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2019-10-21

Hermann Türck: Goethe und sein Faust - 3. Kapitel Seite 1





3. Goethe als Rekonvaleszent in Frankfurt. Einfluß der Susanne von Klettenberg. Alchimie und Mystik. Paracelsus von Hohenheim. Beschäftigung mit Götz von Berlichingen und Faust.


Als langsam Genesender, von schwerer Krankheit erstanden und noch immer leidend, kehrte Goethe im September 1768 von Leipzig nach Frankfurt zurück, wo die Ruhe und sorgsame Pflege im Vaterhause seine Wiederherstellung beförderten. Bald aber zeigten sich neue Krankheitserscheinungen, die im Dezember 1768 einen so bedrohlichen Charakter annahmen, daß man zwei Tage lang wieder für sein Leben fürchten mußte. Es war eine überaus heftige Kolik, deren Schmerzen man nicht zu lindem vermochte. In ihrer Verzweiflung drängte die Mutter Goethes den Arzt, ein alchimistisches Geheimmittel anzuwenden, mit dem er nur sehr ungern und höchst selten, nur in der äußersten Not, herausrückte; es half wirklich, und von der Stunde an besserte sich Goethes Zustand wesentlich. Doch noch bis zum März des Jahres 1769 war Goethe ans Zimmer und zum Teil auch noch ans Bett gefesselt. Und wiederum, wie in seiner Krankheitszeit in Leipzig, machen wir die wunderbare Erfahrung an ihm, daß er, der unruhige Geist, der überaus lebhafte, quecksilbergleich lebendige und leidenschaftliche junge Mensch, nicht klagt und stöhnt und verzweifelt sich gebärdet, sondern im Gegenteil trotz aller furchtbaren Schmerzen, trotz aller ausgestandenen Todesangst und trotz aller seinem lebhaften Wesen auferlegten Einschränkung und ungewohnten Einsamkeit eine Seelenruhe und Heiterkeit des Geistes zeigt, die ihn befähigt, nicht nur sich, sondern auch seine verzweifelten Angehörigen zu trösten und wieder aufzurichten. So schreibt er an Käthchen Schönkopf im Dezember 1768, drei Wochen nach der Krisis: „Unglück ist auch gut. Ich habe viel in der Krankheit gelernt, das ich nirgends in meinem Leben hätte lernen können. Es ist vorbei, und ich bin wieder ganz munter, ob ich gleich volle drei Wochen nicht aus der Stube gekommen bin und mich fast niemand besucht als mein Doktor, der Gott sei Dank ein Liebenswürdiger Mann ist. Ein närrisch Ding um uns Menschen: wie ich in munterer Gesellschaft war, war ich verdrießlich; jetzt bin ich von der Welt verlassen und bin lustig; denn selbst meine Krankheit über hat meine Munterkeit meine Familie getröstet, die gar nicht in einem Zustande war, sich, geschweige mich zu trösten."

Die neue Erfahrung, die er während seiner Krankheit in Leipzig angesichts des drohenden Todes gemacht hatte, war also für ihn von bleibendem Wert; von irdischen Dingen abgesondert, fand
er es höchst erwünscht, die Lebhaftigkeit seines Geistes gegen die himmlischen Dinge zu wenden und die religiösen Gesinnungen, die Angelegenheiten des Herzens, die auf das Unvergängliche Bezug haben, zu pflegen ; nur daß ihm dabei nicht wie in Leipzig der gelehrte Langer, sondern zwei herzensfromme Frauen zur Seite standen, seine Mutter und deren Verwandte und Freundin Fräulein Susanne von Klettenberg. Während aber Langer nach den Andeutungen, die Goethe macht, jedem Überschwang des Gefühls, abhold war und einen mehr nüchtern verständigen Gebrauch von dem Trost und der Stärkung machte, die in den Worten der Heiligen Schrift liegen, begegnete Goethe bei seiner Mutter und noch mehr bei dem Fräulein von Klettenberg einer gefühlsinnigen, enthusiastischen, mystisch gerichteten Auffassung der christlichen Religion, die Goethes angeborener Neigung und tief innerer Veranlagung ungleich mehr entsprach, als die nüchtern verständige Art Langers. Schon diesem gegen über, der ihn auf das Erhebende und Aufrichtende in der religiösen Gesinnung aufmerksam machte, vertrat er die enthusiastische Auffassung im Gegensatz zur nüchtern-verständigen, und Goethe sagt daher mit Bezug auf jene schwere Zeit in Leipzig, in der Langer ihm die Heilige Schrift wieder nahe gebracht hatte:

