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2019-10-20

Hermann Türck: Goethe und sein Faust - 1. Kapitel Seite 2





„Bedenke ich es aber jetzt genauer, so finde ich hier den Keim der Nichtachtung, ja der Verachtung des Publikums, die mir eine ganze Zeit meines Lebens anhing und nur spät durch Einsicht und Bildung ins gleiche gebracht werden konnte."

Hier spricht es Goethe selber aus, von wie großer, bleibender Bedeutung diese Jugendeindrücke waren. Sein Mephistopheles ist also nicht nur die Verkörperung allem vernichtenden und zerstörenden Gewalten der Natur, sondern auch die Verkörperung des Vernichtenden und  erstörenden, das in dem kleinlichen, philiströsen Wesen der Menschen hegt. Mephistopheles ist der alles Große, Hohe und Bedeutende herabsetzende und in den Staub ziehende Philister par excellence, und darum läßt der Dichter später den Mephistopheles Gott dem Herrn die Wette anbieten, daß es ihm gelingen werde, den dem Höchsten zustrebenden Geist des Faust Von seinem idealen Ziele abzulenken:

„Staub soll er fressen und mit Lust,
Wie meine Muhme, die berühmte Schlange."

Der Philister verneint alles Hohe und Überragende tmd zieht es herab auf sein eigenes Niveau. Er versteht nicht tmd achtet nicht die Größe des Genies. Wie Friedrich II. geschmäht und verleumdet wurde, so geht es auch jedem anderen das gewöhnliche Maß überragenden Menschen. Und so glaubt auch Mephistopheles als Verkörperung alles Verneinenden, als Personifikation des das Genie anfeindenden Philsterttums, nicht an den Genius in Faust und hofft ihn bald in den Staub ziehen zu können.

Mephistopheles ist „der Geist, der stets verneint", wie er von sich selber sagt, und so wie er des bejahenden, aufbauenden Gottes Feind ist, so ist er auch der Feind und Widersacher des göttlichen, bejahenden, produktiven, schaffenden Genies.

Eine lebende Verkörperung des mephistophelischen, verneinenden, alle Fehler und Flecken betonenden Prinzips trat dem genialen Knaben auch in der Person des Hofrats Huisgen entgegen. Dieser, ein scharfsinniger Jurist, bemühte sich, seine Menschenverachtung auch dem jungen Goethe einzuflößen. „Ich hatte nicht lange um ihn gelebt", erzählt dieser, ,,und seine Lehren vernommen, als ich wohl merken konnte, daß er mit Gott und der Welt in Opposition stehe. Eins seiner Lieblingsbücher war Agrippa de vanitate scientiarum, das er mir besonders empfahl und mein junges Gehirn dadurch eine Zeit lang in ziemliche Verwirrung setzte. Ich war im Behagen der Jugend zu einer Art von Optimismus geneigt und hatte mich mit Gott oder den Göttern ziemlich wieder ausgesöhnt: denn durch eine Reihe von Jahren war ich zu der Erfahrung gekommen, daß es gegen das Böse manches Gleichgewicht gäbe, daß man sich von den Übeln wohl wieder herstelle, und daß man sich aus Gefahren rette und nicht immer den Hals breche. Auch was die Menschen taten und trieben, sah ich läßlich an und fand manches Lobenswürdige, womit mein alter Herr keineswegs zufrieden sein wollte. Ja, als er einmal mir die Welt ziemlich von ihrer fratzenhaften Seite geschildert hatte, merkte ich ihm an, daß er noch mit einem bedeutenden Trumpfe zu schließen gedenke. Er drückte, wie in solchen Fällen seine Art war, das bünde linke Auge stark zu, blickte mit dem andern scharf hervor und sagte mit einer näselnden Stimme: ,Auch in Gott entdeck' ich Fehler."

