> Gedichte und Zitate für alle: Hermann Türck: Goethe und sein Faust - 5. Kapitel Seite 3

2019-10-22

Hermann Türck: Goethe und sein Faust - 5. Kapitel Seite 3





Einen viel bedeutenderen Einfluß als Swedenborg aber übte der große mystische Philosoph Spinoza auf Goethe aus. Seine erste Erwähnung Spinozas finden wir in den im Beginn des Jahres 1770 noch in Frankfurt angefangenen Tagebuchnotizen, den „Ephemerides". Eine lateinisch geschriebene Notiz darin lautet, von A. Scholl übersetzt: „Getrennt über Gott und Natur abhandeln, ist schwierig und mißlich, eben als wenn wir über Leib imd Seele gesondert denken. Wir erkennen die Seele nur durch das Mittel des Leibes, Gott nur durch die durchschaute Natur; daher scheint es mir verkehrt, Denker der Verkehrtheit zu zeihen, die ganz philosophisch Gott mit der Welt verknüpft haben. Denn was ist, muß notwendig alles zum Wesen Gottes gehören, weil Gott das einzige Wirkliche ist und Alles umfaßt. Die Heilige Schrift ist unserm Urteil auch nicht entgegen, obwohl wir ihre Aussprüche einem jeden nach seinem Urteil zu drehen gestatten. Und das ganze Altertum erkannte ebenso ; eine Übereinstimung, auf die ich großes Gewicht lege. Denn mir zeugt das Urteil so großer Männer für die Venunftmäßigkeit jenes Systems, wonach die Welt von Gott ausfließt, wenn ich auch zu keiner Schule schwören will und sehr bedauere, daß im Spinozismus, da auch die ärgsten Irrtümer dieselbe Quelle haben, dieser so reinen Lehre ein so böser Bruder erwachsen ist."

An dieser Tagebuchnotiz ist bemerkenswert erstens die deutliche und bestimmte Erklärung Goethes, daß für ihn Gott mit der Welt aufs engste verbunden ist, daß Gott und die Allnatur derartig zusammengehören, daß man über sie nicht getrennt philosophieren kann, und zweitens, daß er Spinoza einen bösen Bruder nennt, der zwar auch diese wundervolle Lehre verfechte, aber offenbar mit den ärgsten Irrtümern vermischt und daher in einem ganz unrichtigen und verkehrten Sinne. Goethe bekennt sich zum Pantheismus und verwirft dabei den größten und bedeutendsten Vertreter der pantheistischen Weltanschauung. Man begreift dieses merkwürdige Urteil, wenn man erfährt, daß er die Lehre Spinozas nicht aus dessen eigenen Werken geschöpft hat, sondern nur aus Artikeln und Schriften über Spinoza, die in ganz unvollkommener, zum Teil falscher und gehässiger Weise dessen Lehre zur Darstellung brachten, wobei der große Philosoph als einer der schlimmsten Gottesleugner verschrien wurde. So hatte Goethe zum Beispiel den Artikel über Spinoza in Bayles „Historisch-kritischem Wörterbuche", und ferner ,,das Leben des Benedict von Spinoza" von Johann Colerus in deutscher Übersetzung gelesen, die sich in der Bibliothek seines Vaters befanden. Colerus führt die äußerst absprechenden und wegwerfenden Urteile verschiedener Gelehrten über Spinozas Schriften an. Was wunder, daß der junge Goethe zunächst diesen gelehrten Kritikern Vertrauen schenkte und Spinoza für ein Ungeheuer hielt, bis er dessen Schriften selber zur Hand nahm und nun wieder einmal gewahr wurde, wie er von den akademischen Größen und den gelehrten Geistlichen in die Irre geführt worden war, so daß es auch hierbei wieder heißen konnte:

„Zwar bin ich gescheuter als alle die Laffen,
Doktors, Professors, Schreiber und Pfaffen."