„Einem Duldenden, zart, ja schwächlich Fühlenden war daher das Evangelium willkommen, und wenn auch Langer bei seinem Glauben zugleich ein sehr verständiger Mann war und fest darauf hielt, daß man die Empfindung nicht solle vorherrschen, sich nicht zur Schwärmerei solle verleiten lassen, so hätte ich doch nicht recht gewußt, mich ohne Gefühl und Enthusiasmus mit dem neuen Testament zu beschäftigen."

Hier in Frankfurt aber wurde ihm gerade diese gefühlsinnige, enthusiastische Auffassung der Lehre des Evangeliums, die seiner angeborenen Neigung entsprach, als die richtige und heilbringende empfohlen, und so war es kein Wunder, daß er eifrig darnach strebte und nun doppelten Gewinn davontrug und einen bleibenden, stillen und tiefen Eindruck fürs Leben gewann. Das, was ihn daran fremd anmutete und störte, die kirchlich dogmatische Einkleidung, die Lehre von der Erbsünde und der Unfähigkeit des Menschen, aus eigener Kraft das Gute zu finden und zu tun, ließ er beiseite, indem er sich nur an den Kern der erhabenen Lehre hielt und alle späteren kleinmenschlichen Beimischungen mit dem richtigen Instinkt seiner genialen Natur aufspürte und von sich wies.

Der Arzt, der ihn durch ein alchimistisches Geheimmittel kuriert hatte, gehörte auch dem Kreise der innerlich Frommen und Gottseligen an, und wie es in jenen Zeiten des öftern geschah, so verband auch dieser Mann eine mystisch gottinnige Gesinnung mit einem mystischen Naturstudium. Er veranlaßte auch Fräulein von Klettenberg zu dem Studium der Alchimie, tmd durch diese wiederum wurde Goethe dazu angeregt. Dieser berichtet darüber in „Dichtung und Wahrheit":

„Um den Glauben an die Möglichkeit eines solchen Universalmittels zu erregen und zu stärken, hatte der Arzt seinen Patienten, wo er nur einige Empfänglichkeit fand, gewisse mystische chemisch-alchimistische Bücher empfohlen und zu verstehen gegeben, daß man durch eignes Studium derselben gar wohl dahin gelangen könne, jenes Kleinod sich selbst zu erwerben; welches um so notwendiger sei, als die Bereitung sich sowohl aus physischen als besonders aus moralischen Gründen nicht wohl überliefern lasse, ja daß man, um jenes große Werk einzusehen, hervorzubringen und zu benutzen, die Geheimnisse der Natur im Zusammenhang kennen müsse, weil es nichts Einzelnes, sondern etwas Universelles sei, und auch wohl gar unter verschiedenen Formen und Gestalten hervorgebracht werden könne. Meine Freundin hatte auf diese lockenden Worte gehorcht. Das Heil des Körpers war zu nahe mit dem Heil der Seele verwandt; und könnte je eine größere Wohltat, eine größere Barmherzigkeit auch an andern ausgeübt werden, als wenn man sich ein Mittel zu eigen machte, wodurch so manches Leiden gestillt, so manche Gefahr abgelehnt werden könnte? Sie hatte schon insgeheim Wellings Opus mago-cabbalisticum studiert, wobei sie jedoch, weil der Autor das Licht, was er mitteilt, sogleich wieder selbst verfinstert und aufhebt, sich nach einem Freunde umsah, der ihr in diesem Wechsel von Licht und Finsternis Gesellschaft leistete. Es bedurfte nur einer geringen Anregung, um auch mir diese Krankheit zu inokulieren. Ich schaffte das Werk an, das, wie alle Schriften dieser Art, seinen Stammbaum in gerader Linie bis zur neuplatonischen Schule verfolgen konnte. Meine vorzüglichste Bemühung an diesem Buche war, die dunklen Hinweisungen, wo der Verfasser von einer Stelle auf die andere deutet und dadurch das, was er verbirgt, zu enthüllen verspricht, aufs genaueste zu bemerken und am Rande die Seitenzahlen solcher sich einander aufklären sollender Stellen zu bezeichnen. Aber auch so blieb das Buch noch dunkel und unverständlich genug; außer daß man sich zuletzt in eine gewisse Terminologie hineinstudierte, und indem man mit derselben nach eignem Belieben gebarte, etwas, wo nicht zu verstehen, doch wenigstens zu sagen glaubte. Gedachtes Werk erwähnt seiner Vorgänger mit vielen Ehren, und wir wurden daher angeregt, jene Quellen selbst aufzusuchen. Wir wendeten uns nun an die Werke des Theophrastus Paracelsus und Basilius Valentinus; nicht weniger an Helmont, Starkey und andere, deren mehr oder weniger auf Natur und Einbildung beruhende Lehre und Vorschriften wir einzusehen und zu befolgen suchten. Mir wollte besonders die Aurea Catena Homeri gefallen, wodurch die Natur, wenn auch vielleicht auf phantastische Weise, in einer schönen Verknüpfung dargestellt wird; und so verwendeten wir, teils einzeln, teils zusammen, viele Zeit an diese Seltsamkeiten imd brachten die Abende eines langen Winters, während dessen ich die Stube hüten mußte, sehr vergnügt zu, indem wir zu dreien, meine Mutter mit eingeschlossen, uns an diesen Geheimnissen mehr ergötzten, als die Offenbarung derselben hätte tun können."

