieder nach der Erde blicken,

Zu bergen uns in jugendlichstem Schleier.
So bleibe denn die Sonne mir im Rücken!
Der Wassersturz, das Felsenriff durchbrausend,
Ihn schau  ich an mit wachsendem Entzücken.
Von Sturz zu Sturzen wälzt er jetzt in tausend,
Dann abertausend Strömen sich ergießend.
Hoch in die Lüfte Schaum an Schäume sausend.
Allein wie herrlich, diesem Sturm entsprießend.
Wölbt sich des bunten Bogens Wechseldauer,
Bald rein gezeichnet, bald in Luft zerfließend.
Umher verbreitend duftig kühle Schauer.
Der spiegelt ab das menschliche Bestreben.
Ihm sinne nach, und du begreifst genauer:
Am farbigen Abglanz haben wir das lieben."

Zu bemerken ist noch : Würde Faust nicht als ein neuer Mensch auftreten, wie könnte er auf der dritten Station der Lebensreise das Neue, das ihm hier im Natur- und Kunstschönen entgegentritt, mit frischer reiner Seele genießen und auf sich wirken lassen. Er wäre nur ein halber Mensch, und wenn er dann zum Schluß auch über die irdische Sphäre des Schönen hinwegschreitet, so würde man dies nicht seinem Ewigkeitsdrang zurechnen, sondern der Geteiltheit seiner Seele, die noch von dem vergangenen Verhältnis zu Gretchen beherrscht und getrübt wäre.

