> Gedichte und Zitate für alle: Hermann Türck: Goethe und sein Faust - 5. Kapitel Seite 2

2019-10-22

Hermann Türck: Goethe und sein Faust - 5. Kapitel Seite 2





Goethe begann mit der Niederschrift am 1. Februar 1774. Binnen vier Wochen, wobei er sich von allem Verkehr abschloß, hatte er dann seinen Roman vollendet. Frau von La Roche, der er den ersten Teil des „Werther" im Manuskript zum Lesen gegeben, hielt die glühende Schilderung dieser Liebesschwärmerei für gefährlich. Goethe antwortete ihr darauf: „Ich habe Ihren Brief geküßt und an mein Herz gedrückt. Es sind meine eininnigen Gefühle. Ja, liebe Mama, es ist wahr, Feuer, das leuchtet und wärmt, nennt ihr Segen von Gott; Feuer, das verzehrt, nennt ihr Fluch! Segen denn und Fluch I Bin ich euch mehr schuldig,' als die Natur mir schuldig zu sein glaubte ? Leuchtet's nicht mir, wärmt's nicht — und verzehrt auch ?" Wir erinnern uns, daß auch Paracelsus das Bild vom Feuer gebrauchte; er sagt: „Wiewohl das Feuer unser Feind ist, haßt uns und alles das darin kommt, begehrt das alles zu verschlucken und zu verzehren; wir sind aber die, die das Feuer in der Gewalt haben und es ist unter unsern Händen, darum geht uns Gutes aus dem Feuer." So kann auch das Liebesfeuer einen Menschen verzehren, der es nicht in seiner Gewalt hat, sondern sich haltlos darein ergibt, und auch Goethe war ja in Gefahr gewesen, von diesem Feuer verzehrt zu werden, da er in Wetzlar bei einem ernsten Konflikt leicht hätte Hand an sich legen können. Und doch, wie leuchtet und wärmt dieses Feuer der Liebe auf Erden, welch ein unendlicher Segen, welch eine Fülle des Lebens geht daraus hervor. „So herrsche denn Eros, der alles begonnen", heißt es später im zweiten Teil des Faust an der Stelle, wo der Homunkulus an dem Muschelwagen der Göttin der Liebe zerschellt.

Leider übte auch Lessing eine kleinliche Kritik an dem ,,Werther", der im Sommer 1774, vom Buchhändler Weygand verlegt, veröffentlicht worden war. Vorher schon war der von Goethe in acht Tagen zu Papier gebrachte ,,Clavigo" bei demselben Verleger als erstes Stück, das den Namen Goethes trug, erschienen. „Glauben Sie wohl," schreibt Lessing an Eschenburg, mit Bezug auf Werthers Selbstmord, „daß je ein römischer oder griechischer Jüngling sich so und darum das Leben genommen hätte?" Schubart aber schrieb ganz verzückt über Werther: „Da sitz ich mit zerflossenem Herzen, mit klopfender Brust und mit Augen, aus welchen wollüstiger Schmerz tröpfelt, und sag' dir Leser, daß ich eben ,Die Leiden des jungen Werters' von meinem lieben Goethe gelesen? nein, verschlungen habe. Kritisieren soll ich ? Könnt' ich's, so hätte ich kein Herz. Göttin Kritika steht ja selbst vor diesem Meisterstücke des allerfeinsten Menschengefühls aufgetaut da , . . Soll ich einige schöne Stellen herausheben? Kann nicht, das hieße mit dem Brennglas Schwamm anzünden und sagen : Schau, Mensch, das ist Sonnenfeuer. Kaufs Buch und lies selbst. Nimm aber dein Herz mit. Ich wollte lieber ewig arm sein, auf Stroh liegen, Wasser trinken und Wurzeln essen, als einem solchen sentimentalischen Schriftsteller nicht nachempfinden können." Die Wirkung auf die Allgemeinheit war wieder, wie beim „Götz von Berlichingen", eine ungeheure und verbreitete sich sogar rasch über die Grenzen Deutschlands hinaus, um sich über die ganze Kulturwelt auszudehnen.