' Man sieht, eine köstliche Mephistophelesfigur, die hier dem künftigen Faustdichter schon so früh begegnet. Auch das Buch, das er dem Knaben empfahl, Agrippas Schrift ,,Über die Ungewißheit und Eitelkeit aller Künste und Wissenschaften", ist von großer Bedeutung für die Entstehung von Goethes ,,Faust" geworden, und als der Dichter, wie wir später sehen werden, 1769, mit zwanzig Jahren, die Idee des Faustgedichtes zum

ersten Male erfaßte, da hat er bald darauf auch diese Schrift Agrippas wieder vorgenommen imd sich eifrig damit beschäftigt. Schon der Titel dieser Schrift „Über die Ungewißheit und Eitelkeit aller Künste und Wissenschaften" erinnert lebhaft an den Beginn des ersten Monologes:

„Habe nun, ach, Philosophie, 
Juristerei und Medizin, 
Und leider auch Theologie 
Durchaus studiert, mit heißem Bemühn. 
Da steh' ich mm, ich armer Tor! 
Und bin so klug als wie zuvor; 
Heiße Magister, heiße Doktor gar. 
Und ziehe schon an die zehen Jahr 
Herauf, herab und quer und krumm 
Meine Schüler an der Nase herum — 
Und sehe, daß wir nichts wissen können! 
Das will mir schier das Herz verbrennen."

Daß wir nichts wissen können, ist der Inhalt des ganzen Buches von Agrippa, und daß die akademischen Lehrer ihre Schüler an der Nase herumziehen, betont er häufig genug. Was dann später Goethe als Student in Leipzig erfuhr, war ztun Teil wenigsten seine Bestätigung der Ausführungen Agrippas. 

Die Sage vom Doktor Faust muß Goethe damals schon gekannt haben, doch ohne seine persönlichen Erfahrungen irgendwie damit in Beziehung gesetzt zu haben. Er erzählt von den Volksbüchern, die, auf schlechtem Papier gedruckt, bei einem Büchertrödler für weniges Geld von ihm und seiner Schwester erstanden wurden. Leicht kann darunter auch das Volksbuch vom Doktor Faust in einer verkürzten Ausgabe sich befunden haben. „Der Verlag- oder vielmehr die Fabrik jener Bücher, welche in der folgenden Zeit unter dem Titel Volksschriften, Volksbücher bekannt und sogar berühmt geworden, war in Frankfurt selbst", erzählt Goethe. ,,Und wir Kinder hatten also das Glück, diese schätzbaren Überreste der Mittelzeit auf einem Tischchen vor der Haustür eines Büchertrödlers täglich zu finden und sie für ein paar Kreuzer uns zuzueignen." Aber auch das Puppenspiel vom Doktor Faust kann er als Knabe schon gesehen haben, denn mehrfach haben zu der Zeit Puppenspieler in Frankfurt ihr Zelt aufgeschlagen und unter anderen Stücken auch den „Doktor Faust" gegeben. Die erste Erwähnung der volkstümlichen Faustgestalt finden wir in Goethes Drama „Die Mitschuldigen", Da sagt der von Angst erfüllte Söller:

„Vielleicht ist's 'raus. O weh ! O wüßt' ihr, wie mir's graust. Es wird mir siedend heiß. So war's dem Doktor Faust Nicht halb zumut, nicht halb war's so Richard dem Dritten. Höll' da! Der Galgen da! Der Hahnrey in der Mitten!"

Sein Verhältnis zu der Figur des Doktor Faust blieb aber ein rein äußerliches, und bei den mannigfachen dichterischen Entwürfen hat der jimge Goethe weder zuerst in Frankfurt,
noch in der darauffolgenden Periode in Leipzig an den Doktor Faust als Stoff für ein dichterisches Werk gedacht. Dazu war die Faustfigur, wie sie ihm aus dem Volksbuch und Puppenspiel entgegentrat, eine zu erbärmliche, und es mußte erst eine völlige Umgestaltung und Umkehrung des Verhältnisses von Faust und Teufel stattfinden, um ihm die Faustgestalt sympathisch zu machen tmd innerlich so nahe zu bringen, daß er sich damit in eins setzen und sie so zum Träger seines eigenen innersten und tiefsten Lebens machen konnte. 