Bevor sich aber Faust dem farbigen Abglanz des Lebens in der reinen Schönheit zuwenden, bevor sich der nordische Geist in ihm mit dem klassischen Schönheitsideal in Gestalt der griechischen Helena vermählen konnte, mußten erst Umwege gemacht werden, wie es bei dem Dichter selbst geschehen war. Bevor Goethe nach Italien gehen konnte, um sich dort ganz dem Genuß und Studium des Natur- und Kunst-Schönen zu widmen, mußte er erst die Dienstjahre am Hofe des Herzogs beenden, den er erst durch Ordnung der Finanzen reich zu machen hatte, um ihn und den Hof alsdann durch Aufführungen, Maskenzüge und Vorlesungen zu unterhalten. Ebenso muß Faust erst dem Kaiser aus seinen Finanznöten durch die Erfindung des Papiergeldes heraushelfen und dann zur Unterhaltung des Hofes die griechische Helena, das Symbol der Schönheit, aus dem Reiche der Mütter heraufbeschwören. Vorher findet jedoch ein Maskenfest, eine Mummenschanz am Hofe des Kaisers statt, auf der unter anderen Gruppen auch ein riesiger Elefant erscheint, der wie ein Berg sich herandrängt, mit bunten Teppichen die Seiten stolz behängt, ein Haupt mit langen Zähnen und schlangenartigem Rüssel. Auf dem Rücken trägt der Elefant einen Turm, und auf der Spitze dieses Turmes steht auf Zehenspitzen die Viktoria, die Göttin des Sieges und Erfolges, von Glanz umgeben, mit leuchtendem Flügelpaar, jeden Augenblick bereit, davonzufliegen, sobald der Elefant nicht richtig gelenkt wird. Diese Lenkung aber hat die Frau Klugheit übernommen, eine zierlich zarte Frau, die dem Elefanten im Nacken sitzt; mit feinem Stäbchen lenkt sie ihn genau. Um den Koloß in Bewegung zu setzen, bedarf es keines muskelstarken Riesen mit schwerem Stachel, sondern eine zierlich zarte Frau mit feinem Stäbchen genügt, ihn so zu leiten, daß der Erfolg, die Viktoria, der Sieg, nicht davonfliegt, sondern dem Ganzen treue Gefolgschaft leistet. Diese Gruppe bedeutet, daß auch das größte und wichtigste Unternehmen, bezeichnet dtirch den riesigen Elefanten mit dem Turm auf dem Rücken, zu einem erfolgreichen Ende geführt werden kann, wie die das Ganze krönende Siegesgöttin beweist, und zwar ohne große Anstrengung, denn nur eine zarte Frau mit feinem Stäbchen ist dazu nötig, wenn die Klugheit das ganze Unternehmen leitet. Zu beiden Seiten des Elefanten aber wandeln angekettet, gefesselt, also unschädlich gemacht, zwei andere allegorische Frauengestalten, nämlich die Furcht und Hoffnung. Das bedeutet, daß, wenn diese nicht in Fesseln geschlagen sind, sondern frei ihre Macht entfalten können, alsdann alle Klugheit nichts hilft, sondern in eitel Torheit sich wandelt, daß alsdann der riesige Elefant nicht mehr richtig gelenkt wird, die Siegesgöttin an der Spitze des Ganzen nicht mehr verbleibt und alles dem Verderben und dem Untergang preisgegeben ist. Furcht und Hoffnung müssen gefesselt sein, wenn die Klugheit oder die Vernunft walten und alles zu einem guten, glücklichen Ende führen soll. Um nämlich mit Klugheit einem bedeutenden Unternehmen rechten Erfolg zu verschaffen, bedarf es eines klaren, unbefangenen Blickes, der die Dinge unvoreingenommen sieht, wie sie in Wirklichkeit sind. Sobald sich aber die Furcht des Herzens bemächtigt, sieht der Mensch alles zu düster an und glaubt Schwierigkeiten und Gefahren wahrzunehmen, wo gar keine vorhanden sind: „Du bebst vor allem, was nicht trifft, und was du nie verlierst, das mußt du stets beweinen." Infolgedessen wird das Tun des Menschen zu vorsichtig, zu bedächtig und ängstlich, man wagt nicht richtig durchzugreifen und entscheidende Maßnahmen zu treffen, man versäumt den günstigen Augenblick und geht so des Erfolges verlustig. Noch gefährlicher ist die trügerische Hoffnung, die alles in einem zu günstigen, zu rosigen Lichte erblicken läßt, so daß die Schwierigkeiten imd Gefahren der betreffenden Situation unterschätzt und die vorteilhaften Momente zu günstig angeschlagen werden. Die Hoffnung verführt zu einem leichtsinnigen, überhasteten, unvorsichtigen Handeln und stürzt den, der ihr blindlings folgt, noch rascher ins Verderben als die Furcht. Bei dem klugen, vernünftigen, einen Erfolg versprechenden Tun muß also die richtige Mitte zwischen Furcht und Hoffnung, zwischen Überschätzung und Unterschätzung der Schwierigkeiten und Gefahren der Lage innegehalten werden, wie denn auch der von der Klugheit gelenkte und von dem Sieg gekrönte Elefant in der Mitte wandelt zwischen Furcht und Hoffnung, die zu seinen beiden Seiten, rechts und links gefesselt dahinschreiten. Wenn Furcht und Hoffnung in Zügel gehalten werden in der Weise, daß nicht abwechselnd bald die eine und bald die andere die Alleinherrschaft an sich reißt und das von Sorge erfüllte Gemüt aus einem Extrem in das andere stürzt, wenn Furcht tmd Hoffnung vielmehr beständig derart gegeneinander ins Gleichgewicht gebracht werden, daß weder Überschätzung noch Unterschätzung der Schwierigkeiten und Gefahren den Geist des Menschen irreführt, sondern eine unbefangene Beurteilung, die der Wirklichkeit und nicht einer bald von der Furcht und bald von der Hoffnung eingeblasenen Phantasie entspricht, dem Menschen den richtigen Weg weist, dann erst ist ein erfolgreiches, sieggekröntes Handeln möglich. Was den Menschen von jeher am meisten geschadet hat, ist eben dieses Hin- und Hergeworfenwerden zwischen den Extremen der Furcht und der Hoffnung, weil die Menschen dadurch an einem erfolgreichen, fruchtbringenden Tun gehindert werden, und darum nennt die Frau Klugheit Furcht und Hoffnung zwei der größten Menschenfeinde; sie sagt, auf ihre gefesselten Begleiterinnen hindeutend:

,,Zwei der größten Menschenfeinde,
Furcht und Hoffnung, angekettet,
Halt ich ab von der Gemeinde;
Platz gemacht! ihr seid gerettet.