Wie Goethe selber berichtet, ist der „Werther" zugleich mit seinem , .Faust" entstanden, das heißt, als er den ,, Werther" schrieb, lebte die Gestalt des Faust schon in ihm, und bald darauf, im Sommer 1774, sollte auch die Niederschrift dieses größten Werkes begonnen werden. Vergleichen wir den „Werther" mit dem , .Faust", so finden wir eine ganz verwandte Stimmung. Die Einschränkung, über die sich Faust beklagt und die ihn dem Selbstmord nahe bringt, finden wir auch gleich im Beginn von „Werthers Leiden" ausgesprochen. Werther schreibt am 22. Mai: „Wenn ich die Einschränkung so ansehe, in welche die tätigen und forschenden Kräfte des Menschen eingesperrt sind; wenn ich sehe, wie alle Wirksamkeit da hinausläuft, sich die Befriedigung von Bedürfnissen zu verschaffen, die wieder keinen Zweck haben, als unsere arme Existenz zu verlängern, und dann, daß alle Beruhigung über gewisse Punkte des Nachforschens nur eine träumende Resignation ist, da man sich die Wände, zwischen denen man gefangen sitzt, mit bunten Gestalten und lichten Aussichten bemalt — das alles, Wilhelm, macht mich stumm." — Es ist, nur in anderer Form. auch die Klage Fausts über seine Einschränkung ; der Unterschied liegt nur darin, daß Faust die Kraft hat, angezogen von dem ewigen Gute, das in ihm wirksam ist, sich über diese Einschränkung zu erheben, gewaltsam, mit Hilfe des Teufels, jeden Widerstand zu brechen und in stürmisch fortschreitender Tätigkeit sich, soweit es irgend möglich ist, des Gefühls seiner elenden Abhängigkeit zu entschlagen:

„Stürzen wir uns in das Rauschen der Zeit,
Ins Rollen der Begebenheit!

Da mag denn Schmerz und Genuß, Gelingen und Verdruß Mit einander wechseln, wie es kann; Nur rastlos betätigt sich der Mann." Indem Werther sich dieses Vorteils begibt und kleben bleibt, untätig beharrt an dem Punkt, wo die ungestillte Leidenschaft ihn verzehrt, muß das Gefühl der Einschränkung sich bei dem überaus lebhaft und tief empfindenden Menschen bis zu einem Grade des Schmerzes steigern, daß der Tod wie eine himmlische Erlösung von dieser Qual erscheint.

Bevor Goethe mit der Niederschrift der ersten Bruchstücke des „Faust" begann, sollten aber noch die Schriften Swedenborgs und Spinozas einen tieferen Eindruck auf ihn machen und im Faustgedicht ihre bleibenden Spuren hinterlassen. Im Jahre 1771 war die zweite Auflage der Schrift Swedenborgs „Von den Erdkörpem" erschienen und in Goethes Besitz gelangt. Der genaue Titel lautet: „Emanuel Swedenborg von den Erdkörpern, der Planeten und des gestirnten Himmels Einwohnern, allwo von derselben Art zu denken, zu reden und zu handeln, von ihrer Regierungsform, Polizei, Gottesdienst, Ehestand und überhaupt von ihrer Wohnung und Sitten, aus Erzählung derselben Geister selbst Nachricht gegeben wird. Aus dem Lateinischen übersetzt und mit Reflexionen begleitet. Zweite Auflage. Frankfurt und Leipzig 1771." Aus einer schon früher, 1765, gleichfalls in Frankfurt erschienenen Übersetzung einer Schrift Swedenborgs, betitelt ,,Swedenborgs und Anderer irdische und himmlische Phüosophie, zur Prüfung des Besten ans Licht gestellt von Friedrich Christoph Oetinger, Spezial-Superintendenten in Herrenberg", hat sich Fräulein Susanne von Klettenberg, wie schon oben bemerkt, eine Abschrift eines Stückes, Seite 158 bis 176, betitelt „Von dem Himmel und der himmlischen Freude", gemacht und der Mutter Goethes geschenkt. Auch dieses Buch verschaffte sich Goethe und studierte es ebenso eifrig wie das andere „Von den Erdkörpem". Wie wichtig ihm diese zweite Schrift „Swedenborgs tmd Anderer irdische und himmlische Philosophie" erschien, geht daraus hervor, daß er sie sich bald nach seiner Übersiedelung nach Weimar, im Jahre 1776, von einem Frankfurter Freunde besorgen und nachsenden ließ. Das zuerst von ihm benutzte Exemplar war in Frankfurt geblieben und ist nach dem 1782 erfolgten Tode seines Vaters in der Versteigerung von dessen Bibliothek im Jahre 1794 mit fortgegeben worden. Swedenborgs Buch „Von den Erdkörpern" fand Goethe in Weimar auf der Herzoglichen Bibliothek wieder.