Einige Worte seien hier gleich über die Persönlichkeit des Doktor Faust und die Geschichte des von ihm handelnden Volksbuches und Puppenspiels gesagt. Es ist sehr wenig Bestimmtes imd Sicheres über den wirkHchen Faust bekannt, so wenig, daß man nicht einmal mit Bestimmtheit feststellen kann, wo und wann er geboren und gestorben ist, ob er mit Vornamen Johann oder Georg hieß, und ob Faust sein Familienname oder ein angenommener Name war. Die erste Erwähnung seiner Persönlichkeit geschieht in einem Briefe des gelehrten Abtes Trittheim im Jahre 1507, und zwar in einer für Faust sehr wenig schmeichelhaften Weise. Der historische Faust scheint danach ein arger Vagabund imd Schwindler und einer der größten Aufschneider gewesen zu sein. Er rühmte sich, als der mächtigste Zauberer, die wunderbarsten Dinge vollbringen zu können, scheint viel herumgekommen und, ziemlich betagt, imi das Jahr 1539 herum gestorben zu sein. Man sprach viel von seinen vermeintlichen Wundertaten, erzählte sich seine losen Streiche, und so entstand ein ganzer Sagenkreis, wobei auch viele vermeintliche Wundertaten anderer Zauberer auf ihn übertragen wurden. Schließlich faßte ein anonymer Schriftsteller diese Geschichten zusammen und machte ein Buch daraus, indem er selber noch mancherlei aus verschiedenen Quellen Geschöpftes dazu tat. Der Buchdrucker Johann Spies ließ dann das Buch in Frankfurt a. M. im Jahre 1587 zuerst erscheinen. Es fand so viel Anklang, daß es noch mehrmals gedruckt wurde, mit Nachträgen und Erweiterungen ; dann aber verlor es sich, so daß es äußerst selten wurde und jetzt nur noch in wenigen Exemplaren vorhanden ist. Goethe hat es höchst wahrscheinlich nie zu Gesicht bekommen. Eine photographische Nachbildung dieses seltenen Buches ist von Wilhelm Scherer herausgegeben. Der Titel lautet: „Historia von D. Johann Fausten, dem weitbeschreyten Zauberer und Schwartzkünstler. Wie er sich gegen dem Teuffei auff eine benandte Zeit verschrieben, Was er hierzwischen für seltzame Abentheuwer gesehen, selbs angerichtet vnd getrieben, biß er endtlich seinen wol verdienten Lohn empfangen. Mehrertheils auß seinen eygenen hinderlassenen Schriften, allen hochtragenden, fürwitzigen vnd Gottlosen Menschen zum schrecklichen Beyspiel, abscheuwlichen Exempel vnd treuwhertziger Warnung zusammen gezogen, vnd in Druck verfertiget. Jacobi III. Seyt Gott vnderthänig, widerstehet dem Teuffei, so fleuhet er von euch. Gedruckt zu Frankfurt am Mayn, durch Johann Spies. 1587." 

Die im Inhalt mehrfach abweichende ältere Wolfenbüttler Handschrift hat Milchsack 1892—1897 herausgegeben. Im Jahre 1599 erschien dann in Hamburg eine von Georg Rudolf Widman durch fromme und gelehrte Betrachtungen sehr stark erweiterte Bearbeitung dieses Buches, die auch sehr selten geworden ist, wenn auch lange nicht in dem Maße, wie das Spiessche Volksbuch. Ein Exemplar davon befand sich schon zu des jungen Goethe Zeit auf der Stadtbibliothek in Frankfurt und kann von

ihm dort eingesehen worden sein. Eine Bearbeitung der Widmannschen Ausgabe des Volksbuches durch den Arzt Johann Nicolaus Pfitzer, die zuerst 1674 und dann noch in einer ganzen Reihe von Auflagen erschien, ist dagegen ziemlich häufig. Es ist die Bearbeitung des Volksbuches, die Goethe sich im Jahre 1801 von der herzoglichen Bibliothek in Weimar auslich und sicherlich auch schon früher gekannt hat. Der Titel lautet: ,,Das ärgerliche lieben und schreckliche Ende deß viel-berüchtigten Ertz-Schwarzkünstlers Johannis Fausti, Erstlich, vor vielen Jahren fleißig beschrieben, von Georg Rudolph Widman; Jetzo, aufs neue übersehen, tmd so wol mit neuen Erinnerungen, als nachdenklichen Fragen und Geschichten, der heutigen bösen Welt, zur Warnung, vermehret. Durch Ch. Nicolaum Pfitzerum, Med. Doct Nürnberg, In Verlegung Wolfgang Moritz Endters und Johann Andreae Endters Sei. Erben. 1674."

Eine kurze Bearbeitung des Volksbuches von einem Christlich-Meynenden, wie sich der unbekannte Autor nennt, erschien zuerst wohl um 1712 und dann noch öfters.