Den lebendigen Kolossen
Führ' ich, seht ihr, turmbeladen. 
Und er wandelt unverdrossen
Schritt vor Schritt auf steilen Pfaden.

Droben aber auf der Zinne
Jene Göttin, mit behenden 
Breiten Flügeln, zum Gewinne
Allerseits sich hinzuwenden.

Rings umgibt sie Glanz und Glorie,
Leuchtend fern nach allen Seiten; 
Und sie nennet sich Viktorie,
Göttin aller Tätigkeiten."

Im vierten Teil seiner berühmten „Ethik" weist Spinoza im 47. Lehrsatz darauf hin, daß, „je mehr wir streben, nach der Leitung der wahren Klugheit oder der Vernunft zu leben, wir desto mehr uns bemühen, von der Hoffnung unabhängig zu sein, von der Furcht uns zu befreien, das Glück, soviel wir vermögen, zu beherrschen, und unsere Handlungen nach der sicheren Weisung der Vernunft zu regeln." Und im Beginn der Vorrede zum „Theologisch-Politischen Traktat" sagt Spinoza von der Masse der Menschen, „daß sie in ihrem maßlosen Verlangen nach ungewissen Glücksgütern zwischen Hoffnung und Furcht jämmerlich hin und her taumeln". 

Nach dem Maskenfest mit seinen Aufzügen und nach der Erfindung des Papiergeldes, durch das die Finanzen des Kaisers mit einem Schlage in Ordnung gebracht werden, soll Faust zur Belustigung des Kaisers und des Hofes das Urbild alles Schönen in Gestalt der griechischen Helena aus dem Reiche der Mütter heraufbeschwören. Diese Mütter sind die platonischen Ideen. Denn Plato lehrte, daß alle einzelnen Dinge flüchtig und vergänglich seien; was aber in dem flüchtigsten Wechsel der Dinge beharre und immer wieder zum Vorschein komme, das seien die Ideen oder Formen der Dinge. Die einzelne Rose verblüht und zerstäubt, der einzelne Mensch vergeht und wird wieder zu Erde, die Idee der Rose, die Form des Menschen aber bleibt bestehen und verkörpert sich in immer neuen Individuen. So kommt Plato dazu, anzunehmen, daß gerade die unkörperliche Idee oder Form das einzig Wirkliche und Beharrende sei, während die unzähligen einzelnen körperlichen Dinge nur flüchtige, vergängliche Ausprägungen der ewigen Ideen oder Formen seien. Die ewige Idee oder Form gleicht dem Siegel oder Petschaft, die einzelnen körperlichen Dinge dagegen den unzähligen Abformungen dieses Siegels oder Petschaftes in Wachs oder Siegellack. Weil aus dem Schöße dieser ewigen Ideen oder Formen alle Einzeldinge geboren werden, darum nennt Goethe sie die Mütter. Jedes einzelne Ding hat einen Ort, den es ausfüllt, und eine Zeit, innerhalb deren es existiert; jedes endliche Wesen wird aber auch, wie es in der Zeit entstanden ist, so auch mit der Zeit wieder vernichtet und muß dann den Ort wieder verlassen, den es eingenommen hatte. So ist alles, was an Ort und Zeit gebunden ist, vergänglich. Die unvergänglichen Ideen oder Formen dagegen sind nicht an Ort und Zeit gebunden, weil sie ja keine Einzeldinge sind, sondern nur das Schema, den ewigen Begriff der Einzeldinge in der göttlichen Vernunft darstellen. Daher sagt Mephistopheles von den Müttern, den ewigen Ideen:

„Göttinnen thronen hehr in Einsamkeit, 
Um sie kein Ort, noch weniger eine Zeit; 
Von ihnen sprechen ist Verlegenheit. 
Die Mütter sind es!"

