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2019-10-21

Hermann Türck: Goethe und sein Faust - 4. Kapitel Seite 1





4. Goethe in Straßburg. Bekanntschaft mit Herder. Weitere innere Arbeit an „Götz von Berlichingen** und „Faust**. Die Sesenheimer Idylle. Magister-Promotion


Zur Fortsetzung seiner juristischen Studien, und um diese mit der Erlangung des Doktorgrades abzuschließen, ging Goethe auf den Wunsch des Vaters im Frühjahr 1770 nach Straßburg, wo er am 2. April anlangte. Dort fand er gleich einen angenehmen Verkehr; er speiste mit etwa zehn Genossen zusammen, von denen die meisten Mediziner waren. Die Leitung der Tischgesellschaft war dem Aktuarius beim Vormundschaftsgericht Johann Daniel Salzmann übertragen, mit dem sich Goethe bald herzlich anfreundete. Von andern Mitgliedern der Tischgesellschaft traten ihm noch die Theologen Lerse und Weyland, später der Mediziner Jung, genannt Stilling, und der livländische Dichter Lenz näher. Zuächst mußte er ernstlich an das Studium der Rechte denken, um am Ende des Sommersemesters sein Kandidatenexamen zu bestehen, was ihm auch ohne allzu große Mühe gelang. Man forderte dort kein ausgebreitetes rechtsgeschichtliches und rechtsphilosophisches Wissen, sondern nur eine gute Kenntnis des bestehenden Rechts, und diese verschaffte er sich mit Hilfe eines Einpaukers. In der letzten Zeit in Frankfurt hatte er eifrig Jurisprudenz getrieben, und so war er schon gut vorbereitet nach Straßburg gekommen. Nachdem das Kandidatenexamen erledigt war, hatte er an die Erlangung der juristischen Doktorwürde und an die Fertigstellung der dazu erforderlichen Dissertation zu denken. Er hatte ungefähr ein Jahr dafür angesetzt. Juristische Vorlesungen brauchte er nicht mehr zu hören. Angeregt durch seine medizinischen Tischgenossen und getrieben von seiner leidenschaftlichen Liebe zur Natur, fing er daher vom Beginn des zweiten Semesters an, äußerst eifrig sich dem Studium der Medizin zu widmen; er sezierte Leichen, hörte Anatomie und die Vorlesungen in der inneren und geburtshilflichen Klinik und ferner Chemie. Hier in Straßburg legte er den Grund zu seinen anatomischen Kenntnissen, die ihn später dazu befähigten, eine epochemachende Entdeckung auf diesem Gebiet zu machen.

Das wichtigste Ereignis für Goethe in der Straßburger Zeit, das ihm die bedeutendste Förderung für seine geistige Entwickelung brachte, war aber die Bekanntschaft und der sich über ein halbes Jahr erstreckende tägliche, intime Verkehr mit Herder, der wie kein anderer geeignet war, den noch unsicher herumtastenden jungen geistigen Heros auf den richtigen Weg zu weisen, wobei ihm die natürliche Anlage und das angeborene außerordentliche Genie Goethes die Arbeit allerdings sehr leicht und für ihn selber förderlich und fruchtbar machten. Herder war am 5. September als Reisebegleiter des Prinzen von Holstein-Eutin in Straßburg eingetroffen und wollte sich dort einer Augenoperation unterziehen. Die Heilung blieb aber aus, und die Behandlung war so langwierig und unangenehm, daß Herder in der peinlichsten Situation, meist an sein Zimmer gefesselt, über ein halbes Jahr in Straßburg damit zubringen mußte. Goethe, der ihn gleich nach seiner Ankunft kennen lernte und freundlich von ihm aufgenommen wurde, besuchte ihn täglich, wobei sich zwischen den beiden großen Geistern ein äußerst reger Austausch von Gedanken, Meinungen und Erfahrungen entwickelte und Beziehungen anknüpften, die für beider Leben und Schaffen von der allergrößten Bedeutung geworden sind. In Leipzig war Goethe, im Widerspruch zu seiner tieferen genialen Natur, geneigt gewesen, dem herrschenden französischen Geschmack und Regelzwang gewisse Zugeständnisse zu machen. In Herder trat ihm nun ein Mann entgegen, der völlig mit allem französischen Wesen gebrochen hatte und mit Macht darauf drang, daß jedes Volk seine ihm eigene originelle Art zu wahren und zu entwickeln und dabei nicht darauf zu achten habe, was ein anderes Volk nach seinem ganz anders gearteten Maßstab für schön oder häßlich, für gut oder schlimm zu halten gewohnt sei. So sollte sich der Deutsche von allem französischen Wesen, hinter dessen Regelzwang und strenger Korrektheit nur ein Mangel an Geist und echtem Gefühl sich verberge, völlig los sagen, sich auf seine Eigenart besinnen und den kostbaren Schätzen, die in seinem Volkstum verborgen liegen, nachspüren. Die englische Literatur hatte sich bereits frühzeitig von allem einzwängenden ausländischen Einfluß freigemacht, und je mehr der größte und genialste englische Dichter, Shakespeare, seiner überaus starken und mächtigen Persönlichkeit wegen, die ihn alle beengenden Regeln imd Schranken durchbrechen ließ, als wild und barbarisch gescholten wurde, desto mehr hielt sich nun Goethe für berechtigt, diesem Beispiel zu folgen und seine eigene geniale Schöpfertätigkeit sich frei entfalten zu lassen.