So führt Colerus in seinem Leben Spinozas das Urteil eines Jenenser Professors der Theologie Musäus über Spinoza an und rühmt diesen Professor als einen Mann von großem Verstande,
der zu seiner Zeit seinesgleichen vielleicht nicht gehabt habe. Dieses Urteil des berühmten Musäus lautet aber: ,,Es sollte wohl billig und mit Recht jemand zweifeln, ob aus denen, welche der Teufel selbst, um alle göttlichen und menschlichen Rechte umzukehren, in großer Anzahl gedinget hat, einer gefunden worden, der in Verkehrung aller göttlichen und menschlichen

Rechte sich mehr Mühe gegeben hat, als dieser zum großen Unheil der Kirche und zum Schaden des gemeinen Wesens geborene Betrüger Spinoza." 

Erst im Frühjahr 1773 nimmt Goethe die Werke Spinozas selbst zur Hand. Er schreibt am 7. Mai an den Professor Höpfner in Gießen: „Ihren Spinoza hat mir Merck gegeben. Ich darf ihn doch ein wenig behalten? Ich will nur sehen, wieweit ich dem Menschen in seinen Schachten und Erzgängen nachkomme." Von mm an hat ihn der durchaus mit ihm verwandte Geist Spinozas aufs mächtigste gepackt imd tief bewegt, und schnell erkannte er, daß dieser große Philosoph, wenn auch in ganz anderer Form, dasselbe Ziel verfolgt, wie die stoische Philosophie des Epiktet und die Mystik eines Meisters Eckehart, den Menschen frei zu machen, frei von sich selber und frei von der Welt, und ihn dadurch zu befähigen, zum eigenen tiefsten Wesen zu gelangen und sich mit Gott in geistiger Weise zu vereinigen. Spinoza nennt es die intellektuelle Liebe zu Gott. Es ist Gott selbst, der sich in dem von Eigen- und Weltliebe freien Menschen liebt, denn auf dem tiefsten Grunde unserer Seele ruht Gott selbst. Spinoza lehrt daher, ebenso wie die deutsche Mystik, eine Vergottung des Menschen. Pantheismus heißt die Lehre von der Allgottheit. Alles ist Gott imd Gott ist in allem. Die ganze Natur in ihrer geistigen Einheit, die Allnatur, ist Gott. In dem höchstentwickelten Produkt der Natur, in ihrem wunderbarsten Gebilde, im Menschen, tritt auch Gott am deutlichsten und mächtigsten zutage. Da aber Gott dem All der Natur entspricht und nicht etwa einem einzelnen Gebilde, so tritt er auch nur in de m Menschen deutlich und mächtig zutage, der sich nicht als ein einzelnes Gebilde aufspielt und auch nicht aus anderen einzelnen Gebilden seine Götzen macht, sondern der im All lebt, in der Allnatur, und liebend Gott darin umfaßt mit seiner ganzen Seele. Der freie Mensch Spinozas, ganz wie der Knecht Gottes in der ,,Nachfolge Christi" des Thomas von Kempen und in den Schriften der andern Mystiker, ist frei von sich selber und frei von der Welt der einzelnen Güter und Übel. Der freie Mensch Spinozas ist daher auch frei von der Sorge um die endlichen, vergänglichen Dinge, frei von Furcht und frei von Hoffnung. Frei von Furcht, denn was sollte der fürchten, der in dem ewigen Gott seine Stätte gefunden? Für Gott braucht man nicht zu fürchten, denn Gott ist ewig und kann nicht untergehen wie ein endliches Geschöpf. Der freie Mensch Spinozas aber ist beseligt in dieser ewigen Existenz seines höchsten Ideals, Gottes, und sorgt sich nicht weiter um das Einzelding, die vergängliche, allen Zufällen preisgegebene eigene Person. Der freie Mensch Spinozas liebt Gott in der selbstlosesten Weise, er liebt Gott um Gottes willen und fragt nicht darnach, ob Gott ihn als vergängliches unvollkommenes Einzelwesen wieder liebe. Der freie Mensch Spinozas ist auch frei von Hoffnung, denn worauf soll er noch hoffen, da er schon das  höchste Gut besitzt und in dessen vollkommener Existenz seine Seligkeit findet. Des freien Menschen höchstes Ideal ist schon verwirklicht, Gott ist da und wird in seiner unendlichen Lebensfülle ewig weiter leben und schaffen. Frei von Sorge, Furcht und Hoffnung blickt ein solcher Mensch unbefangen auf die eigene Person und die Welt; unbefangen, mit klarem Blick sieht er allem auf den Grund. Gott lebt in ihm, und göttlich ist sein Schauen und sein Wirken. 

Am wunderbarsten ist dieses göttliche freie Menschentum, diese Einheit von Gott und Mensch, diese Vergottung des Menschen zutage getreten in Jesus Christus. Seine Lehre ist wie die der Mystik und Spinozas die Lehre von der selbstlosen Liebe des Menschen zum höchsten Seinsideal in Gott und die dadurch herbeigeführte Vereinigung des Menschen mit dem Urgrund: „Werdet Söhne eures Vaters im Himmel". Lavater berichtet in seinem „Reisetagebuch" unterm 28. Juni 1774: ,,Goethe erzählte mir viel von Spinoza und seinen Schriften. Er behauptete, keiner hätte sich über die Gottheit dem Heiland so ähnlich ausgedrückt wie Spinoza." Im vierzehnten Buche von „Dichtung und Wahrheit" sagt Goethe mit Bezug auf jene Zeit des ersten Enthusiasmus für Spinoza: ,,Nachdem ich mich in aller Welt um ein Bildungsmittel meines wunderlichen Wesens umgesehen hatte, geriet ich endlich an die .Ethik Spinozas . . . und fand hier eine Beruhigung meiner Leidenschaften, es schien sich mir eine große und freie Aussicht über die sinnliche und sittliche Welt aufzutun. Was mich aber besonders an ihn fesselte, war die grenzenlose Uneigennützigkeit, die aus jedem Satze hervorleuchtete. Jenes wunderliche Wort Spinozas: ,Wer Gott recht liebt, muß nicht verlangen, daß Gott ihn wieder liebe', erfüllte mein ganzes Nachdenken." 

Später kommt Goethe noch einmal in ,,Dichtung und Wahrheit" im i6. Buche ausführlich auf Spinoza zu sprechen: ,,Mein Zutrauen auf Spinoza ruhte auf der friedlichen Wirkung, die er in mir hervorbrachte, und mein Zutrauen auf Spinoza vermehrte sich nur, als man meine werten Mystiker des Spinozismus anklagte." Von der Mystik ausgegangen und später zu Spinoza gekommen, schätzte er diesen umsomehr, je mehr auch die Gegner die Übereinstimmung der Mystik mit Spinozas Lehre betonten. 

Diese neue Bestätigung des Bildes, das Goethe sich vom freien, göttlichen Menschen gemacht hatte, gab ihm den letzten Anstoß, mm an die Darstellung des Knechtes Gottes in der Figur des Faust, wie er sie seit fünf Jahren in Gedanken mit sich herumgetragen und allmählich hatte ausreifen lassen, ernstlich heranzugehen. Im August 1774 begann er mit der Niederschrift, und im Oktober desselben Jahres schreibt Boie, der kurz vorher unseren Dichter besucht hatte: „Goethe hat mir viel vorlesen müssen, ganz und Fragment, und in allem ist der originale Ton, eigene Kraft und, bei allem Sonderbaren, Unkorrekten, alles mit dem Stempel des Genies geprägt. Sein Doktor Faust ist fast fertig und scheint mir das Größte und Eigentümlichste von allem." Zuletzt hören wir dann vom 17. September 1775, daß Goethe in Offenbach eine Szene seines ,,Faust" geschrieben habe. Mit seiner Übersiedelung nach Weimar im November desselben Jahres war dann diese Periode der Entstehung des großen Werkes abgeschlossen. —

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