Im Zusammenhang damit steht noch ein anderes bedeutendes Werk, das Goethe für sich allein studierte und von dem er mit großer Achtung spricht. Er sagt darüber:

„Einen großen Einfluß erfuhr ich dabei von einem wichtigen Buche, das mir in die Hände geriet; es war Arnolds Kirchen und Ketzergeschichte. Dieser Mann ist nicht ein bloß reflektierender Historiker" (der auch über Paracelsus und die Alchimisten viel berichtet), „sondern zugleich fromm und fühlend. Seine Gesinnungen stimmten sehr zu den meinigen, und was mich an seinem Werk besonders ergötzte, daß ich von manchen Ketzern, die man mir bisher als toll oder gottlos vorgestellt hatte, einen vorteilhafteren Begriff erhielt."

Auf diese Werke nun, die Goethe in dieser Zeit studierte, müssen wir genauer eingehen, denn hier Hegt die Quelle, aus der das Hauptwerk Goethes, sein gewaltiges Faustgedicht, entsprungen ist. Wichtige äußere und innere Erfahrungen, die er in diesem zum Ausdruck bringt, hatte er schon früher gemacht; auch der Stoff, die Faustsage, war ihm schon lange bekannt; daß er aber beides zusammenbrachte, seine Erfahrungen und diesen Stoff, daß er sich dieses Stoffes jetzt bemächtigte und ihn so modelte und zurechtschnitt, daß er ihn als Mittel benutzen konnte, und seinen eigenen äußeren und inneren Erfahrungen, seinem eigenen tiefsten Fühlen und Denken darin Ausdruck zu geben, das hat das Studium jener Werke zuwege gebracht. So lange nämlich die Figur des Faust nur als der gemeine Zauberer, wie ihn das Volksbuch und Puppenspiel aufweisen, in Goethes Vorstellung lebte, konnte dieser keinen tieferen Anteil daran nehmen. Der gemeine Schwarzkünstler und Zauberer Faust des Volksbuchs und Puppenspiels beschwört den Teufel, weil die Barschaft des Vettern, die er geerbt, wegen täglichen Fressens, Saufens, Spielens in Abnahme geraten und er vom Teufel zeitliche Freude und tägliches Wohlleben überkommen und erlangen will, wie das Volksbuch vom Doktor Faust in Pfitzers von Goethe benutzter Bearbeitung sich ausdrückte. Der Teufel verspricht dem Faust, daß dieser 24 Jahre lang „allerhand erdenkliche Lust und Freude haben" solle, ,,auch daß seinesgleichen in der Kunst nicht sein werde", nämlich in der schwarzen Kunst oder Zauberei. Dafür aber muß Faust einen Vertrag mit seinem eigenen Blute bekräftigen, wonach er Gott absagen, aller Menschen Feind sein, zu keiner Kirche gehen, den Ehestand hassen und am Ende der 24 Jahre dem Teufel mit Leib und Seele gehören soll. Faust nimmt den Vertrag mit einigem Vorbehalt in der Hauptsache an, da es ihm nur darum zu tun ist, wie das Volksbuch sagt, wie er seine Wollust und Mütlein in dieser Welt recht abkühlen möchte, zudem auch gewiß und am Tage sei, erklärt darin Faust, daß der irdische Gott, den die Welt den Teufel nenne, so erfahren, mächtig, gewaltig und geschickt sei, daß ihm nichts unmöglich sei. So wendet sich Faust nun vom himmlischen Gott zu diesem irdischen Gott, dem Teufel, und sagt: „Nach seiner Versprechung soll er mir alles leisten und erfüllen, was mein Herz, Gemüt, Sinn und Verstand begehrt und haben will, und soll an nichts Mangel erscheinen, und so denn dem also sein wird, so verschreib ich mich hiermit mit meinem eigenen Blut diesem irdischen Gott, indem ich dieses Blut und auch meinen Leib und Gliedmaßen und alles, was an mir ist, samt meiner Seele diesem irdischen Gott, dem Teufel, feil trage und mich ihm mit Leib und Seele verspreche. Wenn die im Vertrage ausgemachten 24 Jahre verlaufen sind, soll der Teufel dieses sein Unterpfand, Leib und Seele, angreifen und darüber zu schalten und zu walten Macht haben."

Dieser Teufelsbeschwörer und gewöhnliche Zauberer Faust, der, weil er seine Erbschaft aufgezehrt und kein Geld mehr besitzt, sich dem Teufel mit Haut und Haaren verkauft und sich ihm mit Leib und Seele preisgibt, um noch 24 Jahre länger gut leben zu können, und der  dann letzten Ende erkennt, daß er vom Teufel betrogen worden ist, und nun winselnd vor Angst, mit Heulen und Zähneklappern zur Hölle fährt, dieser elende philisterhafte Faust konnte das hochgemute Genie eines Goethe nie dazu bringen, sich eins mit ihm zu fühlen und ihn zum Träger seines eigenen tiefsten Lebens zu machen. Da wurde nun Goethe bei dem Studium der vorher genannten mystisch-alchimistischen Bücher mit einer ganz anderen Auffassung von einer edlen und göttlichen Art der Zauberei oder der Magie bekannt, wobei unter Umständen der hohe göttliche Magier sich wohl auch der Kräfte und Künste des Teufels bedient, doch ohne sich diesem irgendwie Untertan zu machen oder ihm gar Leib und Seele zu verschreiben. Von einem Abfall von Gott und allem himmlischen Heer ist dabei gar keine Rede, sondern im Gegenteil, der wahre, echte Magier will allein Gott dem Herrn dienen und unter keinen Umständen dem Teufel. Der Magier verdankt göttlicher Eingebung seine höhere Wissenschaft und Kraft, und vermittelst dieser kann er den Teufel in seinen Dienst zwingen, doch so, daß der göttliche Magier sich nichts dabei vergibt, da der Teufel nur der niedere Diener bleibt und sich niemals zum Herrn aufwerfen darf, wie er es dem Faust des Volksbuches gegenüber von vornherein zu tun vermag. Die Magie in diesem hohen göttlichen Sinne ist nichts anderes als das, was wir heutzutage Genie nennen, es ist der Tiefblick und die geniale Schöpferkraft des gottbegnadeten Menschen, der zum Pfadfinder und Führer ausersehen ist und auch da, wo er sich zerstörender Gewalten, symbolisch gesprochen also des Teufels bedient, doch immer nur seine aufbauenden, göttlichen Ziele im Auge hat, und auch da, wo er irrt und sündigt, nie sein Streben zum Höchsten verliert. Wenn nun Goethe aus dem gemeinen Zauberer Faust den göttlichen Magier machte, wenn er die Figur des Volksbuches so umgestaltete, daß aus dem elenden Knecht des Teufels der Knecht Gottes und Herr des Teufels wurde, der sich des Teufels bediente, ohne ihm die Spitze des kleinen Fingers zu reichen, so konnte der Dichter wohl daran denken, in der so umgestalteten und mit einem ganz neuen Inhalt und ganz anderer Bedeutung erfüllten Gestalt des Doktor Faust sich selber wiederzugeben und sein eigenes hochgeniales, göttliches Wesen darin zum poetischen Ausdruck zu bringen. Von vielen Ketzern, die man ihm bisher als toll oder gottlos vorgestellt hatte, erhielt er einen
vorteilhafteren Begriff durch das Studium der Unparteiischen Kirchen- und Ketzer-Historie von Gottfried Arnold. Warum sollte er nicht annehmen, daß auch der als toll und gottlos verschriebene Doktor Faust ein ganz anderer und besserer Mensch gewesen sei, als die gemeine Meinung im Volksbuch und Puppenspiel ihn darstellte ? „Der Geist des Widerspruchs und die Lust zum Paradoxen stecken in uns allen", sagt Goethe an der Stelle, wo er von Arnolds Kirchen- und Ketzer-Historie spricht. Nun, der Geist des Widerspruchs und die Lust zum Paradoxen bestimmten ihn auch, aus dem gemeinen Zauberer und elenden Teufelsdiener Faust den hochgemuten Magier und Knecht Gottes zu gestalten, der von Natur Gott dem Herrn zugehört und darum nicht dem Teufel verfallen kann, auch wo er irrt und als irrender Mensch Böses tut.

Zu diesem hohen Begriff von dem göttlichen Magier, dem Knecht Gottes, kam Goethe, wie gesagt, durch das Studium der oben genannten Werke. Gleich das erste Buch, das Goethe dem Fräulein von Klettenberg zuliebe sich verschaffte und mit ihr studierte, Wellings Opus Mago-Cabbalistikum et Theosophicum, das magisch-kabbalistische und theosophische Werk von Georg von Welling, betont gleich in der Vorrede den theosophischen, gottergebenen, die Wissenschaft von Gott suchenden Charakter des Buches. Es heißt dort: „Wir suchen in dieser Arbeit keinen Ruhm oder Dank, als des Lesers Gefälligkeit, und daß derselbe gleichfalls dasjenige darin erkennen und finden möge, so uns die Weisheit Gottes mitgeteilt; wie wir uns dann auch versichert halten, daß dieses Werk Gott ergebenen Gemütern ein heiliges Vergnügen geben werde. Und es wird auch ein Liebhaber der Mago-Cabbalae und Theosophiae unser Absehen leicht erkennen und begreifen, daß unser Vorhaben nicht dahin gerichtet, daß wir jemanden wollten Gold machen lehren, sondern unser Absehen geht auf etwas weit Höheres, nämlich wie die Natur aus Gott, und wie Gott in der Natur möge gesehen und erkannt werden." Wir wissen ja, daß Goethe schon als Knabe Gott in der Natur sah und verehrte und ihm einen Altar aus Erzeugnissen der Natur aufbaute. Der Pantheismus, der Gott in der Natur und die Natur in Gott sieht, war Goethe angeboren. Dieser Pantheismus aber deckt sich in den wesentlichsten Punkten mit der religiösen Auffassung Meister Eckeharts und anderer Mystiker, die wir noch kennen lernen werden. Der mystisch-pantheistische Zug durchweht aber auch die Werke, von denen eben die Rede ist, und so dürfen wir uns nicht wundern, auch in Wellings magisch-cabbalistischem und theosophischem Werke das Streben betont zu finden, die Natur aus Gott und Gott in der Natur zu sehen und zu erkennen. Wer dies aber zu tun vermag, der ist nach dieser Auffassung teilhaftig eines göttlichen Geheimnisses und ein wahrer Magier. In dem Kapitel von der wahren Religion und Mago-Kabbala sagt von Welling: „Daß der Grund der wahren Magie ein heiliges göttliches Geheimnis, ja der wahre Glaube an Gott und Christus ist, wollen wir, ehe wir weitergehen, aus der Heiligen Schrift beweisen. Und zwar erstlich spricht Christus der Herr selbst im Johannis-Evangelium : Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: wer an mich glaubet, der wird die Werke auch tun, die ich tue, und wird größere denn diese tun, denn ich gehe zum Vater. Und im "Matthäus-Evangelium spricht er: Wahrlich, so ihr Glauben habet, als ein Senfkorn, so möget ihr sagen zu diesem Berge: Hebe dich von hinnen dorthin, so wird er sich heben, und euch wird nichts unmöglich sein . . . Hieraus ist nun schon zur Genüge erwiesen, daß die wahre göttliche Magie auf den wahren Glauben in dem Namen Gottes und Jesu gegründet sei." Als wahren göttlichen Magus sehen wir später auch Faust sich mit der Heiligen Schrift beschäftigen und das Johannis-Evangelium in sein geliebtes Deutsch übertragen :

„Ach, wenn in unsrer engen Zelle
Die Lampe freundlich wieder brennt,
Dann wird's in unserm Busen helle,
Im Herzen, das sich selber kennt.
Vernunft fängt wieder an zu sprechen
Und Hoffnung wieder an zu blühn.
Man sehnt sich nach des Lebens Bächen,
Ach! nach des Lebens Quelle hin ...
Aber ach! schon fühl' ich, bei dem besten Willen,
Befriedigung nicht mehr aus dem Busen quellen.
Aber warum muß der Strom so bald versiegen.
Und wir wieder im Durste liegen?
Davon hab' ich soviel Erfahrung.
Doch dieser Mangel läßt sich ersetzen;
Wir lernen das Überirdische schätzen.
Wir sehnen uns nach Offenbarung,
Die nirgends würd'ger und schöner brennt.
Als in dem Neuen Testament.
Mich drängt's, den Grundtext aufzuschlagen,
Mit redlichem Gefühl einmal
Das heilige Original
In mein geliebtes Deutsch zu übertragen."

Man sieht, wie der die Heilige Schrift innig verehrende und sie als Quelle einer tröstlichen Offenbarung aufs höchste schätzende Magier, der Faust Goethes, sich mit dem Magier des Wellingschen mago-kabbalistischen Werkes deckt, und daß er durch einen tiefen Abgrund geschieden ist von dem gemeinen Zauberer Faust des Volksbuches, der den Teufel den irdischen Gott nennt und sich zu dessen „Leibeigenem" macht, wie er sich selber ausdrückt.

Welling fährt an der bereits zitierten Stelle fort: „Wie nun der Name Gottes und Jesu Christi in rechtem Glauben buchstäblich ausgesprochen werden mag, eben also mag derselbe auch im wahren Glauben und Vertrauen mit Buchstaben zu dieser oder jener Wirkung zur Ehre Gottes und des Nächsten Nutzen geschrieben werden." Mit dem geschriebenen Namen Gottes aber sehen wir auch den hohen Magier Faust den Teufel Mephistopheles in Schrecken setzen und bezwingen, als dieser sich in Gestalt eines Pudels ins Haus geschlichen und bei Fausts Beschwörungen eine furchtbare Gestalt angenommen hat, „mit feurigen Augen, schrecklichem Gebiß". Faust beschwört ihn zuerst mit dem Schlüssel Salomonis als Salamander, Undene, Sylphe und Kobold, die Vertreter der vier Elemente Feuer, Wasser, Luft und Erde ; dann aber, als dies auf das unheimliche Wesen keinen Einfluß ausübt, hält er ihm den geschriebenen Namen Gottes entgegen:

„Bist du, Geselle,
Ein Flüchtling der Hölle?
So sieh dies Zeichen,
Dem sie sich beugen.
Die schwarzen Scharen!
Schon schwillt es auf mit borstigen Haaren.
Verworfnes Wesen!
Kannst du ihn lesen?
Den nie Entsproßnen,
Unausgesprochnen,
Durch alle Himmel Gegossnen,
Freventlich Durchstochnen ?

Hinter den Ofen gebannt.
Schwillt es wie ein Elefant,
Den ganzen Raum füllt es an.
Es will zum Nebel zerfließen.
Steige nicht zur Decke hinan!
Lege dich zu des Meisters Füßen!
Du siehst, daß ich nicht vergebens drohe.
Ich versenge dich mit heiliger Lohe!
Erwarte nicht
Das dreimal glühende Licht!
Erwarte nicht
Die stärkste von meinen Künsten!"

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