Diese ewigen Ideen oder Formen der Dinge entsprechen zugleich dem Ideal, dem die Dinge immerfort zustreben, ohne es jemals zu erreichen, weil die ewige Idee oder Form gleich in ihrer höchsten Vollendung gedacht ist, während die wirklich existierenden, vergänglichen Einzeldinge nur unvollkommene Abbilder jener höchsten, idealen Formen sind. Einer höchsten, idealen Form aber strebt auch der Künstler nach, der sie in seinem Stoff, sei es Marmor oder Farben oder Töne, verkörpern will. Auch die künstlerischen Ideen oder idealen Formen wohnen daher im Reiche der Mütter und Faust, der als Künstler das höchste Schönheitsideal in Gestalt der griechischen Helena zur Erscheinung bringen will, muß daher in das räum- und zeitlose Gebiet sich begeben, wo die Mütter thronen, um dort des glühenden Dreifußes sich zu bemächtigen, des Symbols der glühenden Begeisterung des Künstlers, vermittelst dessen er die Schönheitsgestalt aus dem Reiche der bloßen Ideen zur sinnenfälligen Anschauung zu bringen vermag:

„Und hast du ihn einmal hierhergebracht. 
So rufst du Held und Heldin aus der Nacht,"

nämlich Paris und Helena. Der Weihrauch, der auf den glühen den Dreifuß geworfen wird, der zu behandelnde künstlerische Stoff, den die glühende Begeisterung des Künstlers erst auflöst, in Rauch verwandelt, und dann formt, wandelt sich zu künstlerischen Gestalten:

„Dann muß fortan nach magischem Behandeln
Der Weihrauchsnebel sich in Götter wandeln,"

in Götter, die dem Schönheitsideal entsprechen. Nach ,,magischem Behandeln" heißt soviel als nach genialem Behandeln. Der Künstler, der das Schöne zur Erscheinung bringen will, bedarf der „magischen Gabe des Genies", sonst wird es Stümperwerk; darum sagt auch gleich darauf Mephistopheles:

„Denn wer den Schatz, das Schöne, heben will,
Bedarf der höchsten Kunst, Magie der Weisen."

Die „Magie der Weisen" ist jenes Erfassen der wesentlichen Form der Dinge, die nur dem Genie eigen ist. Die ewigen Ideen oder idealen Formen prägen sich also einerseits in den unzähligen einzelnen körperlichen Dingen aus, wie das Siegel oder Petschaft in seinen Abdrücken in Wachs oder Siegellack ; andererseits sucht der große Künstler vermittelst der „magischen Gabe des Genies" diese idealen Formen in seinem Stoff, den er bearbeitet, abzubilden; darauf deuten Fausts Worte hin, als er aus dem Reiche der ewigen Ideen heraufsteigt:

„In eurem Namen, Mütter, die ihr thront 
Im Grenzenlosen, ewig einsam wohnt. 
Und doch gesellig, euer Haupt umschweben
Des Lebens Bilder, regsam, ohne Leben. 
Was einmal war, in allem Glanz und Schein, 
Es regt sich dort; denn es will ewig sein. 
Und ihr verteilt es, allgewaltige Mächte, 
Zum Zelt des Tages, zum Gewölb der Nächte.
Die einen faßt des Lebens holder Lauf,
Die andern sucht der kühne Magier auf,"

,,Die einen faßt des Lebens holder Lauf", d. h. sie treten wirklich ins Dasein als lebendige Einzeldinge; ,,die andern sucht der kühne Magier auf", d. h. der geniale Künstler schafft seine Idealgestalten nach diesen ewigen Ideen im Reiche der Mütter.