In Straßburg, unter Herders Einfluß, gewann Goethe den Glauben an seine originelle dichterische Begabung wieder. Dies geschah jedoch nicht in der Weise, daß Herder das große Dichtergenie Goethes gleich erkannt und aufgemuntert hätte; im Gegenteil, er übte, von Natur zu scharfer, beißender Kritik geneigt und durch seine Krankheit und unangenehme Lage noch besonders
gereizt, ein schonungsloses Gericht aus nicht nur über Goethes Produktionen, sondern auch über dessen Ansichten, Äußerungen und Geschmacksurteile. Aber indem Herder gerade die Richtung in der Poesie und Kunst bevorzugte, die originell und aus der Tiefe des Gemütes erwachsen war, bestätigte er unwillkürlich das ganze Bestreben und die angeborene Richtung, in der Goethes Genie allein sich bewegen konnte, und so löste Herder trotz seiner herben Kritik und trotzdem er dem außerordentlichen Genie Goethes nicht gerecht wurde, doch in diesem die Spannung aus, die entstanden war, indem Goethe gegen seine bessere Natur einem fremden, ihm nicht gemäßen Einfluß nachgab und infolgedessen innerlich zerrissen und unsicher wurde. Darum hat auch Goethe trotz alles Abstoßenden und herb Unangenehmen in Herders Wesen an diesem festgehalten und ist ihm auch später unentwegt treu geblieben, auch als Herder ihn verkannte und unter seinem Wert einschätze. Dieses Verkanntwerden durch Herder aber war der Grund, warum es Goethe vermied, mit manchem, was ihm heihg und teuer war, vor Herder herauszurücken, weil dieser doch zunächst nicht imstande war, die Bedeutung des von Goethe Angestrebten einzusehen, und daher mit seinem Spott den jungen Dichter nur unnütz beirrt und niedergeschlagen hätte. So verbarg ihm Goethe in Straßburg gerade seine wichtigsten dichterischen Arbeiten am ,,Götz" und ,, Faust" und sprach mit ihm auch nicht über das mit der inneren Arbeit am ,,Faust" im Zusammenhang stehende Studium der alchimistischen und mystisch-religiösen Literatur. Goethe lernte von Herder, ohne seine Selbständigkeit einzubüßen.

Über diese in Straßburg fortgesetzten Studien, insbesondere der mystischen Werke, haben wir hier noch mit Bezug auf die Entstehung des Faustgedichts einige wichtige Betrachtungen anzustellen. Sehen wir uns zunächst die berühmteste und am weitesten verbreitete mystische Schrift, die vier Bücher von der Nachfolge Christi des Thomas von Kempen näher an, die Goethe im lateinischen Original las, die ihm aber auch in der deutschen Übersetzung von Johann Arnd im Anhang von Taulers Predigten und an anderen Stellen zugänglich waren. Ich zitiere hier aus dieser Übersetzung von Arnd, wie sie auch in der Händelschen Bibliothek neu herausgegeben ist. 

Wir wissen, von welcher heißen Unruhe und von welchem leidenschaftlichen Begehren Goethe in Leipzig erfüllt war, und wie heilsam die schwere Krankheit, die ihm plötzlich die Gebrechlichkeit und Vergänglichkeit alles menschlichen Wesens hart vor Augen stellte, auf ihn gewirkt hat. Von dieser Zeit an war das dringende Bedürfnis in ihm geweckt, zu der tosenden Unruhe und Leidenschaftlichkeit seiner stürmisch überschäumenden Natur als Gegengewicht und Hemmung dem stillenden, beruhigenden Einfluß sich zu unterwerfen, den die Betrachtung der Flüchtigkeit, Nichtigkeit und Vergänglichkeit aller irdischen Verhältnisse und im Gegensatz dazu die Betrachtung der ewig beharrenden, allen wahren Wert in sich vereinigenden Existenz

Gottes mit sich führt. Das Wesentliche der Mystik ist nun, daß dieses ewige, allen wahren Wert in sich enthaltende höchste Gut um seiner selbst willen geliebt wird, nicht weil man für die eigene Person etwas von Gott erwartet. Der große Mystiker Spinoza drückt dies aus mit dem Satz: „Wer Gott wahrhaft liebt, muß nicht verlangen, daß Gott ihn wieder liebe." Der Mystisch-Fromme liebt Gott als das höchste Ideal gerade im Gegensatz zu der Vergänglichkeit und Unvollkommenheit der eigenen Person und der Nichtigkeit und Flüchtigkeit aller irdischen Dinge. Je höhere, idealere Anforderungen ein bedeutender Mensch an sich und an die Welt stellt, desto mehr erkennt er, wie wenig er selbst und die Welt diesen hohen, idealen Anforderungen zu entsprechen vermag; er kommt auf diesem Wege dazu, sich und die Welt gering einzuschätzen und die Erfüllung seiner hohen Ideale imd Ansprüche allein in das höchste, ewige Gut, in Gott zu verlegen. Er gewinnt dadurch die nötige Ruhe und Kraft, um zu leben und zu wirken; denn solange er die Erfüllung seiner hohen Anforderungen in dieser Welt sucht und dabei doch immerfort die Unzulänglichkeit seiner eigenen Person und der andern Personen und Dinge gewahr werden muß, so lange wirkt auch das ungestüme und ungestillte Verlangen im hochgenialen Menschen geradezu aufreibend und innerlich zerstörend, so daß er sich in diesem Stadium den Tod als Erlösung wünscht. Sobald er sich aber ernsthaft mit dem Gedanken vertraut macht und seine ganze Seele darauf einstellt, daß die Unvollkommenheit und Unzulänglichkeit mit dem Wesen seiner eigenen Person und aller anderen Personen und Dinge dieser Welt zusammenhängt, und daß das schmerzlich ersehnte Ideal in seiner Erfüllung nur in der ewigen Existenz Gottes zu finden ist, verliert sich auch die Unruhe und der Schmerz, und die Geringeinschätzung der eigenen Person und der Welt läßt das ungestüme Verlangen, daß beide eine Vollkommenheit aufweisen sollen, die ihnen nicht gemäß ist, dahinschwinden. Nun schaut der weise gewordene Mensch ruhig und gelassen auf die eigene Person und die Welt als auf ihrer Natur nach unvollkommene, flüchtige und vergängliche Gebilde,

die das wahrhaft Vollkommene, das höchste, ewige Gut nur in einem Schimmer und Gleichnis abspiegeln, aber nicht in Wahrheit in sich enthalten können. Darum schließt das Weltgedicht des Goetheschen ,,Faust" mit den Worten des mystischen Chores:

„Alles Vergängliche
Ist nur ein Gleichnis;
Das Unzulängliche,
Hier wird's Ereignis;
Das Unbeschreibliche,
Hier ist's getan;
Das Ewig-Weibliche
Zieht uns hinan."

Alles Vergängliche, das hier auf Erden zur Erscheinung kommt, einschließlich der eigenen Person, ist nur ein Gleichnis des unvergänglichen, ewigen Gutes. Das Unzulängliche, das allem irdischen Wesen nur als ein Schimmer und Schein des ewig Vollkommenen anhaftet, hier wird's Ereignis; das heißt hier, wo sich Faust zuletzt befindet, nämlich in jenen ewigen Gründen, ist das Vollkommene Ereignis geworden. Das Unbeschreibliche, was sich hier auf Erden nur stammelnd andeuten läßt, hier ist's getan, hier in den ewigen Gründen ist es verwirklicht. Das Ewig-Weibliche, die Liebe zum ewigen Sein, die selbstlos, hingebend und innig Gott liebt, wie ein Weib ihr einziges Kind, zieht uns hinan zu jenen ewigen Gefilden, die dem Gottsucher erst die wahre Ruhe und letzte Befriedigung gewähren. Dieses Hinwegsehen von der eigenen Person imd allen Genüssen und Gütern dieser Welt und diese Hinwendung zu der einzig wahren Vollkommenheit in Gott finden wir bei Christus immer wieder, so auch in dem Wort: „Was nennst du mich gut? Keiner ist gut außer allein Gott!" Ferner bei Luther in der Auffassung, daß keinerlei Werk von uns uns vollkommen zu machen vermag, sondern nur das völlige Sichhingeben an die ewige Vollkommenheit in Gott im Glauben an seine Vatergüte, das völlige Aufgehen im höchsten Sein, wie es Luther von der reinen deutschen Mystik gelernt und in sich erlebt hat.

Wie im Prolog im Himmel, nach dem Buch Hiob, Gott der Herr ein Zwiegespräch mit dem Teufel hält, in dem er an diesen die Frage stellt: ,, Kennst du den Faust . . . meinen Knecht?", so hält in dem dritten Buch von der Nachfolge Christi des Thomas von Kempen Gott der Herr ein Zwiegespräch mit seinem Knecht selber. Dieser sagt dort: „Herr, das ist ein Werk eines vollkommenen Mannes, wenn das Gemüt von himmlischen Meinungen nimmer abgezogen wird, und zwischen vielen Sorgen, gleich als ohne Sorgen, wandelt, und nicht in einer trägen oder faulen Weise, sondern mit dem Vorteil eines freien Gemüts keinem Geschöpf mit unordentlicher Begierde anhanget." Wir werden später sehen, daß auch Faust „zwischen vielen Sorgen gleich als ohne Sorgen wandelt". So lange er sich um die unvollkommenen, endlichen Dinge ernstlich glaubte Sorge machen zu müssen, drückte ihn das lieben so gewaltig nieder, daß er es von sich werfen zu müssen meinte. Wenn Faust sich dann doch entschließt, weiter zu leben, so vermag er dies nur in der Weise, daß er alle Sorgen hinter sich wirft, unbekümmert um den letzten Ausgang aller seiner Taten und Leiden. Als am letzten Ende seines Lebens die Sorge in Person ihm entgegentritt mit der Frage: ,,Hast du die Sorge nie gekannt?" — da antwortet Faust: „Ich bin nur durch die Welt gerannt", das heißt, er ist nirgends stehen geblieben, er hat sich niemals an die Dinge geheftet derart, daß er sich hätte Sorgen um sie machen müssen. Die grundsätzliche Erkenntnis der Unvollkommenheit und Unzulänglichkeit aller irdischen Dinge und Verhältnisse hat ihn davor behütet, so großen Ernst mit ihnen zu machen, daß eine Sorge für ihn nötig gewesen wäre. Um wertlose Dinge aber macht man sich keine Sorge, und wertlos sind im Grunde alle Dinge dieser Welt für den tiefer angelegten Menschen. Daher genießt er, wie Thomas von Kempen sich aus drückt, „den Vorteil eines freien Gemütes, keinem Geschöpf mit unordentlicher Begierde anzuhangen", und „wandelt zwischen vielen Sorgen, gleich als ohne Sorgen".

Der Knecht Gottes fährt fort: ,,0 Gott, leere mein Herz aus von aller unnützen Sorge und allem Kummer, damit ich nicht von mancherlei Begier eines jeglichen schlechten oder köstlichen Dinges gezogen werde, sondern daß ich alle Dinge als hinfällig und mich samt ihnen als vergänglich ansehe: denn nichts Bleibendes ist unter der Sonne." Der Knecht Gottes spricht hier ganz im Sinne unserer vorherigen Ausführungen. Gott der Herr antwortet ihm: „Warte und harre auf mich, ich will kommen und will dich heilen ; denn eitel ist alle Anfechtung, die dich peinigt, und alle Furcht, die dich erschreckt. Was bringt die Sorge um künftige Dinge anders denn ein Trauern über das andere. Es ist genug, daß jeder Tag seine eigene Plage habe. Darum ist es eitel unnütz Ding, daß man sich um künftiger Dinge willen bekümmert oder erfreut, um Dinge, die vielleicht nimmermehr geschehen." Faust sagt von der Sorge:

„Sie deckt sich stets mit neuen Masken zu,
Sie mag als Haus und Hof, als Weib und Kind erscheinen,
Als Feuer, Wasser, Dolch und Gift;
Du bebst vor allem, was nicht trifft.
Und was du nie verlierst, das mußt du stets beweinen,"

wie hier Thomas von Kempen sagt, daß man sich um Dinge bekümmert, die vielleicht nimmermehr geschehen. Gott der Herr fährt fort: ,,Es ist aber menschlich, mit dergleichen Gespenst angefochten und betrogen zu werden", und Faust sagt am Schluß des zweiten Teils im Gespräch mit der personifizierten Sorge:

,,Unselige Gespenster! so behandelt ihr
Das menschliche Geschlecht zu tausend Malen."

Eine ganz auffallende Übereinstimmung. So gehen diese tiefen Gedanken von der ersten innern Arbeit am Faustgedicht hindurch durch das ganze lange reiche und vielfältige Leben Goethes bis zum Schluß des zweiten Teiles, den er kurz vor seinem Tode vollendete.

Gott der Herr in der Nachfolge Christi des Thomas von Kempen fährt fort: ,,Es ist ein Zeichen eines kleinen Gemüts, daß man sich so leicht durch das Eingeben des Feindes bewegen und verführen läßt. Denn der Feind achtet dessen nicht, ob er jemand mit Wahrheit oder Unwahrheit verführe und betrüge, oder ihn mit Liebe gegenwärtiger oder mit Furcht künftiger Dinge niederschlage." ,,Mit Liebe gegenwärtiger Dinge": Faust nennt Haus und Hof, Weib und Kind, Knecht und Pflug, Ehre und Ruhm usw., oder ,,mit Furcht künftiger Dinge, die vielleicht nimmermehr geschehen" : Faust nennt „Feuer, Wasser, Dolch und Gift, du bebst vor allem, was nicht trifft."

Gott der Herr fährt fort: „Du sollst nicht wähnen, du seiest ganz verlassen, weil ich dir etliche Trübsal eine Zeitlang zugeschickt und zeitlichen Trost entzogen habe, denn also geht man zum Reich der Himmel ein. Derhalben ist es dir und meinen andern Knechten ohne Zweifel viel nützer, daß ihr mit Widerwärtigkeit geübet werdet, als daß ihr alle Dinge nach eurem Willen hättet." Im Prolog im Himmel gestattet Gott der Herr, daß der Feind, Mephistopheles, sich an den Knecht Gottes, den Doktor Faust, heranmacht, tun ihn zu versuchen, und begründet dies mit den Worten:

„Des Menschen Tätigkeit kann allzuleicht erschlaffen.
Er liebt sich bald die unbedingte Ruh;
Drun geb* ich gern ihm den Gesellen zu.
Der reizt und wirkt und muß als Teufel schaffen."

Der Knecht Gottes spricht: ,,Es wisse oder habe ein Mensch, was er wolle, so ist es gering und schlecht, er sei denn im Geist erhaben, von allen Geschöpfen frei und mit Gott ganz und gar vereinigt. Wer etwas groß achtet außer allein das einige ungemessene und ewige Gut, der wird lange Zeit klein bleiben und darniederliegen, denn was Gott nicht ist, das ist nichts und soll für nichts geschätzet werden." So schätzt auch Faust nichts in dieser Welt und achtet nichts groß, weil er als der Knecht Gottes, wenn auch unklar und verworren, das Bild der ewigen Vollkommenheit in seiner Seele trägt und diesem höchsten Ideal gegenüber auch die köstlichsten Güter dieser Welt wie Schatten verschwinden müssen. Aber auch die eigene Person muß diesem höchsten Ideal gegenüber für nichts geachtet werden, wie es

in der Nachfolge Christi heißt: „Darum muß man alle Geschöpfe auf Erden übergehen, sich selbst vollkommen verlassen, in einem großen Überschwang des Gemüts stehen und sehen, daß du, aller Kreaturen Schöpfer, mit allen Geschöpfen nichts Gleiches hast." Mephistopheles will den Knecht Gottes von seinem Urquell abziehen und ihn dazu verführen, in den flüchtigen, vergänglichen Dingen dieser Welt nach wahrer Befriedigung und Ruhe zu suchen. „Guter Freund", sagt Mephistopheles zu Faust, „die Zeit kommt auch heran, wo wir was Guts in Ruhe schmausen mögen." Der Knecht Gottes aber weiß, daß kein Ding dieser Welt ihm Ruhe und Befriedigung zu verschaffen vermag, es sei denn, daß er sich selber untreu geworden wäre; dann aber verachtet er sich selber, dann mag ihn der Teufel in seine Krallen bekommen. Und wie ihn Mephistopheles mit keinem Genuß der Dinge dieser Welt betrügen wird, weil alle Dinge dem höchsten Ideal gegenüber zu Schatten werden, so wird ihn der Teufel auch nie dazu bringen, im Selbstgenuß aufzugehen, sich hinweg zutäuschen über die Unvollkommenheit und Unzulänglichkeit der eigenen Person, die dem höchsten Ideal gegenüber ebenso zu nichts wird wie alles andere. Darum antwortet Faust dem Teufel:

„Werd' ich beruhigt je mich auf ein Faulbett legen. 
So sei es gleich um mich getan! 
Kannst du mich schmeichelnd je belügen. 
Daß ich mir selbst gefallen mag, 
Kannst du mich mit Genuß betrügen — 
Das sei für mich der letzte Tag!
Die Wette biet' ich!"

,,Was nicht Gott ist, das ist nichts und soll für nichts geschätzet werden", heißt es in der „Nachfolge Christi", und das ist zugleich die Grundidee des Goetheschen Faustgedichts. Gott der Herr spricht in des Thomas von Kempen „Nachfolge Christi" weiter: „Lieber Sohn, du kannst vollkommene Freiheit nicht besitzen, du habest denn dich selbst gänzlich verleugnet und darangegeben, denn es sind gefangen alle Reichen und die sich selbst lieb haben." Und der Knecht Gottes antwortet: ,,Wenn der Mensch sich selber gefällt, so mißfällt er dir." Bei aller Hingebung an Gott aber spürt der Knecht Gottes die herunterziehende Macht des Irdischen, und darum ist seine Seele zwiespältig: ,,Den himmlischen Gütern wünsche und begehre ich anzuhangen, aber die zeitlichen Dinge und unabgestorbenen Neigungen ziehen mich hernieder. Mit dem Gemüt will ich über alle Dinge sein, aber mit dem Fleisch werd' ich bezwungen, daß ich unter allen Dingen sein muß. Also streite ich unseliger Mensch mit mir selbst und bin mir selbst beschwerlich worden, dieweil der Geist über mich, das Fleisch aber unter sich begehrt." Und der Gottesknecht Faust sagt dem entsprechend zu Wagner:

„Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust,
Die eine will sich von der andern trennen:
Die eine hält, in derber Liebeslust,
Sich an die Welt mit klammernden Organen;
Die andere hebt gewaltsam sich vom Dust
Zu den Gefilden hoher Ahnen."

Nach der „Nachfolge Christi" des Thomas von Kempen waren es die Predigten Taulers, die tief auf Goethes empfängliche Seele einwirkten, besonders die Predigt auf den zweiten Sonntag im Advent, die nicht von Tauler selber herrührt, sondern von seinem großen Lehrer, dem Vater der deutschen Mystik, dem Dominikanermönch Meister Eckehart. Bemerkenswert ist in dieser hochbedeutenden Predigt der pantheistische Zug, der aller Mystik zugrunde liegt, aber gerade von Meister Eckehart sehr frei und kühn ausgesprochen wird. So heißt es z. B. an einer Stelle dieser Predigt: „Gott ist mir näher, als ich mir selbst bin. Sein Wesen hängt daran, daß mir Gott nahe und gegenwärtig sei. So ist er auch einem Stein und einem Holz nahe, aber sie wissen's nicht." Dies erinnert an ein Wort Christi auf dem Papyrusblatt von Behnesa: ,,Hebe den Stein, und daselbst wirst du mich finden, spalte das Holz, und ich bin dort." Gott und die Allnatur sind eins, sagt Spinoza, und wie im Stein und im Holz, so ist noch in ganz anderer und erhöhter Weise auch in der Seele des Menschen Gott enthalten und tritt zu Tage, sobald sich der Mensch diesem höchsten Gut zuwendet und sich von allem anderen, von der eigenen Person und allen äußeren Dingen, innerlich frei macht. Denn niemand kann zweien Herren dienen, wie Christus sagt. Entweder man dient sich und der Welt, oder man ist ein Knecht Gottes. Und so sagt auch Meister Eckehart in seiner Predigt: „Soll die Seele Gott erkennen, so muß sie auch ihrer selbst vergessen und muß sich selbst verlieren, denn sobald sie sich selbst sieht und erkennt" (das heißt ihre liebevolle Aufmerksamkeit auf sich richtet), „alsobald sieht und erkennt sie nicht Gott." Daß dem höchsten Ideal gegen über alle einzelnen Dinge zu Schatten werden, drückt Meister Eckehart mit den Worten aus: ,,Soll die Seele Gott erkennen, so muß sie mit dem Nichtigen keine Gemeinschaft haben. Wer Gott sieht, der erkennt, daß alle Geschöpfe nichts sind; denn wenn man ein Geschöpf, eine Kreatur gegen die andere setzt, so scheint das Geschöpf, die Kreatur schön und ist etwas; aber wenn man sie setzt gegen Gott, so ist sie nichts." 