Bald nach dem Erscheinen des ältesten Volksbuches vom Doktor Faust von 1587 benutzte der englische Dichter Marlowe den Stoff zu einem Drama. Englische Komödianten brachten dann die Marlowesche Faust-Tragödie nach Deutschland, wo sie in deutscher Bearbeitung viel gespielt wurde, bis schließlich das Puppenspiel vom Doktor Faust daraus entstand. Es gibt von diesem Puppenspiel verschiedene Fassungen. Eine ganze Anzahl davon hat Scheible in seinem großen Sammelwerk „Das Kloster" abgedruckt.

Goethe hat also diesem Stoff, den er sicherlich schon früh gekannt hat, zuerst fremd gegenüber gestanden und hat an dessen poetische Verwertung zunächst nicht gedacht. Dagegen machte
er schon sehr zeitig jene Erfahrungen, die ihn später befähigten, sich dieses Stoffes zu bemächtigen und ihn in einzigartiger Weise zum Mittel des Ausdrucks seines eigenen innersten Lebens zu gestalten. Es seien hier noch zwei Momente hervorgehoben, die dabei in Betracht kommen: erstens der tiefe Natursinn und die religiöse Stimmung, wie sie später im Faustgedicht zu Tage treten und schon im jungen Heros lebendig wirksam waren, und zweitens das enthusiastische Verhältnis zum Weibe, wie es in der Gretchen-Tragödie zum wundervollsten dichterischen Ausdruck gelangte und im Knaben bereits seine tiefste Wirkung ausübte.

Was den ersten Punkt anlangt, so war der Religionsunterricht, den Goethe früh genoß, nicht imstande, ihm die Religion wirklich nahe zu bringen. Er berichtet darüber: „Der kirchliche Protestantismus, den man uns überlieferte, war eigentlich nur eine Art trockene Moral; an einen geistreichen Vortrag ward nicht gedacht, und die Lehre konnte weder der Seele noch dem Herzen zusagen." Darum machte sich der Knabe seine eigene Gottesverehrung zurecht. Er kam auf den Gedanken, „sich dem großen Gotte der Natur, dem Schöpfer und Erhalter Himmels und der Erden, dessen frühere Zornäußerungen schon lange über der Schönheit der Welt und dem mannigfaltigen Guten, das uns darin mitgeteilt wird, vergessen waren, unmittelbar zu nähern; der Weg dazu aber war sehr sonderbar. Der Knabe hatte sich überhaupt an den ersten Glaubensartikel gehalten. Der Gott, der mit der Natur in unmittelbarer Verbindung stehe, sie als sein Werk anerkenne und liebe, dieser schien ihm der eigentliche Gott, der ja wohl auch mit dem Menschen wie mit allem übrigen in ein genaueres Verhältnis treten könne und für denselben ebenso wie für die Bewegung der Sterne, für Tages- und Jahreszeiten, für Pflanzen und Tiere Sorge tragen werde. Einige Stellen des Evangeliums besagen dies ausdrücklich. Eine Gestalt konnte der Knabe diesem Wesen nicht verleihen; er suchte ihn also in seinen Werken auf und wollte ihm auf gut alttestamentarische Weise einen Altar errichten. Naturprodukte sollten die Welt im Gleichnis vorstellen, über diesen sollte eine Flamme brennen und das zu seinem Schöpfet sich aufsehnende Gemüt des Menschen bedeuten. Nim wurden aus der vorhandenen Naturaliensammlung die besten Stufen und Exemplare herausgesucht; und mit Benutzung eines Musikpults des Vaters in Gestalt einer vierseitigen Pyramide baute er nun stufenweise die Abgeordneten der Natur übereinander, so daß es recht heiter und bedeutend genug aussah. Nun sollte bei einem frühen Sonnenaufgang die erste Gottesverehrung angestellt werden; nur war der junge Priester nicht mit sich einig, auf welche Weise er eine Flamme hervorbringen sollte, die doch auch zu gleicher Zeit einen guten Geruch von sich geben müsse. Endlich gelang ihm ein Einfall, beides zu verbinden, indem er Räucherkerzen besaß, welche, wo nicht flammend, doch glimmend den angenehmsten Geruch verbreiteten. Ja, dieses gelinde Verbrennen und Verdampfen schien noch mehr das, was im Gemüt vorgeht, auszudrücken. Aber Nachbarhäuser verdeckten den Osten. Endlich erschien sie über den Dächern; sogleich ward ein Brennglas zur Hand genommen und die in einer schönen Porzellanschale auf dem Gipfel stehenden Räucherkerzchen angezündet. Alles gelang nach Wunsch, und die Andacht war vollkommen."

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