Vor den Blicken des Kaisers und des Hofes erbaut sich ein Theater, ein griechischer Tempel erscheint, und vor diesem tritt Paris und Helena auf, die höchste Form der männlichen und weiblichen Schönheit. Da ist es nun sehr ergötzlich zu hören, wie die Herren und Damen vom Hofe, ohne wirkliches Gefühl für das wahrhaft Schöne, nur von ihrem beschränkten persönliche Standpunkt aus urteilen, und wie dem entsprechend die Damen für den Paris und gegen die Helena, die Herren für die Helena und gegen den Paris Partei ergreifen und in voreingenommener Weise nur die Einzelheiten kritisieren, statt das Ganze als vollendete, ideale Form ästhetisch auf sich wirken zu lassen. Von wahrer Begeisterung für das Schöne ist bei diesen Hofleuten gar keine Rede. Die Damen sehen in dem Paris den schönen, blühenden jungen Mann und in Helena die häßliche Nebenbuhlerin, die Herren umgekehrt erblicken in der Helena das entzückend schöne, begehrenswerte, reizende Weib und in Paris den flegelhaften Mitbewerber um die Gunst der schönsten Frau. Als Paris hervortritt, ruft die eine Dame aus: „O! welch ein Glanz aufblühender Jugendkraft!" Die zweite bemerkt dazu: ,,Wie eine Pfirsche frisch und voller Saft!" Die dritte lobt „die feingezogenen, süß geschwollenen Lippen!" Ein Ritter dagegen erklärt: ,,Den Schäferknecht glaub' ich allhier zu spüren, vom Prinzen nichts und nichts von Hofmanieren." Als die Helena hervortritt, bemerkt ein Herr bewundernd: „Fürstinnen hab ich dieser Art gesehn; mich deucht, sie ist vom Kopf zum Fuße schön." Eine ältere Dame dagegen findet sie ,,groß, wohlgestaltet, nur der Kopf zu klein." Eine jüngere bemerkt dazu: „Seht nur den Fuß! Wie könnt' er plumper sein." 

Faust als genialer, von Gott begeisterter Mensch aber wird von dem Anblick der vollkommenen Schönheit aufs tiefste ergriffen. Was für die philisterhaften Damen und Herren vom Hofe nur eine belustigende Augenweide ist, mit der sie nichts Tieferes zu verbinden wissen, das ist für das Genie innigste Herzenssache und erfüllt den Übermenschen mit einer solchen Hingebung und Hingerissenheit, daß dieses von ihm selber zur Erscheinung gebrachte Schönheitsideal in der griechischen Helena ihn stärker anzieht, als es jemals ein wirklich existierendes, lebendes schönes Weib zu tun vermocht hätte. Ja, er verwechselt sogar Ideal und Wirklichkeit, er vergißt die banale Gegenwart und lebt so ganz in dem unwirklichen Schauspiel, daß er selber zum Mitspieler darin wird und die Helena dem Paris mit Gewalt zu entreißen beabsichtigt, ein Symbol dafür, wie ganz der Künstler mit seiner Seele in seinen Gestalten aufgeht. Als sie hervortritt, ruft Faust ganz hingerissen von dem Anblick aus: 

„Hab' ich noch Augen? Zeigt sich tief im Sinn 
Der Schönheit Quelle reichlichstens ergossen? 
Mein Schreckensgang bringt seligsten Gewinn. 
Wie war die Welt mir nichtig, unerschlossen! 
Was ist sie nun seit meiner Priesterschaft?
Erst wünschenswert, gegründet, dauerhaft!
Verschwinde mir des Lebens Atemkraft, 
Wenn ich mich je von dir zurückgewöhne! —
Die Wohlgestalt, die mich voreinst entzückte,
In Zauberspiegelung beglückte, 
War nur ein Schaumbild solcher Schöne! 
Du bist's, der ich die Regung aller Kraft, 
Den Inbegriff der Leidenschaft,
Dir Neigung, Lieb, Anbetung, Wahnsinn zolle."

Keine Kommentare: