> Gedichte und Zitate für alle: Hermann Türck: Goethe und sein Faust - 5. Kapitel Seite 1

2019-10-22

Hermann Türck: Goethe und sein Faust - 5. Kapitel Seite 1





5. Heimkehr. Erste Niederschrift des „Götz von Berlichingen". Wetzlar, Charlotte Buff und die Entstehung von ,,Werthers Leiden. Die fruchtbare Frankfurter Zeit. Swedenborg. Erste Lektüre der Werke Spinozas und Niederschrift des Urfaust'.


Ende August des Jahres 1771, nach Beendigung seiner Studien in Straßburg, traf Goethe wieder in Frankfurt ein und richtete sofort auf Wunsch des Vaters an Schultheiß und Schöffen das Gesuch, ihn in den Stand der Advokaten aufzunehmen, damit er ,,sich dadurch zu den wichtigeren Geschäften vorbereite, die einer hochgebietenden und verehrungswürdigen Obrigkeit ihm dereinst hochgewillt aufzutragen gefällig sein könnte", wie es in dem Zulassungsgesuche heißt. Wenige Tage später erfolgte die Zulassung, und gleich darauf legte Goethe den Advokaten-und Bürgereid ab und war nun wohlbestallter Rechtsanwalt. Es waren nur wenige Rechtsfälle, die ihm übertragen wurden, und auch diese machten dem jungen Advokaten keine große Mühe, da der Vater für ihn die Akten sorgfältig studierte und ein in Rechtssachen gewandter Schreiber dabei half. Mit um so größerer Gewalt warf sich jetzt Goethe auf die Ausarbeitung seiner dichterischen Entwürfe, und zwar zunächst auf die Dramatisierung der Geschichte Gottfriedens mit der eisernen Hand. Wie es seine Art war, so schrieb er zunächst nichts nieder, sondern hatte alles nur im Kopfe ; er schilderte der Schwester seine Absichten mit dem Stück und trug ihr ganze Szenen vor. Sie aber drängte ihn dazu, es zu Papier zu bringen. Er tat es und war so eifrig dabei, daß er schon gegen Mitte Dezember 1771 den ,,Götz" vollendet hatte. Abschriften davon wurden an Salzmann in Straßburg und an Herder nach Bückeburg gesandt. Einen Abdruck dieser ersten Fassung des „Götz" findet man in dem von Morris herausgegebenen Werk ,,Der junge Goethe". Auch die zweite Fassung des „Götz" vom Februar 1773 ist darin enthalten. Bald nach Vollendung der ersten Niederschrift machte der Dichter die Bekanntschaft des Darmstädter Kriegszahlmeisters Johann Heinrich Merck, der eine bedeutende Rolle gerade in dieser Zeit der kräftigsten Entwicklung Goethes spielen sollte. Von scharfem Verstande, gutem Geschmack und umfassendem Wissen, übte Merck an allem Minderwertigen schonungslose Kritik, hielt aber das Bedeutende fest und setzte es ins rechte Licht. Zu Goethe faßte er eine rührende Zuneigung, schätzte und bewunderte seine bedeutenden Arbeiten, nahm aber auch keinen Anstand, wo er es für nötig hielt, schwächeren Produktionen Goethes gegenüber unverhohlen seine Meinung zu sagen. Dadurch nützte er dem jungen Dichter sehr, der auf sein Urteil außerordentlich großes Gewicht legte. Die Fähigkeit, mit seinem scharfen Blick Schwächen und Mängel zu erspähen und unter Umständen schonungslos zu geißeln, ferner eine bittere Menschenverachtung und auch die gelegentliche Lust, den Schalk, ja Schelm zu spielen, verliehen diesem Freunde Goethes einen mephistophelischen Anstrich.

Zu seiner weiteren Ausbildung in der Rechtswissenschaft und als Vorbereitung für eine höhere amtliche Laufbahn ging Goethe auf Wunsch des Vaters im Mai des Jahres 1772 nach Wetzlar, um dort am Reichskammergericht zu arbeiten. Auch da ließ er sich von der Jurisprudenz nicht zu sehr in Anspruch nehmen und studierte fleißiger den Homer als die Akten. In Wetzlar wohnte eine Großtante Goethes, die Frau Hofrat Lange, mit zwei Töchtern, durch die Goethe gelegentlich eines von den jungen Leuten vom Reichskammergericht veranstalteten Balles mit der neunzehnjährigen Tochter Charlotte des Deutschordensamtmanns Buff bekannt gemacht wurde. Lotte war schon seit vier Jahren mit dem am Reichskammergericht tätigen Johann Christian Kestner verlobt. Es war ein ungewöhnlich liebes, braves und anziehendes Mädchen, von vorzüglichen Eigenschaften, so daß der sehr ernste, gewissenhafte und tüchtige Kestner ihr bereits, als sie erst fünfzehn Jahre alt war, seine Hand angeboten hatte. Goethe berichtet von ihr: ,,Nach dem Tode ihrer Mutter hatte sie sich als Haupt einer zahlreichen jüngeren Familie höchst tätig erwiesen und den Vater in seinem Witwerstand allein aufrecht erhalten, so daß ein künftiger Gatte von ihr das Gleiche für sich und seine Nachkommenschaft hoffen und ein entschiedenes häusliches Glück erwarten konnte. Ein jeder gestand, auch ohne diese Lebenszwecke eigennützig für sich im Auge zu haben, daß sie ein wünschenswertes Frauenzimmer sei. Sie gehörte zu denen, die, wenn sie nicht heftige Leidenschaften einflößen, doch ein allgemeines Gefallen zu erregen geschaffen sind: Eine leicht aufgebaute, nett gebildete Gestalt, eine reine gesunde Natur und die daraus entspringende frohe Lebenstätigkeit, eine imbefangene Behandlung des täglich Notwendigen, das alles ward ihr zusammen gegeben. In der Betrachtung solcher Eigenschaften ward auch mir wohl, und ich gesellte mich gern zu denen, die sie besaßen; und wenn ich nicht immer Gelegenheit fand, ihnen wirkliche Dienste zu leisten, so teilte ich mit ihnen lieber als mit anderen den Genuß jener unschuldigen Freuden, die der Jugend immer zur Hand sind und ohne große Bemühung und Aufwand ergriffen werden. Da es nun ferner ausgemacht ist, daß die Frauen sich nur füreinander putzen und untereinander den Putz zu steigern unermüdet sind, so waren mir diejenigen die liebsten, welche mit einfacher Reinlichkeit dem Freunde, dem Bräutigam die stille Versicherung geben, daß es eigentlich für ihn nur geschehen und daß ohne viel Umstände und Aufwand ein ganzes Leben so fortgeführt werden könne. Solche Personen sind nicht allzusehr mit sich selbst beschäftigt; sie haben Zeit, die Außenwelt zu betrachten, und Gelassenheit genug, sich nach ihr zu richten, sich ihr gleich zustellen; sie werden klug und verständig ohne Anstrengung und bedürfen zu ihrer Bildung wenig Bücher. So war die Braut. Der Bräutigam, bei seiner durchaus rechtlichen und zutraulichen Sinnesart, machte jeden, den er schätzte, bald mit ihr bekannt

und sah gern, weil er den größten Teil des Tages den Geschäften eifrig oblag, wenn seine Verlobte nach vollbrachten häuslichen Bemühungen sich sonst unterhielt und sich gesellig auf Spaziergängen und Landpartien mit Freunden und Freundinnen ergötzte. Lotte war anspruchslos in doppeltem Sinne, erstens ihrer Natur nach, die mehr auf ein allgemeines Wohlwollen als auf besondere Neigungen gerichtet war, und dann hatte sie sich ja für einen Mann bestimmt, der, ihrer wert, sein Schicksal an das ihrige zu knüpfen sich bereit erklären mochte. Die heiterste Luft wehte in ihrer Umgebung. Ja, wenn es schon ein angenehmer Anblick ist, zu sehen, daß Eltern ihren Kindern eine ununterbrochene Sorgfalt widmen, so hat es noch etwas Schöneres, wenn Geschwister Geschwistern das Gleiche leisten. Der neue Ankömmling, völlig frei von allen Banden, sorglos in der Gegenwart eines Mädchens, das, schon versagt, den gefälligsten Dienst nicht als Bewerbung auslegen und sich desto eher daran erfreuen konnte, ließ sich ruhig gehen, war aber bald dergestalt eingesponnen und gefesselt und zugleich von dem jungen Paare so zutraulich und freundlich behandelt, daß er sich selbst nicht mehr kannte. Müßig und träumerisch, weil ihm keine Gegenwart genügte, fand er das, was ihm abging, in einer Freundin, die, indem sie fürs ganze Jahr lebte, nur für den Augenblick zu leben schien. Sie mochte ihn gern zu ihrem Begleiter; er konnte bald ihre Nähe nicht missen, denn sie vermittelte ihm die Alltagsweit, und so waren sie bei einer ausgedehnten Wirtschaft auf dem Acker und den Wiesen, auf dem Krautland wie im Garten bald unzertrennliche Gefährten. Erlaubten es dem Bräutigam seine Geschäfte, so war er an seinem Teil dabei; sie hatten sich alle drei aneinander gewöhnt, ohne es zu wollen, und wußten nicht, wie sie dazu kamen, sich nicht entbehren zu können. So lebten sie den herrlichen Sommer hin, eine echt deutsche Idylle, wozu das fruchtbare Land die Prosa und eine reine Neigung die Poesie hergab. Durch reife Kornfelder wandernd, erquickten sie sich am taureichen Morgen; das Lied der Lerche, der Schlag der Wachtel waren ergötzliche Töne; heiße Stunden folgten, ungeheure Gewitter brachen herein, man schloß sich desto mehr aneinander, und mancher kleine Familienverdruß war leicht ausgelöscht durch fortdauernde Liebe. Und so nahm ein Tag den andern auf, und alle schienen Festtage zu sein; der ganze Kalender hätte müssen rot gedruckt werden. Verstehen wird mich, wer sich erinnert, was von dem glücklich unglücklichen Freunde der neuen Heloise geweissagt worden: ,Und zu den Füßen seiner Geliebten sitzend, wird er Hanf brechen, und er wird wünschen, Hanf zu brechen heute, morgen und übermorgen, ja sein ganzes Leben." 

So idyllisch hier Goethe das Zusammenleben mit dem Braut paar schildert, so fehlte es doch nicht an trübenden, höchst leidenschaftlichen Momenten, die die angeborene Melancholie des genialen Geistes zuweilen so steigerten, daß der junge Liebende alsdann eine starke Sehnsucht nach dem Tode empfand. Er spricht davon, daß er in Wetzlar recht hängerliche Gedanken hatte und auf seinem Nachttisch einen scharf geschliffenen Dolch bereit hielt, mit dem er sich auch gelegentlich mit voller Absicht an der Brust verletzte. Auch gesteht er Kestner später einmal, daß, wenn dieser sich nicht so ungemein klug und wohlwollend benommen hätte, es leicht um sein, Goethes, Leben hätte geschehen können. So liebevoll und rechtschaffen auch Goethes Verhalten in dieser heikel zugespitzten Lage war, und ein so schönes Zeugnis ihm der scharf beobachtende, gewissenhafte Kestner darüber ausstellt, so war die leidenschaftliche, überaus zart und tief empfindende, mit ganzer Kraft sich ihrem Gegenstand zuwendende Seele Goethes doch derartigen Erschütterungen dabei ausgesetzt, daß eine unglückliche Kombination der Verhältnisse auch einen unglücklichen Ausgang hätte herbeiführen können Wie erschüttert war daher Goethe, als er bald nach seiner Entfernung von Wetzlar erfuhr, daß das, wovor ihn ein gütiges Geschick bewahrt hatte, an einem andern jungen Manne nicht schonend vorübergegangen war, sondern ihn zum äußersten getrieben hatte. Ein bei einer Gesandtschaft in Wetzlar angestellter junger Mann, ein Freund Lessings, namens Jerusalem, zwei Jahre älter als Goethe, dem dieser bei Freunden gelegentlich begegnet war, erschoß sich, weil er das unglückliche Verhältnis zu einer geliebten Frau, die einem andern angehörte, nicht mehr zu ertragen vermochte. Dem genialen Goethe hatte die Richtung auf das Ewige, die immer wieder ihre beruhigende Wirkung ausübte, einen innern Halt gewährt; dazu kam das kluge und feinfühlige Benehmen Kestners, der durchaus freundschaftlich gegen ihn handelte. Der arme Jerusalem aber war von seiner durch nichts zurückgehaltenen leidenschaftlichen Begier nach dem, was er liebte und doch nicht zu gewinnen vermochte, in den Abgrund gerissen worden.

Goethe hatte schon geplant, sich plötzlich loszumachen, ohne Abschied abzureisen, hatte aber immer wieder gezögert, bis Merck kam und seinen Entschluß zur Reife brachte. Dieser teilte durchaus nicht seinen Enthusiasmus für Lotte, und Mercks Gleichgültigkeit gegen die von Goethe so sehr geliebte Person erinnerte diesen nach seiner Bemerkung in „Dichtung und Wahrheit" stark an Mephistopheles. Aber Mercks Gegenwart, sein Zureden, beschleunigte doch den Entschluß, den Ort zu verlassen. Im September 1772, nachdem er vier Monate in Wetzlar zugebracht hatte, wanderte Goethe fort, die Lahn entlang und dann an den Rhein zu einem Besuch bei dem Wirklichen Geheimrat von La Roche, dessen geistvolle, durch ihre Schriften bekannte Frau mit vielen bedeutenden Männern in Verbindung stand. Ihre Tochter Maximiliane heiratete später den Kaufmann Brentano in Frankfurt und war mit Goethe herzlich befreundet, der sie dann aber später mied, als er merkte, daß sein Herz zu sehr für sie zu sprechen begann. 

Nach Frankfurt zurückgekehrt, ließ Goethe anonym seine erste Schrift, betitelt ,,Von deutscher Baukunst", erscheinen, worin er begeistert den gotischen Stil als den eigentlich deutschen verteidigt und preist. Bezeichnend darin sind seine Worte: ,,In dem Menschen ist eine bildende Natur, die gleich sich tätig beweist, wenn seine Existenz gesichert ist. Sobald er nichts zu sorgen und zu fürchten hat, greift der Halbgott, wirksam in seiner Ruhe, umher nach Stoff, ihm seinen Geist einzuhauchen". Die bildende, die schöpferische Natur im Menschen bringt sich also zur Geltung, sobald die Sorge und Furcht aufhört, wie auch die von Goethe so geschätzte stoische Philosophie eines Epiktet und die religiöse Mystik eines Thomas von Kempen, Meister Eckehart, Tauler und anderer den schöpferischen Gott im Menschen hervortreten lassen, sobald Sorge, Furcht und Hoffnung verschwinden. „Wenn seine, des Menschen, Existenz gesichert ist," sagt Goethe, sobald also der Mensch nicht mehr den täglich erneuten Kampf um die Existenz, ums Brot, um die notwendigsten Bedürfnisse zu führen hat, und sobald durch die Erhebung des Gemütes zu Gott die leidenschaftliche Begierde nach im nützen Dingen beseitigt wird, tritt seine auf höhere Ziele gerichtete schöpferische Kraft hervor. Selbst der Knecht Gottes in der „Nachfolge Christi" des Thomas von Kempen, jener Gottesfreund, der doch alles Ungemach tun des Herrn willen gern und freudig auf sich nimmt, er bittet: ,,0 du allergütigster Gott, behüte mich vor Sorge dieses Lebens, daß ich nicht durch Beschwerung verzagt und kleinmütig werde . . . Behüte mich vor der Armutseligkeit, die die Seele deines Knechtes im gemeinen Fluch der Sterblichkeit peinlich beschwert imd ihn verhindert, in die Freiheit des Geistes einzugehen." Wie der Faust Goethes sich von der Sorge, von Furcht und Hoffnung losreißt, damit sein Genius frei seine Schwingen entfalten könne, haben wir schon früher betrachtet. An dieser Stelle möchte ich nur noch bemerken, daß Goethe ganz zuletzt seinen Faust nicht nur äußerlich, sondern auch innerlich, seelisch, blind werden läßt, so daß im Sterben Faust den Sinn für das Ewige und damit das Verständnis für das Höchste des Menschentums, für den schöpferischen Genius im Menschen verliert und nunmehr das Höchste, der Weisheit letzten Schluß, in dem elenden täglichen Kampf um die Existenz, um die notwendigsten Bedürfnisse sehen zu müssen meint; sterbend ruft er aus:

„Das ist der Weisheit letzter Schluß: 
Nur der verdient sich Freiheit wie das Leben, 
Der täglich sie erobern muß."

Wer aber Freiheit und Leben erst täglich von neuem wieder erobern muß, dessen Existenz ist nicht gesichert. Und dementsprechend nicht sorglos, nicht frei von der Furcht vor dem unmittelbar drohenden Untergang, nicht frei von der schwankenden Hoffnung auf die Erlangung des Notwendigsten, vermag sich „die bildende Natur" nicht „in ihm tätig zu beweisen" und vermag nicht „der Halbgott, wirksam in seiner Ruhe, umher nach Stoff zu greifen, ihm seinen Geist einzuhauchen". Durch die Sorge um die Notdurft des Lebens wird der göttliche Genius im Menschen erstickt; nur durch das Abwerfen aller Sorge um Sein oder Nichtsein, nur durch das Aufgehen im höchsten Gut wird die wahre Tatkraft frei. 

Mitte November bis Mitte Dezember 1772 weilte Goethe in Darmstadt bei Merck. Caroline Flachsland, die Braut Herders, schreibt an diesen: „Unser guter Goethe ist hier in Darmstadt, lebt und zeichnet, und wir sitzen beim Wintertisch um ihn herum und sehen und hören. Es ist bei Merck eine Akademie ; sie zeichnen und stechen in Kupfer zusammen." Gegen Mitte Dezember 1772 wieder in Frankfurt, machte sich Goethe an eine Umarbeitung seines ,,Götz von Berlichingen", den Herder in seiner ersten Fassung nicht gelten lassen wollte, denn er behauptete, es sei alles nur gedacht, Shakespeare habe den Goethe ganz verdorben. An seine Braut dagegen schrieb Herder im Juli 1772: ,,Wenn Sie den Götz lesen, dann werden auch Sie einige himmlische Freudenstunden haben. Es ist ungemein viel deutsche Stärke, Tiefe und Wahrheit darin." 

In wenigen Wochen hatte Goethe die Umarbeitung des „Götz" vollendet; er legte ganz neue Szenen ein und veränderte besonders den fünften Akt, in welchem Adelheid etwas mehr zurück treten mußte. Der Dichter wollte sich aber auch hierbei nicht beruhigen und das Stück zurücklegen, um es später, noch einmal umgearbeitet, in noch reiferer Gestalt der Öffentlichkeit vorlegen zu können. Merck aber, der im Februar 1773 nach Frankfurt kam, veranlaßte ihn, davon abzustehen und das Stück in der zweiten Fassung gleich herauszugeben. Er erbot sich, für den Druck zu sorgen, wenn Goethe das Papier anschaffte. Dieser war damit zufrieden, und im Juni 1773 ging der ,,Götz von Berlichingen" gedruckt in alle Welt, machte ein ungeheures Aufsehen und verschaffte mit einem Schlage dem jungen Dichter einen berühmten Namen und ein großes Ansehen in der literarischen Welt. In dem von Wieland herausgegebenen „Deutschen Merkur" schrieb Christian Heinrich Schmid über den „Götz" : „Ein Stück, worin alle drei Einheiten auf das grausamste gemißhandelt werden, das weder Lust- noch Trauerspiel ist und doch das schönste, interessanteste Monstrum, gegen welches wir hundert von unsern komisch weinerlichen Schauspielen austauschen möchten . . . Wir hatten das Schauspiel schon mehrmals gelesen und glaubten ruhig über unsere Vergnügungen räsonieren zu können, aber, ehe wir's uns versahen, waren wir wieder mitten im Taumel der Empfindungen, und alle Regeln, selbst der Vorsatz zu kritisieren, verschwanden wie Schattenbilder vor dieser kräftigen Sprache des Herzens." Vom 14. April 1774 an wurde der „Götz" auf der Berliner Bühne sechsmal hintereinander mit größtem Beifall gegeben. 

Anfang des Jahres 1773 schrieb Goethe den „Brief des Pastors zu . . . an den neuen Pastor zu . . .", worin die für Goethes mystische Richtung charakteristischen Stellen vorkommen, „daß Gott und Liebe Synonymen sind" . . . „unsere Seele ist einfach und zur Ruhe geboren ; so lang sie zwischen Gegenständen geteilt ist, so fühlt sie was, das jeder am besten weiß, wer zweifelt" . . . „Um wieviel Millionen Meilen verrechnet sich der Astronom? Wer der Liebe Gottes Grenzen bestimmen wollte, würde sich noch mehr verrechnen." Und so kommt Goethe zu dem Schluß, „daß wir nicht wissen, was Gott tut, und daß wir nicht Ursache haben, an jemandes Seligkeit zu verzweifeln." Und so packt Goethe seinem Faust die größten Sünden, die schwersten Verbrechen auf, damit Gottes Liebe auch an ihm Sich als grenzenlos erweise. 

Mit dem Wetzlarer Brautpaar war Goethe in beständiger Fühlung geblieben ; Briefe gingen hin und her, und Kestner kam bald auch nach Frankfurt und besuchte die Goethesche Familie. Die Nachricht von der im April 1773 vollzogenen Vermählung Kestners mit Lotten brachte unserm Dichter wieder seine tief innig leidenschaftliche Zuneigung zu dem reizenden Geschöpf zum Bewußtsein, und die Anbetung auch der jungen Frau ging immer weiter. Als im August 1774 ihre einstige Wärterin ihn besucht hatte, schrieb er gleich darauf an Lotte: „Du kannst denken, wie wert mir die Frau war, und daß ich für sie sorgen will. Wenn Knochen der Heiligen und leblose Lappen, die der Heiligen Leib berührten, Anbetung und Bewahrung und Sorge verdienen, warum nicht das Menschengeschöpf, das Dich berührte, Dich als Kind auf dem Arme trug. Dich an der Hand führte, das Geschöpf, das Du vielleicht um manches gebeten hast."

Goethe machte sich dann frei von diesem inneren Gebunden sein an die reizende Erscheinung der Lotte, indem er ,,Werthers Leiden" schrieb. Er löste so das ganze Erlebnis von sich ab und machte ein unsterbliches Kunstwerk daraus. Verfolgte er doch, nach seinen eigenen Worten, sein ganzes Leben lang die Richtung, dasjenige, was ihn erfreute oder quälte oder sonst beschäftigte, in ein Bild, ein Gedicht zu verwandeln und so mit sich selber abzuschließen. Auch „Werthers Leiden" sind ein Bruchstück einer großen Konfession, worin des Dichters zartestes und tiefstes Empfinden sich kund gibt. Und wie eigenartig mutet es uns an zu hören, daß dieser innig gefühlvolle Roman
eines der Lieblingsbücher des größten modernen Tatenmenschen gewesen ist, Napoleons I. Er hat ,,Werthers Leiden" auf seinem Feldzuge nach Ägypten bei sich gehabt, er hat das Buch siebenmal gelesen, und als er nach seinem Sieg über Preußen mit Goethe im Jahre 1808 in Erfurt zusammentraf, unterhielt er sich lange und eifrig mit ihm über die Komposition dieses Werkes. 

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