Die „irdische und himmlische" Philosophie Swedenborgs ist eine höchst sonderbare und eigentümliche, denn der Autor behauptete, daß er imstande wäre, mit guten und bösen Geistern
Zwiesprache zu halten, und daß diese guten und bösen Geister, Engel und Teufel, die Seelen der verstorbenen guten und bösen Menschen wären. Diese seligen bzw. unseligen Geister machten
in ihrer Gesamtheit ein ewiges Ganzes aus in Gestalt eines alle Welten umspannenden Menschen, und dies wäre Gott. Je nach ihren verschiedenen Eigenschaften wohnten die Geister an verschiedenen Teilen dieses größten Menschen oder Gottes, und ebenso machten sie sich, wenn sie mit Swedenborg in Verkehr traten, an verschiedenen Teilen seines Körpers bemerkbar. So überaus seltsam diese ganze Idee erscheint, so treten doch in ihrer Ausführung eine ganze Anzahl interessanter und guter Gedanken zutage, die es verständlich machen, daß Goethe sich eifrig damit beschäftigte. Als Dichter hatte er noch ein besonderes Interesse an dem Studium dieser Schriften, weil sie ihm zu manchem Ausdruck, zu manchem Bild Anregung boten. Max Morris hat, nach dem Vorgang von Erich Schmidt, in seinen „Goethestudien" ausführlich darauf hingewiesen, ohne die ganze Tragweite des Einflusses Swedenborgs auf Goethe zu erfassen. Nehmen wir gleich den Anfang der Schrift „Von den Erdkörpern", so heißt es da: ,,Weil mir aus göttlicher Barmherzigkeit das Innerste meines Geistes aufgeschlossen, und mir dadurch gegeben worden, mit Geistern und Engeln zu reden". Ferner: ,,Es ist zu wissen, daß alle Geister und Engel aus dem menschlichen Geschlechte sind, daß sie neben ihrer Erde sind, und daß sie wissen, was daselbst vorgehe, und daß der Mensch von ihnen unterrichtet werden könne, dem das Innere dergestalt geöffnet ist, daß er mit ihnen reden und umgehen kann. Denn der Mensch ist in seinem Wesen ein Geist und steht zugleich nach seinem Inwendigen in einer Gemeinschaft mit Geistern; daher kann derjenige, dem Gott das Innere aufgeschlossen, mit ihnen, wie ein Mensch mit dem andern, reden." So sagt auch Faust in seinem ersten Monolog:

„Die Geisterwelt ist nicht verschlossen.
Dein Sinn ist zu, dein Herz ist tot"

Der Sinn, das Herz, das Innere soll aufgeschlossen werden für die Geisterwelt, und Faust sucht, nachdem er den Erdgeist beschworen hat, mit diesem zu reden, wie ein Mensch mit dem andern; nur daß die Erscheinung des Erdgeistes, und hierbei weicht Goethe von Swedenborg ab, so ungeheuer gewaltig ist, so über jedes menschliche Maß hinausgehend, daß Faust eben doch nicht mit ihm reden kann, wie ein Mensch mit dem andern, sondern ihm, dem Bilde der schaffenden Macht Gottes auf Erden gegenüber sich in seiner ganzen menschlichen Kleinheit, Erbärmlichkeit und Beengtheit, so recht als Wurm empfindet. Swedenborg redet mit den Geistern immer wie mit seinesgleichen; Goethe dagegen hat das sich Abhängig fühlen gerade auch des gewaltigsten, höchststrebenden Menschen von den Schranken des Endlichen symbolisch dargestellt in dem Zusammensinken Fausts vor der überwältigenden Erscheinung des Erdgeistes, der nicht wie bei Swedenborg der Seele eines einzelnen verstorbenen Menschen entspricht, sondern ein zusammenfassendes Symbol der ungeheuren göttlichen Kräfte und Gewalten ist, die in der Geschichte der Menschheit wirksam sind. Daher nennt ihn Goethe auch den Welt- und Tatengenius. Auch der genialste Mensch muß sich diesen Kräften und Gewalten gegenüber klein und nichtig vorkommen, wie auch der gewaltige Napoleon I.,einer der ungeheuerlichsten Tatenmenschen, die je gelebt haben, im Gefühl seiner Abhängigkeit vom Schicksal von sich erklärte: „Ich bin nur ein Geschöpf der Zeitverhältnisse. Wenn meine Aufgabe erfüllt ist, wird ein Atom mich stürzen." Diese ungeheuren Kräfte und Gewalten zu sehen und ihnen gegenüber die eigene Nichtigkeit zu empfinden, dazu gehört der Blick des Genies, dem der Sinn für das Unsichtbare und doch mächtig Wirksame aufgeschlossen ist. Goethe hat sich mit seiner Auffassung des Erdgeistes weit über die eintönige und zum Teil wenig besagende Geisterwelt Swedenborgs erhoben. Doch hat er auch einige Nebensachen in der Ausmalung der Einzelheiten der Erscheinung des Erdgeistes den Beschreibungen Swedenborgs entnommen. So erscheint der Erdgeist in einer rötlichen Flamme, und Faust sagt:

„Es zucken rote Strahlen 
Mir um das Haupt — Es weht 
Ein Schauer vom Gewölb' herab 
Und faßt mich an!"

Die entsprechenden Stellen, die den Dichter zu dieser Ausmalung der Erscheinung des Erdgeistes angeregt haben lauten: „Es erschien mir nicht gar eine Stimdelang eine sehr helle und freudig brennende Flamme. Diese Flamme zeigte die Ankunft der Geister Merkurs an"; ferner: „Ich sah etwas sehr schön Flammendes, es war von mancherlei Farben, purpurfarbig, ferner wurde es aus dem Weißen rot . . . darauf verwandelte sich dieses flammende Wesen in einen Vogel, welcher anfänglich von gleichen Farben mit dem flammenden Wesen war ... Er flog umher, zuerst um mein Haupt." Ferner sagt Swedenborg: ,,Es war ein Geist über meinem Haupte, welcher mit mir redete . . . Nach diesem influierten jene Geister von oben in mein Angesicht, der Einfluß wurde" wie ein dünner Strichregen gefühlt." Diese Worte gaben vielleicht die Anregung für Goethes Ausdruck:

„Es weht 
Ein Schauer vom Gewölb' herab 
Und faßt mich an."

Faust sagt zum Erdgeist:

„Der du die weite Welt umschweifst,
Geschäft'ger Geist",

und Swedenborg behauptet von den Geistern der Erde des Merkurs, daß sie „durch das ganze Universum gehen und überall herumziehen".

Für wichtiger als diese Anregungen zu der Ausmalung der äußeren Erscheinung des Erdgeistes halte ich eine an einigen Stellen zutage tretende innere Übereinstimmung. Wir wissen, daß Goethe als Schüler des Stoikers Epiktet und der deutschen Mystiker die Sorge um die Zukunft und damit auch Furcht und Hoffnung verwirft, weil durch diese die zu jedem schöpferischen Handeln notwendige Seelenruhe vernichtet wird. Deshalb läßt er Faust sagen:

„Die Sorge nistet gleich im tiefen Herzen,
Dort wirket sie geheime Schmerzen, 
Unruhig wiegt sie sich und störet Lust und Ruh'."

In demselben Sinne berichtet Swedenborg von den Geistern des Planeten Jupiter: ,,Diese Ruhe und Wonne, welche sie mir einflößten, erfüllte merklich die Brust und das Herz; die Begierden und die Sorgen wegen des Zukünftigen entfernten sich alsdann, als welche Unruhe und Unlust mit sich bringen und in dem Gemüt allerlei Bewegungen verursachen." 

Wie Goethe ferner als Schüler der Mystik seinen Faust die Eigenliebe und die Liebe zur Welt verwerfen läßt:

,,Verflucht voraus die hohe Meinung, 
Womit der Geist sich selbst umfängt.
Verflucht das Blenden der Erscheinung,
Die sich an unsre Sinne drängt ...
Kannst du mich schmeichelnd je belügen. 
Daß ich mir selbst gefallen mag.
Kannst du mich mit Genuß betrügen.
Das sei für mich der letzte Tag",

so sagt auch Swedenborg: „Dieses Vergnügen und Ruhe des Gemütes würde sich verlieren, wenn sie nicht in den ersten Anfängen der Eigenliebe und der Liebe zur Welt klüglich und ernstlich vorbeugten. Die Eigenliebe aber, welche der Herrschaft der Liebe gegen den Nächsten entgegensteht, hat da angefangen, als der Mensch von dem Herrn abfiel : denn inwiefern der Mensch den Herrn nicht Hebet und ehret, insofern liebet und ehret er sich, und umsoviel liebet er auch die Welt." 

Wie Faust, indem er Gott dem Herrn halbbewußt, ,,verworren", als ,,Knecht" zugehört, ohne Schaden an seiner Seele zu nehmen sich des Teufels bedient, so sagt auch Swedenborg von sich, „daß ihm niemals ein böser Geist, und wenn er auch noch so höllisch wäre, einen Schaden zufügen könne, weil er beständig von dem Herrn beschützt werde". 

Eine Stelle in Swedenborgs Buch „Von den Erdkörpern", welche lautet: ,,doch können Geister und Engel, wenn es dem Herrn wohlgefällt, dasjenige, was in der Welt ist, sehen durch die Augen eines Menschen", ist erst am Schluß des zweiten Teils des Faustgedichts verwendet worden, wo der Pater Seraphicus zu den seligen Knaben sagt:

„Steigt herab in meiner Augen
Welt- und erdgemäß Organ, 
Könnt sie als die euern brauchen, 
Schaut euch diese Gegend an"

Doch hat Goethe diese Anschauung auch in dem anderen später noch fleißig von ihm benutzten Buche mehrfach ausgedrückt gefunden, in „Swedenborgs und anderer irdische und himmlische Philosophie" ; da steht gleich im Anfang eine ganz ähnliche Stelle: „Die Geister aber, und noch viel weniger die Engel, können niemals etwas mit ihren eigenen Augen sehen, was in der Welt ist . . . Doch aber können die Geister und Engel beständig, so oft es dem Herrn gefällt, vermittelst der Augen eines Menschen in diese Welt hineinsehen." 

Ein Moment in der Ausmalung der Erscheinung des Erdgeistes ist ,,Swedenborgs und anderer irdischer und himmlischer  Philosophie" entnommen. Als Faust sich von der schrecklichen, überwältigend erhabenen Erscheinung des Erdgeistes abwendet, ruft ihm der Erdgeist zu:


„Du hast mich mächtig angezogen,
An meiner Sphäre lang gesogen.
Und nun —."

In dem erwähnten Buch aber ist fortwährend von den Sphären oder Wirkungskreisen der Geister die Rede, und gleich im Beginn des Kapitels „Von den Wirkungskreisen oder Sphären der Geister" wird das Wort „eingesogen" gebraucht. Es heißt an der Stelle: „Wer von sich und seiner Vortrefflichkeit vor anderen eine Meinung eingesogen, der wird endlich mit einer solchen Art überzogen, daß, wo er geht und andere ansieht und mit ihnen redet, er sich selbst besehe", das heißt, den andern nach sich selbst beurteile; er sieht nicht den anderen, wie er wirklich beschaffen ist, sondern er sieht nur sein eigenes Bild im anderen, weil er von sich selber eine solche Meinung eingesogen hat, daß er alle anderen nach dieser Meinung beurteilt. Daß Goethe diese Stelle benutzt hat, geht daraus hervor, daß er nicht nur das auffallende Bild des Saugens an der Sphäre des Erdgeistes gebraucht, sondern auch den Erdgeist zu Faust am Schlüsse des Gespräches sagen läßt:

„Du gleichst dem Geist, den du begreifst.
Nicht mir!"

Das heißt : du begreifst nur einen Geist, der so wie du beschaffen ist, weil du nur nach deiner eigenen Beschaffenheit zu urteilen imstande bist. Indem du mich nach deiner Beschaffenheit beurteilst, mit deinem Maßstabe mißt, gehst du fehl, weil ich von ganz anderer Art bin, als du. Du hast eben von deiner Beschaffenheit eine Meinung eingesogen und dir derartig fest eingeprägt, daß du gar nicht imstande bist, von dieser Meinung abzugehen und ein Wesen von einer ganz anderen Natur zu begreifen. Faust hatte nämlich gesagt:

„Soll ich dir, Flammenbildung, weichen?
Ich bin's, bin Faust, bin deinesgleichen!"

Und kurz darauf:

,,Der du die weite Welt umschweifst,
Geschäftiger Geist, wie nah fühl' ich mich dir"

Faust hatte sich damit dem Erdgeist gleich gestellt, weil er diesen nach seiner eigenen Beschaffenheit beurteilte, ohne den ungeheuren Unterschied wahrzunehmen, der zwischen seinem Wirken und dem Wirken des Erdgeistes bestand. Denn Fausts Wirken mußte stets ein durch die äußeren zufälligen Verhältnisse bedingtes und beschränktes sein, wobei es fast nie gelingt, den Plan so rein zur Ausführung zu bringen, wie man ihn sich vorher gemacht, weil die Umstände stets anders sich gestalten, als man erwartet hatte. Der Erdgeist dagegen wirkt in göttlicher Machtvollkommenheit, mit göttlicher Voraussicht, und das, was er auszuführen gedenkt, bringt er auch zur Vollendung. Das Vorhaben des Menschen dagegen nimmt oft genug einen ganz anderen, zuweilen völlig entgegengesetzten Verlauf, so daß es ihm geht, wie dem Teufel, dessen Vorhaben auch zu ganz  anderen, ja entgegengesetzten Ergebnissen führt, und der sich daher selber nennt ,,einen Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft". Darum sagt Faust in der Erkenntnis der Bedingtheit imd Beschränktheit seines Tuns, seines Planens und Vollführens zu Mephistopheles : ,,In deinen Rang gehör' ich nur", das heißt, nicht in den Rang eines Wesens, das, wie der Erdgeist, mit göttlicher Voraussicht und Machtbefugnis alles vollendet, was und wie es geplant war, sondern in den Rang eines Wesens, das Pläne schmiedet und zur Ausführung zu bringen sucht, um schließlich zu seinem Arger und seiner Beschämung gewahr zu werden, daß der Ausgang ganz anders und sogar entgegengesetzt ausgefallen ist, eben weil noch andere Mächte im Spiele sind, die nicht auszuschalten und in ihrer Wirksamkeit nicht sicher vorauszuberechnen sind. Faust sagt zum Teufel:

„Ich habe mich zu hoch gebläht.
In deinen Rang gehör' ich nur.
Der große Geist hat mich verschmäht."

Faust hat seine eigene Kraft und Fähigkeit überschätzt und muß jetzt, statt daß er in gottgleicher Tätigkeit dem Erdgeist zur Seite stände, ein Genosse des Teufels werden. Swedenborg spricht in ähnlicher Weise von einem, der „ist in die Höhe erhaben worden, da ihm vorgekommen, das er allein die Welt regiere, denn wenn einer sich selbst überlassen wird, so bläst ihm die Eigenliebe so große Dinge ein ; nach der Hand ist er unter die höllische Rotte geworfen worden ; ein solches Los bleibt denen, welche sich größer als andere dünken". So ist auch Faust, der sich zu hoch gebläht hatte, unter die höllische Rotte geworfen und ein Geselle des Teufels geworden, wenn auch in einem ganz anderen Sinne, als hier Swedenborg meint.

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