Wem das höchste Ideal in dieser Weise in der Seele ruht, so daß er alle Dinge daran mißt und für nichtig erkennt, der wird frei von aller Angst und Sorge um die Dinge, und weder die Köstlichkeiten locken um, noch die furchtbarsten Dinge schrecken ihn derart, daß er immer in Hoffnung und Furcht auf das Zukünftige wartet, ob ihm Fortuna Glück oder Unglück zuteil werden läßt. Er befreundet sich vielmehr mit der Unbeständigkeit imd Vergänglichkeit der Dinge und wartet daher ruhigen Gemütes ab, was das Geschick ihm bringt. Gerade diese Seelenruhe aber befähigt ihn, sich mit ungeteilter Aufmerksamkeit dem zuzuwenden, was der Augenblick an Tätigkeit erfordert, während der freudig oder ängstlich in die Zukunft starrende Mensch gerade den wichtigen gegenwärtigen Augenblick versäumt und die Hände in den Schoß legt oder durch Hoffnung und Furcht zu falschen Maßnahmen getrieben wird. Wer daher sich und alle Dinge verläßt, der gerade gewinnt die Kraft und Macht, ohne Furcht und Hoffnung, ohne Sorge um den letzten

Ausgang als ein Held tätig zu sein und größte Taten zu vollbringen. Darum heißt es in einem Faust-Paralipomenon: „Ich lernte diese Welt verachten, Nun bin ich erst sie zu erobern wert und darum heißt es auch in der „Nachfolge Christi" des Thomas von Kempen: „Vertraust du aber auf den Herrn, so wird dir Stärke vom Himmel herab gegeben, ja die Welt und dein Leib wird deiner Gewalt unterworfen, du darfst auch den Teufel nicht fürchten, so du mit dem Glauben gewappnet bist." Auch Goethes Faust fürchtet den Teufel nicht, und ohne Sorge um die Zukunft, ohne Hoffnung und Furcht will er rastlos tätig sein, gefaßt auf den Wechsel des Geschicks, wie es das eine Mal Gelingen und Freude, das andere Mal Mißlingen und Verdruß bringt:

„Stürzen wir uns in das Rauschen der Zeit,
Ins Rollen der Begebenheit!
Da mag denn Schmerz und Genuß,
Gelingen und Verdruß
Miteinander wechseln, wie es kann;
Nur rastlos betätigt sich der Mann."

Auch zur höchsten seelischen Tätigkeit, zur Erkenntnis und zum Anschauen des höchsten Ideals, zur intellektuellen Liebe Gottes, wie es Spinoza nennt, muß der Mensch frei sein von der Sorge um seine eigene Person imd von der Sorge um die endlichen, vergänglichen Dinge, frei sein von Hoffnung und Furcht, die den Menschen abziehen von der beständigen Gegenwart Gottes, die des Menschen Blick in Freude und Jammer auf nichtige Dinge hinlenken, die erst in einer ungewissen Zukunft sich erfüllen sollen. Darum sagt Meister Eckehart in seiner Predigt: „Was bringt nun die Seele dazu, daß sie Gott in sich erkenne und wisse, wie nahe ihr Gott sei? Da merkt wohl auf. Der Himmel mag keinen fremden Eindruck empfangen, ihm mag keine peinliche Not eingedrückt werden, die ihn entsetze; also muß die Seele befestigt und bestätigt sein in Gott, die Gott bekennen soll, daß sich nicht in sie drücken möge weder Hoffnung noch Furcht, noch Freude, noch Jammer, noch Liebe, noch Leid, noch etwas anderes, das sie entsetzen, das sie außer sich bringen möge." 

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